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Geschichte(n) -> 1898 aus einem Tagebuch in Alsfassen

Vorbemerkung:

Letztens überraschte mich Hans-Werner Luther, Küster in St. Wendelin, mit diesem Textfragment aus den Jahren 1898-1906.

 

Aus wessen Tagebuch es stimmt, bleibt unbekannt. Leider

 

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30.1.98

Unterwegs traf ich mit Lerners Bäbchen zusammen und begleitete es bis Franks. Nachher ging ich ins Gesellenhaus. Von 2 Uhr ab wurde getanzt, ich tanzte mit Bäbchen und Johanna und dem Nicola seinem Schatz.

 

13.3.98

In Biegels (Bliesen) trafen wir auch Bruch Josef, Beilstein Jacob und Scherer Heinrich. Dieselben waren mit Bruchs Chaise hinausgefahren.

 

26.3.98

Lerners Jakob steigerte heute Altmeyers Wiesen in der Mühlwiese neben Fuchsen auf der anderen Seite der Blies, wo unsere liegt, zusammen 360 Ruthen, eine für 1050 M. und die andere für 845.M.

 

14.6.98

Heute machten Lerners den Anfang mit dem Abreißen ihres Hauses. Dasselbe wird abgerissen und ein anderes hingebaut.

 

19.6.98

Lerners haben ihr Haus schon abgerissen bis auf die Backstube, er backt noch immer darin.

 

5.7.98

Bestellte heute für Lerners folgende I-Träger, welche sie direct haben müssen, aber in Kirschen noch nicht erhalten können: 2 I NP 200 à 4.70 M, 3 I NP 200 à 5.70. M, welche morgen früh der Michel nach Neunkirchen holen fährt. (Neunkircher Eisenwerk)

 

6.7.98

Heute Morgen holte Lerners Michel seine I-Träger.

 

8.7.98

An Lerners Bau sind die Maurer (Krein) jetzt feste dahinter.

 

5.8.98

Wie ich heute hörte, soll Lerners Jacob mit Felsenmüllers Johanna pussieren.

 

12.8.98

Auf Lerners Neubau (Wohnhaus) wurde heute der Dachstuhl aufgesetzt.

 

14.8.98

Heute hatte Lerners Maria, d.h. Frau Britten wieder einen Blutsturz, es sieht schlecht aus mit ihr.

 

4.9.98

Lerners Wohnhaus ist jetzt unter Dach. Schöne Ziegeln (Cement gebrannt sind auf dem Dach. Garantie 20 Jahre)

 

17.9.98

Vergangene Nacht brach in Lerners neuem Wohnhaus der Giebel zu der Stellung hin von unten ab, fiel in das Wohnhaus hinein, die Decke, der Schornstein, sämtliche Fenster des zweiten Stockes, welche Glaser Sommer gemacht und in ein Zimmer gestellt hatte usw. Der Gypser war mit seinen Arbeiten sogar schon beinahe fertig, sagte aber gestern Abend noch zu Jacob, der Giebel bricht ein. Einer Kuh wurde die Kette abgeschlagen. um Glück saß der Heustall voll Heu, sonst wäre das Vieh alle totgeschlagen wurden. Die Unkosten für wieder aufzubauen betragen zwischen 1.500.-M. und 2.000.- M. Außerdem ist bis heute Abend der Dach noch nicht gestützt worden und ist es leicht möglich, daß noch mehr Unglück entsteht. Jacob hat einen großen Fehler begangen, hätte er, statt das alte Haus abzureißen und das neue an dessen Stelle zu bauen, dieses stehen gelassen und vermietet und sonst im Dorfe ein neues gebaut, etwa in den Garten neben Riefer's Johann oder neben den Brunnen, so wäre. sein Geschäft ruhig weiter gegangen, er hätte das alte Haus zu 200.- M. pro Jahr vermieten können usw. Den Schaden, den er dadurch hat, schätze ich auf mindestens 10.000.- M. Er hat wohl ein großes Vermögen, aber das kann auch klein werden.

 

19.9.98

Heute Morgen starb Lerners Maria (Frau Britten). Mein Onkel (Greif) macht den Sarg.

 

5.10.98

Lerners haben heute angefangen an der herausgedrückten Vorderfront abzureißen, der Giebel ist aufgebaut.

 

14.10.98

Lerners haben jetzt wieder alles in ihrem neuen Haus vergypst. Mein Path (Onkel Greif) fängt bereits mit den Schreinerarbeiten an.

 

22.11.98

Fast den ganzen Tag Regen, wodurch der wirklich prachtvolle Jubiläums-Maskenzug nicht zur Geltung kam. Folgende Teile waren es: Zwerg und Prinzessin Karneval. Anderes Luftschiff, Chinas Besuch in Deutschland und Deutschlands Besuch in China, Turnen, Loreley, Vater Rhein, Mutter-Mosel, Tochter Saar, Städtische Badeanstalt und die Hauptgruppe Franz von Sickingens Einmarsch in St. Wendel im Jahre 1522. Im Ganzen machten 200 Personen mit. 70 bei Sickingen Gruppe.

 

28.IV.98

Am Bahnhof, woselbst das neue Postgebäude durch Herrn Maurermeister Vollmann Nic. von Urweiler gebaut wird, wurden heute 2 prachtvolle Kastanienbäume gefällt, die schönsten, die dort standen.

 

15.V.98

Die Kirche, die vom vorigen Jahr ab bis dieses Jahr gemalt wurde von Maler Schumacher, ist jetzt fast fertig. Die Malerei ist nicht übel. Früher war sie blos geweißt. Auch farbige Fenster wurden eingesetzt. Früher war es gewöhnliches gelbes Glas. Vor zwei Jahren wurde der heilige Wendalinus gezeigt. (6 Wochen) Während der ganzen Zeit war so regnerisches Wetter, sodaß lange nicht so viele Fremde kamen, wie man vermutete, trotzdem war der Andrang sehr groß. Von morgens früh bis abends spät wurde die Kirche nicht leer. Vor diesen Tagen wurde auch der neue Hochaltar aufgesetzt, ein wahres Kunstwerk. der frühere war auch ein seltenes-Exemplar, um den Altar standen hohe Marmorsäulen, auf welchen eine hohe Kuppel mit Krone war, die bis beinahe an die Decke reichte. Die Säulen wurden zu dem ebenfalls in demselben Jahr. gebauten Gesellenhaus verwendet. Vor ungefähr 8 Jahren erhielt die Kirche auch neue Glocken, sowie ein Haupttor, dieses Tor kostete 7.500 M. Alles dieses wurde veranlaßt durch den Dechanten Herrn Burgeois.

 

16.VI.98

Der Langenfelderhof, den bis jetzt die Regierung zu Trier, d.h. die Provinz zum Eigenthum hatte und vor dieser Karl Cetto von hier, ist von den Paters von Steyl zu 300.000 M. gekauft worden. Cettos hatten außer diesem Hofgut noch den Harschbergerhof, den jetzt Halseband hat, und noch die Urexweiler, Dörrenbacher und Tiefenbacher Gruben, ein großes Gebäude in St. Wendel und ein großes Barvermögen, welches sie aber beim Konkurs eines Trierer Bankhauses verloren.

 

20.VI.98

Conditor Lill von St. Wendel kaufte ein Haus in der Obergasse für 31.500 M. (früher Ruf) und Bäcker und Wirth Scherer eins in der Untergasse für 15.000 M. für Erben Jung, Illingen.

 

7.VII.98

Überall in Alsfassen und Breiten herrscht reges Leben, um Ehrenpforten zu errichten, Kränze zu binden u.s.w. für die am nächsten Sonntag stattfindenden Fahnenweihe des hiesigen Gesangvereins.

 

10.VII.98

Heute hatte der Männergesangverein Alsfassen-Breiten Fahnenweihe, die Fahne kostet 540 M. Es waren 5 Vereine gekommen, Städtischer Gesangverein, Bliesen, Güdesweiler, Alsweiler und Oberlinxweiler. In Meyers und Thomes wurden die Vereine empfangen, dann ging es nach der Schule zum Abholen und Weihen der Fahne, die Festrede wurde ebenfalls dort gehalten und der Alsfasser Verein sang ein Lied. Dann ging es durch Alsfassen bis an den Lanzenberg und zurück durch Breiten und dann zum Festplatz, woselbst nur Schmitt Bier verzapfte und zwar wurde das Bier von dem Verein für 18 Pfg pro Liter gekauft und von Schmitt für 25 Pfg. pro Liter verkauft, also mit einem Gewinn von 7 Pfg. Abends war Ball.

 

11.VII.98

Bei dem am gestrigen Abend im Locale von Nic. Schmitt stattgefundenen Ball des Männergesangvereins Alsfassen-Breiten wurde' es gegen 12 Uhr sehr ungemütlich und zwar dadurch, daß ein paar halbwüchsige Burschen z.B. einer von Wobido, Schweinehändler seiner, einer von Kammenhuber zu Urweiler und andere einen fürchterlichen Radau anfingen, mit dicken Steinen, Backsteinen pp. in die Fenster der Wirtschaft warfen, einen Zaun zerrissen und drohten, daß sie jeden, der herauskäme, totschlagen würden, Diese Gesellschaft war nämlich aus der Wirtschaft vertrieben worden, und niemandem wurde in Folge dieser Maßregel mehr Bier verabfolgt, kein Mensch konnte mehr aus dem Saale, eine furchtbare Panik herrschte, bis die Burschen fort waren, ungefähr um 1/2 3 Uhr.

 

24.VII.98

Heute hatte der Bergmannsverein St. Wendel Fahnenweihe (2ten Fahnen), zu welchem Feste ungefähr 16 Vereine erschienen waren, ein collosal langer, schöner Zug, wie noch wenig oder gar keine Festzüge in St. Wendel waren, bildete infolgedessen auch dieses Fest. In der Kirche wurde die Fahne geweiht, dann ging es zum Gudesberg, wo alles Eßbare schon bei Zeiten verkauft und auch viel Bier getrunken wurde, da das Wetter teilweise ziemlich ging.

 

27.VII.98

Am 1. August beziehen die Paters den Langenfelderhof.

 

31.VII.98

Gestern wurden die beiden Nebenaltäre in der Kirche aufgestellt.

 

11.1X.98

Die Ansiedlung der Paters auf dem Langenfelderhof soll sich dadurch verzögern, weil man vom Ministerium aus nicht haben will, daß diese sich hier festsetzen und Herr von Stumm auch sehr in diesem Sinne dagegen arbeiten soll. Jetzt sollen sich aber diese:Paters mit den Dominikaner in Colberg verbunden haben, damit diese es dann kaufen sollen und dadurch das Gesetz umgehen. Verdenken kann man es ihnen auch nicht.

 

2.XII.98

Heute wurden die letzten Kastanienbäume in der Bahnhofstraße_ abgehauen. Schade ist es für die schönen Bäume.

 

26.4.99

Der alte Johann Lerner von Alsfassen starb heute an Wassersucht und Altertum.

 

28.4.99

Lerner, der die Woche starb, war schon 79 Jahre alt. Sein Sohn Jacob, der auf Übung ist, darf nur einen Tag nach Hause.

 

1.9.99

Heute Morgen wurde Felsenmüllers Wendel (Wendel Dreger) in seinem Bette tot aufgefunden, jedenfalls Herzschlag.

 

22.10.99

Vorgestern morgen wollte jemand den Opferstock der kath. Kirche zu St. Wendel bestehlen. Herr Kaplan Simmers, der zugegen war, verhinderte und verfolgte ihn, ohne ihn aber zu erreichen. Abends wurde er auf dem Bahnhofe festgenommen.

 

16.11.99

Der Dieb, welcher vorigen Monat in unserer kath. Kirche. eingebrochen und. verhaftet wurde, brach vor kurzem aus dem hiesigen Gefängnis aus und hat jetzt aus Luxemburg dem hiesigen Bürgermeister eine Ansichtskarte gesandt, laut welcher er sich für die Bewirtung bedankt und einen späteren Besuch in Aussicht stellt. Welch ein Hohn und Frechheit.

 

31.11.99

Der Kreis St. Wendel hat das der Holzhandlung Casparie & Comp (Schulz & Martzen) gehörige Zimmerplatz am Bahnhofe zu 35.000 M gekauft, um dort ein neuees Kreishaus hin zu bauen.

 

7.IV.99

Die Missionsdruckerei errichten, wie eine Bekanntmachung der  Ortspolizeibehörde St. Wendel lautet, auf dem Langenfelderhof eine Dampfziegelei nebst Ringofen.

 

11.VI.99

Ging heute zum Langenfelderhof hinaus. Der Schornstein der Dampfziegelei, an welchem, als ich vor ungefähr 3 Wochen dort war, noch nicht angefangen war, ist schon vollständig fertig, ebenso ist schon ein Ringofen angefangen zu bauen.

 

13.11.99

Heute morgen kam der Hohe Generalstab nach St. Wendel, an der Spitze Graf Schliefen.

 

12.VII.99

Der Turnverein St. Wendel hat bei dem am vergangenen Sonntag zu Elversberg stattgefundenem Gau-Turnfest mit 12 Männern 10 Preise erobert, eine bis jetzt in einem so kleinen Verein fast nicht gekannte Leistung. Der Bau der Turnhalle schreitet lustig voran. Bei dem am Sonntag in Birkenfeld beendigtem Preisschießen eroberte der St. Wendeler Schützenverein mit 4 Schützen 7 Preise, ein gleiches Glück hatte er in Neunkirchen.

 

1.VIII.99

Am Montag wurde der Anfang zum Missionshaus auf dem Wendalinushofe gemacht. Dies geschah in feierlicher Weise durch den Superior Das Gebäude soll dieses Jahr noch unter Dach gebracht werden.

 

17.VIII.99

An dem neuen Landrathur-Gebäude zu St. Wendel ist jetzt angefangen worden und soll dasselbe bis Winter noch unter Dach gebracht werden.

 

24.6.00

Fritzen Johann wurde auf der Bahn zu Tode gefahren, er hinterläßt 7 unmündige Kinder.

 

5.6.00

Meyers Johann hat heute mit dem Abreißen seines Stalles begonnen. Er will einen Träger einlegen und mit Schwemmsteinen denselben wölben.

 

12.9.02

Lerners Jacob resp. seine Frau erhielt vorgestern Nacht einen Jungen, sie mußten auch den Doktor holen.

 

4.3.1906 Meyers Johann hat ab Fastnacht seine Wirtschaft verpachtet und zwar an Engels Jacob.

 

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