Schriftzug

Klause und Jahrmarkt

 

Im Jahre 1735 kauft der St. Wendeler Amtmann Franz-Ernst von Hame ein Ackerstück von Christoph Richters Erben, das unmittelbar an die Kapelle grenzt. Christoph Richter hatte es 1584 aus einer Vermögensmasse erworben, zu der in Alsfassen und Breiten viele Grundstücke gehörten und die nach ihrer ursprünglichen Eigentümerin "Jungfern-Guth" genannt wurde. Vermutlich läßt er kurz darauf die Klause bei St. Anna errichten.

 

1736 erfahren wir zum ersten Mal den Namen eines Eremiten, der in der Klause bei der Kapelle wohntn. "Nicolaus Curdt, Eremita ad S. Annam" stirbt am 8. Juli. Das mag damit zusammenhängen, daß die Klause vermutlich in dieser Zeit gebaut wird.

 

Über den Zustand der Kapelle lesen wir 1745: Das Kreuz war durch den Turmhelm gefallen. Das Kreuz wird erneuert und das Dach repariert.

 

Jährlich am Fest der heiligen Anna gibt es im Bereich der Annenkapelle einen Markt, der sich bis heute im Annenmarkt erhalten hat. Nach Max Müller wird er um 1750 in die Stadt hinein verlegt. Über seine Entstehung ist wenig bekannt, und auch nicht darüber, warum er außerhalb der Stadt lag. Vielleicht durften dort seitens der Stadt - und auch sonst von niemanden außer vielleicht der Kirche - Steuern oder Abgaben bezüglich des Marktes erhoben werden. Andererseits lag die Kapelle und damit der Markt an der Hauptstraße nach Tholey und nicht weit von der Grenze des Amtes St. Wendel entfernt (die war am Wallesweilerhof), so daß bestimmt auch viele Händler und Käufer aus dem Amt Schaumburg den Markt besuchten.

Im Jahre 1738 legt der St. Wendeler Schultheiß und Kurtrierische Amtmann Franz Ernst von Hame ein Güterbuch an, in dem er sämtliche Liegenschaften, die er von seinen Eltern ererbt oder selbst dazu gekauft hat, einträgt und mit Worten und Rißzeichnung beschreibt.

 

Ihm gehört u.a. das heutige Flurstück "bei St. Anna", auf dem sich heute der Golf-Kurzplatz befindet.

 

 

Nachfolger des Eremiten Nicolaus Curdt ist Claudius Riotte (?-1748), der um 1705 aus St. Marie aux Mines in Frankreich nach St. Wendel gekommen ist und sich 16 Jahre nach dem Tode seiner Ehefrau Anna-Katharina Müller (1683-1721) in die relative Einsamkeit der Kapelle zurückgezogen hat. Sein Urenkel Johann Nikolaus Riotte erzählt über ihn in seiner in den Jahren 1804 bis 1909 entstandenen "Familiengeschichte Riotte":

 

"Weil mein Urgroßvater Claud Riotte ein sehr frommer Mann war, der selbst nach 30jährigem Aufenthalte hier sehr weniges deutsch reden konnte, so ging er in seinem Alter als Eremit auf die Eremitage St. Annen wohnen, obschon er keine Eremiten Kleider trug, so verrichtete er doch dasselbst, wo sich außer der Kapelle ein kleines Wohnhaus, nebst gut eingezäuntem Garten befand, alle gottesdienstlichen Verrichtungen, denen sich diese Leuthe unterwerfen; obschon er auch bei seinen drei hier wohnenden Kindern Bernhard, Henrich und Magdalena bequem hätte leben können, so zog er doch die Einsamkeit vor, wo er sich mit Handarbeit, Lesen und Betrachtungen unterhielt, und sowohl des Winters als Sommers jeden Morgen den für einen alten Mann weiten Weg hierher machte, um die Frühmesse zu hören. Hierbei muß ich einen Karakterzug von diesem frommen, ehrlichen Manne nicht vergessen, welcher sowohl mit der damaligen Art zu denken übereinstimmt, als auch den Karakter des guten Urgroßvaters selbst schildert. Er erzählte nehmlich seinen Kindern, daß der Teufel ihn des Abends, wenn er heilige Bücher läse, oft durch Gepolter und  Erscheinungen zu zerstreuen und von seinem guten Vorhaben abwendig zu machen drohe, daß ihm daher des Abends während er läse, schon kleine Kinder in seine Stube gekommen seien und darin getanzt hätten, ebenso wären schon Fische gekommen und wären in der Stube herumgeschwommen, anderer Kleinigkeiten nicht zu gedenken; wer es weiß wie die Einbildungskraft nicht nur alte Leuthe, wie mein Urgroßvater war, sondern auch junge Leuthe in ihrem besten Alter täuschte, und wie sehr das Lesen abergläubiger Legenden, und die Einsamkeit Gespenster schaffet, der wird sich die Erscheinungen des frommen Alten leicht erklären könne. Dieser Schritt, Gott in der Einsamkeit zu dienen, beweist doch gewiß dessen frommen Karakter, indem er durch Erzeugung von acht Kindern und deren Erziehung, noch 16 Jahre nach seiner Frauen Ableben, schon alles gethan hatte, was sowohl Gott, als auch der Staat von ihm fordern konnte. Wer hätte ihm nicht nunmehr die wohlverdiente Ruhe bei seinen Kindern gönnen wollen? Und doch opferte er diese Ruhe auf, um sich in der Einsamkeit Gott allein zu widmen. Gewiß, man darf diesen Zug des frommen Mannes, nicht Schwärmerei nennen, sondern Liebe zu Gott war dessen einzige Trieb Feder. Doch welches auch der Beweggrund diesser Handlung sein mag, so soll er sanft ruhen, der gute Urgroßvater, er war bei seinen Oberen beliebt und von allen redlichen Leuthen wegen seines unbescholtenen Karakters geachtet. Von Statur war er mittelmäßig, mehr hager als dick, übrigens wegen seiner Lebensart wenig krank."

 

1757 erinnert man sich an die 1508 erfolgte Stiftung von 100 Gulden des Clais von Gerspach. Die damals gestiftete Messe wird schon lange nicht mehr gehalten und die Rente wurde in die Einkünfte der Pfarrei St. Wendalinus aufgenommen. Auf Anordnung der obersten Kirchenbehörde sollen an den Tagen, an denen gewöhnlich Processionen dorthin gehen, zu Ehren Mariens und der Mutter Anna Messen gelesen werden: am Marcustag, Mittwoch in der Karwoche, Ostermontag, Annafest, Dienstag nach St. Anna, am 10. September und am 18. Oktober.

 

1766 wird ein Bruder Alexius genannt, der 1773 in die Klause am Wendelsbrunnen umgezogen ist. Sein Nachfolger ist Bruder Macarius. Nach dem Tode des bereits erwähnten Amtmannes Franz-Ernst von Hame geht sein gesamtes Vermögen an seine Kinder über, "die Herren von Hamischen Erbgenahmeren"

 

=> der Kurmainzische Kammer Director Philipp Jacob von Hame

=> der Kurtrierische Hofrath und Amtsverwalter Herrn Damian Joseph von Hame

=> Fräulein Caroline von Hame

=> die Freifrau Charlotte Von Stentzsch geborene von Hame und

=> der Tholeyer Abt Theobert von Hame).

 

Sie fechten mit den Bürgern von Alsfassen, Breiten und der Stadt St. Wendel etliche Prozesse ausfechten und verlieren meistens. Sie erben auch die beiden Eremitenhäuser bei St. Anna und der Wendalinuskapelle. Zum 1. Juli 1772 verkaufen die Herren von Hamischen Erbgenahmeren diese beiden Gebäude plus diverse Ländereien (z.B. den bei St. Anna gelegenen Garten und Brunnen) an die St. Wendeler Pfarrkirche für umgerechnet 622 rheinische Thaler. Die beiden Eremitenbrüder Macarius von St. Anna und Alexius, der mit einem Mitbruder namens Henrich Schmitz in der Klause bei der Wendalinuskapelle lebt, fürchten um ihr Auskommen, da sie von den Einkünften der Kapellen leben. Nach Verhandlungen zwischen der Kirche und dem Capitel der beiden Brüder in Marienburg wird das Problem in Form einer jährlichen Rente an die Kirche aus den Einkünften beider Kapellen gelöst.

 

Macarius Nachfolger nach seinem Tod im Jahre 1787 heißt Mathes Linden.

 

1789 wird das Dach des Wendelsdoms besichtigt und teilweise neu eingedeckt; die alten, noch brauchbaren Platten bringt man nach St. Anna. Am 24. Juli 1790 wird die Abdeckung der Kapelle vollständig renoviert: "die vorderste Seite und den einen Walmen mit zwie Seiten an dem Türmchen und den Giebel über der Tür; das halbe Dach wurde neu gemacht; Maurerarbeit daran vom 04.10.1790, Strebepfeiler an der Kapelle mit Leyen bedeckt."

 

Bei seiner Flurvermessung im Jahre 1778 trägt der Geometer Röhn auch die Annenkapelle in sein Kartenwerk ein. Sie erhält die Nummer 2683. Ihre gesamte Fläche wird mit 2/4 Morgen 6 Ruthen 11 Schuh angegeben:

 

 

Die St. Anna Cappel

haus. garten und Kirchhof.

einseits Ackerland

anderseits Ackerland und folgendes oben und unten Ackerland.

 

die kapell und kirchhof platz 1 Morgen 17 Ruthen 11 schu

(gehört der) Kirch modo (jetzt) gemeind forschwiler

 

der garten mit 29 ruthen

zugehörig den Alsfasser Erben

modo Nicklas Schmitts witib

gehört ganz Michel Lauer 29 Rth

Nicklas Monz modo Frannz Greiff

 

 

 

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