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Geschichte(n) -> 1752 Prügelei im Lamm - eine Wirtshausschlägerei

Prügelei im Lamm

 

Eine Wirtshausschlägerei in St. Wendel im Jahre 1752 und ihre Folgen

 

An der Südseite des viereckigen Freiplatzes westlich der Basilika steht ein schmales Haus mit seitlich angebautem Treppenturm; die heutige Adresse ist "Balduinstraße 5".

 

Es ist der Stammsitz der Familie Wassenich in St. Wendel. Hier lebten Johann-Joseph Wassenich, der erste dieses Nachnamens überhaupt in St. Wendel, sein Sohn Johann, sein Enkel Wendel und sein Urenkel, der ebenfalls Wendel hieß. Nach dessen Tod wurde das Haus anteilig an seine Kinder verteilt. Am 17.Mai 1867 verkauften die Geschwister Katharina, Karl, Anna Maria und Johann Wassenich an ihre Schwester Katharina Wassenich und deren Ehemann, den Uhrmacher Wendel Back, ihre vier Anteile an "dem in St. Wendel am Marktplatz bei der katholischen Pfarrkirche neben Franz Bruch Erben gelegenen dreistöckigen Wohnhause mit Bering" - plus die Anteile an einer Scheune mit Stallung und Dungplatz in der Karlstraße (Landesarchiv Saarbrücken, Notariat St. Wendel, Notar Keller, # 9448).

 

Doch Wendel Back und seine Ehefrau Katharina starben beide im darauffolgenden Jahr und hinterließen zwei noch minderjährige Kinder, Maria Katharina und Emilie Adelfride Back. Deren Hauptvormund war ein Onkel väterlicherseits, der St. Wendeler Kaufmann Joseph Back. Er veranlaßte zusammen mit dem Nebenvormund Anton Scherer, Seiler zu St. Wendel, die Versteigerung der beiden Objekte, Haus und Scheune. Am 15. März 1869 gingen sie für 3.450 Thaler an die Meistbietenden - den Buchbinder August Sicius und den Kaufmann Feodor Mall. Und zwar so aufgeteilt, daß Sicius das Haus mit Zubehör und Mall die Scheune mit Stallung und Bering erhielt (Landesarchiv Saarbrücken, Notariat St. Wendel, Notar Keller, # 10501).

 

Sicius' Name finden wir heute noch im Stein über dem Eingang nebst den Zeichen seines Berufsstandes. Nach seinem Tod in den 1880ern führte seine Witwe Elisabeth Margarethe Leonardine Pauline geb. Müller das Geschäft weiter. In den 1890ern wurde hieraus die Buchhandlung Johann Karl Kockler (* 1845), der sie bis zu seinem Tode im Jahr 1919 führte. Nachfolger wurden seine Tochter Elisabetha Rosina Kockler mit ihrem Ehemann Franz Dubreuil. Nach dessen Tod 1921 führte sie die Buch- und Schreibwarenhandlung Johann Kockler, Inhaber: Witwe Franz Dubreuil, bis 1938 weiter. Zum Verkauf fügte sie eine Leihbücherei hinzu. Beides wurde von ihrem Sohn Hans Dubreuil (* 1904) übernommen und bis 15. Mai 1968 weitergeführt. Seine Tochter Maria Elisabeth Dubreuil (1939-1992) übernahm das Geschäft mit Leihbücherei zwei Tage später und führte es unter dem Namen "Buchhandlung Dubreuil bis zu seiner Schließung am 31. Mai 1988.

 

An Frau Dubreuil kann ich mich noch gut erinnern; eine korpulente Frau, die oben im hinteren Laden meist auf einem Stuhl saß und all die Bücher hatte, die man sonst in der Stadt nicht bekam. Nach der Schließung der Buchhandlung versuchten hier einige Fast-Foodler ihr Glück, mit mehr oder minder wechselhaftem Erfolg. Dann kam eine kleine Pizzeria, die sich aber leider auch nicht hielt. Ein Obstgeschäft ? ursprünglich in der Oberstadt gelegen ? eröffnete erst gar nicht; ein Dekoladen hielt sich immerhin ein gutes Jahr, aber dann war auch damit Schluß. Wieviel länger ? mehr als 100 Jahre ? hatte dagegen im 18. und 19. hier eine Gastwirtschaft sich gehalten, betrieben von dem anfangs genannten Johann-Joseph Wassenich: das Gasthaus ?Zum Lamm".

 

Die Raumaufteilung im Erdgeschoß dürfte damals noch etwas anders gewesen sein als heute. Die Tür nach vorne raus gab es noch nicht; hinein und hinaus ging es nur durch die seitliche Tür neben dem Treppenturm. Sie führte in einen Raum, der damals als Küche benutzt wurde. Nach rechts ging es hinunter in die Schankstube. Das Wirtsehepaar Wassenich wohnte in einem der Stockwerke darüber.

 

Bei einem Besuch im Landeshauptarchiv Koblenz vor ein paar Jahren stieß ich beim Durchforsten diverser Hochgerichtsakten auf den nachfolgend geschilderten Gerichtsfall (Signatur 1 C 9121, folio 104ff.). In einer früheren Version hatte ich den Text weitgehend im Original belassen, lediglich hier und da ein Komma eingebaut oder herausgenommen und die Groß- und Kleinschreibung in etwa nach heutiger Sitte eingeführt. Aber - wie ich selbst merkte - hat diese Vorgehensweise aus dem reinen Lesen gedankliche Schwerarbeit gemacht, wodurch die Geschichte selbst einiges an ihrem Reiz verlor. Deshalb habe ich den Text in unsere heutige Sprache übersetzt - nun ja, mehr oder minder?

 

 => Die Tat.

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