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Krieg am Boden -> Frederick Balch + 15. März 1945 in St. Wendel

Gestorben in St. Wendel

 

Im Januar 1994 stöberte ich in den neueren Beständen des Stadtarchivs St. Wendel herum und stieß dabei per Zufall auf eine schwarze Mappe im A4-Format, die den Titel trug:

 

"Ehrenbuch der Stadt St. Wendel für die Opfer der beiden Weltkriege".

 

Wie ich mittlerweile erfahren habe, wurde es von Altbürgermeister Gräff Anfang der Siebziger in Auftrag gegeben; wer es im Endeffekt zusammengetragen hat, ist mir nicht bekannt. Genauso wie das Buch nicht mehr als fünf oder sechs Leuten in St. Wendel überhaupt bekannt sein dürfte.

 

Es enthält auf gut 80 Seiten die meisten Namen und Daten der Männer und Frauen, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg durch Kriegsfolgen in St. Wendel starben oder aus St. Wendel stammten, bei ihrem Tod aber nicht in St. Wendel sich aufhielten. Bei den Todesarten wurde unterschieden nach

 

- gefallen am

- durch Fliegerangriff gestorben am

- durch Kriegsfolgen gestorben am

- vermißt seit

 

Der Teil "Zweiter Weltkrieg" wurde dabei noch einmal unterteilt in die Abschnitte

 

- bekannte gefallene deutsche Soldaten

- unbekannte gefallene deutsche Soldaten, die in St. Wendel beigesetzt sind

- zivile Fliegeropfer (hier fehlen etliche Eintragungen)

- Ausländer, die in Wnd durch Kriegsfolgen umkamen

- unbekannte Ausländer, die in Wnd durch Kriegsfolgen umkamen

 

Im Abschnitt 4 "Ausländer, die in Wnd durch Kriegsfolgen umkamen" fand ich fünf Einträge, die mich besonders interessierten:

 

Peter De Brath (Engl. Sergeant, Pilot)

Renalt Cole (Engl. Sergeant, Observer)

gefallen 03.09.1941 St. Wendel

 

Douglas, Arthur Innes (Engl. Kriegsgefangener)

* 1917 Aldensroad in London

durch Kriegsfolgen gestorben 17.05.1940 St. Wendel

 

Frederik Taugye Lecher (Amerik. Kriegsgefangener)

* 29.03.1913

+ 26.09.1944 St. Wendel

 

Friedrich Balch (Amerikaner)

geb. unbekannt

durch Kriegsfolgen gestorben 15.03.1945 in St. Wendel

 

De Brath, Cole und Innes fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Rheinberg Militär Friedhof bei Krefeld, Lecher in St. Avold.

 

Im Februar 1994 erhielt ich bei einem Besuch des Militärfriedhofes in St. Avold die Anschrift einer Heeres-Dienststelle in den USA: Department of the Army, Total Personal Command, Alexandria, Maryland, 15 km südwestlich von Washington, DC. Dort wandte ich mich und fragte nach Unterlagen über Balch und Lecher.

 

Mitte Dezember 1944 landete plötzlich ein dickes Paket aus Amerika in unserem Briefkasten. Das Total Personal Command hatte Kopien der kompletten Personalakten der beiden Männer geschickt - vom Tag des Todes an. E stöberte durch die Akten und beschloß, mich zunächst auf Balch zu konzentrieren. Die Akten begannen mit seinem Tod (Grabmeldung) und schlossen 1948 mit seiner Umbettung auf den Friedhof seines Heimatortes.

 

Enthalten war aber auch ein Brief von Freds Mutter an die Armeeführung, der mich sehr interessierte:

 

"Paris, Tennessee, 28. Januar 1946

 

An Adjutant General E.F. Witsell, Washington D.C.

 

Sehr geehrter Herr,

ich schreibe diesen Brief hinsichtlich unseres Sohnes, dem Obergefreiten Fred R. Balch jr., 34717509, F-Kompanie, 376 Infanterie-Regiment, American Post Office (A.P.O.) 94. N.Y.

 

Wir haben versucht, sehr verständnisvoll und geduldig zu sein - trotz der wenigen Informationen, die wir über ihn erhalten haben. Am 15. März 1945 erhielten wir ein Telegramm, in dem stand, er würde seit einem Kampfeinsatz am 2. März vermißt. Kein Sterbenswörtchen erreichte uns bis 29. August, als man uns mitteilte, er sei an den Wunden gestorben, die ihm in Deutschland am 15. März zugefügt worden seien. Das war alles.

 

Wir haben mit einem Jungen geredet, der bei ihm war, als er verwundet wurde - er glaubt nicht, daß es eine tödliche Verwundung gewesen sei. Er sagte, er sei am Oberschenkel verletzt worden, während er das Hauptquartier über Funk um Hilfe rief. 7½ Stunden lang lag er auf einer improvisierten Trage und sagte immer wieder "Ich glaube, die Botschaft kam durch, und Ihr werdet bald Hilfe bekommen." Ich weiß auch, daß er das Funkgerät kurz vor der Gefangennahme zerstörte. Die 90 Mann, die ausgesandt wurden, stießen auf etwa 800 Deutsche - so sagte man uns. Ein Mann entkam, wir konnten seinen Namen nicht erfahren.

 

Wir haben an den kommandierenden Offizier seiner Kompanie und seiner Division geschrieben, ebenfalls an den Militärpfarrer. Sie wissen gar nichts. Wir wissen, daß es in der F-Company 22 % Verluste gab - inklusive Offiziere. Irgendjemand muß mehr als wir wissen - oder die Botschaft hätte heißen müssen "vermutlich tot". Wir haben weder seine Erkennungsmarke erhalten noch wissen wir, wo er begraben liegt.

 

Fred meldete sich freiwillig, als er 18 wurde. Er war im ASTP (Army Specialist Training Program), das bekanntlich im Frühjahr 1944 eingestellt wurde. Das bedeutete, die Besten unter den 18-jährigen wurden zur Infanterie eingezogen, es waren mehr als 40.000. Sie hatten keine andere Wahl, als zu tun, was ihr Land ihnen zu tun befahl - und nur sehr wenige hätten die Infanterie gewählt.

 

Sein Intelligenzquotient in Fort Oglethorpe lag über dem Durchschnitt - sein Semester im College während des ASTP fiel gut aus. Über die wenigen Auszeichnungen, die er in der Army erhielt, wissen wir gar nichts, denn er war sehr bescheiden. Er sagte, jeder, der ein bißchen bei Verstand ist, könne das Infanterie-Experten-Abzeichen erringen usw. Wir hörten von einem seiner Freunde, daß er während der drei Monate, die er in St. Nazaire Dienst tat, mehr Streifendienst tat als irgendeiner der anderen Männer seiner Kompanie.

 

Ich bin sicher, daß Sie jetzt denken - wieder so ein Brief von naiven Eltern - aber das stimmt nicht. Wenn Sie sich über uns erkundigen würden, würden Sie feststellen, daß wir sehr vernünftig denkende und handelnde Menschen sind. Tatsächlich wurde von uns schon viele Male gesagt, daß wir auf unsere Art viel Mut besitzen und vielen, vielen Leuten in unserer kleinen Stadt ein Vorbild sind. Ich möchte nur versuchen, ihnen zu zeigen, daß Fred ein feiner und wahrer Amerikaner war - der Typ, dem die Nation zu Dank verpflichtet sein sollte. Ich fordere sie auf, den Preis, den diese Jungs gezahlt haben, wert zu sein, indem sie alle Details ermitteln und uns und den Familien der anderen Jungs diese zusenden. Das ist doch sicher nicht zuviel verlangt.

 

Einer der Jungs, der vor kurzem zurückkam, dachte, es sei wahrscheinlich, daß die Patienten des Krankenhauses von St. Wendell, Deutschland (dort brachte man Fred hin), evakuiert wurden und daß eins unserer Flugzeuge den Zug bombadierte, denn es gibt viele Beweise und Anzeichen für Bordwaffenbeschuß und Bombardierungen in diesem Gebiet - kurz nach dem 2. März. Ich denke wohl, Sie haben Mittel und Wege, dies zu überprüfen.

 

Danke im Voraus für jede Information, die Sie uns zusenden können.

 

Hochachtungsvoll

 

Mrs. Fred R. Balch, Paris, Tennessee"

Da ich mittlerweile an einem ganzen anderen Projekt arbeitete (die Besetzung des Kreises St. Wendel durch die Amerikaner, was schließlich zu dem Buch "Die Amis kommen" führte, das der Landkreis St. Wendel am 9. März 1995 herausgab), legte ich die Unterlagen erst einmal beiseite.

 

Am 29. März 1995 fielen sie mir wieder in die Hände, und ich schrieb einen Brief an Mrs. Corinne Balch oder Nachkommen, in dem ich auf diese Unterlagen hinwies unf fragte, ob sie jemals irgendwelche Unterlagen erhalten hätten. Ein paar Wochen später bemerkte ich, daß keine Antwort kam. Ich rief die Auslandsauskunft an und fragte nach dem Namen Balch in Paris, Tennessee. Als Privatperson gab es da niemand namens Balch, allerdings tauchte er im Namen einer Firma auf. Nun war damals das Telefonieren in die Staaten nicht gerade eine der billigsten Angelegenheiten, und die Anschrift dieser Firma wollte mir die Dame von der Telefonauskunft nicht geben. Also kam das Projekt wieder auf Eis.

 

Und nun kam mir ein Zufall zu Hilfe. Im April 1995 besuchten zwei Amerikaner das monatliche Treffen der Arbeitsgemeinschaft für Saarländische Geschichte in Saarbrücken. Es waren Ed Greiff und seine Cousine Susan Greiff-Alskog aus dem Bundesstaat Washington, die auf den Spuren ihrer Vorfahren zunächst St. Wendel besuchten und auf das Monatstreffen der Arbeitsgemeinschaft hingewiesen wurden. Ich freundete mich mit den beiden an und konnte ihnen ein paar gute Tips geben, wo sie in St. Wendel etwas über ihre Vorfahren erfahren konnten, die etwa um 1835 St. Wendel verließen.

 

Ich blieb in Kontakt mit Susan, die ihrerseits für mich in den Staaten ein paar Nachforschungen durchführte. Ein, zwei Monate später gab ich ihr in einem Brief den Namen und die Telefonnummer dieser Firma in Paris, Tennessee, an, worauf sie kurzerhand anrief. Die Firma hatte zwar nichts mehr mit Freds Familie zu tun, aber man gab Susan eine weitere Telefonnummer in einem Ort, gut 250 km von Paris entfernt. Dort wohnte William Balch, der Bruder des Toten. Susan sprach mit ihm, und er bekundete starkes Interesse an meinen Unterlagen, da er bis heute nichts Genaues über das Schicksal seines Bruders in Erfahrung bringen hatte bringen können. Ich schickte ihm die Unterlagen zu und erhielt im September den folgenden Brief:

 

"Sehr geehrter Herr Geiger,

in einem Universum, daß von Ordnung regiert wird, bin ich sehr erstaunt, wie oft der pure Zufall unser Leben beeinflußt. Mrs. Alskogs Telefonanruf vor kurzem ist so ein Fall. Es scheint außergewöhnlich, daß Ihr Interesse an der Genealogie und Ihr Interesse an der lokalen Geschichte mir eine Information über den Tod meines Bruders Frederick bringt, über ein halbes Jahrhundert später.

 

Die genauen Umstände seines Todes blieben über all diese Jahre ein Geheimnis, obwohl ich nie aufgehört habe mich zu fragen, was damals passiert ist. Mein Erinnerungsvermögen über die Dinge, die uns bekannt waren, ist durch diese lange Zeit getrübt. Eins ist sicher, die Möglichkeit, Informationen zu erhalten und zu sammeln, war primitiv im Gegensatz zu heute. Das erklärt einige der Schwierigkeiten, die wir damals hatten.

 

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern, an den Abend, an dem unsere Familie das Telegramm erhielt, daß er als im Kampf vermißt halt. Wir hatten schon längere Zeit keinen Brief mehr von ihm erhalten. Meine Eltern bemühten sich verzweifelt, aber erfolglos, etwas zu erfahren. Sie wandten sich an die offiziellen Stellen der Regierung, an Freunde, die vielleicht helfen könnten, und an die Familien anderer Soldaten, die in seiner Einheit waren, die möglicherweise mit Details helfen könnten. Ich glaube, von den letzteren hörten wir, daß Fredericks Kompanie in einem Bunker umzingelt und gefangengenommen und daß er verwundet wurde, während er über Funk Verstärkung anforderte. Die Andeutung meiner Mutter in dem Brief, den Sie gefunden haben, er sei ein Opfer eines alliierten Bombenangriffs auf einen Evakuierungszug des Hospitals geworden, ist neu für mich. Wir haben soviel spekuliert und waren so sehr um Einzelheiten bemüht, daß ich mir nicht vorstellen kann, warum ich davon noch nie vorher gehört habe. Ich war jedoch damals noch ein kleiner Junge, und es kann sein, daß es mir deshalb entgangen ist. Ich erinnere mich, daß wir dachten, er sei im Hospital von St. Wendel gestorben.

 

 

Fred Balch mit seiner Mutter Corinne und seinem Bruder Bill, ca. 1943

 

Ich erinnere mich noch deutlich an den heißen Sommermorgen, als seine sterblichen Überreste in unsere Heimatstadt Paris, Tennessee (eine kleine ländliche Stadt im Süden der USA) gebracht wurden. Eine militärische Eskorte begleitete uns zum Krematorium und zu unserem Familiengrab.

 

Sie haben um persönliche Informationen über Fred gebeten. Er wurde nach seiner Abschlußprüfung an der High School 1943 zur Armee eingezogen. Er war ein ausgezeichneter Schüler, Mitglied des Schulfootball-Teams und bei seinen Klassenkameraden sehr beliebt. Er wurde einer rigorosen Grundausbildung in Fort Hood, Texas, unterzogen und schloß sie mit sehr guten Noten ab.

 

Meine Mutter hat die meisten seiner Briefe aufgehoben. Und gerade vor ein paar Monaten stellte ich fest, daß er auch mir, seinem jüngeren Bruder, geschrieben hatte. Nachdem ich mit dem Lesen der Briefe fertig war, fühlte ich mich, als ob ich rückwärts durch die Zeit in jene Periode unseres Lebens transportiert worden wäre und durch diese Briefe die Gelegenheit erhalten hätte, ihn wieder kennenzulernen, fünfzig Jahre nach seinem Tod.

 

Was mich sehr beeindruckte, als ich dieses Briefe las, war, daß er sich nie über die Mühsal, die er durchmachte, beschwerte. Sie führten schwerbepackt viele lange Märsche durch, nächtliche Manöver, während denen sie keinen Schlaf bekamen, und viele anstrengende Situationen. Er erzählte von diesen Dingen, aber es gab nie ein Wort der Beschwerde oder des Selbstmitleids.

 

Wie es in Mutters Brief angeklungen ist, nahm er nach der Grundausbildung an einem speziellen Army-Programm für hervorragende junge Männer mit Führungsqualitäten teil. Sie schickten ihn an die Universität von Florida und schrieben ihn in einen Pionierkurs ein. Aber das Programm wurde eingestellt, weil man mehr Truppen in Europa brauchte. Deshalb nahm man die Männer aus der Schule und steckte sie in die Infantrie. Er diente bei der 94. Infantriedivision.

 

Ich bin sicher, das waren mehr Informationen, als Sie benötigen oder für Sie interessant sind. Aber ich bin sicher, Sie können sich die vielen Erinnerungen und Gefühle vorstellen, die durch Ihren Brief und die Aufzeichnungen ausgelöst wurden. Ich finde es lobenswert, daß Sie diese intensiven Nachforschungen anstellen, um Näheres über Fredericks Tod herauszufinden, und sich so bemühen bei der Suche nach dem, was geschah. Ich vermute, wir werden die genauen Umstände seines Todes nie herausfinden. Dennoch, denke ich, ist es wundervoll, daß Sie ein Interesse daran haben, einem so trübseligen Kapitel der Weltgeschichte einen menschlichen Zug zu verleihen, in dem so viele feine junge Männer auf beiden Seiten ihr Leben verloren.

 

Dank Ihres Interesses und Ihrer Arbeit, die Ereignisse in einem so menschlichen und persönlichen Zusammenhang aufzuzeichnen, habe ich jetzt viel mehr Aufzeichnungen, die ich meinem Sohn weitergeben kann, von dem ich hoffe, daß er Fredericks Opfer in Erinnerung behalten wird.

 

Ich habe eine Bitte, wenn es Ihnen nicht zu beschwerlich ist. Wäre es möglich, von dem Grab oder dem Bereich des Friedhofs, in dem er zuerst beerdigt war, ein Photo zu schießen und weiterhin ein Photo vom Friedhofseingang (a sign identifying the cemetery)? Ich wurde kürzlich als TV-Nachrichten-Produzent pensioniert und habe mit einem Reporterkollegen darüber gesprochen. Er sagte, er würde darüber gerne eine Story machen, wenn also die Bilder möglich waren (und vielleicht noch eins von Ihnen), würde mich das sehr freuen. Wenn es aber Probleme bereitet, ist auch nicht so schlimm. Ich möchte mich Ihnen sicher nicht aufdrängen.

 

Denn wie ich schon sagte, es bedeutet so viel für mich, daß Sie soviel Interesse für das Schicksal eines einzelnen US-Soldaten aufbrachten und dem nachgegangen sind und damit halfen, dem Verlust in unserer Familie einen gewissen Sinn zu geben (to help bring some sense of closure to our family s loss).

 

Mit besten Wünschen verbleibe ich

 

William R. Balch, 542 White Rose Lane, Olivette, Mo. 63132, USA"

 

Es folgen einige Auszüge aus Briefen Frederick Balchs an seine Eltern und Verwandte:

 

5. November 1944:

 

"Lieber Vater, liebe Mutter, Ihr hättet mich heute sehen sollen, als ich heute in einer selbstgemachten Dusche ein du Sport nahm. Einige Löcher wurden in den Boden eines Behälters gestoßen, der etwas über kopfhoch aufgehängt war. Dann gab man ein bißchen heißes Wasser in den Topf, und man konnte eine gute Dusche nehmen. Einfach, aber wirkungsvoll.

In Liebe

Frederick"

 

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"Weihnachten 1944.

Liebe Mutter, lieber Vater,

Ich fühle mich sehr glücklich an diesem Weihnachtstag. Unsere Ausrüstung ist gegenwärtig zurück in die Reserve, und wir wohnen in ein paar alten deutschen Baracken. Deshalb sind wir erst einmal vor dem Wetter geschützt, und ich konnte heute morgen den Gottesdienst besuchen. Wir hatten ein sehr gutes Weihnachtsessen: Truthahn, überbackenen Fisch und süße Kartoffeln, Spargel, Preißelbeersauce, Apfelkuchen und Eierflipp. Der Eierflipp bestand zu 50 % aus Alkohol.

 

Natürlich waren dieser Tag und diese Nacht ganz anders als unser Weihnachten zuhause, die ich kenne und auch wieder erleben will. Aber als ich letzte Nacht an dem kleinen Ofen in unserer Barracke saß, konnte ich mir nicht helfen, ich mußte an die Eltern und Ehefrauen unserer Kameraden denken, die ihr Leben hingegeben haben, und kann mir sehr gut vorstellen, wie ihr Weihnachtsfest dieses Jahr gewesen sein muß.

 

Viele liebe Grüße

Fred"

 

 

 

"31. Januar 1945

Liebe Marion, lieber Autis,

Habe gestern eine Anzahl Briefe von Euch bekommen. Ich glaube, ich habe Euch schon erzählt, daß ich Eure Geburtskarte erhalten habe. Vielen Dank dafür. Ich weiß nicht, wann ich Euch das letzte Mal geschrieben habe. Habe außerdem gestern  ein Päckchen von Euch erhalten, das Schokoladenbohnen, Plätzchen und Käse-Leckereien enthielt. Vielen, vielen Dank.

 

Komme gerade aus dem Gottesdienst zurück, aber die Zeit in der Kirche ist nicht mehr so öde wie zuhause. Vielleicht liegt es am Krieg, daß der Gottesdienst mir mehr bedeutet als vorher.

 

Ihr solltet die neuen Schnee-Überstiefel sehen, die wir erhielten. Sie sind fast so gut wie Schneeschuhe. Sie sollen verhindern, daß man wegen erfrorener Füße und Frostbeulen ins Krankenhaus kommt. Ich denke, das ist alles für heute.

 

In Liebe

Fred"

 

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"12. Januar 1945

Liebe Mutter, lieber Vater,

gestern und heute habe ich Briefe erhalten, die vom 22. November bis zum 30. Dezember reichen. Außerdem eine Weihnachts- und eine Geburtstagskarte von Euch. Habe mich an das Lied erinnert ?there's going to be a change in the weathers and a chance in the sea?. Ich wünschte, das Wetter würde wärmer werden, und wir könnten den Schnee vergessen.

Die Deutschen haben sich von diesem Ort so in Eile zurückgezogen, daß sie das Vieh, Hühner, Pferde, eingemachtes Obst und vieles mehr zurückließen. Unsere Küche hat die Schweine, Hühner und Kühe geschlachtet, und wir konnten uns richtig sattessen. Ihr hättet mich in einem der verlassenen Häuser sehen sollen, wie ich Schinken, Würste und Kartoffeln auf dem Ofen gekocht habe. Sie haben außerdem Marmelade zurückgelassen, die sehr gut schmeckt. Habe während der letzten paar Tage richtig gut gegessen.

So, Leute, das wars.

In Liebe

Fred."

 

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"24. Januar 1945

Liebe Mutter und Vater,

es mag so aussehen, als ob ich Euch langsam, aber sicher nicht mehr schreiben will, aber dem ist nicht so. Es scheint, daß verschiedene Postsendungen nicht gleich weggehen. Ich wünschte, sie würden die Russen losziehen und den Krieg beenden lassen, es scheint, als ob sie ihre Arbeit gut erledigen würden.

 

Ich bin froh, daß du das Parfüm erhalten hast. Es kam viel schneller, als ich es dachte, ich rechnete schon mit sechs oder sieben Wochen.

 

Ihr könnt sehr viele Fragen stellen, nicht wahr? Wenn wir uns mal hinter der Front zur Erholung aufhalten dürfen, können wir nicht sicher sein, wie lange wir hier bleiben können. Jedenfalls nicht so lange, wie ihr das glaubt. Es gibt auch keine festen Zeiten, wie lange man an der Front ist, oder einem sicheren Ort, wo man sich aufhalten kann. Wir schlafen meistens in Häusern, weil es zu kalt ist, um draußen zu bleiben, wenn es nicht notwendig ist, und es gibt viele Häuser in diesen eingenommenen und verlassenen Dörfern, in denen man bleiben kann. Ich glaube nicht, daß ich seit einiger Zeit nach einem Päckchen gefragt habe, schickt mir doch bitte ein Essenspaket.

Fred"

 

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"15. Februar 1945

Liebe Mutter, lieber Vater,

es tat richtig gut, von dem fritierten Hühnchen zu hören, daß du mir schicken wolltest, aber ich hätte nie geglaubt, wie gut es tatsächlich sein würde. Auch die Käsesauce und die Kartoffeln habe ich sehr genossen.

Der kommandierende General der Dritten Armee war gestern hier; mehr Blech, als man sich vorstellen kann. Jemand sagte: "Wer ist das?" und ein anderer antwortete: "Das ist nur ein Brigadegeneral!" Alle Offiziere unseres Regiments und ein Haufen aus der Division waren da.

Konnte heute duschen und frische Kleidung anziehen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wieviel besser ich mich danach fühlte.

Gestern haben wir Sold erhalten, ich werde einen 50-Dollar-Scheck nachhause schicken, sobald ich einen bekommen kann.

Scheinbar haben uns die Deutschen den Spitznamen "Roosevelts blutrünstige Schlächter" verpaßt. Ich glaube, außer daß ich las Päckchen erhalten habe, ist das alles.

In Liebe

Fred"

 

 

Das war der letzte Brief, den die Familie von Frederick erhielt. Es dauerte etwa einen Monat, bis ein Telegramm des Kriegsministeriums ankam und ihnen mitteilte, daß Fred als im Einsatz vermißt galt (missing in action).

 

Freds Vater wandte sich daraufhin an einen Freund der Familie, einen Admiral namens Murphy. Dieser erhielt am 21. März 1945 auf seine Anfrage hin folgenden Brief:

 

 

"Sehr geehrter Admiral Murphy,

Ich habe das folgende durch einen Anruf im Hauptquartier in Erfahrung gebracht: Frederick Balch diente in der 94th Infantrie Division zum Zeitpunkt, als er als vermißt gemeldet wurde, dem 2. März. Diese Infanteriedivision kämpfte unter der Dritten US-Armee im Gebiet nahe Saarlautern (Saarlouis, meint aber Saarburg); sie klärten diese Stadt auf und nahmen sie am 10. März und zogen dann weiter nach Grimburg, Gusenburg und Hermeskeil und nahmen am 17. März diese drei Orte. Frederick Balch könnte auf einer Vorauspatrouille gewesen und gefangengenommen worden sein, da die Verluste sehr niedrig gewesen waren bei der Einnahme dieser Orte. Es dauert ungefähr drei Monate, bis die Deutschen über das Internationale Rote Kreuz ihre Kriegsgefangenen melden. Sobald ich etwas neues habe, werde ich Sie wieder informieren.

Respektvoll

O'Leary"

 

 

 

 

Dann wurde es still um Frederick Balch.

 

Erst am 9. Juni 1945 erfuhren sie etwas mehr. Freds Vater sprach mit einem Mann, der in der gleichen Einheit gedient hatte.

 

Pfc William Olsen, F-Kompanie, 376 IR, 94. ID. Olsen war Kriegsgefangener und wurde am 26. April 1945 befreit, er kehrte nach Davenport, Iowa, am 2. Juni 1945 zurück.

 

Er berichtete, daß Pfc (Private First Class = Obergefreiter) Fred Balch zusammen mit Privat (Gefreiter) Don Drace, Arn Phenel und Olsen auf einem Außenposten jenseits der Saar nahe den Orten Ayl und ?Acksern? in Deutschland Dienst taten. Sie wurden am 26. Februar 1945 umzingelt und gefangengenommen. Fred Balch war von einem Splitter einer Granate im Oberschenkel getroffen worden. Er wurde von den Männern zu einer deutschen Erste-Hilfe-Station gebracht. Von dort fuhr man ihn in einer Ambulanz in ein großes Hospital bei St. Wendel in Deutschland. Olsen begleitete ihn während der Fahrt in der Ambulanz, redete die ganze Zeit mit ihm. Er war der Meinung, daß die Wunde im Oberschenkel nicht von ernsthafter Natur gewesen sei. Olsen war ebenfalls leicht verletzt, deshalb kam auch er ins Hospital, aber in einen anderen Trakt.

 

Olsen wurde am 1. März aus diesem Hospital in ein anderes bei Gudwizburgh, Deutschland, verlegt. Er sah Frederich nach der Aufnahme in das St. Wendeler Hospital nicht wieder, war aber der Meinung, daß er am 1. März noch dort war.

 

Erst 2½ Monate später - am 29. August - erfuhren die Balchs durch ein weiteres Telegram, daß ihr Sohn am 15. März (Tag des ersten Telegrams) in einem Hospital in St. Wendel seinen Verletzungen erlegen war.

 

Aber sie erfuhren nie, was ihrem Sohn widerfahren war. Er starb am 15. März 1945, morgens um 04.05 Uhr in der deutschen Kaserne von St. Wendel, die damals als Heeresverbandsplatz fungierte.

 

Die Grabmeldung gehörte zu den Unterlagen, die ich aus Amerika erhielt, und war am 20. März der 1945 von Dr. Gerlach, Stabsarzt und Kompanie-Führer der Sanitätskompanie 243, ausgestellt worden. Als Todesursache wurde "Herz- und Kreislaufschwäche nach Lungenschuß" angegeben. Es gibt keinen Grund, an diesen Angaben zu zweifeln.

 

 

 

vorläufig letzte Ruhestätte fand Frederick auf dem städtischen Friedhof von St. Wendel. Der 1946 von Pvt. Berry, 606th Quartermaster Grave Registration Company, angefertigte Plan zeigt die Gräber der zehn GIs, die auf dem St. Wendeler Friedhof lagen. Freds Grab trägt die Nummer 15. Heute ist dieser Teil des Friedhofs längst von "Zivilisten" belegt; er ist für Kinder reserviert, die im Babyalter sterben, und rechts davon liegen deutsche Soldaten aus dem 1. und 2. Weltkrieg.

 

 

 

Am 26. Januar 1946 wurde die Leiche exhumiert und am 8. Februar auf dem ein Jahr zuvor in St. Avold angelegten US-Militärfriedhof im Bereich YYY, Reihe 12, Grab 143, wieder bestattet.

 

Irgendwann 1947 oder Anfang 1948 entschloß sich Freds Familie dann, ihren Sohn heimzuholen. Freds Gebeine wurde in einem neuen Sarg untergebracht, auf ein Schiff in die Staaten verladen und dann per Eisenbahn in seinen Heimatort gebracht.

 


"23. Juli 1948

Empfangsbestätigung für Überreste (remains):

An Spicer and McEvoy, 507 Washington Street, Paris, Tennessee

Die Überreste des ehemaligen Obergefreiten Frederick R. Balch Jr, werden in Begleitung einer Militäreskorte mit dem Zug der Louisville and Nashville Railroad Nr. 198 an Sie verschickt. Der Zug verläßt Memphis am 29. Juli um 19.50 Uhr und erreicht den Bahnhof von Paris am gleichen Tag um 23.03 Uhr. Bitte treffen Sie Vorbereitungen, die Überreste am Bahnhof in Empfang zu nehmen. Sie werden angewiesen, die nächsten Angehörigen vom Inhalt diser Nachricht in Kenntnis zu setzen.

Charles M. Odenwalder, Captain, QMC (Quartermaster Corps)?

 

Ein Artikel aus dem Jahre 1948, der in der lokalen Zeitung von Paris, Tennessee, erschien, berichtet über die endgültige Ruhestätte von Fred Balch:

 

"Frederick Balch am Donnerstag begraben

 

Leiche eines jungen Infantristen aus Paris, Tennessee, getötet in Deutschland, kehrte nach Hause zurück

 

Ein Gedenkgottesdienst wurde für Frederick Robert Balch jr, Sohn von Mr. und Mrs. Fred R. Balch, auf dem Maplewood Friedhof am Donnerstagmorgen, 29. July, um 11.30 Uhr, gehalten.

 

Frederick wurde schwer (fatally) verwundet in der Schlacht bei Ockfen, Deutschland, am 26. Februar 1945. Er wurde nach St. Wendel, Deutschland, gebracht, wo er am 15. März 1945 starb. Er wurde in St. Wendel vorläufig beerdigt und danach zu einer dauerhaften Ruhe auf den Friedhof bei St. Avold, Frankreich, gebracht. Von diesem Friedhof kehrte sein Körper nachhause zurück, um in Maplewood begraben zu werden.

 

Frederick war im Februar 1945 zwanzig Jahre alt. Er lebte sein ganzes Leben in Paris, Tenn., außer vom Beginn seiner Militärzeit im Juli 1943 bis zu seinem Tode. Er graduierte in der Grove High School in der Klasse von 1943. Sofort nach seiner Abschlußprüfung meldete er sich freiwillig in die Armee der Vereinigten Staaten und wurde dem 376. Infantriebataillon, 94. Infantriedivision, zugeteilt. Sein Dienstrang war Private First Class (Obergefreiter), er war der Kompaniefunker.

 

Im August 1944 wurde er nach Übersee nach St. Nazaires in Frankreich geschickt. Während seines Dienstes dort verrichtete er mehr Stunden auf Patrouille als irgendein anderer Soldat seiner Kompanie. Im Dezember 1944 zog seine Einheit in das deutsche Saargebiet, wo er bis zu seinem Tode diente. Wäre er von der Schlacht bei Ockfen zurückgekehrt, hätte er die Offiziersanwärterschule besucht.

 

Pfc. Balch wurde posthum das Purple Heart verliehen. Weitere Auszeichnungen:

- vier Bronze Stars für die Teilnahme an Kämpfen in den Ardennen, Nordfrankreich und im Rheinland

- World War II Victory Ribbon

- das Infanterie-Kampf-Abzeichen

- das Scharfschützen-Abzeichen und das Expert Rifle Bar Badge

 

Seine Kompanie wurde vom amerikanischen Präsidenten persönlich geehrt.

 

Frederick war ein aktiver Sportler. Er spielte an der Highschool vier Jahre Football und war außerdem aktiv als Pfadfinder und Mitglied seiner Kirche. Er gehörte zur Ersten Methodistenkirche in Paris.

 

Er hinterläßt seine Eltern, Mr. und Mrs. Fred R. Balch, und einen Bruder, William Raymond Balch."

 

Mitte Juni 1997 kehrte mich mit mit zehn Photos von St. Wendel und Umgebung vom März 1945 und etwa 250 Kopien von amerikanischen Kampfberichten verschiedener Infantrie- und Panzerdivisionen in der Tasche von einem Urlaub aus den Staaten zurück und begann unverzüglich mit der Übersetzung der Dokumente. Vieles, was im Buch "Die Amis kommen", besonders im zweiten Kapitel, von mir geschlußfolgert worden war, stellte sich als blühender Unsinn heraus. Und so beschloß ich, quasi im Eigenverlag eine Art Fortsetzung des Buches zusammenzustellen.

 

Während der Zusammenstellung der Unterlagen über die Besetzung des Kreises St. Wendel kamen so viele Seiteninformationen hinzu, daß ich das Opus auf die Besetzung des ganzen Saarlandes ausdehnte. Hierbei fiel mir auch ein Buch über die 94. Infantriedivision in die Hand, der Einheit, in der Fred diente.

 

Die 94. Infantriedivision wurde am 15.09.1942 in Ft. Custer, Michigan, aktiviert, und verließ New York im August 1944, um nach einem kurzen Zwischenstop in England am 08.09.44 im Bereich Utah Beach in der Normandie landete. Sie hielt sich bis zum 1. Januar im Raum Lorient und St. Nazaire auf, bis sie von der 66. Division abgelöst wurden. Am 07.011945 löste sie die 90. ID südlich von Wasserbillig ab, wobei sie deren Stellungen im Saar-Mosel-Dreieck bezog. Über Tettingen und Butzdorf zog sie durch schwere Kämpfe bis Nennig vor, wurde aber immer wieder zurückgeschlagen (Orscholz 20.01., Berg 23.-25.01., Campholz 15.02.).

 

Unterstützt durch schwere Artillerie und Luftunterstützung griff die Division mit allen drei Regimentern und Durchbruch durch den Westwall, an und - der 10. Panzerdivision folgend - klärte sie das Saar-Mosel-Dreieck unterhalb von Orscholz und Saarburg bis 21.02.45 an. Sie überquerte die Saar unter heftigem deutschen Feuer und errichtete am 22.02. bei Ockfen und bei Serrig-Taben je einen Brückenkopf. Es begannen schwere Kämpfe, aber die beiden Brückenköpfe wurden zusammengelegt, was die Anlegung einer schweren Pontonbrücke bei Saarburg am 26.02 möglich macht.

 

Die Division versuchte, ihr Gebiet nach Norden auszudehnen, um den Vorstoß der 10. PD nach Trier zu decken und den zusammengelegten Brückenkopf von Saarburg zu stärken. Ein deutscher Gegenangriff gegen 302 IR durchbrach ihre Linien und zwang die Division, ihre Front zu erneuern, um eingedrungenen Feind rauszuwerfen. Dies geschah bis zum 08. März.

 

Ab 13. März nahm die Division dann mit der Überquerung der Ruwer an der Operation Undertone teil, deren Ziel das Erreichen des Rheins und das Einkesseln der zurückweichenden deutschen Truppen war. Bis zum Kriegsende in Europa knapp zwei Monate später betrugen die Verluste der 94. US-Infanterie-Division 4.789 Verwundete und 1.156 Tote. Einer von ihnen war Frederick Balch.

 

Es folgt ein Auszug aus dem Buch "Die 94th Infantry Division", Kapitel CT 376, Seite 350-353 (eigene Übersetzung):

 

Am Nachmittag des 25. (Februar 1945) wurde die B-Kp, 61st Armored Infantry Battalion dem 2. Bataillon unterstellt. Zusammen mit dem 3. und 4. Zug der F-Kp wurde sie beauftragt, Schoden anzugreifen und die feindlichen Bunker, die für das Gelände um die Brücke südlich der Stadt eine ständige  Belästigung  darstellten. Die Kompanie arbeitet sich nach Norden entlang des Flusses und nach schwerem Kampf erzwang sie sich ihren Weg in den südlichen Teil des Ortes. Zur Rechten leitete Captain Frederick D. Standish die Gruppe der F-Kp entlang den Eisenbahnschienen durch ein sehr schwer befestigtes Gebiet. Als sie vorstießen, war ihre rechte Flanke  dem Feuer einer Serie von Feindbunkern auf der Höhe östlich von Schoden ausgesetzt. Es gab nur langsame Fortschritte, und erst nach erbitterten Kämpfen konnten die ersten Bunker in ihrem Sektor eingenommen werden. Darauf hin versuchte man, den Kontakt mit der unterstellten Kompanie zur Linken wiederherzustellen. Kurz nach Einbruch der Dämmerung sahen sie eine Kolonne deutscher Soldaten, die die Eisenbahnschienen entlang auf sie zu kamen. Da sie wußten, daß die Infantristen der Panzerdivision schon weiter nördlich waren, nahmen sie an, daß es sich bei den Deutschen um Kriegsgefangene handelte, die nach hinten gebracht wurden. Diese Kolonne war schon bei den Wachen angelangt, die auf den Bunker aufpaßte, in dem ungefähr die Hälfte der Gruppe sich ausruhte, als sie feststellten, daß die Deutschen gar keine Gefangenen waren. Auf engstem Raum brach sofort ein Kampf los, und der zahlenmäßig überlegene Feind durchbrach die amerikanischen Verteidigungsstellungen. Die Deutschen umzingelten den Bunker, und Captain Standishs wiederholte Versuche, sich durch den Feind durchzukämpfen und seine Männer aus dem umzingelten Kasten herauszuholen, scheiterten.

 

In der Zwischenzeit waren der 1. und 2. Zug in Ockfen angelangt. Da sie in der vergangenen Nacht durch feindliche Artillerie schwer getroffen worden waren, wurden sie am späten Nachmittag für eine kurze Ruhepause abgelöst. Als die Nachricht eintraf, daß sich Captain Standish und der Rest der Kompanie in Schwierigkeiten befänden, organisierten sich die Züge und eilten nach Norden. Eine kleine Sicherungsgruppe zog auf der östlichen Seite der Eisenbahn entlang, um die rechte Flanke zu decken, während der Hauptteil der kleinen Streitmacht westlich der Schienen vorstieß. Die Gruppe konnte die deutschen Linien durchbrechen und erkämpfte ihren Weg in einen Schützengraben, der direkt an den von den Amerikaner gehaltenen Bunker führte. Die Gruppe entdeckte dann, daß sie sich auf der Rückseite des riesigen Kastens befand, vor ihnen eine blanke Wand aus Beton. Beide Seiten der Befestigung erhielten dauernden Maschinengewehrbeschuß aus fünf oder mehr Waffen, die abwechselnd auf den Bunker schossen. Man versuchte, mit den eingeschlossenen Männern zu reden, aber es war unmöglich, einen Kontakt durch die sechs Fuß dicken Betonwände herzustellen.

 

Zur gleichen Zeit bearbeitete der Feind die Front des Bunkers mit der Absicht, die eingeschlossenen Männer zur Aufgabe zu zwingen. Als dies fehlschlug, setzten die Deutschen eine Panzerfaust ein, die aber der hervorragend konstruierten Befestigung keinen Schaden zufügte. Eine große Sprengladung wurde in einer Schießscharte des Bunkers eingesetzt, und gegen 01.45 Uhr gab es eine schreckliche Explosion. Stöhnen und Schreie der Agonie folgten. Dann war es eine Zeitlang still, gefolgt von den Geräuschen von Bewegungen aus dem Norden von den Geleisen her. Wiederholte Versuche der Entsatztruppen, die Stellung zu umgehen, wurden sofort durch das schwere feindliche Feuer gestoppt. Um 03.00 Uhr wurden die Entsatztruppen aus ihren Stellungen geworfen, so daß dem 1. und dem 2. Zug nichts übrig blieb, als sich zurückzuziehen.

 

 

 

Monate später, nach der Einstellung der Feindseligkeiten, gab First Sergeant Bower in einem persönlichen Brief an Staff Sergeant Shafto von der F-Company eine vollständige Beschreibung dieser Aktion aus der Sicht der Verteidiger des Bunkers. Das Folgende stammt aus diesem Brief:

 

"13. Juni 45

 

Lieber Harold,

ich habe heute deinen Brief erhalten, wobei ich sicher bin, daß ich darauf gewartet habe. Dachte schon, du hättest einen Schreibkrampf. Natürlich bist du dieses Mal entschuldigt, da ich weiß, daß du sehr beschäftigt bist.

 

Well, Shafto, es tut gut zu erfahren, daß ihr damals versucht habt, uns in jener verhängnisvollen Nacht aus dem Bunker herauszuholen. Ich werde dir jetzt erzählen, was damals geschah.

 

Zunächst hatten wir nicht genug Posten draußen, und die, die draußen waren, waren nicht weit genug vom Gefechtsstand entfernt ...

 

Ich konnte keine Verbindung mit dem Bataillon herstellen, weil das Funkgerät (SCR-300) durch eine Granate zerstört worden war und der Funker in den Magen getroffen wurde. Ich hatte mit Colonel Martin gesprochen und ihm gesagt, daß wir von rechts und von vorne angegriffen würden - unten an der Eisenbahn. Wir hatten ein paar Verluste und keinen Sanitäter. Der Artillerieoffizier wurde auch getroffen. Unsere Männer kamen nicht schnell genug raus ... als sie den Bunker verließen, wurden sie getroffen. Ich weiß nicht, wer alles getötet wurde. Es waren einige, weil ihre Körper außerhalb des Bunkers lagen. Wir waren ungefähr 25 Mann im Bunker. Du weißt ja, sie kriegten uns nicht bis 01.30. Unsere Munition ging aus, aber wir wollten sie nicht in den Bunker reinlassen. Sie sprengten zwei Löcher hinein und warfen Percussionssgranaten hinein die ganze Nacht hindurch. Die letzte, die sie warfen, machte uns bewegungsunfähig, und wir konnten nicht mehr feuern, als die Tür aufging und sie hereinstürmten. ...

 

Weißt du, nachdem das 300er Funkgerät zerstört war, versuchte ich den kommandierenden Offizier der Kompanie über das 536 (Funkgerät) alle halbe Stunde bis 01.00 Uhr zu erreichen - ich versuchte es, hatte aber keinen Erfolg. Sie hielten beide Eingänge des Bunkers in Schach - wir waren gefangen wie Ratten.

 

Übrigens - das hab ich seit dem schon ein paarmal gesagt - wenn ich jemals unseren Sani in die Finger bekomme - an seinen Namen darf ich gar nicht denken - bring ich ihn um. Wir mußten unsere Unterhemden zerreißen, um sie als Verbandszeug zu benutzen ... als wir ihn brauchten, war er nicht da. Es war die Hölle, Harold, Männer weinten und schrien. Ich hatte eine harte Zeit dort unten, weil die meisten von ihnen aufgeben wollten, und ich war mir sicher, daß man uns von dort unten befreien würde ... Wir hatten nur noch ein paar Schuß Leuchtspurmunition übrig, als sie das letzte Loch in den Bunker sprengten.

 

Sobald wir aus dem Bunker kamen, schlugen sie uns die Helme vom Kopf, durchsuchten und filzten uns. Rundherum ging überall Mörserfeuer nieder. Eine Granate ging nur sechs Fuß von dort hoch, wo ich stand. Zwei Krauts neben mir bekamen die ganze Ladung ab, und ich sprang in einen Graben direkt auf sie drauf. Da war die Hölle los. Ich glaube, ich hab ein paar verletzt - als ob ich mir was draus gemacht hätte. Es ist wie ein Traum, den man am liebsten vergißt.

 

Ich hätte in der ersten Nacht schon flüchten können, aber wir mußten unsere Verwundeten tragen ... obwohl noch nicht die Hälfte bei uns waren. Ich vermute, die Deutschen haben sie rausgebracht. In den Wäldern hinter uns gab es sehr viele Krauts. Wir wanderten drei Tage und zwei Nächte vorwärts und rückwärts durch die Wälder, niemals auf Straßen. Es war die Hölle. Nichts zu essen und nichts zu rauchen.

 

Weißt du, Shafto, du hast gesagt, ich sei zu alt für die Infantrie. Du hast recht. Aber als Gefangener war ich standhafter als die jüngeren. Und ich hatte diese Scheiß-Schuhe, die mir fast die Füße ruinierten. Ich erhielt keine neuen Schuhe mehr, bis wir befreit wurden. Weißt du, meine Socken gingen kaputt, und ich trug die Schuhe die ganze Zeit ohne Socken. Es gab noch ein paar andere von uns, die in der gleichen Verfassung waren. Es war die Hölle, als wir die ganze Zeit, während ich Gefangener war, herumwanderten - nichts zu Essen im Bauch. Ich kippte zweimal um, aber viele der Jungs wurden jeden Tag ohnmächtig. Die Krauts warteten, bis es soweit war, dann wurdest du wieder auf deine Füße gestellt und kamst hinten in die Kolonne rein. Wir wurden dreimal durch unsere eigenen Flugzeuge mit Bordwaffen beschossen. Ich glaube, ich muß damals Pferdehufe gehabt haben ...

 

Ich kam zurück ohne Kratzer, abgesehen von einem infizierten Fuß. Ich habe heute noch Narben davon. Hier habe ich eine schöne Zeit, Frieden und Ruhe. Laß dir von niemanden erzählen, Amerika sei nicht Gottes Land ...

 

Nun, Harold, ich war noch nie gut im Briefeschreiben, wie du wohl weißt, aber ich könnte noch seitenweise schreiben. Grüß alle Jungs von mir, die noch übrig sind. Ebenfalls die Offiziere, Colonel Martin und Captain Whitman und Captain Standish ganz besonders.

 

Übrigens ______ (Name wurde weggelassen) bekam einen Anfall im Bunker in jener Nacht. Es war furchtbar. Wir brauchten zwei Mann, um ihn niederzuhalten, und er kotzte alles voll. Das war eine Scheiße. Schließlich überstand er es. Weißt Du, Shafto, ich konnte damals nicht aufgeben. Trinke jetzt einen Doppelten  Four Roses  in Erinnerung an unsere schöne Zeit zusammen ... Hoffe, daß wir noch ein paar schöne Stunden zusammen haben, wenn es die Zeit erlaubt. Wie sieht s aus, alter Junge? Und noch etwas: Dein Brief hat mir gutgetan. Bitte hör nicht auf, mir zu schreiben.

 

Dein TOP"

 

Der verwundete Funker, der im Magen getroffen wurde, war Fred Balch.

 

 

 

Das Lazarett in der St. Wendeler Kaserne im Zweiten Weltkrieg

 

Schließlich erreichte mich kurz vor Weihnachten ein Brief von Bill Balch:

 

"Lieber Roland,

vielen Dank für das Material, das Du mir gesandt hast. Die Bilder und Karten präsentieren zusammen mit dem Auszug aus der Geschichte der 94th Division ein klares und detailliertes Bild der Umstände, die zu Fredericks Tod führten.

 

Die Welt des Jahres 1995 ist so verschieden von der Jahres 1945, sie ist unendlich viel kleiner geworden. 1945 war ich ein Teenager, der in einer sehr isolierten Umgebung lebte. Um Neuigkeiten zu erfahren, waren wir vom Radio abhängig - das Fernsehen, das die Welt zu uns nach hause brachte, gab es noch lange nicht. Die meisten Leute reisten per Bahn oder Bus, und von den Autobahnen, die die Bundesstaaten verbinden, wußte man noch nichts. So gesehen war Europa so weit entfernt wie der Mars oder der Jupiter.

 

Ich schreibe dies, um Dir einen Eindruck der Lebensweise jener Tage zu geben und zu zeigen, wie es damals bei uns aussah. Der Gedanke, daß wir eines Tages den Weg zurückverfolgen könnten, der zu seinem Ende führte - daß wir jemals tatsächlich jene Flüsse, Städte und Berge sehen könnten - das war fast so unmöglich wie die Idee, einen Menschen zum Mond zu bringen.

 

Aber dank Deines Interesses an der Geschichte und dem Schicksal eines gefallenen Soldaten hast Du mir die Möglichkeit gegeben, diese letzte Reise mitzuerleben.

 

Es ist immer noch schwer, mit dem Verlust fertig zu werden, selbst nach all den Jahren, die seitdem vergangen sind. Wenn ich die Bilder betrachte, die Du mir geschickt hast, die all diese Orte zeigen, und sie dann in die Geschichte seiner Kompanie einpasse, wird alles für mich lebendig. Und ich muß feststellen, es ist, als ob ich eine griechische Tragödie lese - in der, obwohl Du weißt, daß sie schließlich in einer ausweglosen Situation endet, Du immer noch hoffst, daß ein Wunder geschieht, das es aber nicht geben kann.

 

Nach dem ich Dein Material erhalten hatte, las ich einige von Fredericks Briefen, die er aus Europa geschrieben hatte, noch einmal. Einige kamen aus England, einige aus Frankreich und ein paar aus Deutschland. Wie Du vielleicht weißt, wurde die Übersee-Post der Soldaten als "V-Mail" versandt - scheinbar kleine photographische Kopien des Originals (ich vermute, daß man damit auf den befördernden Schiffen oder Flugzeugen Platz sparen wollte). Es war gerade soviel Platz wie auf einer heutigen Postkarte. In den meisten BriefeN dankte er meinen Eltern für die Essenspakete, die sie ihm geschickt hatten (Fred war bekannt für seinen großen Appetit). Natürlich waren alle Briefe zensiert, so daß es keine detaillierten Angaben darüber gab, wo sie waren oder was sie taten.

 

Er beklagte sich in seinen Briefen niemals über seinen Dienst, das Wetter oder sonst etwas. So ziemlich der einzige Anhaltspunkt, der uns zeigen könnte, wo er sich befand, war eine Bemerkung, daß er sich in einem Haus aufhielt, das kalt war und daß er sich etwas Fleisch kocht. Er schrieb außerdem, daß er ein ?snow-pack?  erhalten habe - ich vermute, daß waren Winterkleidung oder Winterschuhe. Möglicherweise schrieb er das aus Deutschland.

 

Es ist natürlich schwer für mich, mir die Schrecken vorzustellen, die der Krieg über Euer Land brachte. So wie wir einen geliebten Menschen verloren haben, bin ich sicher, Du hast ältere Verwandte, die den gleichen Kummer erlebten, als sie einen geliebten Menschen im Kampf verloren. Dazu erlitten Deine Leute noch den physischen Verlust ihres Zuhauses und der Städte durch Bomben und die Gefechte im eigenen Land.

 

Es war ein trauriges Kapitel der Geschichte und sicherlich ein tragischer Verlust im Leben einer ganzen Generation junger Männer und Frauen.

 

Bitte entschuldige, daß ich Dir meine Gedanken und Erinnerungen aufdränge, die so viele Jahre umfassen. Aber ich hoffe, sie drücken meinen Dank für Deine außerordentliche Leistung aus, uns die Informationen über Frederick zusammenzustellen. Ohne Dein Interesse hätte ich niemals eine Antwort auf ein Rätsel (Mysterium) erhalten, daß unlösbar schien.

 

Ich hoffe, daß Du uns bei deiner nächsten USA-Reise besuchen wirst. Wir haben zusätzliche Schlafzimmer in unserem Haus, und meine Frau und ich würden uns freuen, Dich als unseren Gast willkommen heißen zu können. Wie ich schon sagte, daß US Military Personel Records Center ist nur fünf Minuten von hier.

 

Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein glückliches Neues Jahr und verbleibe mit freundlichen Grüßen

 

 

                     Bill Balch

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
E-Mail: rolgeiger(at)aol.com · (c)2009 hfrg.de

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