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Veröffentlichtes -> Vortrag in Maryland

Vortrag am 8. Janur 2012 im Tempel Emanuel in Kensington Maryland bei Dr. Itzik Eshel:

 

?Mein Vater Walter hat die Flucht aus seiner Vaterstadt nie überwunden. Nach dem grünen St. Wendel in der Wüste von Palästina leben zu müssen ? In Israel ist er nie zuhause gewesen. Er richtete sich hier ein, baute ein Haus, gründete eine Familie, zog seine Kinder groß. Aber im Herzen ist er immer in Deutschland geblieben. In Israel nannte er sich mit seinem jüdischen Namen Benjamin. Walter nannte ihn nur seine Ehefrau, und auch nur, wenn sie richtig sauer auf ihn war?.

 

So berichtete Dr. Itzik Eshel am vergangenen Sonntag im Gemeindesaal des Tempels Emanuel in Kensington, Maryland, einer mittelgroßen jüdischen Gemeinde von ungefähr 540 Familien, nicht weit von Amerikas Bundeshauptstadt Washington, D.C., entfernt. Eshel ist Direktor des Bildungswesens, das die Gemeinde in eigenen Religonsschulen für rund 300 Studenten unterhält. Geboren wurde er in Israel; mit Deutschland, dem Land seiner Vorväter, hatte er nach eigenen Angaben bis vor ein paar Jahren nichts am Hut.

 

?Mein älterer Bruder Eli besuchte vor fünf Jahren die Heimatstadt unseres Vaters und Großvaters und kam begeistert zurück. Ich hatte bis dahin keinen Gedanken daran verschwendet. Aber als meine Frau Ronit und ich im vergangenen Jahr Deutschland besuchten, stießen wir in Baden-Baden auf die Freundlichkeit der Deutschen, und sie hat uns verzaubert. Wir mieteten ein Auto, und wie von allein kamen wir nach St. Wendel. Ich war noch nie hiergewesen, aber ich fand den Weg wie in einem Traum. Wir fuhren hinauf in die Hospitalstraße, wo ich mitten im Halteverbot parkte, um den Platz zu fotografieren, wo früher das Haus meiner Großeltern stand (Hospitalstraße 32). Zwei Polizisten fragten, was ich da mache, und meine Frau ging energisch auf sie zu und rief: Lassen Sie ihn in Ruhe, er kommt aus Amerika und fotografiert das Haus seiner Vorfahren. Aber gern, sagten sie, nehmen Sie sich ruhig Zeit. Dann stellten wir den Wagen im Rathaus ab und gingen zum Marktplatz ins Rathaus, um mit jemand Offiziellem zu sprechen. Und ob Sie?s glauben oder nicht, man empfing uns freundlich und zuvorkommend und war ganz neugierig, was aus unserer Familie geworden war.?

 

Nur drei der fünf Familienmitglieder sind 1936 den Nazis entkommen: Isaac Lehmann (1861-1937), sein Sohn Walter (1902-1973) und seine Tochter Paula (geb. 1895). Isaacs Ehefrau Rosa geb. Hess war 1934 gestorben, ihr Grabstein steht noch heute auf dem jüdischen Friedhof bei Urweiler. Tochter Thekla (geb. 1897), eine ehemalige Bankangestellte, wurde für geisteskrank und Eugen Berl gerichtlich zu ihrem Vormund erklärt; sie kam nach Sayn bei Koblenz in eine jüdische Nervenheilanstalt und von dort direkt ins KZ Auschwitz, wo sie 1941 ermordet wurde. Tochter Flora Maria (geb. 1907) war eine gelernte Säuglingsschwester. Als ihr Vater und ihre Geschwister St. Wendel verließen, blieb sie da und verzog im Sommer 1936 nach Frankfurt am Main. Ein Jahr lang arbeitete sie in einem jüdischen Heim für alleinerziehende Mütter und schwangere ledige Frauen, dann zog sie nach Berlin. Von dort wurde sie 1943 nach Auschwitz deportiert und umgebracht.

 

Anlaß für Dr. Eshels Bericht war eine Powerpoint-Präsentation über die Juden in St. Wendel, die ich über das Internet präsentierte. Ich hatte ? basierend auf einem früheren Vortrag über die St. Wendeler Juden vom 14ten bis ins frühe 20te Jahrhundert, den ich vor zwei Jahren im Adolf-Bender-Zentrum gehalten hatte ? eine kurze Vorstellung der Stadt St. Wendel und dann die Geschichte der Juden im Amt St. Wendel und dann ab 1860 zusammengestellt. Ich hatte den Vortrag per Internet übermittelt und kommentierte ihn nun über das Internet-Kommunikationssystem Skype. Einen großen Raum nahm die Synagoge in der Kelsweilerstraße im Vortrag ein, ihre Planung, ihr Bau und ihre Zerstörung. Über den jüdischen Friedhof leitete ich auf die Familie Lehmann, die 1893 aus Darmstadt nach St. Wendel übersiedelte, erst in der Kelsweilerstraße in einem Haus neben dem Bahnübergang, dann in der Balduinstraße im Haus von Mayer Eppstein (heute ?El Corazon?) wohnte. 1902 kaufte Isaac Lehmann das Haus in der oberen Hospitalstraße, das er 1935 für 8.000 Goldmark wieder verkaufte.

 

Der Vortrag dauerte eine gute Stunde, während der die Verbindung ohne Probleme aufrechterhalten werden konnte. Jeder im Saal wußte, dass das Ende ? der Holocaust ? unausweichlich war; den Abschluß des Vortrages, der in englischer Sprache gehalten wurde, bildete der ?Stolperstein? von Erna Berl und die erste Textzeile des jüdischen Totengebetes ?Kaddisch?, die Dr. Eshel vortrug. Das Publikum dankte mit einem kräftigen Applaus und stellte noch zahlreiche Fragen. Dr. Eshel sprach die Schlußworte und legte seinen Zuschauern nahe, bei ihrem nächsten Deutschlandbesuch doch auch einmal nach St. Wendel zu kommen. Er wird auf jeden Fall wiederkommen und dann seinen beiden Töchtern Neir und Inbal die Heimat ihrer Vorväter zeigen.

 

 

 

Skype macht's möglich - ein Vortrag in Amerika, gehalten in Deutschland.

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