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Geschichte(n) -> Entlang der alten St. Wendeler Banngrenze

Einmal rund um St. Wendel -

 eine Wanderung entlang der alten St. Wendeler Banngrenze

 

Kennen Sie sich ein bißchen in der Geschichte aus? Nein, nicht Julius Caesar, Martin Luther, Robert Redford usw., nein, hier in unserer örtlichen, ureigensten Geschichte.

 

Ja? Nein? Nun, egal.

 

Früher - also bis 1859 - waren St. Wendel, Breiten und Alsfassen eigenständige Orte (Niederweiler und Kelsweiler waren damals schon lange verschwunden). Dann drehte irgendein preußischer Beamter schwer am Rad (nicht der Geschichte, sondern am eigenen geistigen) und verlangte einen Haufen Geld, wenn das bestehende Gemeingefüge, wie es bis dahin bestanden hatte, weiterhin so bestehen sollte. Schon damals hatten die Leute in Alsfassen und Breiten "nix om Lombe", noch weniger als die in der Stadt St. Wendel, und so beantragte Jakob Altmeyer, der letzte Ortsvorsteher des unabhängigen Alsfassens (er wohnte übrigens in "Neumersch Hous" im Mühlwiesgäßchen) die Zusammenlegung von Alsfassen und Breiten mit St. Wendel (okay, das war eine grobe Kurzfassung). Und seitdem haben wir die Stadt St. Wendel neuerer Prägung.

 

Was sich aber nicht geändert hatte, war der gemeinsame Bann, den Alsfassen und Breiten und Niederweiler und St. Wendel, seit Anbeginn aller bekannten Zeiten hatten. Gemeinweidig nannte man das. Topographisch - also auf der Landkarte - sieht das so aus: alle vier Orte lagen auf einer genau umgrenzten Fläche, Bann genannt, die allen vier Orten gehörte. Das heißt: ein Haus, das in Alsfassen stand, stand auf Grund und Boden, der nicht nur zu Alsfassen, sondern auch zu den drei anderen Orten gehörte. Nur ein Haus, das in der Stadt St. Wendel (ähm, der alten Stadt St. Wendel, also innerhalb der ehemaligen Stadtmauern bzw. innerhalb der westlich drangeklebten Burg) stand, stand nur auf St. Wendeler Stadtboden, hier hatten die Alsfassener, Breitener und Niederweilerer keine Rechte.

 

Gut anschauen können Sie sich das übrigens im ersten Stock des Mia-Münster-Hauses; dort liegt in einer Vitrine aufgeschlagen ein großes, altes Buch aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, das B-102 (das ist die Signatur des Stadtarchives). Dieses Buch - übrigens von dem bekannten Geometer Schmoll genannt "Eisenwerth" 1829 von einer Vorlage von 1787 kopiert (die wiederum von einem Geometer namens Röhn angefertigt worden war) - zeigt alle Grundstücke, die auf diesem gemeinen Bann liegen, und auch nur die. Da das Buch in der Vitrine liegt und das Blatt 2 "Alsfassen" aufgeschlagen ist, sehen wir darauf leider momentan nicht, worauf ich hinauswill. Ein paar Seiten weiter würden wir das gut sehen, dort wo die Darstellung der Mott auf die Stadtmauer trifft. Dahinter - also im Innenbereich der Stadt - wird nichts dargestellt, weil das dortige Gebiet eben nicht mehr auf dem gemeinen Bann liegt (dieses Gebiet, die alte Innenstadt, sehen Sie auf der Karte, die im gleichen Raum des Museums an der Wand hängt; die dort gezeigten Häuser stehen alle nicht auf der Gemeinweide, sondern auf rein-St. Wendeler Bann).

 

Wie groß war denn nun dieser gemeine Bann? Und wo waren seine Grenzen? Und welche Auswirkungen hat das heute noch?

 

Nun, der gemeinsame Bann bewirkt z.B. daß die Göckelmühle bei Baltersweiler gar nicht zu Baltersweiler gehört, d.h. das alte Mühlengebäude und der Schweinezuchtstall (der so furchtbar riecht, wenn man dran vorbeispaziert) stehen in St. Wendel, während die Familie Schlotterbeck in ihrem neuen Fachwerkhaus in Baltersweiler wohnen. Er bewirkt, daß der Winkenbacherhof (beachten Sie das "n" statt des oft gebräuchlichen, aber falschen "l") komplett auf St. Wendeler Gemarkung liegt. Daß Professor Kornbrust's Haus an der Dammera - weit draußen vor der Stadt - noch in St. Wendel liegt. Daß das Bildhauersymposion - jedenfalls auf dem Gelände des alten Baltersweiler Sportplatzes - auf St. Wendeler Gemarkung liegt, nicht etwa auf Baltersweiler Bann.

 

Haben Sie ein bißchen Lust, mich einmal rum zu begleiten? Wenns Ihnen langweilig werden sollte, sagen Sie kurz Bescheid, dann hör ich sofort auf. Ein Tip: nehmen Sie sich ne Landkarte zur Hand, dann geht’s einfacher.

 

Da wir Baltersweiler schon abgehandelt haben, machen wir dort gleich weiter und wenden uns gen Westen, also Richtung Bliesen. Göckelmühle und Winkenbacherhof sind klar. Jetzt geht’s hinter der großen Talbrücke der B-41 durchs Bliestal, den Hang hinauf zur Landstraße nach Bliesen. "Goldwäldchen" heißt der Flurname am Hang, oben die Kuppe heißt "Am Rothen Stein". Hier stand kurz nach 1800 mal eine Signalstation, die Nachrichten an den Schaumberg weitergab (und natürlich von dort empfing). Auf der anderen Straßenseite geht’s die "Patrolseich" hinunter Richtung Wallesweilerhof. Die große Wiese zwischen Hof und Konversionsgelände war vor 200 Jahren ein großer Weiher, der zur Hälfte zu St. Wendel und zur Hälfte zu Tholey gehörte. Die Grenze läuft an ihm und seinen beiden, westlich gelegenen Fortsetzungen (also noch zwei Weiher, aber kleiner) entlang, bis sie unterhalb des Harschbergkopfes und des Harschbergerhofes auf die Straße nach Winterbach trifft. Zwischendurch wurde sie früher zwischen zweien der Weiher von der alten Straße von St. Wendel nach Tholey gekreuzt, die oberhalb des Wallesweilerhofes über Winterbach hinauf zur Reinstraße führte (hier gingen demnach auch die Prozessionen nach St. Wendel und Tholey durch, nicht über die Streckenführung, die in den letzten paar Jahren immer wieder benutzt wird).

 

Auf der anderen Seite der Straße geht’s schräg weg nach Südost in relativ gerader Linie bis zur Wurzelbach; auf der anderen Seite der Grenze liegt jetzt die Oberlinxweiler Gemarkung. In etwa parallel zum Weg von der Wurzelbach ins St. Wendeler Industriegelände, der oberhalb von Mercedes - unterhalb des Hamburger-Kreisels - rauskommt, verläuft auch die Grenze. Hier zeugen - gut im Gebüsch versteckt - noch einige alte Grenzsteine davon. Die Gemarkungen oberhalb Wurzelbach heißen Hirzkopf und "Streit". In der Gemarkung "Schmalwies" geht’s hinunter zur Bahnlinie Saarbrücken-Bingerbrück durch dieses Tal zwischen dem Rücken, auf dem in Oberlinxweiler die Globus-Koordination liegt, und dem Tholeyerberg, also in etwa der B-41-Trasse und der sog. "Rennstrecke" folgend. Östlich der Bahnlinie geht’s wieder über die Blies und an der Bundeswehr vorbei den sog. "Berzberg" hinauf. Hier knickt die Grenze nach Nordosten weg und verläuft mitten durch die Straße "Am Schlaufenglan". Da wohnen die Leute links in St. Wendel und die rechts in Oberlinxweiler. Vor dem UTZ biegt die Grenze wieder nach Osten ab und läßt das neue Marienkrankenhaus in Oberlinxweiler liegen. Sie verläuft jetzt bis hinauf zum Waldrand unmittelbar an der Straße nach Werschweiler. Am Waldrand knickt sie nach Norden ab. Östlich liegt jetzt die Werschweiler Gemarkung.

 

Oben angekommen folgt sie dem alten Feldweg durch den Wald entlang der Kadaver der gesprengten Bunker des 2. Weltkrieges. Hier findet sich noch der ein oder andere Grenzstein, halb vergraben, halb verwittert, aber immer noch standhaft seine Aufgabe erfüllend. Hinter dem Wald stößt sie auf den Panoramaweg und folgt ihm bis zum Anstieg auf den Hügel vorm Paterhof. Hier werden die Grenzsteine dichter und größer. Mitten auf dem Feld oberhalb des Paterhofes laufen drei Bänne zusammen, der St. Wendeler, der Werschweiler und der Niederkirchener, symbolisiert durch drei große Grenzsteine. Früher lief der Feldweg hier direkt an den Steinen entlang, er wurde vor etlichen Jahren begradigt.

 

Der Grenze macht das nichts aus, sie läuft hinunter zur Straße nach Niederkirchen, überquert sie und biegt dann nach Südwesten ab, unterhalb des Parkplatzes, auf dem sich die Läufer treffen, die den Bosenberg unsicher machen. Die Straße windet sich am unteren Hang des Bosenberges entlang und mit ihr die Banngrenze. Beide passieren die frisch renovierte Milchhalle (die auf Urweiler Gemarkung liegt). Am Ende des Waldes trennen sie sich. Die Banngrenze wendet sich nach Nordwesten, wo sie kurze Zeit später die Straße nach Urweiler trifft - nur ein paar Meter hinter dem Standort der ehemaligen Urweilermühle. Sie folgt dem alten Mühlenteich auf der anderen Seite der Straße, durchwatet den Todbach und überquert zum zweiten Male die Bahngleise. Den Hang hinauf trifft sie in der Gemarkung Burschdell auf die Landstraße nach Baltersweiler. Und dieser folgt sie über die Höhe, durch Puhle-Wasser, wo schon mancher Autofahrer in der Kurve geradeaus fuhr. Sie passiert die ersten Steine des Symposions und trifft kurz vor Baltersweiler auf den anfangs genannten alten Baltersweiler Sportplatz. Und von dort geht es wieder hinunter zur Göckelmühle.

 

Das war's - einmal rund.

 

Dabei fällt mir etwas auf. Auf der Kopie der Gemeindekarte im Maßstab 1:10.000, die im Mai 1844 von dem Geometer Berthold entworfen und gezeichnet wurde und die mir als Basis meines Rundwandern vorlag, wird die Straße nach Baltersweiler noch als "Straße nach Birkenfeld" bezeichnet. Und mir kommt da der Verdacht, daß damit nicht die heutige Straßenführung gemeint ist, sondern die alte Römerstraße, die östlich von Baltersweiler vorbeizieht (bei Baltersweiler heißt sie "Trierer Straße"). Wenn dem so ist, dann muß ich mich bei den Leuten aus Urweiler entschuldigen; dann liegt nämlich der Platz mit den Skulpturen nicht auf St. Wendeler, sondern auf Urweiler Gemarkung. Könnte das mal jemand nachprüfen? Für den Fall, daß ich recht, also unrecht habe, schon mal ein "Entschuldigung" an die Leute in Urweiler.

 

"Grenzen existieren nur auf Karten und in den Köpfen kleiner Geister. Die Natur zieht keine Linien."

Tulisofala, Auszüge, CCLXII, vi

(übersetzt von Leisha Tanner)

 

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
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