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Erlebnisbericht des Zeitzeugen Kaplan A. Geisen, nach 1945
Original: vermutlich Pfarrarchiv Bliesen

Alois Geisen,
27.07.1902 geboren in Polch
04.08.1929 geweiht
04.03.1930 Kaplan in Hönningen am Rhein
11.02.1932 Kaplan in Bliesen
27.07.1936 Pfarrvikar in Elkenroth
23.08.1941 Rektor in Maria-Trost bei Koblenz
13.07.1952 Pfarrer in Leimersdorf^
Quelle: Die Geistlichen des Bistums, in: Handbuch des Bistums Trier, 1960, S. 212

"Sündenkatalog" des Pfarrers Nikolaus Weiler in Bliesen/Saar

Betrifft: NS /Dokumentation

Die erste Wahl nach der Rückgliederung des Saargebietes - Fastenzeit 1936 war der Beginn der Vertreibungsaktion meines Chefs, des Pastors Nikolaus Weiler von Bliesen. Vor dieser Wahl war die Parole ausgegeben: "Jeder gute Deutsche wählt offen." Vier Personen der Gemeinde Bliesen wählten "geheim": Pastor N. Weiler, Kaplan A. Geisen, Frl. K. Weiler und ein Schreinermeister. Daraus folgerte die Wahlleitung die "Nein"-Stimme des Pastors, um den NS missliebigen Pastor zu vertreiben

Das war aber nicht der eigentliche Grund der Vertreibung. Der tiefste Grund zur Vertreibung war die Vereitelung einer Großsiedlung im Kleingartenbezirk der Bergleute. Man konnte so kurz nach der Rückgliederung der Saar nicht schon enteignen. Der von St. Wendel gekommene Wirtschaftsbevollmächtigte befragte die einzelnen Parzellenbesitzer. Er beging den Fehler, Pastor Weiler als Vertreter von Kircheneigentum zuerst zu befragen. Er sagte nein. Ihm folgend erklärten alle ihr Nein. So fiel der Plan ins Wasser. Das wurmte NS.

Die Wahl war nun ein gekommener Anlass, den wie erwähnt missliebigen Pastor zu vertreiben

Am Freitag nach der Wahl wird die SA von Bliesen zum Marsch kommandiert - zum Marsch Richtung Dorf Grenze nach Oberteil zu. Dort Kommando: Zurück zum Pfarrhaus. Aufstellung vor Gelände des Pfarrhauses. Ich saß mit 3 Konvertiten im zum Vorgelände gelegenen Sprechzimmer. Man hörte einen Sprechchor: "heraus mit dem Lump, der Deutschland seine Stimme versagt hat". Die Konvertiten wurden durch die Gartenhaustür herausgelassen, ein Telefongespräch wurde versucht. Das war aber schon unterbunden. Es schellte, und es erschien in der Oberlandjäger des Kreises und der Dorfgendarm. Der OLJ eröffnete dem Pastor Weiler, er sei beauftragt, ihn in Schutzhaft zu nehmen: das ganze Dorf sei erregt, weil er am Sonntag Nein gewählt habe.

Pastor Weiler:
Das ganze Dorf sei erregt? Er sei vor einer Stunde vom Krankenbesuch zurückgekommen. Er hätte keine Erregung gemerkt. Die Pfarrkinder seien so freundlich wie immer gewesen.
Nein gewählt! Das müsse erst einmal bewiesen werden.
"In Schutzhaft nehmen" - was bedeutet das?

LJG: Er werde aus dem Dorf nach dem Missionshaus in St. Wendel gebracht

Pastor Weiler: Der Pastor verlässt seine Herde nicht, besonders nicht in der Fastenzeit.

Nun allgemeiner Abzug. Die Burg war auf den ersten Sturm nicht gefallen. Verständigung des Standortes am Eingang des Dorfes von St. Wendel aus.

Jetzt erscheint der Amtsbürgermeister. Dieselbe Leier.

Pastor Weiler: Frage an den Dorfgendarm, ob er sich etwas zu Schulden haben kommen lassen. Nein, Herr Pastor, seine Antwort.
Nun sagt Pastor Weiler dem Amtsbürgermeister: Herr Amtsbürgermeister, wenn eine erregte Menge da sein sollte, so ist doch in ähnlichen Fällen ein Polizist im Stande, die Menge in Schach zu halten. Ich beantrage Polizeischutz.

Amtsbürgermeister: Er könne nicht für ausreichenden Schutz garantieren. Er müsse in Marpingen noch eine Festnahme machen - die Haushälterin vom Pastor (!). Die Burg war auf das Zweite nicht gefallen.

Neue Beratung im Standort, wo Landrat, Amtsbürgermeister und Gendarm ihre Pläne auswechseln.

Im Pfarrhaus saßen der Pastor, der Kaplan, die Schwester des Pastors und harrten der kommenden Dinge. Auf einmal sagt die Schwester des Pastors: ich höre wieder Schritte. Die Menge war nach dem 1. Fehlschlag traktiert und besoffen gemacht worden. Zunächst setzte ein wahnsinniges Schellen der Tages - und Nachtschelle ein, nachdem Abstellen das Bombardement. Mit einem Steinhagel wurden die Fenster der Parterre eingeworfen, mit Kolbenschlägen die Glasteile der Haustür eingeschlagen. Ich dachte: Anscheinend haben die nichts gegen dich - ich hatte mit Ja bestimmt, aber mit Einschränkung. Das hat aber NS mit voll Ja gewertet. Ein Jungführer sagte mir nach der Wahl: Herr Kaplan, Sie haben "patriotisch"gewählt. Ich folgte darum Pastor und Schwester in den 1. Stock.

Nach einer Weile hörte man eine Stimme von unten: Aufmachen!
Auf die Frage, wer ist da, kam die Antwort: der Landrat.

Pastor zum Landrat: das ist aber ein schöner Schutz im NS Staat.

Landrat: Sie hätten gut getan, bei der ersten Aufforderung mitzugehen. Ich fordere Sie zum letzten Mal auf mitzugehen. Nach Beratung kamen wir zur Erkenntnis: Die ruhen nicht, bis der Pastor mit geht.
Pastor Weiler: Gut, wenn ich der Gewalt weichen muß, dann ...
Die Schwester gab ihrem Bruder nun einige Utensilien mit. Das Auto stand schon auf der Straße parat. Letztes Wort des Pastors zu seinem Kaplan: Esto Fortis!

Die Fahrt führte nun nicht, wie gesagt zum Missionshaus, sondern nach Saarbrücken - Lerchesflur

Pastor zum OLJ: es geht aber nicht nach dem Missionshaus.
OLJ: Sie sind ja auch nicht dem 1. Aufruf gefolgt.

Am anderen Morgen 4 stündiges Verhör, betrifft "Nein- Stimmen", Fingerabdrücke, Fotografieren von allen Seiten. Schließlich Vorlegen eines Schriftstücks zwecks Unterschrift. Die Wahl zwischen Schutzhaft oder Ausweisung aus dem Saargebiet. Pastor Weiler wählte Ausweisung, aber nur mit dem Untersatz: "Füge mich nur, wie meine Behörde entscheidet."
Zur Grenze in Begleitung eines Polizisten gebracht, war in Trier sein 1. Gang zu den Brüdern zur "Entlausung"!

Nach Begegnung mit Generalvikar von Meurer, Wohnungnahme bei den Schwestern der Ewigen Anbetung.

Die Bliesener beklagten dieses rigorose Vorgehen der kleinen Naziclique. Sie scharten sich allabendlich zum Gebet zusammen, besonders zum heiligen Joseph. Sie sagten: Herr Kaplan, am Schutzfest des heiligen Joseph ist unser Pastor wieder da.

Und wirklich - am Freitagabend vor dem Schutzfest des heiligen Joseph - tauchte der Pastor unbemerkt auf. Er bedeutete, kein Aufsehen zu machen, er müsse sich ruhig verhalten. Das hinderte mich nicht, an anderen Morgen frühzeitig in die Sakristei zu gehen und den Küster aufzufordern, ein paar handfeste Männer herbeizuschaffen. Auf die Frage, was denn los sei, meine Antwort, der Pastor ist zurückgekehrt. Der rief dann hocherfreut ein paar Männer zum Zusammenläuten der Messe des Pastors herbei. Der Ruf seiner Glocken füllte natürlich die große Kirche, den "Blieser Dom". Nach der Kommunion intonierte der Organist das Te Deum. Wiederum Glockengeläute mit allen Glocken. Da ein Ausspruch eines jungen Lehrers: der NS Staat sei doch großzügig, dass er einen solchen Pastor ein solches Geläut koncediere.
Das Vorwort des zurückgekehrten Pastors: "Ihr seid meine Freude und meine Krone."

Zu den Anklagen 1937 und in der Folge kann ich keine Stellungnahme machen. Ich war zu der Zeit schon Pastor in Elkenroth. Ich wußte nur: In Meckel sei ihm vorgehalten worden, er würde die Kinder "zerkatechesieren". Er war ein Meister der Katechese. Bei einer Firmung des gestrengen Weihbischofs Fuchs ließ dieser ihm die ganze Katechese aushalten. Der stellvertretende "ghs", Hermann Ries, fragte mich: "Hält der immer so originelle Katechesen?"

Pastor Weiler war ein Athanasius der NS Zeit. Zweimalige Vertreibung.

Nach dem Krieg besuchten ihn junge Männer aus Bliesen und luden ihn zu einem Besuch ein. „Es ist Ihnen großes Unrecht geschehen. Das wollen wir dadurch gutmachen. „Der Pastor wird abgeholt, nicht ahnend, dass ein Triumphbogen am Eingang des Dorfes, wo bei der 1. Vertreibung der Standort der NS Behörde stand, aufgeführt ist. Da zeigte sich wieder richtig die invidia clericalis. Der Nachfolger hätte richtiger und gut getan, wenn er diese sie Pfarrei Bliesen Ehren der Geste gefördert hätte, anstatt der bischöflichen Behörde zu melden, sein Vorgänger hätte sich nochmals einführen lassen.

Pastor Weiler war ein einfacher Bergmannssohn und jeder "Überehrung" abhold.

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