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Brühlstraße 22

 

Das Haus vor der Brücke wurde im Sommer 1901 von dem Fotografen Peter Bahn in Auftrag gegeben und von der Firma Nikolaus Vollmann binnen sechs Monaten errichtet. Der ursprüngliche Plan für das zweieinhalbstöckige Haus sah eine Menge Verschnörkelungen und Verzierungen an den Dächern, Regenrinnen und Fenstern vor, die aber leider im Zuge der Baumaßnahme nur spärlich angewendet wurden. Aber auch so kam ein sehr ansehnliches Wohnhaus heraus. Zwischen Giebel und Blies zur linken wurde ein Treppenturm in Holzfachwerk angesetzt, der die Stockwerke miteinander verband und von einem spitzen Hut bekrönt wurde. Quer hinter dem Haus wurde das Atelier angebaut. Es sah aus wie ein großes Gewächshaus, denn in dieser relativ frühen Zeit der Fotografie wurde zumeist das Tageslicht als natürliche Beleuchtungsquelle eingesetzt. Weiße Tücher an der Decke konnten mit langen Stangen in die richtige Position gebracht werden. Die Dunkelkammern befanden sich je eine im Erdgeschoß und im ersten Stock. Ein einstöckiger Anbau für einen Laden, dessen Dach eine Art Plattform bildete, von einem hölzernen Geländer umgeben, wurde 1931 zwischen Turm und Blies gesetzt. Zu guter Letzt kam 1941 hinten rechts noch ein Küchenanbau hinzu, in Szene gesetzt von Architekt H. Zeeh aus Saarbrücken.

 

Die alten Pläne, die im Stadtbauamt aufbewahrt werden, verweisen extra auf eine etwa zwei Meter hohe Steinsäule, die an der rechten vorderen Hausecke stand und die Aufschrift "38,4" trug. Denn die Brühlstraße war damals noch die Provinzialstraße von Saarbrücken nach Bingen, und hier befand man sich genau bei Kilometer 38,4.

 

Hausherr war der Fotograf Peter Bahn, der um 1895 nach St. Wendel kam und dort kurz darauf Elisabeth Weisgerber heiratete, eine Tochter des Büchsenmachers Franz Weisgerber. Sie wohnten wahrscheinlich in der Kelsweilerstraße im alten Weisgerberschen Haus auf der anderen Schienenseite. Ihre gemeinsame Tochter Maria Gertrude, geboren im März 1899, wurde nur drei Tage alt. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau Anfang der 1920er heiratete Bahn die Bankangestellte Angelika Schleimer, die aus Bekond bei Trier stammte und in der Kreissparkasse St. Wendel arbeitete. Bahn hatte sie dort auch kennengelernt. Sie gab ihre Stelle bald auf, um ihrem Ehemann im Betrieb zu helfen. Die Fotografin Frau Klotz aus Ottweiler, eine Nichte Bahns, erinnert sich gut an eine Pose Bahns, wenn er am Tisch saß, die Stirn auf zwei gespreizte Finger gestützt, den Ellbogen auf dem Tisch. Dann wartete er darauf, daß ihn die Muse küßte. Frau Bahn war dann schnell hinterher, um ihn etwas anzuspornen.

 

Neben "photographischen Artikeln" startete Bahn 1935 auch den Versuch, eine Verkaufsstelle für Wein und das Erfrischungsgetränk "Coca-Cola" zu etablieren, aber das zog wohl nicht so richtig, und er stellte es wieder ein. In den 1930ern übernahm kurze Zeit der Fotograf Paul Wirth das Geschäft, ehe er sich in der Bahnhofstraße selbstständig machte.

 

Der Zweite Weltkrieg setzte der Familie furchtbar zu: erst traf die Nachricht ein, daß ihr einziger Sohn Karl Maria Bahn (geb. 1925) in Russland vermißt sei; dann wären beide fast selber ums Leben gekommen. Als am sechsten Dezember 1944 die amerikanische Fliegerbombe die Brücke in der Brühlstraße traf, ein riesiges Loch schlug und die Statue des hl. Christopherus in die Blies warf, wurde auch das Bahnsche Haus stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Laden nahe der Brücke wurde völlig zerstört und der Hut des Turms weggeblasen. Die Bahns machten sich schon im Juni 1945 ? noch während der Besetzungszeit der Amerikaner ? an die Wiederinstandsetzung. Aber für Peter Bahn war es insgesamt zu viel geworden, er starb am 1. April 1946 im Alter von 77 Jahren. Seine Ehefrau Angelika führte das Geschäft weiter. 1949 wurde der Laden wieder aufgebaut. Auch der Turm wurde wieder errichtet, allerdings ohne den charakteristischen Helm. An seine Stelle trat ein Walmdach.

 

Angelika Bahn wurde Mitte der 1950er krank und suchte zuweilen Hilfe und Zuflucht bei ihrer Schwester Angela Hirz aus Trier, deren Ehemann im Krieg gefallen war. Frau Hirz war Sozialarbeiterin und hatte nach dem Tod ihres Mannes in Düsseldorf ihr Studium fortgesetzt. Sie besaß ein Haus in Trier und eine Wohnung in Prüm, wo sie arbeitete. Bei einem dieser Besuche im November 1957 starb Angelika in Prüm. Die Eigentumsfrage war eine diffizile Sache. Ein Vertrag sah nämlich vor, daß bis zur endgültigen Klärung des Schicksals des vermißten Sohnes Karl Maria Bahn dieser Eigentümer des Anwesens sei. Als sog. "Abwesenheitspflegerin", also eine Person, die verbindlich Willenserklärungen zum Haus abgeben kann, trat die Witwe Angela Hirz aus Trier ein. Sie wohnte ab 1957 sporadisch im Haus. Im Jahre 1980 verkaufte sie es an das Architektenehepaar Erwin und Siglinde Johann. Heute gehört es deren Sohn Henri Johann.

 

Das Fotogeschäft im Erdgeschoß ging 1957 an den Fotografen Heinrich Brucker aus Hermeskeil über, der mit seiner Familie die Dachgeschoßwohnung bewohnte. Nach Bruckers Tod im Mai 1970 führte seine Witwe Gertrud Brucker das Fotogeschäft bis zum Dezember 2001 weiter.

 

In der Balduinstraße 72 eröffnete am 9. Mai 1931 der aus Urweiler stammende Schuhmacher August Stutz eine eigene Schuhmacherwerkstatt, zu der bald der Handel mit orthopädischen Schuhen hinzukam. Die Werkstatt übergab er bereits drei Jahre später seinem Bruder Peter Paul Stutz, der sie in die Luisenstraße 23 verlegte (eingestellt im Januar 1938). Nach einer kriegsbedingten Pause verlegte August Stutz seinen Laden, zu der er den Schuhmacherbetrieb wieder hinzunahm, am 5. Juni 1948 in die Brühlstraße 22. Seine Witwe (?) Luzia übernahm ihn im Februar 1988.

 

Seit den frühen 1960ern gab es rechts neben dem Fotogeschäft einen kleinen Friseurladen, der von Fritz Sauer betrieben wurde, dem Schwiegervater des Kfz-Händlers Heinz Droese aus der St. Annenstraße. Seine Nachfolgerin war Sina Kaprolat im Januar 1965, die es lange Jahre mit großem Erfolg führte; die Frauen aus St. Wendel gingen gern hierher zum Haarefrisieren, denn hier hatten sie das Gefühl, von einer richtigen Dame bedient zu werden. Frau Kaprolats Nachfolger Bruno Schmitt aus Hüttigweiler konnte diesem hohen Standard nicht genügen und wirtschaftete den Salon binnen Jahresfrist herunter. Im März 1996 verkaufte er ihn an Bianca Mörsdorf. Auch deren Geschäft gibt es heute nicht mehr.

 

Die alten Bahn'schen Glasplatten-Negative auf dem Speicher erwiesen sich leider als völlig unbrauchbar. Die Beschichtung hatte sich gelöst oder aufgelöst (das könnte ein chemischer oder bakteriologischer Prozeß gewesen sein). Deshalb konnten sie nur noch weggeworfen werden. Was natürlich sehr schade ist. Wer weiß, was darauf alles zu sehen war.

 

 

 

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