Schriftzug
Geschichte(n) -> Sankt Wenneler Tuwak

Sankt Wenneler Tuwak

 

Geschichte der früheren St. Wendeler Tabakindustrie

von Raimund Fuchs (+), St. Wendel

 

Der Tabak in unserer Stadt

 

In solchen Fällen des Suchens greift man zur „Geschichte der Stadt St. Wendel", die der überaus fleißige Bürgermeister von Wadern, Max Müller, 1927 veröffentlicht hat.

 

Man findet aber auch dort (S. 736) sehr wenig über den St. Wendeler Tabak oder sein erstes Erscheinen in unserem Gebiet. Max Müller schreibt: „Der Anfang des 19. Jahrhunderts brachte uns einen neuen Handwerkszweig, nämlich das Spinnen des Tabaks. Es waren anfänglich kleine Betriebe, die mit einigen angelernten Arbeitern und Kindern schafften." Zwei Sätze im Buch des Stadthistorikers, die heute sowohl die Gewerbepolizei als auch die Gewerkschaftssekretäre sofort auf den Plan rufen würden. — Es wurde mit Kindern gearbeitet!

 

Die beiden Sätze in dem Kapitel „Die Gewerbepolizei" lassen den Schluß zu, daß das Tabakspinnen überwiegend in Heimarbeit durchgeführt wurde. Die Arbeit war wohl auch mehr eine Sache der Geduld und der Fingerfertigkeit als der Anwendung körperlicher Kräfte.

 

In einem St. Wendeler Handwerkerverzeichnis von 1758 ist von Tabakspinnern noch nicht die Rede. Vielleicht gab es zur damaligen Zeit noch keine in der Stadt.

 

Doch erwähnt Max Müller schon für das Jahr 1724 „den Dubacksmann". Es handelt sich hier doch wohl um einen Tabaksmann, also um einen Händler, der fertigen Tabak aus der Pfalz und aus Baden bezog und sicherlich auch hier verkaufte. An anderer Stelle schreibt der Stadthistoriker: „In St. Wendel ließ sich gegen 1750 ein Tabakspinner Bicking nieder". Wenige Jahre später soll es hier schon 4 Tabakspinner gegeben haben, von denen Balthasar Falkenstein mit Gesellen arbeitete.

 

Einen zuverlässigen Hinweis bietet das Kirchenbuch von St. Wendel. Am 16. August 1758 hat die Eheschließung des Tabakspinners Peter Herges aus Kirn mit der St. Wendelerin Margarethe Burg stattgefunden. Man kann annehmen, daß Peter Herges hier in St. Wendel gearbeitet hat, wenn er in der Wendalinuskirche den Ehebund schloß.

 

Es gibt also keine zuverlässigen Angaben über die Entstehung der ersten Tabakspinnereien in St. Wendel.

 

Wie konnte es zu den Tabakspinnereien in St. Wendel kommen, wo doch weit und breit kein verarbeitungsfähiger Tabak wuchs? Bis zu den Tabakfeldern in der Pfalz sind es 40 — 60 km Luftlinie. Und das war — vor 200 Jahren — eine entsetzliche Entfernung. Der Beginn der Tabakspinnerei hat offensichtlich mit der Grenzlage der Stadt St. Wendel im Zusammenhang gestanden. St. Wendel war Grenzstadt des Kurfürstentums Trier zur Pfalz. Die Höhe des Zollbetrages für Tabakerzeugnisse dürfte ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Der zu entrichtende Zoll für Rohtabake aus der Pfalz und aus Baden war weit niedriger als der Zollsatz für Tabakfertigwaren. Die Herstellung der Tabakwaren hinter der Landesgrenze — also in St. Wendel — war daher lukrativ. So wurde der sehr lebhafte Handel mit Tabakfertigerzeugnissen aus der Pfalz ins kurtrierische Gebiet nach St. Wendel bald beendet. Statt der Fertigerzeugnisse rollten die Rohtabake in die Wendelsstadt. Man brauchte weniger Zoll an der Grenze zu entrichten. Von Mannheim, dem Hauptumschlagplatz für badischen und pfälzischen Tabak, bestand seit Ende des 18. Jahrhunderts ein regelmäßiger Frachtwagenverkehr nach St. Wendel.

 

In einem Aufsatz im Heimatbuch des Kreises St. Wendel aus dem Jahre 1949 berichtet der verstorbene frühere langjährige Leiter der inzwischen nicht mehr bestehenden Tabakfabrik Em. Marschall, Franz Keune, daß sich in St. Wendel etwa Mitte des 18. Jahrhunderts zahlreiche kleine Hausbetriebe, die „Tabakstuben", mit dem Tabakspinnen befaßten. Ihre Tätigkeit wurde wohl durch die Einführung des französischen staatlichen Tabakmonopols durch Kaiser Napoleon 1802 unterbrochen. In den Jahren nach der Französischen Revolution und dem Einmarsch der Franzosen in St. Wendel 1792 soll hier eine Verkaufsstelle der französischen Tabakregie in der Alten Apotheke Lohmann, früher Apotheke Dr. Riegel, bestanden haben.

 

1816 kamen die Coburger nach St. Wendel. Die Stadt wurde zur Haupt und Residenzstadt des Fürstentums Lichtenberg ausersehen. Herzog Ernst I. und seine Beamten waren auf die wirtschaftliche Entwicklung bedacht und begünstigten jedwede Fabrikation und jedes Gewerbe. So begünstigten sie auch die Herstellung von Tabakwaren. Sie förderten das Wiederaufleben einer in St. Wendel bis zum Einmarsch der Franzosen selbständig gewesenen Tabakherstellung, nachdem die französische Régie des tabacs 1814 verschwunden war.

 

In der Hauptstadt des Fürstentums Lichtenberg entwickelte sich ein blühendes Gewerbe. In den Jahren zwischen 1810 und 1820 soll es in St. Wendel, wie mir Herr Schaadt mitteilte, etwa 15 Tabakstuben gegeben haben, in denen Vater und Mutter mit Hilfe der Kinder das Gewerbe des Tabakspinnens betrieben haben. Der Begriff „Tabak spinnen" läßt sich heute nur schwer mit Anschaulichkeit füllen. Wie wurde damals gesponnen? In den kleinen Familienbetrieben stand in der Stube ein bis zu 3 m langer schmaler Spinntisch. Ein freihändig gebildeter Strang aus Tabakblättern wurde mit einem flachen Handbrett bearbeitet, bis er schön rund war. Dann wurde dieser Strang in das Deckblatt eingerollt. Man mußte schon geschickte Hände und viel Übung haben, um auf diese Weise eine lange gleichmäßige „Wurst" zu bilden. Der Ausdruck „Spinnen" war wohl von der Tätigkeit der die Schafwolle bearbeitenden Frauen und Mütter abgeleitet, die beim „Spinnen" der Wolle immer einen Teil dieser Rohwolle vom Rogen nahmen und mit einer Drehbewegung des Daumens und des Zeigefingers einen Teil des langen Wollstranges in die rotierende Spindel des Spinnrades gaben. Die Tabakblätter wurden auf dem langen Tisch — nach der heutigen Terminologie—mehr gerollt als gesponnen. Aber vor zwei Jahrhunderten nannte man die Tätigkeit des Tabakrollens eben Tabakspinnen.

 

Eine Eintragung im Sterberegister der St. Wendeler Kirche gibt als Stand eines Verstorbenen „torquator tabacci" an. Torquator (lateinisch) = Dreher, Winder, Folterer, Verrenker. Der Verstorbene war also ein Dreher und Folterer des Tabaks. Der Pastor, der diese Eintragung in lateinischer Sprache vorgenommen hat, konnte sicher die Arbeit des Tabakspinners in seiner Stube vorher genau beobachten. Die lange „Tabakwurst" wurde am anderen Ende des Tisches schließlich auf ein Rundholz, das man Mühlstock nannte, aufgewickelt. Das eigentliche Spinnen war Sache des Hausvaters, der wohl auch die längste Erfahrung hatte. Das Aufwickeln besorgte die Mutter. Die Kinder durften — oder mußten — das Mühlholz drehen. Von den gefüllten Trommeln wurde der Strang wieder abgerollt zu kleineren Rollen von einem Viertelpfund Gewicht. Diese kleinen Rollen wurden mit einem kleinen Hölzchen, dem „Pinnagel", wie ein Rollmops zusammengehalten. Der St. Wenneler Rolltuwak, der Rolles, war geboren.

 

 Die Bergleute, denen das Rauchen unter Tag schon immer verboten war, nahmen gern einen „Priem" und legten ihn in die Backentasche, möglichst weit nach hinten. Hier regte das „Primje" zu erhöhter Speichelabsonderung an und verschaffte dem Priemer dazu auch noch einen für ihn angenehmen wässerigen Mundinhalt. Durch gelegentliches leichtes Kauen des „Priems" und durch leichtes Pressen des Tabakstückes an den Unterkiefer steigerten die Bergleute ihren Kautabakgenuß. Vor allen Dingen aber suchten sie mit der beim Priemen entstandenen Mundflüssigkeit den gefährlichen Gesteins und Kohlenstaub zu binden. In unregelmäßigen Abständen spien sie die dunkelbraune Brühe, die zuweilen mit Tabakresten durchsetzt war, einfach vor sich hin. Zuletzt konnte man auch das ausgequetschte Priemchen ohne Bedenken „unter Tag" ausspucken.

 

Die Kunst des Tabakspinnens vererbte sich nicht nur vom Vater auf den Sohn und den Enkel. Sie verbreitete sich auch in der kleinen Stadt, und bald hatte man einen beachtlichen Stamm ortsansässiger Spezialisten.

 

Die genaue Zahl und die Namen aller St. Wendeler Tabakspinner zu Beginn des 19. Jahrhunderts läßt sich nicht ermitteln. Auffällig ist nur, daß in der heimatgeschichtlichen Literatur gleich drei Tabakmanufakturen 1827 als Jahr ihrer Entstehung angaben. Wahrscheinlich haben diese drei Herstellungsbetriebe aber schon lange vorher bestanden, — eben nur als kleine Familienspinnstube. Es wäre ja mehr als Zufall, wenn in einer Kleinstadt gleichzeit drei Unternehmen mit der Tabakherstellung begonnen hätten. Vielleicht mußten 1827 die Gewerbe bei einer Behörde angemeldet oder in eine neue Steuerliste eingetragen werden. Seit 1827 ist also die Tabakherstellung der Familien Kockler, Marschall und Schaadt historisch einwandfrei verbürgt.

 

Max Müller schreibt in seiner „Geschichte der Stadt St. Wendel" (S. 342): „Zu den Ankömmlingen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihr Glück in unserem durch seine Gerbereien und Tuchmachereien aufstrebenden Städtchen suchten, gehören auch die Stammväter der Familien Auer, Bingemer, Ehl, Falkenstein, Gunther, Jochem, Marschall, Kockler, Ruf, Schaadt, Stauder und Trost."

 

Das älteste St. Wendeler Bürgerrecht darf die Familie Kockler in Anspruch nehmen, die seit 1743 hier ansässig ist. Um 1750 verlegten die Eheleute Johannes Marschall und Anna Maria Collignon ihren Wohnsitz in unsere Stadt. Im Januar 1771 siedelte sich hier Johann Adam Schaadt, aus Eckersweiler kommend, an.

 

In seinem Standardwerk schreibt Bürgermeister Max Müller: „Die ersten Träger des Namens Kockler treffen wir im Jahre 1458 als Freibauern auf einem Hofe zu Lisdorf an der Saar. Von dort verbreiteten sie sich nach Schwarzenholz und in einem Zweige im Jahre 1743 nach St. Wendel, dem gegen 1760 ein zweiter in dem Gerber Michael Kockler aus Rimmelbach bei Lebach folgte." (S. 342)

 

Die St. Wendeler Rolle war bald eine weithin bekannte und beliebte Spezialität. Beson
ders die saarländischen Bergleute genossen das in St. Wendel zubereitete Genußmit
tel. Aber auch im Ruhrkohlengebiet, selbst in den Gruben Oberschlesiens, wußte man

 

In der 1952 veröffentlichten Festschrift zum 125jährigen Bestehen der Tabakfabrik Kockler wird mitgeteilt, „daß der Vorvater der tabakverarbeitenden Kocklers ein Gerbermeister war". Wann sich der Gerbermeister der Tabakspinnerei zugewandt hat, läßt die bemerkenswerte Festschrift offen. Es ist auch nicht bekannt, wo und wann der im Jahre 1800 geborene Gründer des Kockler'chen Unternehmens, Nicola Kockler, seine Tabaklehrzeit — wenn es so etwas damals schon gab — durchgemacht hat. Auch ist nicht zu ermitteln, wann er mit dem selbständigen Spinnen des Tabaks begonnen hat. Der kleine eigene Laden in der Balduinstraße — seit vielen Jahren vom Erdboden verschwunden — war ein Kleinbetrieb unter vielen anderen. Nur die Tatsache, daß er in der Liste (wahrscheinlich Steuerliste) von 1827 erfaßt wurde, läßt Rückschlüsse auf seine für die Stadtverwaltung interessante Steuerkraft zu. Die Ergebnisse des häuslichen Gewerbefleißes ließ Nicola Kockler in der Stadt verkaufen und durch Boten frauen mit Tragkörben in die umliegenden Dörfer bringen. Die Zollgrenzen des Fürstentums Lichtenberg hemmten zwar seit 1816 die gedeihliche Entwicklung, aber als 1834 der Deutsche Zollverein gegründet worden war, verbesserten sich die Absatzmöglichkeiten.

 

1831 wurde dem Gründer Nicola ein Sohn geboren, der von seinen Eltern ebenfalls den Namen Nicola bekam. Er war von Kindesbeinen mit dem väterlichen Gewerbe vertraut und wurde bald eine starke Stütze der Eltern in der kleinen Fabrikation. Zum „St. Wenneler Rolles" geseilte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts der geschnittene Tütentabak. Bald schätzten ihn die Zehntausende saarländischer Berg und Hüttenleute ebensosehr wie ihre Priemchen. Doch dem zweiten Nicola war es nicht vergönnt, die volle Blüte seines Betriebs zu erleben. Er starb schon am 4. Januar 1876 im Alter von 45 Jahren — ein Jahr vor seinem eigenen Vater (19. Juni 1877). Am 22. März 1874 war dem Ehepaar Nicola und Elisabetha Kockler geb. Geiger ein Sohn geboren worden, der nun auch wieder den Namen Nicola bekam. Die Witwe trug nun die Sorge um das aufstrebende Unternehmen und um die Entwicklung des kleinen Sohnes.

 

Elisabetha Kockler war Inhaberin des Unternehmens bis 1897. In diesem Jahr nahm ihr der nun 23 Jahre alte Sohn die Bürde der Verantwortung von den Schultern. Unter seiner zielbewußten Leitung wuchs das Unternehmen rasch heran. Bald war das Haus in der Balduinstraße zu klein. 1905 wurde mit dem Bau eines neuen Wohnhauses und anschließenden Fabrikgebäudes in der Wendalinusstraße begonnen. 1906 wurde das neue Haus — das heute noch sehr stattlich ist — bezogen und die angebaute kleine Fabrik in Betrieb genommen. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurde die Tabakproduktionsstätte mehrmals erweitert, zuletzt 1936.

 

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg wuchs der Kreis der Abnehmer. Ins Trierer Land, nach Rheinhessen und in das Ruhrrevier wurden die „Blaue Tüte", der „Siesta Schäg" und die Spezialität des Hauses „Schwarzer Krauser" geliefert. Der Markenname „Niko" fing an, ein Begriff für guten Tabak im Deutschen Reich zu werden. Das Jahr 1914 brachte einen starken Einschnitt in der Arbeit und im Versand. Immer mehr Mitarbeiter der Fabrik wurden zum Militär gerufen. Die Rohtabakeinfuhren aus dem Ausland wurden eingeschränkt und kamen 1917 vollständig zum Erliegen. Auch aus Übersee trafen keine Tabake mehr ein. Nicola erwies sich als Freund der Soldaten. Er ließ die noch lagernden Tabakfertigerzeugnisse zum großen Teil durch Kinder an die zur Westfront hier durchziehenden Soldaten verteilen. 1917 wurde er von einer schweren Krankheit heimgesucht, von der er nicht mehr genesen sollte. Nach langer Krankheit starb er am 16. Januar 1923, erst 48 Jahre alt. Wie schon 40 Jahre vorher seine Mutter Elisabeth, so mußte 1917 Nicolas (III.) Frau, Margarethe Kockler geborene Roeder, zu den Verpflichtungen für die Familie und die Pflege des schwerkranken Gatten auch noch die Sorge um die Erhaltung des Betriebes übernehmen.

 

Hermann Josef Clemens Kockler, geboren am 24. Februar 1903, der älteste Sohn der Eheleute Nicola und Margarethe Kockler geb. Roeder, übernahm als Achtzehnjähriger im Jahre 1921 die Leitung des Betriebes in der Wendalinusstraße. Wieder waren Schwierigkeiten beim Absatz der Fertigprodukte zu überwinden. Der Versailler Vertrag von 1919 hatte den politischen Status des Saargebietes und besonders auch den des Kreises St. Wendel verändert. Die Zollgrenze war beim Missionshaus und hinter Urweiler fast bis an die Tore der Stadt herangerückt. Der größte Teil des bisherigen Absatzgebietes im Deutschen Reich war für einige Zeit unerreichbar und später nur mit Schwierigkeiten erreichbar geworden. Hermann Kockler und sein Schwager Hans Gräber — er war mit Kocklers ältester Schwester Elisabeth verheiratet — besuchten die

 

Tabakhändler der näheren und weiteren Umgebung. Sie wollten und mußten einen neuen Kundenstamm aufbauen. Leider finden sich in den wenigen erhaltenen Geschäftsunterlagen keine Aufzeichnungen über die Höhe der Umsätze, die Personalstärke der Fabrik oder über die Produktionsmengen. Erst nach der Einführung der Rentenmark, also nach Beendigung der inflationären Nachkriegszeit 1923, konnte der Absatz über die Grenze nach Deutschland gesteigert werden. Die St. Wendeler sprachen jedoch damals nicht von Deutschland, sondern nannten das Gebiet „driwwe im Reich". Im damaligen unter der Verwaltung einer Völkerbundskommission stehenden Saargebiet nahm der Tabakverbrauch allmählich auch wieder zu. Besonders der Feinschnitt zum Zigarettendrehen erfreute sich steigender Beliebtheit. In 10 Jahren — von 1923 bis 1933 — hatte der Feinschnittverbrauch pro Kopf der Bevölkerung des Saargebietes von 250 Gramm auf 850 Gramm zugenommen.

 

Um der Trennung von den deutschen Absatzgebieten und dem dadurch bedingten Umsatzrückgang zu begegnen, hatte Hermann Kockler 1925/26 auf reichsdeutschem Boden, in Türkismühle, ein Zweigwerk eröffnet. Nach und nach gelang es den erfolgreichen Vertretern, wieder Käufer im Rheinland, im Ruhrgebiet, ja selbst in Ostpreußen für die hochwertigen KocklerErzeugnisse zu gewinnen. Bei seiner Hundertjahrfeier 1927 zählte das Unternehmen mehr als 90 Mitarbeiter. Mit einer monatlichen Rohtabakverarbeitung von 25 Tonnen hatte es den Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht. Rund 20 Zentner Tabak wurden an jedem Arbeitstag in der Fabrik in der Wendalinusstraße verarbeitet.

 

Die Volksabstimmung im Saargebiet am 13. Januar 1935 und die Rückgliederung des unter Völkerbundsverwaltung stehenden Saargebietes an das Deutsche Reich am 1. März 1935 brachten eine erneute Änderung der Wettbewerbsverhältnisse und der Marktlage. Nun bestand die Grenze nach Osten nicht mehr, und die Handelsvertreter konnten ihre Tätigkeit bis in den Osten des Reiches, bis nach Ostpreußen, ausdehnen. Durch intensive Werbetätigkeit konnten sie recht erfolgreich früher verlorene Marktanteile wieder zurückgewinnen. Auch gelang es ihnen, neue Marktgebiete für die Kockler'schen Erzeugnisse zu finden. Ein Raucher aus Königsberg im früheren deutschen Ostpreußen — heute Kaliningrad — schickte Mitte der 30er Jahre ein Gedicht, mit dem er die Qualität der von ihm hochgeschätzten KocklerFabrikate würdigte.

 

Die Pfeife ist so lieb und traut

In Kummer und in Weh',

Es fliegt — stopf sie mit Kockler-Kraut

Frau Sorge in die Höh'.

 

Nach der Rückgliederung des Saargebietes an das Deutsche Reich entwickelte sich die Produktion mengenmäßig so gut, daß an eine Erweiterung der Betriebsstätte gedacht werden konnte. Im Jahre 1936 wurde erneut angebaut. Architekt Quirin aus Saarbrücken hat den Querbau entworfen und gebaut, der parallel zur Wendalinusstraße steht. Bis in die Mitte der 50er Jahre trug dieser Querbau noch die aus einzelnen Großbuchstaben bestehende Reklameinschrift „Nicola Kockler Tabakfabrik". Der geräumige Anbau war auch notwendig geworden, weil die Maschinen, die 1925/26 nach Türkismühle gebracht worden waren, nach der Rückgliederung wieder nach St. Wendel geholt wurden. Die Fabrikationsstätte in Türkismühle wurde Anfang 1937 wieder aufgegeben.

 

Im September 1939, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, mußten große Teile der grenznahen Dörfer zu Frankreich von der Bevölkerung geräumt werden. Wochenlang ruhte die Tabakproduktion, weil die Lagerräume der Fabrik zum Stapeln von Gütern evakuierter Freunde und Bekannter aus der sogenannten „Roten Zone" zur Verfügung gestellt wurden. Als nach der Rückwanderung der vorsorglich Evakuierten im Sommer 1940 die Lagerräume wieder frei geworden waren und die Maschinen wieder produzieren konnten, stellten sich Zulieferschwierigkeiten ein. Die Einfuhren ausländischer Rohtabake wurden gedrosselt. Die lagernden Vorräte nahmen schnell ab. Die Raucher kauften in den Geschäften und Gasthäusern alles, was sie an Tabakwaren bekommen konnten. Die Leute sprachen vom „Tabakhamstern". Die nationalsozialistische Regierung versuchte durch die Ausgabe von Raucherkarten an die Männer, den Konsum von Zigaretten und Tabakwaren einzuschränken und zu steuern. Es kam die Zeit der Tabakknappheit in den Jahren 1940 —1947. Viele Leute versuchten durch den Anbau von Tabakpflanzen im eigenen Hausgarten den liebgewordenen Tabakgenuß ein bißchen aufrechtzuerhalten. Es entstand die bei leidenschaftlichen Pfeifenrauchern heißbegehrte Marke „Gewwel", die sicher noch vielen älteren Herren in bester Erinnerung ist. Den Namen „Gewwel" hatte die Volkssprache gebildet, weil sich im Laufe der Jahre herausstellte, daß die Tabakpflanzen an der Giebelseite der Häuser oft am besten gediehen. Die an einem Seil aufgereihten einzelnen Tabakblätter wurden durch die Luft getrocknet und zu diesem Zwecke oft auch an den „Gewwel" gehängt.

 

Helmut Schaadt, der letzte St. Wendeler Tabakfabrikant, glaubt an eine andere Entstehung des Namens „Gewwel". Während der Zeit der nationalsozialistischen Regierung durfte jede Familie nur 25 Tabakpflanzen anbauen. Da aber mancher Tabakfreund mehr in seinem Garten oder auf dem Feld anpflanzte, suchte er den verbotenen Teil seiner Tabakblätter unter dem vorstehenden Dach der Giebelseite (Gewwel) zu verstecken. Dort sollten die Blätter dann ungesehen in der Luft trocknen.

 

Auch von geradezu unglaublichen Fermentierungsversuchen der Bauersleute während der Kriegs und Nachkriegsjahre weiß Schaadt zu berichten. Die Fermentierung — die Vergärung des Tabakblattes zu Rohtabak—wurde auf so vielfältige Weise herbeizuführen versucht, daß man von bäuerlichem Erfindungsreichtum sprechen muß. Vom Anwärmen in den heute nicht mehr vorhandenen Backöfen bis hin zum Einpacken in die Misthaufen reichten die Fermentierungsversuche der Landleute, die sich zu Tabakselbstversorgern entwickelten.

 

Aus der Kockler'schen Fabrik — wie auch aus allen anderen Betrieben — wurden in den Jahren 1943 — 45 immer mehr Mitarbeiter zur deutschen Wehrmacht einberufen. Einige ältere Mitarbeiter mußten auch wegen des raschen Rückganges der Produktion entlassen werden. Der Tabakkonsum wurde von der Reichsregierung immer mehr eingeschränkt. Schließlich gab es auf die Raucherkarten so gut wie nichts mehr. Es entstand ein sogenannter „schwarzer Markt" für Zigaretten und Tabakwaren aller Art. Tabak und alle Tabakerzeugnisse waren zum beliebtesten Tauschobjekt geworden. Aus der Geldwirtschaft war eine reine Tauschwirtschaft geworden, weil die Kaufkraft des Geldes gegen Ende des Krieges und in den beiden folgenden Jahren 1946 und 1947 immer mehr dahinsiechte.

 

Betriebsleiter Hermann Kockler war am 10. September 1939 zur Wehrmacht einberufen worden. Sein Schwager Hans Gräber leitete den Betrieb durch die unruhigen Kriegsjahre, tatkräftig unterstützt durch Hermann Kocklers Gattin Hedwig. Sie sprang überall da ein, wo der von Kriegsjahr zu Kriegsjahr größer werdende Mangel es gebot. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Tabakfabrik Kockler bestätigte dem Verfasser dieses Aufsatzes, daß Frau Kockler während des Krieges in der Fabrik als „Mädchen für alles" tätig war. Sie war Arbeiterin, kaufmännische Angestellte, Sekretärin und von vielen geliebte Chefin zugleich. Zuweilen arbeitete sie an der Paketiermaschine, an anderen Tagen an der Banderoliermaschine. Bei eisiger Kälte stand sie mit treuen Mitarbeitern der Firma sowohl zur Tages als auch zur Nachtzeit auf der Verladerampe des St. Wendeler Güterbahnhofes, um Postgut oder sogenanntes Wehrmachtsgut (Tabak für die Soldaten an den Fronten) zu verladen.

 

Beim Studium der Familiengeschichte der Tabakfabrikanten Kockler erhält man den Eindruck, daß zu allen Zeiten der Kockler'schen Tabakfabrikation die Frauen der Fabrikanten recht tapfer haben zupacken müssen. Sie mußten stets Last und Verantwortung der Männer zu einem gehörigen Teil mittragen.

 

Da sich während der Kriegsjahre die Lage in den beiden anderen St. Wendeler Tabakfabriken Marschall und Schaadt ähnlich negativ entwickelte wie bei Kocklers, wurde durch eine behördliche Anordnung im Herbst 1943 die Kockler'sche Produktion in die Räume des Hauses Marschall an der Straße nach Werschweiler verlegt. Die beiden zwangsweise fusionierten Unternehmen wurden in der Sprache der Behörden als „Kriegsbetriebsgemeinschaft" bezeichnet.

 

Ein gemeinsames Tabakerzeugnis wurde nach der Zwangsfusionierung auf den nicht mehr funktionierenden Markt gebracht. Es wurde „Marko" genannt, eine Abkürzung von Marschall und Kockler. Der stillgelegte Kockler'sche Betrieb in der Wendalinusstraße diente bis nach Kriegsende 1946/47 als Lagergebäude. „Marko", der Name für das kriegsbedingte Gemeinschaftserzeugnis, war aber nicht nur zur neuen Bezeichnung für eine Tabakware geworden. „Marko" wurde auch zu einem Symbol für die aus der Not der letzten Kriegsjahre geborene gute Betriebsgemeinschaft der früheren Häuser Marschall und Kockler.

 

Glücklicherweise war Hermann Kockler Ende 1944 als Oberleutnant mit dem Stab seiner Division nach St. Wendel kommandiert worden. Bedingt durch den von ihm zu leistenden Kurierdienst konnte er seinen Familienangehörigen oft nahe sein. Während eines kurzen Aufenthaltes in St. Wendel, als er in den Fabrikationsräumen nach dem Rechten sah, erlebte er am 2. Januar 1945 einen Fliegerangriff. Er wurde von mehreren Bombensplittern getroffen und erlag am 26. Januar seinen schweren Verletzungen im Marienkrankenhaus St. Wendel, erst 42 Jahre alt. Etwas mehr als ein Jahr später folgte ihm der Mitgeschäftsführer und Schwager Hans Gräber in den Tod. Ein Herzinfarkt setzte seinem Leben unerwartet am 29. Mai 1946 ein jähes Ende.

 

Nach dem Tode der beiden leitenden Männer wurde die Tabakfabrik von der Erbengemeinschaft Kockler weitergeführt, deren Verwaltung Dr. Claus Kockler, ein Bruder des Hermann Kockler, übernommen hatte. Prokurist Karl Gräber, ein Brudes des verstorbenen Hans Gräber, hatte mit Peter Klein die Leitung des Unternehmens übernommen. Der Prokurist kümmerte sich in erster Linie um die kaufmännischen Angelegenheiten. Die Fabrikation und alle technischen Belange lagen in der Verantwortung des erfahrenen Tabakmeisters Peter Klein aus St. Wendel. Er gehörte seit 1920 zur Belegschaft und hatte seit jener Zeit dem Werk treu gedient. Am 28. Februar 1947 war Herr Eilebrecht, Mitinhaber der gleichnamigen Zigarettenfabrik in Homburg/Bruchmühlbach, nach St. Wendel gekommen. Er hatte die Absicht, die im Saarland sehr beliebten Zigaretten der Marke „Bali" aus zollpolitischen Gründen auch hier im Saarland herzustellen. Der Anschluß des Saarlandes an das französische Währungs, Wirtschaftsund Zollsystem war bei den Politikern schon beschlossene Sache. Firmeninhaber Eilebrecht sah, wie sich die Dinge zugunsten Frankreichs an der Saar entwickelten. Als am 16. Juni 1947 die Bevölkerung des Saarlandes überraschend aufgefordert wurde, ihre ReichsmarkGeldbestände bei den Banken und Sparkassen in „Saarmark" umzutauschen, wußten alle in der Wirtschaft tätigen Menschen, daß eine währungspolitische Entscheidung von großer Tragweite nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Am 20. November erfolgte dann überraschend der Umtausch der Saarmark in französische Franken. In allen Dörfern und Städten waren einige französische Soldaten bemüht, den Antransport der französischen Währung und den Abtransport der Saarmarken recht diskret zu überwachen.

 

Nun war der von vielen erwartete Anschluß an das französische Wirtschaftsgebiet perfekt. Die Erbengemeinschaft Kockler hatte schon im Mai 1947 mit Eilebrecht eine Mitbenutzungsvereinbarung getroffen. Im Juni 1947 stellte sie dem Zigarettenfabrikanten einen Teil des Gebäudes in der Wendalinusstraße für die Zigarettenproduktion zur Verfügung. Der größere Teil des Betriebsgebäudes wurde jedoch in den folgenden Jahren von der Eigenproduktion des Kockler'schen Schnittabaks beansprucht. In guter Erinnerung ist den älteren Pfeifenrauchern noch Kocklers „Ahnen Ruhm" im 40 Gramm Päckchen, ein Mittelschnitt und der für die Selbstdreher fabrizierte Feinschnitt „Niko".

 

1952 konnten die Erben Kockler noch das 125jährige Bestehen der Tabakfabrik Nicola Kockler feierlich begehen. Am 17. Oktober 1952 fand eine Feierstunde in den Betriebsräumen statt, zu der im Namen der Erbengemeinschaft Kockler Dr. Claus Kockler (Saarbrücken) eingeladen hatte. Eine von Otto Matschoss gestaltete und von Erwin Maier mit gelungenen Grafiken versehene 45 Seiten umfassende Festschrift erinnert an das beachtliche Jubiläum. In den folgenden Jahren ging die Produktion, bedingt durch große Konkurrenz auf den Absatzmärkten, beständig zurück. In der Mitte der 50er Jahre wurde die Kockler'sche Tabakproduktion allmählich zurückgeführt und schließlich ganz eingestellt. In der Betriebsstätte in der Wendalinusstraße wurden die BaliZigaretten jedoch bis zum Sommer 1959 weiterproduziert. Dem politischen Anschluß des Saarlandes an die Bundesrepublik Deutschland am 1. Januar 1957 folgte am 5. Juli 1959, dem sogenannten Tag X, der wirtschaftliche Anschluß. Nachdem das Saarland wieder zum deutschen Wirtschaftsgebiet gehörte, stellte die Eilebrecht AG die Zigarettenproduktion in St. Wendel ein. Die Erbengemeinschaft Kockler verpachtete 1960 das Betriebsgebäude an die Siemens AG Karlsruhe, die hier ein Zweigwerk errichtete. Nach zehn Jahren zog sich Siemens jedoch wieder 1970 aus der Fabrik zurück. Nach der Verpachtung ihres Betriebsgebäudes an Siemens ließ die Erbengemeinschaft Kockler noch etwa zwei Jahre ihre Produkte von einer anderen St. Wendeler Tabakfabrik herstellen. Der Vertrieb dieser Erzeugnisse erfolgte jedoch ausschließlich durch die Firma Kockler. Wegen der erdrückenden Konkurrenz der deutschen Großbetriebe mußte die Tabakfabrik Kockler Produktion und Vertrieb 1962 endgültig einstellen. Die Regierung des Saarlandes pachtete die Baulichkeiten der ehemaligen Tabakfabrik Kockler und richtete dort ein Katastrophenschutzlager mit zahlreichen Hilfsgütern ein, das noch heute besteht. Das Anwesen in der Wendalinusstraße ist bis zum heutigen Tage im Eigentum der Erbengemeinschaft Kockler. Die frühere Inschrift „Nicola Kockler Tabakfabrik" war schon 1960 von der Siemens AG entfernt worden.

 

Vier Generationen Schaadt

 

Der Stadthistoriker und Ehrenbürger Max Müller schreibt in seinem Buch „Die Geschichte der Stadt St. Wendel" (S. 342): "Im Januar 1771 siedelte sich hier der Johann Adam Schaadt, der Stammvater der Tabakfabrikanten gleichen Namens aus Eckersweiler kommend, wo er als Leibeigener hinter dem Barone von Wrede gesessen, bei uns an.

 

Dem Ehepaar Johann Adam Schaadt wurde am 2. Oktober 1804 ein Sohn geboren, der den Namen Peter bekam. Dieser Peter Schaadt wurde zum Begründer der Schaadt'schen Tabakdynastie, die über vier Generationen in unserer Stadt — bis 1961 — eine Tabakfabrikation betrieb. Als Gründungsjahr ist das Jahr 1827 bekannt, auf das im Zusammenhang mit der Tabakfabrik Kockler schon eingegangen wurde. Tabakspinner Schaadt war — wie sich aus seiner Handschrift schließen läßt — ein außerordentlich korrekter und ausgeglichener Mann. Ein mit Tinte handgeschriebenes Heft aus seiner Lehrzeit 1818/20 mit der Überschrift „Waarenkunde" gehört zu den wertvollsten Familienstücken, die Urenkel Helmut Schaadt in Niederlinxweiler aufbewahrt. Die geschwungene, saubere Handschrift berichtet nicht nur über die Tabakstaude, sondern auch über Gewürze wie Vanille, Zimt, Pfeffer, Mandeln und Safflor, über Reis und Sago. Das interessante Heft enthält Angaben über Orangen und Spanische Feigen und Orangenblüten. Auch fehlte es nicht an Belehrungen, die für einen jungen selbständigen Unternehmer von Bedeutung bei seinen kaufmännischen Entscheidungen waren. Tabakspinnereigründer Peter Schaadt hatte schon vor 160 Jahren in seinem Musterheft einen Aufsatz über die Wechselprolongation, über Bestandteile und Wesen eines Schuldscheines und über die Bedeutung und die Wirkung von Notadressen im Wechselverkehr. Der Leser dieser schönen alten Handschrift erhält den Eindruck, Gründer Peter Schaadt müsse sowohl warenkundlich als auch betriebswirtschaftlich großartig ausgebildet worden sein.

 

Urenkel Helmut Schaadt weiß aus mündlicher Familienüberlieferung, daß der Urgroßvater sich nicht nur seiner kleinen Tabakfabrikation widmete, sondern auch noch einen kleinen Handel mit Zigarren und ausländischen Gewürzen und den damals überaus seltenen Südfrüchten betrieb.

 

Der Tabakspinner Peter Schaadt hatte Magda Michels geheiratet (geb. 13. März 1811, gest. 1. Dez. 1878). Magda war die Tochter von Baptist Michels und Frau Margarethe geborene Baltes. Das von dem St. Wendeler Maler Anton Riotte (1810 — 1893) geschaffene Pastellporträt der Frau des Gründers (51 x 53 cm) und auch das Pastellporträt des Peter Schaadt selbst lassen erkennen, daß der Tabakfabrikant es schon zu einem gewissen Wohlstand und Bürgerstolz gebracht hatte. Wer konnte sich schon vor etwa 140 Jahren von einem anerkannten Pastellmaler porträtieren lassen? Frau Chefin Schaadt in ihrem Festtagskleid der Biedermeierzeit war gewiß in der kleinen Stadt St. Wendel eine wohlachtbare Person.

 

Aus der Gründerzeit um 1830 ist auch noch ein mit Bleistift geschriebenes Einkaufsbuch erhalten, in das Peter Schaadt die Tabakeinkäufe in der Pfalz und im Badischen sehr sorgfältig eingetragen hat. Dieses Einkaufsbuch mit Deckeln aus echtem Leder — damals gab es noch keinerlei Imitationen — hat die Form eines alten Gebetbuches mit einem metallenen Klappverschluß. Zwei dickbauchige Folianten, stark vergilbt und an den Deckeln von Bücherwürmern angenagt und teilweise durchlöchert, beweisen, daß es mit der Tabakfabrikation im Hause Schaadt stets aufwärtsging. Wer sich für die ausgezeichnete kameralistische Buchführung des Gründers Schaadt interessiert, kann in den beiden „alten Schwarten" alle Geschäftsfälle von Januar 1833 bis September 1859 nachvollziehen. Die Warenlieferungen an zahlreiche Tabakkäufer sind verbucht, die Mengen sind registriert, und es überrascht den das antiquarische Geschäftsbuch durchblätternden Leser, daß auch schon um 1840 Tabakkäufer beim Fabrikanten anschreiben ließen. Schuldenmachen war also im damaligen Handel auch schon bekannt. Die sorgfältigen Eintragungen bieten uns die Gewißheit, daß Peter Schaadt ein Freund ordnungsgemäßer Verbuchungen aller Geschäftsfälle war. Zahlreiche Rechnungen lauten auf frühere Firmen, deren Namen in Saarbrücken, Neunkirchen, St. Wendel und in anderen Orten heute niemand — oder nur ganz wenige Leute — kennen.

 

Wer sich einer großen Mühe unterziehen wollte, könnte aus den noch vorliegenden Geschäftsbüchern die Umsätze von 1833 bis September 1859 ermitteln und vielleicht allerhand Rückschlüsse auf die Geschäftstätigkeit der ersten Jahre ziehen.

 

In welchem Jahr der Sohn des Firmengründers, August Schaadt, das elterliche Unternehmen übernommen hat, läßt sich nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen. Als der Gründer Peter Schaadt am 10. Januar 1878 verstarb, hatte sein 25jähriger Sohn gewiß schon einen guten Einblick in das Unternehmen und die Geschäftstätigkeit. August Schaadt (geb. 24. Oktober 1852, gest. 3. Juni 1914) war verheiratet mit Karoline Cetto (geb. 12. November 1855, gestorben 17. Dezember 1941), der Tochter des Eigentümers der Göckelmühle, Edmund Cetto. Der „Göckelmüller" seinerseits war ein Sohn des früheren Posthalters Nikolaus Cetto, einem der in St. Wendel recht einflußreichen Gebrüder Cetto. August Schaadt und Karoline Cetto hatten am 23. Februar 1884 den Ehebund miteinander geschlossen. Aus den vorhandenen Unterlagen geht hervor, daß August Schaadt beachtliche unternehmerische Energien entfaltete. Auch verstand er es vorzüglich, die Produktion zu steigern und den Geschmack seiner Tabakerzeugnisse geschickt dem Kundengeschmack anzupassen. 1890 kaufte er für die Firma Schaadt von der Tabakfabrik Ferdinand Hentrich in Nordhausen am Harz ein Rezept zur Herstellung des damals berühmten Nordhäuser Kautabaks, dessen erste Seite in Reproduktion zu sehen ist. August Schaadt hatte also schon damals eine Li zenz erworben, um den Nordhäuser Tabak hier in St. Wendel „nachzumachen". Dieser Nordhäuser Kautabak war dicker als der hier übliche Rolltabak; auch war er stärker gesoßt. Er wurde in großen Rollen an die Geschäfte geliefert. Der Verkäufer schnitt verlangte Stücke ab und berechnete den Kaufpreis nach dem Gewicht des abgetrennten Stückes. In seiner Geschmacksrichtung soll der in St. Wendel in Lizenz fabrizierte Nordhäuser Kautabak ein wenig der heutigen Tabakrichtung Cavendish entsprochen haben. Tabakfabrikant Hentrich aus Nordhausen verlangte von Schaadt für das Überlassen seiner geheimnisvollen Mixtur „Nordhäuser Kautabak Sauce" den „vereinbarenden kaufpreis von 350 Mark". Kaufkraftmäßig soll das vor einhundert Jahren ein schöner Batzen Geld gewesen sein. Wer sich für die Zubereitung dieses Nordhäuser Kautabaks interessiert, sollte sich unbedingt durchlesen, was die Tabakmischer neben Kentucki Tabak und heißem Wasser noch alles brauchten, um dem beliebten Kautabak den verkaufsfördernden Geschmack zu verleihen. Ferdinand Hentrich zählt auf: Johannisbrod, Gummi Arabicum, Gallepfel, Catria Tistula, Blauholz extract, Salz, Soda, Bittersalz, Clicerin, Honig, Eisenvitriol, Alau, Lorbeerblätter, Rum, Tannerinden und Lakritzen. Das waren offensichtlich noch nicht alle Zutaten. Der schlaue Hentrich schrieb auf der letzten Seite seines Rezeptes, daß er dem Herrn Schaadt noch „mehrere Mittheilung machen werde was noch von wichtigkeit ist nach empfang der 350 Mark." Offensichtlich wollte der Nordhäuser Fabrikant sein ganzes Tabaksaucengeheimnis erst preisgeben, wenn er das Geld von St. Wendel in Händen hatte. Vorsicht war also auch damals mit Geldtransaktionen schon geboten.

 

Nach dieser Erwähnung des Rezeptes aus der Nordhäuser „AlchimistenKüche" wenden wir uns wieder den Verhältnissen in St. Wendel zu. August Schaadt baute die Tabakfabrik seines Vaters in der Balduinstraße weiter aus. Die steigenden Umsätze ermutigten ihn zu weiteren Investitionen. Auch wußte er technische Neuerungen in seinem Unternehmen einzusetzen, um die Produktivität zu erhöhen. Bei Heinrich Lanz in Mannheim hatte er am 4. Juli 1893 eine Dampfmaschine bestellt, die für St. Wendel eine Sensation wurde. Vier Pferde zogen das technische Ungetüm in einer Mehrtagestour über die holperigen, damals noch nicht asphaltierten Landstraßen der Pfalz nach St. Wendel. Hier wurde die Maschine bei der Ankunft von der Bevölkerung — besonders von der männlichen Jugend — bestaunt wie das achte Weltwunder. Nach ihrem Einbau in die Fabrik brachte die neue Maschine nicht nur die Antriebskraft für die Tabaksmaschinen; sie versetzte auch einen Dynamo in Umdrehungen. Auf diese moderne Weise hatte nicht nur Schaadts Tabakfabrik Licht und vielfältige Kraft, auch Schaadts Wohnhaus erhielt schon 1893 elektrisches Licht, als erstes Haus in St. Wendel.

 

Nach dem Tode August Schaadts am 3. Juli 1914 führte zunächst seine Ehefrau Karoline das Unternehmen weiter. Sohn Hermann Peter Schaadt (geb. 30. Januar 1889, gest. 18. April 1979) hatte 1908 bis 1910 eine Ausbildung in der Cigarettenfabrik der Gebr. Eberhard in Lampertheim bei Mannheim erhalten.

 

Danach war er noch in anderen Fabriken und Ausbildungsstätten zur ständigen Fortbildung. Beim Tode des Vaters war er Soldat. Doch wurde er während des Ersten Weltkrieges vorzeitig entlassen, um das elterliche Unternehmen der Tabakfabrik weiterzuführen. Die oberste Heeresleitung war an der regelmäßigen Belieferung der Soldaten mit Kau und Schnittabak sehr interessiert. Zunächst war der von den Soldaten heimgekehrte Hermann Peter Prokurist. Später übergab ihm seine Mutter die Leitung der Tabakfabrik.

 

Einige Geschäftsaufzeichnungen der Tabakfabrik Schaadt aus den Jahren nach der Rückgliederung des Saargebietes an das Deutsche Reich (1. März 1935) haben die zahlreichen Entrümpelungsaktionen des Reichsluftschutzbundes und die Kriegswirren 1939/45 überstanden. Nach der 15jährigen Abtrennung des Saargebietes vom deutschen Wirtschaftsraum (1920 — Februar 1935) ging es im Sommer und Herbst 1935 wieder mächtig aufwärts. Schaadt lieferte seine Tabake in alle deutschen Gaue und Städte, bis nach Königsberg in Ostpreußen. Die genauen Aufzeichnungen des Jahres 1935 beweisen die Lieferungen. Überrascht ist man, wenn man die Lieferungen in die Domstadt Köln nachprüft. Hier in Köln am Rhein dürfte Schaadt wohl eine Monopolstellung angesteuert haben. Vielleicht hatte die Firma sogar dort eine monopolartige Stellung im Markt erreicht. Im Jahre nach der Rückgliederung belieferte die St. Wendeler Tabakfabrik Schaadt in der rheinischen Domstadt genau 198 Abnehmer.

 

Von einem Kleinbetrieb hatte sich die Tabakfabrik in der dritten Generation zu einem achtbaren mittelständischen Unternehmen der Tabakbranche entwickelt, das sich in Zusammenarbeit mit anderen St. Wendeler Tabakfabriken auch an Messen und Ausstellungen im Deutschen Reich beteiligte.

 

Der Krieg 1939 — 1945 brachte dem blühenden Unternehmen mit seinen 68 Beschäftigten bald die ersten Rückschläge. Der Höhepunkt der betrieblichen Entwicklung war zwar schon in den Jahren 1937/39 erreicht, aber in dem ersten Kriegsjahr florierte das Unternehmen noch weiter. Bis zum Kriegsbeginn am 1. Sept. 1939 wurden Männer und Frauen etwa im gleichen Verhältnis beschäftigt. Infolge der Einberufungen gewannen die Arbeiterinnen in der Tabakmanufaktur aber bald die Oberhand. Die Produktion von Rolltabak war in den Vorkriegsjahren besonders verstärkt worden, weil die damalige Regierung des Deutschen Reiches die Rüstungsindustrie stark angekurbelt hatte. Zur Energieerzeugung brauchte man immer mehr Kohle, und die konnte nur aus den Gruben kommen. Durch gelegentliche Sonderzuteilungen von Rolltabak suchte die Regierung die hochgeschätzten Bergleute bei Laune zu halten. Die Bergleute förderten mehr Steinkohle und verbrauchten mehr „St. Wenneler Rolles". Die Bergleute unter Tage liebten den St. Wendeler Rolltabak, den sie während der Schicht kauen konnten. Mit ihm versuchten sie, den für ihre Lungen gefährlichen Stein und Kohlestaub zu binden. Einzelne Bergpensionäre haben den Brauch des Priemens auch noch nach ihrer Entlassung aus dem schweren Bergmannsberuf bis ins hohe Alter beibehalten. Sie sind das Priemen gewohnt, wie der pensionierte 77jährige Bergmann Paul Keßler in Urexweiler, der ohne seine „Priemcher" nicht mehr leben will. Viele alte Bergleute halten das Priemen des Kautabaks auch für viel gesünder als das Rauchen der Zigaretten.

 

Die große Auswahl an Tabaken, welche die Fabrik Schaadt am Ende der 30er Jahre ihren Kunden bieten konnte, läßt sich aus einem alten Rechnungsformular aus der Zeit nach der Rückgliederung des Saargebietes an das Deutsche Reich ablesen. St. Wendeler Rolltabak, von dem damals 500 Gramm 3,40 Reichsmark kostete, stand nicht nur an der ersten Stelle der Produktion, sondern auch an der ersten Stelle auf den Rechnungsformularen. Sehr höflich findet man heute die ann unteren Rande der Rechnung angebrachte Bitte, den Rolltabak an einem kühlen, luftigen, aber trockenen Ort aufzubewahren.

 

Während der ersten Kriegsjahre gingen die Einfuhren von Rohtabaken aus dem Ausland beständig zurück. Mancher Mitarbeiter mußte zum Frontdienst. Mit einem eingeschriebenen Brief schickte der „Reichsstatthalter in der Westmark und Chef der Zivilverwaltung in Lothringen" im Sommer 1942 den Stillegungsbescheid für die Tabakfabrik Schaadt. Auch dieses folgenschwere Dokument befindet sich noch in Familienbesitz. Was im Jahre 1827 so verheißungsvoll begonnen hatte, wurde nach genau 115 Jahren durch staatlichen Zwang recht jäh beendet. Da hatte niemand Lust, das stolze Jubi läum zu feiern. Die Tabakfabrik Schaadt stellte ihren Betrieb im dritten Kriegsjahr ein, es war am 15. Juli 1942.

 

Ein Jahr nach Ende des zweiten Weltkrieges (8. Mai 1945) erhielt Hermann Peter Schaadt am 28. März 1946 vom Gouvernement Militaire de la Sarre Direction des Finances  die Wiederzulassung seiner Tabakfabrikation. Die Marktverhältnisse hatten sich wieder entscheidend verändert, und im Saarland gab es die französische Rögie des tabacs, die schon der glorreiche Napoleon erfunden haben soll. Die französische Militärregierung teilte in ihrer Röglementation der Tabakfabrik Schaadt für jeden Monat ein Kontingent von 955 Kilogramm zu, etwa 5 % dRégieüheren Produktion. Das war im Verhältnis zu dem früheren Rohtabakverbrauch zwar sehr wenig, aber dem Herrn Schaadt immRéglementation als nichts. Die Produktionskapazität der Fabrik war bei weitem nicht ausgelastet, aber das war der staatlichen Regie wohl auch egal. Staatliche Stellen, die wirtschaftlich tätig wurden, haben es noch nie mit den Relationen von Aufwendungen und Erträgen so genau genommen. Die Militärregierung gestattete die Fabrikation von Krullschnitt avec 60 % Rippen, en paquets de 60 grs. und die Herstellung von Feinschnitt en paquets de 40 Grs. Auf der Rückseite dieser „Röglementation concernant l'industrie du tabac" findet man noch eine interessante Eintragung, die nur den älteren Leuten verständlich ist, die den Krieg und die beiden Hungerjahre 1946 und 1947 mitgemacht haben. Hermann Peter„Réglementationvon der Militärregierung die Genehmigung erhalten, seinem Personal zu der Quote, die jedem Bürger damals zugeteilt war, noch weitere 400 Gramm Tabak pro Monat zu geben. Aber diese 400 Gramm zusätzlichen Tabak bekamen nur  laut Art. 4 der Röglernentation  die Hommes, also die Männer. Den Femmes, also den Damen, gewährte die Militärregierung nur 100 g. par mois. Die Frauen bekamen also nur 100 Gramm Tabak zusätzlich im Monat. Die den Franzosen nachgerühmte HöRéglernentationmen kam hier beim Tabak nicht zum Tragen.

 

Schon am 29. Mai 1946 kam auch eine Produktionsgenehmigung vom Regierungspräsidium Saar, Abt. Wirtschaft. Nach und nach wurde die Produktion gesteigert. Die Lieferungen wurden von der Tabakregie übernommen. Ab 1956 überließ Hermann Peter Schaadt seinem Sohn Helmut (geb. 9. Juli 1933) die Geschäftsführung, doch der Senior arbeitete täglich in der Fabrik und war mit Rat und Tat immer zur Stelle. Hermann Peter Schaadt, der vielen älteren St. Wendeler Bürgern noch in guter Erinnerung ist, war mit Martha Zorn (geb. 4. April 1906, gest. 4. Aug. 1977) verheiratet. Sohn Helmut hat seine Lehre in der Tabakherstellung absolviert. Die Herstellung der Mischungen und die Fabrikation der Rauchtabake erlernte er in mehreren Firmen in Amsterdam, in der Pfalz, im Badischen und in den früheren Anbaugebieten um Nürnberg. In Mannheim lernte er die Fermentation der Rohtabake von Grund auf. Obwohl der Vater Hermann Peter Schaadt bis zur Auflösung der Fabrik im Jahre 1961 Eigentümer geblieben war, hatte er seinem Sohn in den 50er Jahren immer mehr Verantwortung übertragen. Ende 1956 überließ er ihm die gesamte Leitung des Unternehmens. Von dem letzten Tabakfabrikanten im Hause Schaadt, Helmut Schaadt, stammt der folgende Einblick in das tägliche Geschehen der früheren Tabakfabrik, wie es sich den Besuchern bis 1961 bei vielen Führungen bot.

 

Ein Rundgang durch die frühere Tabakfabrik

 

Die Besichtungen begannen immer im größten Raum des Betriebes, dem Rohtabakla
ger. Dieses Rohtabaklager erforderte den größten Raum, weil dort die Vorräte für die
Produktion von mindestens sechs Monaten lagerten. Diese umfangreiche Lagerhaltung war notwendig, um die Mischung einer Tabakmarke über lange Zeit gleichmäßig zu halten. Im Rohtabaklager befanden sich die fertig fermentierten Blätter der Tabakpflanzen der verschiedensten Provenienzen: Aus USA, Europa, aus dem Orient und von Indonesien kamen die Tabake.

 

Aus Übersee (USA) kamen die bekanntesten amerikanischen Tabake, wie Virginia, Kentucky, Burley und Maryland. Sie wurden in großen Holzfässern von ca. 1,40 m Höhe und 1,20 m Durchmesser angeliefert. Die Tabake aus den meisten europäischen Erzeugerländern waren zu großen Ballen von ca. einem Kubikmeter Rauminhalt gepreßt und in Sackleinen verpackt. Die Tabake des Orients, Bulgariens und Jugoslawiens waren in kleinere Ballen von 30 bis 75 kg verpackt. In Bastmatten eingebunden kam der Tabak aus den früheren ostindischen Kolonien Hollands, besonders aus Sumatra und aus Java. Diese letztgenannten Tabake durften wegen ihrer guten Brennfähigkeit in keiner Tabakmischung fehlen. Weiter lagerten in den unterschiedlichsten Verpackungen noch die sogenannten „Würztabake", von denen nur der bekannteste, der Latakia, genannt werden soll. Beim Latakia handelte es sich um einen feuerfermentierten Tabak aus Syrien.

 

Aus all den genannten Tabaken wurden im Hause Schaadt die Mischungen nach einem eigenen Hausrezept durch sorgfältiges Abwiegen einzelner Teilmengen hergestellt. Durch verschiedene Mischungsverhältnisse der Tabake entstand eine bestimmte Tabakmarke mit einer ganz bestimmten Geschmacksrichtung.

 

Vom Rohtabaklager aus begaben sich die Besucher in den Anfeucht und Mischraum. Der Tabak, der aus dem Rohtabaklager kam, war so trocken, daß er nicht ohne weiteres verarbeitet werden konnte. Zuerst mußte ihm die notwendige Feuchtigkeit zugeführt werden. Nur dann war er verarbeitungsfähig und bot die Gewißheit, bei der weiteren Verarbeitung nicht zu zerbrechen. Das Anfeuchten geschah zum Teil durch Besprühen mit Wasser; bei manchen Sorten durch Zuführung von Sattdampf in großen Trommeln, in die der Rohtabak eingefüllt worden war. Dieses Anfeuchten durch Dampf wurde hauptsächlich bei den Tabaken vorgenommen, die farb und geschmacksempfindlich waren. Hierbei war es immer wieder erstaunlich, wie schnell sich die Feuchtigkeit von der Spitze über das ganze Blatt gleichmäßig verteilte.

 

Bevor die Tabake zu einer Mischung weiterverarbeitet werden konnten, mußten die einzelnen Tabakbüschel aufgewickelt werden. Vor allem die Tabake aus dem Orient waren auf Schnüre gezogen, die in Handarbeit entfernt werden mußten.

 

Dann erst kam der Rohtabak zur Mischmaschine. Dies war eine große sich laufend um ihre Längsachse drehende Trommel aus Stahl, die in ihrem Inneren sogenannte „Rechen" hatte, um die Tabakblätter laufend zu wenden. Zusätzlich wurde noch ein Luftstrom in die Trommel geblasen, um eine noch bessere Durchmischung zu erreichen. In das Ende der walzenförmigen Mischtrommel ragten etwa zwei Meter tief mehrere Rohre hinein, die rundum mit vielen Sprühdüsen besetzt waren. Über diese Sprühdüsen erfolgte die Saucierung des Tabaks. Mit Saucierung bezeichnete der Tabakfabrikant die Beeinflussung der Tabakmischung durch Zugabe von Geschmacks und brandverbessernden Zusätzen. Diese Zugaben beeinflussen wesentlich die Geschmacksrichtung einer Tabakmischung. Die Saucierung, auch Flavour genannt, ist das eigentliche Fabrikationsgeheimnis einer jeden Tabakfabrik. Damit diese Saucierung durch die gesamte Tabakmischung hindurchziehen konnte, lagerte man nach der Behandlung die Tabakblätter in großen Kisten oder Trommeln über mehrere Stunden, oft bis zum nächsten Arbeitstag. Der sich anschließende Fabrikationsvorgang war das Schneiden des Tabaks. Die Schneidemaschinen waren große Apparate mit einenn Schwungrad und vielen dicken Walzen. Diese Walzen konnten für die verschiedensten Fein und Grobschnittherstellungen in ihrer Drehgeschwindigkeit verändert werden. Die Scheidemaschinen leisteten bei Schnittbreiten von ca. 50 cm und Schnitthöhen vcn 12 cm bei 400 bis 600 Schnitten in der Minute ca. 150 bis 500 Kilo pro Stunde. Die ca. 15 kg schweren Messer, die aus Edelstahl in Einzelarbeit hergestellt worden waren, wurden vor dem Schneidevorgang auf Spezialschleifmaschinen so scharf wie chirurgische Instrumente geschliffen. Normalerweise wurden sie alle 15 Minuten ausgewechselt.

 

Der feuchte Tabak, der aus der Schneidemaschine kam, fiel auf ein Transportband, das das „Schneidgut" nun zur Röstmaschine brachte. Eine Röstmaschine ist eine eiserne Trommel, die zu ihrem Ende hin geneigt ist. Sie drehte sich ständig und wurde von riesigen „Bunsenbrennern" erhitzt. Im Inneren der Maschine sind große Stahlrechen, die den Tabak nochmals mischen und beständig wenden, damit er gleichmäßig geröstet und das Aroma aufgeschlossen wird. Während des ganzen Röstvorganges saugten kräftige Exhaustoren die im Innern der Trommel entstandenen Dämpfe und den Staub ab. Zur Bedienung der Röstmaschine brauchte man sehr viel Fingerspitzengefühl, eine genaue Kenntnis der Geschmacksrichtung der herzustellenden Tabakmarke und sehr viel Aufmerksamkeit. Bei unsachgemäßem Verhalten konnte der Röstmeister sehr schnell eine Tabakmischung „verbrennen" oder gar ihr ganzes Aroma verderben. Aus der Röstmaschine lief der Tabak über Förderbänder weiter zur Siebmaschine. Sie war ähnlich gebaut wie die Röstanlage, nur waren im Innern der Trommel feine Siebe angebracht. Sie reinigten den Tabak von Staub und Sand. Zusätzlich wurde der Tabak durch einen Strom kalter Luft weiter gekühlt. Mit großen Gebläsen wurde er dann durch dicke Rohre nach oben in die „Vorratssilos" geblasen. Das waren ca. 3 Kubikmeter fassende Trichter, die über den Abwiegevorrichtungen der einzelnen Verpackungsstellen angebracht waren. Helmut Schaadt kann sich noch erinnern, daß der Tabak in Handarbeit in rechteckige Beutel gefüllt wurde, während er sich als Kind in der Fabrik seiner Eltern herumtollte. Gelegentlich durfte er auch beim Einfüllen helfen. Diese Beutel waren vorher von geschickten Frauenhänden zusammengeklebt worden. Auch Frauen verschlossen sie nach der Füllung im Handumdrehen mit großer, in wochen und monatelanger Arbeit erworbener Fingerfertigkeit. Mit fortschreitender Technisierung der Tabakfabrikation zu Beginn der 40er Jahre verpackte man die Schneidetabake vollautomatisch mit eigens dafür entwickelten Paketiermaschinen. Diese Paketierautomaten waren große, schwere Maschinen mit einer Länge von 8 — 10 m und einer Breite von 3 — 4 m. In diese Maschinen gab man Leim und die vorher bedruckten Verpackungszuschnitte oder die bedruckten Endlosrollen von Verpackungsfolien ein. Unter den schon erwähnten Vorratssilos standen Wiegetische, an denen drei bis fünf Arbeiterinnen den Tabak abwogen und in den laufenden Paketierautomaten einfüllten. (In den modernen Fabriken werden heutzutage auch diese Arbeiten von Automaten ausgeführt.) Am Ende der Maschine kam dann das fertige und verklebte Päckchen Tabak heraus. Die Päckchen wurden in Kisten gefüllt, nachdem jedem Päckchen eine Steuerbanderole aufgeklebt worden war. Die für den Verkauf bestimmten Gebinde mit Tabak wogen jeweils 1 000 Gramm. Da beispielsweise die Marke „Coburger Wappen" 100 bzw. 50 Gramm wog, waren in einem Verkaufsgebinde dieser Sorte also 10 bzw. 20 Päckchen Tabak. Das Steuerzeichen des ewig fordernden Staates mußte so sorgfältig angelegt werden, daß beim Öffnen der Packung dieses Steuerzeichen zerrissen wurde. Ständige Kontrollen der Verbrauch steuerstelle überwachten die Tabakfabrik und besonders die gewissenhafte Anbringung der staatlichen Steuerbanderolen. Die damals sehr beliebten gelben Spitztüten mußten auch noch im Zeitalter der Technik von Hand gefüllt und verschlossen werden. Das Füllen und Abwiegen wurde von Frauen durchgeführt, während das Schließen der Tüten fast nur von Männern erledigt wurde. Es erforderte einen ständigen Kraftaufwand der rechten Hand, was nur wenige Frauen über längere Zeit durchhalten konnten. Auch das sich anschließende Anlegen der Steuerbanderole war Handarbeit.

 

Einen eigenen Weg nahmen die Tabakblätter, die zu Rolltabak verarbeitet wurden. Sie wurden nicht geschnitten, sondern von Hand weiterverarbeitet. Zuerst mußte die dicke Blattmittelrippe entfernt werden, wodurch zwei Blatthälften entstanden. Diese beiden Hälften wurden sorgfältig auseinandergebreitet und aufeinander gestapelt. Sie wurden in der Spinnmaschine als „Deckblatt" verwandt, während die Blätter, die beim Entrippen zerrissen wurden, die „Einlage" des Rolltabakstranges bildeten. Eine Spinnmaschine war mit 4 Personen besetzt. Der „Spinner" sorgte für stets gleichbleibende Dicke des Rolltabakstranges. Die „Einlegerin" legte das Deckblatt so geschickt ein, daß keine freien Blattenden am Strang zu sehen waren. Die beiden anderen Personen reichten die benötigten Tabakblätter an. Je nach der Dicke des Stranges war die Trommel, auf die das Gespinst aufgerollt wurde, nach ca. ein bis zwei Stunden voll. Das Abwickeln von der großen Trommel und das Drehen der bei älteren Leuten noch bekannten Röllchen erforderte sehr geübte und erfahrene Hände. Jeder Spinner hat dabei die von ihm gesponnene Rolle auch selbst aufgeteilt. Das rechte Augenmaß und die Geschicklichkeit der Hände bestimmten nicht nur das gefällige Aussehen des noch zu schaffenden Röllchens, sondern auch sein Gewicht. Schließlich sollte jede Rolle Kautabak doch mindestens 100 Gramm wiegen. Ein späteres Hinzufügen an die Rolle war nicht möglich, und Abschneiden wie beim Metzger gab es auch nicht, weil jede Rolle mit einem Holznagel, einer Pinne, zusammengehalten wurde.

 

Diese Schilderung eines Besuches in der früheren Tabakfabrik Schaadt in der Balduinstraße erweckt nostalgische Erinnerungen an ein in St. Wendel untergegangenes Handwerk. Die Produktion von Fein und Krüllschnitten und dem früher weitbekannten „Sankt Wenneler Rolles" wird hier wohl nie wieder stattfinden. Ein früherer Industriezweig ist in der Stadt ausgestorben. Interessenten an der ehemaligen St. Wendeler Tabakfabrikation können sich aber einen Einblick in das frühere Gewerbe verschaffen, wenn sie sich einen in den Jahren 1954 bis 1959 von Helmut Schaadt gedrehten 8mmSchmalfilm ansehen. Er zeigt die einzelnen Stadien der Tabakherstellung in der Fabrik seiner Eltern. Dieser Schmalfilm über die St. Wendeler Tabakfabrikation besitzt aber nicht nur familiengeschichtlichen Wert für die Sippe Schaadt. Der Film ist auch ein beeindruckendes Dokument der Wirtschaftsgeschichte des St. Wendeler Landes.

 

Ebenso beeindruckend mag für junge Leser dieser St. Wendeler Tabakgeschichte auch ein Einblick in einen Lehrvertrag sein, der von dem Tabakfabrikanten August Schaadt mit Frau Helena Gerber über die dreijährige kaufmännische Lehre ihres Sohnes Heinrich Gerber am 1. Mai 1911 abgeschlossen wurde. Ein Vergleich der heutigen Lehrverhältnisse mit denen vor bald 75 Jahren könnte zum Nachdenken Anlaß geben. In dem „Lehrvertrag" heißt es wörtlich: „Die Geschäftsstunden beginnen morgens um 7 Uhr, Sonntags wie Werktags und enden abends 9 Uhr. Sonntags hat der Lehrling von 3 Uhr ab frei. Während der Lehrzeit darf der junge Mann kein Geld nachtragen und steht dem Lehrherrn das Recht zu den Lehrling diesbezüglich zu jeder Zeit zu untersuchen und denselben im betroffenen Falle sofort zu entlassen". Der kaufmännische Lehrling Heinrich Gerber mußte versprechen „sich während seiner Lehrzeit folgsam, gesittet, treu und ehrlich zu betragen, mit Bereitwilligkeit und beharrlichem Fleiße, alle ihm zugewiesenen Arbeiten aufs Pünktlichste zu verrichten". Die Mutter des Lehrlings genoß ein besonderes Privileg, denn Lehrgeld brauchte sie—wie es damals üblich war — nicht zu bezahlen, dafür „hat sie aber Ihren Sohn während der Lehrzeit selbst zu beköstigen und zu verpflegen". Weiter steht in dem alten Lehrvertrag: „Heinrich Gerber darf nach Vollendung seiner Lehrzeit 2 Jahre lang in kein anderes Tabakgeschäft am Platze eintreten, widrigenfalls die Mutter des Lehrlings Frau Helena Gerber eine Conventionalstrafe von M 1 000 in W. „Eintausend Mark" an den Lehrchef zu zahlen hätte". Der handschriftliche Lehrvertrag enthielt also auch schon ein Wettbewerbsverbot für den Lehrling, wie dies gemäß §§ 74 — 76 HGB in ähnlicher Weise heute für die Kaufmannsgehilfen gilt.

 

Marschall Tabak, größte Tabakproduktion in St. Wendel

 

In seinem 1926 erschienenen Buch „Stadt und Land des hl. Wendalin" schreibt Rektor Nikolaus Obertreis (S. 349): „Zur Koburger Zeit, im Jahre 1827, gründete der St. Wendeler Bürger Emanuel Marschall hier die erste Tabakfabrik. Ihr folgten noch die Fabriken von Wilhelm Marschall, Peter Schaadt und N. Kockler. Nach dem Tode von W. Marschall erstand der Kaufmann Wassenich seine Fabrik; nach dessen Tode erwarb die Firma Emanuel Marschall sie wieder für die Familie zurück. Die Jahresproduktion der Fabriken beträgt insgesamt etwa 9 000 bis 10 000 Zentner. Verarbeitet werden namentlich Pfälzer Rohtabake zu gerolltem und geschnittenem Rauchtabak und zu Kautabak".

 

Während also Max Müller in seinem Werk über die Geschichte der Stadt St. Wendel (1927) die Familie Kockler als erste Tabakspinner der Stadt ansieht, glaubt Nikolaus Obertreis, Emanuel Marschall habe in St. Wendel die erste Tabakfabrik gegründet.

 

Die Familie Marschall stammt aus Etalle bei Arlon/Belgien. Es wurde schon erwähnt, daß um das Jahr 1750 die Eheleute Johannes Marschall und seine Frau Anna Maria Marschall geborene Collignon ihren Wohnsitz in St. Wendel nahmen (nach Max Müller). Der 24 Jahre alte Emanuel Jakob Marschall hatte in der damaligen Hochburg der deutschen Tabakindustrie, in Koblenz, eine mehrjährige Lehre durchgemacht und kam „in allen ihren Zweigen ausgebildet, Ende des Jahres 1827 in seine Vaterstadt St. Wendel zurück". So nachzulesen in dem St. Wendeler Volksblatt vom 25. Juni 1932. Im Haus seines Vaters, des Gutsbesitzers Nikolaus Marschall, eröffnete er in der Balduinstraße eine Tabakspinnerei. Das Haus hinter der Wendalinusbasilika ist, noch nicht wesentlich verändert, erhalten geblieben. Die Produkte fanden zahlreiche Käufer, und mit der Spinnerei ging es aufwärts. Als 1834 der preußische König das Fürstentum Lichtenberg mitsamt seiner Hauptstadt und der Bevölkerung gekauft hatte, fielen die Zollgrenzen. Weitere Gebiete an der Nahe, in der Pfalz und im Hochwald konnten mit MarschallTabaken versorgt werden. Die Aussichten auf weitere Produktionssteigerungen waren günstig. Einer der Söhne des Gründers Emanuel Marschall, Jakob Marschall, verheiratete sich am 6. Sept. 1873 mit der ältesten Tochter Helena des Tabakfabrikanten Peter Schaadt. Schon bald nach seiner Eheschließung fing er eine eigene Tabakfabrikation in der Schloßstraße in dem Gebäude an, das sich an den alten Torbogen des St. Wendeler Rathauses anschließt. Am 29. Mai 1880 starb sein 1803 geborener Vater und Tabakfabrikgründer Emanuel Jakob Marschall, der mit Margarethe Mohr (t 15. 4. 1856) verheiratet war. Sein jüngster Sohn, Wilhelm Marschall, übernahm die Leitung des Hauses. Er hatte seine Ausbildung als Tabakfachmann in großen Fabriken in Mannheim erhalten. Wilhelm Marschall gelang es, die Fabrikation in den folgenden Jahren weiter auszubauen. Außerordentlich verbesserte er die Fabrikation von Schneidetabaken. Die „Blaue Tüte" von Marschall wurde zu einem Begriff bei allen Pfeifenrauchern weit und breit.

 

Nachdenn nun schon zwei Söhne des Tabakfabrikgründers Emanuel Jakob Marschall erwähnt worden sind, soll ein dritter Sohn, Nicola Marschall, geboren zu St. Wendel am 16. März 1829, nicht vergessen werden. Er wanderte 1849 in die Vereinigten Staaten von Nordamerika aus, die damals noch als Land der unbegrenzten Möglichkeiten galten. In Nordamerika brachte es der Porträtmaler zu Ruhm und Ansehen und stieg sogar zum Lehrer an einer höheren Mädchenschule auf. In seiner Vaterstadt St. Wendel ist Nicola Marschall weitgehend vergessen, aber in vielen Staaten der USA steht sein Name in den letzten Jahren wieder in den Lesebüchern der Schüler der Primary Schools, etwa den deutschen Volksschulen gleichzusetzen. Nicola Marschall hatte die erste von den Bundesstaaten Amerikas angenommene Nationalflagge entworfen. Diese erste Flagge der Konföderierten, die Urform des heutigen Sternenbanners, hatte 1861 erst sieben Sterne. Der verstorbene St. Wendeler Heimatforscher und Ehrenbürger Hans Klaus Schmitt hat dem vortrefflichen Sohn des Tabakfabrikanten Emanuel Jakob Marschall in einenn mehrseitigen Aufsatz im Heimatbuch 1975/76 (XVI. Ausgabe) ein ehrendes Denkmal gesetzt. Nicola Marschall starb am 24. Februar 1917 in Louisville (USA).

 

Tabakfabrikant Wilhelm Marschall starb am 15. Februar 1913. In St. Wendel soll er in allen Kreisen der Bevölkerung ein großes Ansehen genossen haben. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger war er in viele Ehrenämter gekommen. Wilhelm Marschall war unverheiratet und hatte keine leiblichen Erben. Er hinterließ nur seine gesetzlichen Erben. Sie folgten seiner Bestimmung und führten die Fabrikation in der Rechtsform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) weiter. Noch 1913 wurde die Fabrik durch einen Anbau erweitert.

 

Diese gesetzlichen Erben Wilhelm Marschalls waren seine Nichten und sein Neffe Helene Maria Baltes geb. Marschall, Amelie Friedrich geb. Marschall, Fanny Jobs geb. Lummerzheim und Dr. med. Ferdinand Lummerzheim sowie sein 1849 in die USA ausgewanderter Bruder Nicola, der vor seinem Tode 1917 seine Frau Mattie Elizza Marschall geb. Marshal als seine Universalerbin eingesetzt hatte. Frau Mattie E. Marschall (USA) war aus der Firma Marschall ausgetreten, nachdem sie am 6. Dezember 1921 eine Abfindung erhalten hatte. Helene Baltes und Amelie Friedrich waren die Zwillingskinder des am 31. Dezember 1892 verstorbenen Tabakfabrikanten Jakob Marschall und seiner Ehefrau Helena geb. Schaadt (geb. 24. Nov. 1835). Helene Marschall hatte den Arzt Dr. med. Wendel Baltes aus Urweiler geheiratet. Amelie Marschall war mit dem damaligen Bürgermeister St. Wendels, Karl Alfred Friedrich, verheiratet. Fanny Jobs und Dr. med. Ferdinand Lummerzheim waren Kinder des St. Wendeler Studienrates Dr. phil. Hubert Christian Lummerzheim und seiner Frau Katharina geb. Marschall. Studienrat Dr. Lummerzheim war 1868 nach St. Wendel in den Schuldienst des damaligen Progymnasiums gekommen. Er stammte aus Köln (geb. 27. Dez. 1839). Hier in der Stadt hatte er die einzige Tochter des reichen Tabakfabrikanten und Firmengründers Emanuel Marschall kennengelernt und am 14. Mai 1869 geheiratet. Katharina Marschall (geb. 4. Dez. 1839) war also die einzige Schwester von Nicola, Jakob und Wilhelm Marschall. Fanny Lummerzheim verheiratete sich mit dem Kölner Stadtschulrat Jobs. Dr. Ferdinand Lummerzheim hatte sich mit Karola Kammenhuber, der Tochter des Dörrwiesmüllers, aus Urweiler verheiratet.

 

Am 27. September 1895 hatte der damalige Stadtbürgermeister von St. Wendel, Karl Alfred Friedrich (geb. 9. Juni 1868 in Prüm), die Katharina Amalie Marschall geheiratet. Sie war — wie schon erwähnt — die Tochter des Tabakfabrikanten Jakob Marschall, der sich seinerzeit nach seiner Eheschließung mit Helena Schaadt selbständig gemacht hatte. Karl Alfred Friedrich, der seit dem 1. Januar 1894 Bürgermeister unserer Stadt war, kam nun durch seine Frau und mit seiner Frau in den Genuß der Erbschaft Marschall. Die kleine Fabrik von Jakob Marschall (geb. 1. Febr. 1831) in der Schloßstraße war inzwischen in den Besitz des Kaufmanns Johann Wassenich übergegangen. Der Zeitpunkt des Überganges ließ sich nicht ermitteln. Da Jakob Marschall am 31. Dez. 1892 verstarb, darf man jedoch annehmen, daß der Verkauf seiner Tabakproduktion an den Kaufmann Johann Wassenich in den Jahren 1891/92 stattgefunden hat. Aber die Erben des Wilhelm Marschall — an ihrer Spitze der Geschäftsführer der neuen Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), Bürgermeister Alfred Friedrich, und der andere Geschäftsführer, Wilhelm Scherer — kauften schon 1915 die Tabakfabrik des Jakob Marschall von Wassenich und führten sie wieder in das Gesamtvermögen Marschall zurück.

 

Wilhelm Scherer war seit 1897 bei Wilhelm Marschall beschäftigt und mit ihm persönlich befreundet. Er galt als dessen treuester Mitarbeiter. Dies mag wohl auch einer der Gründe gewesen sein, warum auch er zu einem Geschäftsführer der neuen GmbH nach Wilhelm Marschalls Tod ernannt worden war.

 

Bürgermeister Alfred Friedrich überließ die Oberleitung des Unternehmens in technischer und kaufmännischer Hinsicht dem „getreuen Eckehardt" des Hauses Marschall, Wilhelm Scherer. Als Friedrich gar Landrat des Kreises St. Wendel geworden war (1920), fand er noch weniger Zeit für die Belange der Tabakfabrik. Wilhelm Scherer leitete das Werk bis zum Jahre 1926 recht souverän. In diesem Jahr trat Franz Keune, ein Schwiegersohn des Landrates Friedrich, in die Geschäftsführung ein. Keune und Scherer teilten sich die Geschäftsbereiche der Fabrik, die seit Ende des Weltkrieges einen beständigen Aufschwung genommen hatte. Keune wurde kaufmännischer Leiter, Scherer war— wie bisher auch — für die technische Seite, besonders für die Tabakfabrikation verantwortlich.

 

Die Fabrikation von geschnittenen Tabaken wurde in größerem Umfang aufgenommen, dem Geschmack der Raucher durch eine größere Auswahl Rechnung getragen. Die maschinellen Einrichtungen paßte man immer dem neuesten Stand der Verarbeitungstechnik an. In den Jahren des Krieges 1914/18 wurde die Fabrikation — wie bei den anderen St. Wendeler Tabakfabriken — stark beeinträchtigt. Die Rohtabakzufuhren wurden auch für Marschall kontingentiert und blieben zuweilen ganz aus. Einen großen Anteil hatte die Firma Marschall bei den Tabaklieferungen an die Frontsoldaten. Die Firmenleitung hatte—vielleicht in einer Anwandlung vaterländischer Begeisterung — für die für „Gott, Kaiser und Reich" an der Front stehenden und ringenden Soldaten eine eigene Tabakmarke geschaffen mit dem beziehungsreichen und hoffnungweckenden Namen „Feldmarschall".

 

Die Nachkriegsjahre brachten — nach den vielen Entbehrungen — eine gesteigerte Nachfrage nach Tabakerzeugnissen. Die Fabrikanten beantworteten diese Nachfrage mit gesteigerten Produktionen. Es gab zunächst einige Monate einen gewaltigen Aufschwung in der Tabakproduktion. Aber die durch den Versailler Vertrag festgelegte Abtrennung des Saargebietes vom Deutschen Reich und seine Eingliederung in das französische Zoll und Währungssystem brachte die Absatzschwierigkeiten, die schon im Zusammenhang mit der Tabakfabrik Kockler ausführlich behandelt worden sind. Während Fabrikant Kockler in der sogenannten „ersten Saargebietszeit" ein Zweigwerk in Türkismühle begründete, dachten die Marschalls an eine Zweigniederlassung in der damals noch recht tabakreichen Pfalz. In Alzey wurde 1925 ein Zweigwerk der St. Wendeler MarschallTabakFabrik eröffnet, dessen Produktionskapazität bald ausgelastet war und das auch rentabel arbeitete. So konnten die bisherigen Abnehmer in den verschiedensten deutschen Absatzgebieten wieder — ohne Zoll — voll beliefert werden. Weiter bemühte man sich um neue Kunden, denn der Tag der Volksabstimmung war ja schon durch den Versailler Vertrag für das Jahr 1935 festgeschrieben. Schon 1920 war fast jedem Bürger in St. Wendel klar, daß die Abstimmung nach 15 Jahren die Wiedereingliederung in das Deutsche Reich und damit den Wegfall der hinderlichen Zollgrenzen bringen würde.

 

In der Festausgabe der St. Wendeler Zeitung zur 600Jahrfeier der Stadt (1932) ist die Belegschaft der Tabakfabrik Marschall einschließlich des Zweigwerkes in Alzey mit 160 Angestellten und Arbeitern angegeben. Die alte Zeitung enthält auch ein kleines Gedicht eines anonymen Poeten, in dem der St. Wendeler Tabak verherrlicht wird.

 

In Wendalinus' Stadt

Ei, da ist's gut,

Da spinnt man Rolltabak,

saftig und voll Geschmack;

wer den nicht rauchen kann,

stoppt aus der Tut!

 

Nach der Rückgliederung des Saargebietes an das Deutsche Reich am 1. März 1935 erfreuten sich die Produkte der MarschallTabakfabrik einer steigenden Nachfrage in vielen Teilen Deutschlands. Die Erbengemeinschaft der Em. Marschall GmbH entschloß sich zur Planung und zum Bau eines umfangreichen Fabrikgebäudes außerhalb der Stadt. 1936 wurde an der Werschweilerstraße gebaut. Das inzwischen äußerlich leicht veränderte Gebäude stellt auch noch heute einen imposanten Fabrikkomplex im Bannkreis der Stadt dar.

 

Treibende Kraft des Neubauvorhabens war vor allem Direktor Franz Keune (geb. 10. April 1894 in Metz). Er hatte am 6. Juli 1920 die Tochter Helene des damaligen Landrates und Miteigentümers der Marschall Tabakfabrik, Karl Alfred Friedrich, geheiratet und war — wie schon erwähnt— 1926 in die Geschäftsführung der Em. Marschall GmbH eingetreten. Nach der Fertigstellung des neuen Fabrikanwesens an der Werschweilerstraße setzte sich der geschäftliche Erfolg bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges (Sept. 1939) ungebrochen fort. Franz Keune, der schon im ersten Weltkrieg bis zum Oberleutnant aufgestiegen und mit den Eisernen Kreuzen der I. und der II. Klasse ausgezeichnet worden war, wurde schon 1939 zur Wehrmacht einberufen. Er erlebte den Krieg bis zum letzten Tag im Mai 1945 und geriet als Oberst in amerikanische Gefangenschaft. Im Juli 1945 kam er in die Heimat zurück. In den folgenden Jahren meisterte er die schwierigen Absatzverhältnisse, die durch die zweimalige Verschiebung der Zollgrenzen (1947 und 1959) bedingt waren. Er gab seine besten Kräfte im Dienste des Unternehmens. Fast 35 Jahre lang trug er die Verantwortung für die Geschäftstätigkeit in der Marschall Tabakfabrik. Am 24. Aug. 1960 verstarb er in Bielefeld, genau zwei Monate nach dem Tode seiner Frau (24. 6. 60). Am 27. August 1960 wurde der in Stadt und Kreis bestens bekannte Direktor der größten St. Wendeler Tabakfabrik in dem Familiengrab auf dem St. Wendeler Friedhof beigesetzt.

 

Die 1936 erbaute und 1937 eingerichtete Tabakfabrik galt zur damaligen Zeit als die modernste Tabakfabrik des Deutschen Reiches.

 

Der wesentlich von Direktor Keune angeregte Fabrikneubau war über zwei Jahrzehnte nicht nur das größte gewerblich genutzte Privatgebäude der Stadt. Marschall war vor dem Zweiten Weltkrieg auch der größte private Arbeitgeber in St. Wendel. Das 1936 erbaute Haus hatte in zwei Vollgeschossen eine Nutzfläche von insgesamt 6 738 qm, der Inhalt des umbauten Raumes betrug 21 917 cbm. Die Größe der bebauten Grundstücksfläche betrug 2 000 qm. Um das Fabrikgelände stand eine weitere eingefriedete Fläche von 18 861 qm zur Verfügung. In die neue Fabrik waren auch zwei Aufzüge eingebaut worden.

 

Recht beachtlich waren die schon 1937 für die Belegschaftsmitglieder eingerichteten Sozialräume (Aufenthaltsraum und Kantine). Als vor Kriegsbeginn hinter der Fabrik ein großer Löschteich angelegt werden mußte, ließ Direktor Keune diesen so gut ausbauen, daß er auch während der Sommermonate von der Belegschaft als Freischwimmbad genutzt werden konnte. Noch viele Jahre nach Kriegsende diente der ehemalige Feuerlöschteich als Schwimmbad. Nur einmal soll er Wasser zur Brandbekämpfung geliefert haben.

 

Während des Zweiten Weltkrieges ergaben sich für die MarschallTabakfabrik die gleichen Zuliefer und Personalschwierigkeiten, wie sie schon im Zusammenhang mit den anderen St. Wendeler Tabakfabriken geschildert wurden.

 

Als die Erben Marschall im Jahre 1946 von der französischen Militärverwaltung eine Produktionsgenehmigung erhalten hatten, ging es wieder langsam aufwärts. Schon Ende 1946 wurden 80 Personen in der Fabrik an der Straße nach Werschweiler beschäftigt. Die Abtrennung vom deutschen Zoll und Währungsgebiet 1947 wirkte sich auch auf Marschall nachteilig aus. Es gab erneut Schwierigkeiten mit dem Zoll, die zu einer abermaligen Neuorientierung am Markte führen mußten.

 

Die Herren Wilhelm Scherer und Franz Keune waren bei der Wiederaufnahme der Produktionstätigkeit 1946 gleichberechtigte Geschäftsführer. Wilhelm Scherer wurde nach einem sogenannten Entnazifizierungsverfahren zur Aufgabe der Geschäftsführerposition durch die damaligen politischen Umstände gezwungen. Bis 1960 war dann Franz Keune alleiniger Chef des Unternehmens. Der Tabakfabrik ging es von 1947 bis 1953 recht gut, obwohl durch den wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich die angestammten Märkte in RheinlandPfalz, dem Ruhrgebiet und Norddeutschland weggefallen waren. Im Rahmen der staatlichen Tabakregie im Saarland waren der Fabrik jedoch hohe Produktionsquoten zugewiesen worden. Marschall durfte auch in steigendem Maße nach Frankreich liefern. Die Lieferungen in die damaligen nordafrikanischen Kolonien Frankreichs glichen die Verluste, die durch die Abtrennung des deutschen Marktes entstanden waren, nahezu aus. Nach der wirtschaftlichen Rückgliederung 1959 fielen die Exporte nach Nordafrika weg. Die Lieferungen nach Frankreich verringerten sich und in Deutschland waren die früheren Marktpositionen unwiederbringlich an starke Konkurrenten verloren. Die früheren Marktanteile in Deutschland konnten auch mit größten Anstrengungen nicht mehr zurückgewonnen werden. Die mächtigen deutschen Unternehmen drängten sogar ungestüm auf den saarländischen Markt. Das Schicksal der St. Wendeler Tabakfabriken war damit besiegelt. Als die Tabakfabrik Kockler im Dezember 1959 ihre Produktion eingestellt und ihre Maschinen über München an eine Unternehmung in Afrika verkauft und ausgeliefert hatte, verkaufte sie auch ihre auslaufende Produktion samt der Marken 1960 an die Tabakfabrik Marschall. Die Erben Kockler bekamen von Marschall für jedes verkaufte Kilogramm eine Lizenzgebühr von einer DM. Aber diese Herstellung der Kockler'chen Marken im Hause Marschall währte nicht lange. Marschall hatte nach dem wirtschaftlichen Anschluß des Saarlandes an das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland im Sommer 1959 selbst gegen starke bundesdeutsche Konkurrenz anzukämpfen. Die Lizenzfertigung für Kockler kam bald zum Erliegen. Auch fiel es von Jahr zu Jahr schwerer, die eigene MarschallProduktion auf dem heißumkämpften deutschen Markt unterzubringen. Die bewährten Tabake der größten St. Wendeler Tabakfabrik, die seit 1900 unverändert beliebte Qualiät „Wie immer", die „Blaue Tüte" und der Rolltabak fanden zwar noch immer ihre Käufer, aber ein Rückgang der Verkaufszahlen zwang zu einer allmählichen Rücknahme der Produktion.

 

Nach dem Tode des Direktors Franz Keune (August 1960) übernahm der bisherige langjährige Prokurist Franz Leismann (geb. 8. Febr. 1899, gest. 11. 2. 1961) für nahezu ein Jahr die Geschäftsführung. Aber auch er konnte das Schicksal nicht mehr wenden, obwohl er seit 45 Jahren im Dienst der Tabakfabrik stand und in allen Bereichen der Fabrikation und des Verkaufes größte Erfahrungen besaß. Der wirtschaftliche Niedergang, bedingt durch immer größere Absatzschwierigkeiten, setzte sich langsam fort. Nach Leismanns Tod wurde der verdienstvolle Angestellte Josef Müssenig (geb. 19. März 1903, gest. 17. Nov. 1981) Geschäftsführer. Er erkannte sehr bald, daß die Tabakproduktion im Saarland keine Zukunft hatte. Es gelang ihm in den Jahren 1961 — 1969 die Fabrikation langsam — und .ohne finanziellen Verlust für die GmbHGesellschafter — zum Ende zu führen. Er bereitete den Verkauf aller Markenzeichen, der Rohtabakbestände und der wertvollen Maschinen vor und fand auch Interessenten. Bi4 zum Spätsommer 1969 wurden „die Viertelcher" (Rolles), der geschnittene Rolltabak, die „Blaue Tüte" und der Feinschnitt „Toronto" hier in St. Wendel hergestellt. Dann beschloß die Erbengemeinschaft den Verkauf aller Tabakmarken an die Trierer Unternehmung J. Schaeidt & Sohn. Vor der Schließung der Tabakfabrik im Spätsommer 1969 waren noch 45 Arbeiter und Angestellte in St. Wendel beschäftigt. Der offizielle Kaufvertrag mit der seit 1808 bestehenden Tabakfabrik J. Schaeidt & Sohn in TrierFilsch wurde am 1. Juni 1970 abgeschlossen. Schon im November 1963 waren das gegen Ende des 17. Jahrhunderts erbaute Stammhaus der Tabakfamilie Marschall, das sogenannte „MarschallHaus" in der Balduinstraße und ein kleineres Haus in der Josefstraße von der Erbengemeinschaft an die alteingesessene St. Wendeler Handelsfirma Anton Kirsch verkauft worden.

 

Schon der Gründer der Eisenhandlung Anton Kirsch, geb. am 15. März 1746, muß sich als Tabakspinner betätigt haben. In einer alten Urkunde ist für den Sohn Anton des Schneiders Nikolaus Kirsch die Berufsbezeichnung „Krämer, Seiler und Tabakspinner" eingetragen. Diese Eintragung erhärtet auch die Vermutung, daß schon viele Jahre vor 1827 in St. Wendel Tabak gesponnen worden sein muß.

 

Nach dem Verkauf an Schaeidt & Sohn, Trier, war die Em. Marschall GmbH bis 1981 nur noch als Vermögensverwaltungsgesellschaft mit beschränkter Haftung vorhanden. Nachdem die Siemens AG das Fabrikgelände vor Ablauf des Mietvertrages 1976 einvernehmlich verlassen hatte, besaß die Erbengemeinschaft Marschall nur noch das große Gebäude mit dem umfangreichen Grundbesitz.

 

Es wurde beschlossen, die GmbH aufzulösen. Aber aus steuerrechtlichen Gründen wählte man einen anderen Weg. Die GmbHAnteile wurden im Herbst 1981 an die Unternehmensgruppe Arndt, Arweiler und Partner verkauft. Die Firma — im handelsrechtlichen Sinne — blieb so bestehen. Auch das Fabrikgebäude wurde an die neuen Gesellschafter veräußert. Kurz vor dem Abschluß der Verhandlungen und der Übergabe der Anteile der Em. Marschall GmbH erkrankte Geschäftsführer und Vermögensverwalter Josef Müssenig ernsthaft. Das Amtsgericht St. Wendel bestellte den Juristen Wolfgang Gerber aus Saarbrücken zum Notgeschäftsführer, weil nach der Satzung der GmbH ein Geschäftsführer den Vertrag zwischen den alten und den neuen Gesellschaftern genehmigen mußte. Am 22. Oktober 1981 veräußerten alle Gesellschafter der frühreren MarschallTabakfabrikation ihre Anteile an der GmbH. Als Verkäufer vor Notar Zawar in Homburg sind in der Verkaufsurkunde genannt:

 

1. die Erben von Frau Carola Lunnmerzheim geb. Kammenhuber

Frau Annelore Ertz geb. Kammenhuber, Ärztin, Ottweiler

Dr. med. Klaus Kammenhuber, Arzt, Neunkirchen

Hermann Kammenhuber, Rechtsanwalt, Saarbrücken

Bettina Kammenhuber, Zweibrücken

Karl Kammenhuber, Zweibrücken

Klaus Kammenhuber, Zweibrücken

2. Frau Herta Gerber geb. Friedrich, Saarbrücken

3. Frau Käthe Schorn geb. Jobs, Pfarrkirchen (Oberbayern)

4. Walter Jobs, Dipl.Ing., Köln

5. Marga Jobs, BergischGladbach

6. Gisela Jobs, Apothekerin, Krefeld

7. Ingeborg Schwartz geb. Jobs, Brauweiler

8. Dr. HansGünther Jobs, Dipl.Ing., Krefeld

9. Dr. Helene Baltes, Ärztin, St. Wendel

10. Elisabeth Buschmann geb. Baltes, St. Wendel

11. Camilla Baltes geb. Scholl, St. Wendel

12. Ingeborg Hasselmann geb. Keune, St. Wendel

13. Erika Robrecht geb. Keune, Wielenbach (Oberbayern)

14. Herta Mathis, Realschuloberlehrerin, Saarbrücken

 

In dem imposanten Fabrikgebäude an der Werschweilerstraße, über Jahrzehnte größtes privatwirtschaftlich genutzte Gebäude der Wendelsstadt, hat sich 1982 eine Papierfertigung etabliert. Nachdem im Herbst 1969 die letzten Tabake in St. Wendel produziert worden waren, wurde das MarschallGebäude nun vollständig von der Firma Siemens AG in Anspruch genommen Die ersten Mitarbeiter von Siemens waren schon 1966 in einige Räume des Tabakfabrikgebäudes eingezogen. Wie der letzte Geschäftsführer der Em. Marschall GmbH, Wolfgang Gerber, dem Verfasser versicherte, war beim Abschluß des Mietvertrages mit der Siemens AG vereinbart worden, daß allen Mitarbeitern von MarschallTabak ein Arbeitsplatz in der SiemensProduktion angeboten werden soll. Auf diese Weise wurden durch die allmähliche Verringerung der Tabakproduktion keine Mitarbeiter der Tabakfabrik arbeitslos. Der Elektrokonzern Siemens nutzte die Produktionsstätte zur Herstellung von Fernmeldeelementen und soll zeitweilig etwa 400 Frauen und Mädchen Beschäftigung gegeben haben. Nachdem sich die Firma Siemens 1976 — vor Ablauf ihres Mietvertrages mit der Marschall GmbH — ganz aus St. Wendel zurückgezogen hatte, stand der umfangreiche Gebäudekomplex leer. Im Oktober 1981 kaufte der Maschineningenieur Walter Arndt mit einigen Geschäftspartnern die Anteile der ehemaligen Em. Marschall GmbH von der Erbengemeinschaft. Unverzüglich begann er mit den Umbauarbeiten, um aus der früheren größten St. Wendeler Tabakfabrik eine Produktionsstätte für Papiererzeugnisse zu schaffen. Die Papierfabrik, die den traditionsreichen Firmennamen „Em. Marschall GmbH" beibehalten hat, produzierte seit Herbst 1982 Taschentücher, Servietten, Papierhandtücher, Küchenrollen und viele andere Arten von Toilettenpapier. Walter Arndt strebte für 1983 eine Papierproduktion von 24 000 Tonnen und eine Mitarbeiterzahl von 80 — 90 an. Doch schon im November 1983 konnte man in der Stadt vernehmen, daß die „Em. Marschall GmbH, Konfektion und Vertrieb von Hygienepapierartikel" in Liquiditätsschwierigkeiten sei. Am 21. Februar 1984 stellte die GmbH beim Amtsgericht in St. Wendel den Antrag auf Eröffnung des Konkursverfahrens.

 

Einen kleinen Einblick in die bescheidene Lebensweise der Menschen in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg erhält man, wenn man über die Verwendungszwecke des Rohleinens nachdenkt, in das viele Rohtabakballen eingepackt waren. Ein ehemaliger, alter Arbeiter einer St. Wendeler Tabakfabrik weiß zu erzählen, daß die Leinenstücke — das sogenannte Sackleinen — bei den Belegschaften der Tabakfabriken sehr beliebt waren. Kein einziges Stück wurde weggeworfen. Alles wurde einer sinnvollen Wiederbenutzung zugeführt. Frauen und Mädchen fertigten aus dem Leinen Fußlappen für ihre Männer und Brüder in den Gruben und Eisenwerken. Kleinere Reste benutzten die Damen als Putztücher (Aufnehmer). Oft legten sie auch zugeschnittene Stücke vor die Haustüren als „Offwäschlombe". Auch wurden aus den größeren Abfallstücken Kartoffelsäcke genäht, die bei den Bauersleuten sehr begehrt waren. Selbst Vorhängeschürzen fertigten sich die Landfrauen aus dem Leinen der Tabakballen.

 

Ähnliche Verwendungen sind auch aus den Notjahren nach Beendigung des zweiten Weltkrieges bekannt. Direktor Keune von der MarschallTabakFabrik stelle in den Jahren 1946/47 dem Maler Adolf Bender sogar Rohleinenstücke zur Verfügung, damit der Künstler auf dieser — heute unglaublichen — Grundlage Ölgemälde schaffen konnte.

 

Dem Beirat der Firma Em. Marschall GmbH gehörten zum Zeitpunkt der Veräußerung aller Anteile im Oktober 1981 an:

 

Graveurmeister Günther Hasselmann, St. Wendel

Frau Elisabeth Buschmann, St. Wendel

Frau Käthe Schorn, Pfarrkirchen (Oberbayern) Richter Wolfgang Gerber, Saarbrücken

 

Nach Abschluß der langwierigen Verhandlungen und der Übergabe der Anteile an die neue „Em. Marschall GmbH, Konfektion und Vertrieb von Hygienepapierartikel" starb der langjährige Geschäftsführer und Vermögensverwalter Josef Müssenig (Urweiler) am 17. November 1981.

 

Die Erbengemeinschaft Marschall GmbH hatte bis zur Übertragung der Anteile an die neuen Gesellschafter keinerlei Fremdkapital in Anspruch genommen. So konnte Geschäftsführer Wolfgang Gerber, heute Richter am Oberlandesgericht in Saarbrücken, seine Genehmigung nach Rücksprache mit den Erben geben und die satzungsgemäß erforderliche juristische Form erfüllen. Er setzte mit seiner Unterschrift am 22. Oktober 1981 einen Schlußstrich unter das große Werk, das sein Ururgroßvater 1827 in St. Wendel begonnen hatte.

 

Fast elf Jahre lang wurden die St. Wendeler MarschallTabake in Trier produziert. Die Trierer Tabakfabrik verkaufte 1979 ihre gesamte Produktionspalette an die Firma Gebr. Berens, Rauchtabak und Zigarrenfabrik in Lennestadt im Sauerland. Seit April 1979 kommt also der „Sankt Wenneler Tuwak" nicht mehr aus Trier und seit Ende 1969 auch nicht mehr aus St. Wendel. Heute kommen die MarschallTabake alle aus dem Sauerland. Die Qualität und der gute Ruf aller St. Wendeler Produkte sind jedoch geblieben. Alle Marschallfabrikate, die es vor 20 Jahren gegeben hat, gibt es auch heute noch. Der beliebte „Rolles" wird vornehmlich an die Grubenkantinen im Saarland und im Ruhrrevier geliefert. Aber immer weniger Bergleute in den hochtechnisierten Gruben brauchen natürlich auch immer weniger „St. Wenneler Rolles". In den Fachgeschäften fragen vor allem Bergpensionäre nach dem Rolltabak, weil sie sich von ihren geliebten Priemchen nicht trennen wollen. Die von der Firma Gebr. Berens produzierten MarschallTabake werden heute ausnahmslos im Saarland, in den angrenzenden Gebieten von RheinlandPfalz und in der Eifel von Kurt Weisgerber, einem ehemaligen Angestellten der Marschallfabrik, abgesetzt. Der bewährte Handlungsreisende ist seit 36 Jahren Mitarbeiter des Hauses Marschall. Nicht nur in Fachgeschäften, sondern auch in Großmärkten und in den Filialen der Warenhausketten können Interessenten auch noch im Jahre 1984 „St. Wendeler" Tabakerzeugnisse kaufen.

 

Die alte Kreisstadt, in der nahezu 200 Jahre lang Tabakwaren hergestellt wurden, hat zwar seit 1969 keine Produktionsstätte für Tabakerzeugnisse mehr, aber ein Auslieferungslager für MarschallTabake blieb bis zum heutigen Tag im Hause AlfredFriedrichStraße 32 erhalten. Von hier aus werden nicht etwa alte Restbestände aus früheren Jahren verkauft, sondern frische „MarschallTabakErzeugnisse" aus der Fabrik der Gebrüder Berens in Lennestadt (Sauerland). Ausgeliefert von Handelsvertreter Kurt Weisgerber werden die Feinschnittmarken „Schinderhannes", „Toronto", „Ahnenruhm", „Wie immer rot" und „Toronto hell". Alle Feinschnitte werden in 50GrammPackungen gehandelt. Auch die bekannten Pfeifentabake „Blaue Tüte", „Edelbrand Silber", „Geschnittener Rolltabak" und „Geschnittener Strang braun" (alle in 50 Gramm Gebinden) stehen für die Käufer zur Verfügung. Die altbewährten Kautabake „Rollen rot" und „Rollen blau" und die sogenannten „Schnecken" werden ebenfalls noch von St. Wendel aus weiterverkauft. Durch die Verkaufsniederlassung ist also die Beziehung der Stadt zum „Sankt Wenneler Tuwak" noch in einer sehr bescheidenen Weise gewahrt.

 

Zahlreiche kleinere Tabakspinnstuben

 

Wie mir August Maria Marx aus St. Wendel mitteilte und wie auch dem schon anfangs erwähnten Aufsatz von Franz Keune im II. Heimatbuch des Kreises St. Wendel (1949) zu entnehmen ist, gab es in unserer Stadt noch mehr als ein Dutzend kleiner und kleinster Tabakfabrikationen und Tabakspinnereien. Besonders die kleinen Manufakturen wurden von der Bevölkerung „Tabakstoob" genannt. So versuchte sich Wendel Marx aus Urweiler als selbständiger Tabakspinner. Er war 1854 in die Firma Marschall eingetreten und war dort bis etwa 1870 tätig. Dann gründete er eine eigene Tabakspinnerei in Urweiler. Um die Jahrhundertwende soll er sein Betriebchen ins Zentrum der St. Wendeler Tabakindustrie, also in die Stadt verlegt haben. Er hatte wohl auch schon damals erkannt, daß man in St. Wendel besser seine Waren verkaufen kann als in dem benachbarten Urweiler. Das Haus, in dem Wendel Marx hier in der Stadt seine Tabakfabrik betrieb, wurde 1912 beim Bau der Eisenbahn nach Tholey abgerissen. Dieser Abriß der Produktionsstätte bedingte eine erneute Verlagerung in das frühere Haus Marx, Brühlstraße Nr. 24. Dieses Haus wurde mehrmals umgebaut. Seit 1914 ist es im Eigentum der Familie August Marx. Die Tabakfabrikation bei Marx bestand bis zum Jahre 1916.

 

Heinrich Gerber unterhielt in den beiden letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in der Brühlstraße eine Tabakspinnerei. Heinrich Gerber hatte — wie sein Sohn gleichen Vornamens — bei dem St. Wendeler TabakAltmeister Emanuel Jakob Marschall gelernt und sich um 1880 selbständig gemacht. Auch seine drei Töchter mußten in der kleinen Fabrikation mitarbeiten. Der Sohn, Heinrich Gerber jun., versuchte sein Glück mit der Anfertigung von Zigarren. Er betrieb seine Tabakspinnerei bis zum Jahre 1919. Sein Bruder, Peter Gerber, fertigte im Kirchgäßchen Rolltabak von 1885 bis zum Jahr 1896. Nach seinem Tod führte seine Schwester Lenchen, später Frau Herrig, das Geschäft noch einige Zeit weiter.

 

Josef Ost stellte in Alsfassen etwa in der Zeit von 1870 bis 1904 Rolltabak und Schneidtabak her; den Schneidtabak packte er in Tüten und verkaufte ihn in der Stadt und in den benachbarten Dörfern.

 

Ernst Gieselmann hatte am Fruchtmarkt, im Hause Wilhelm Angel, in der Zeit von 1908 bis 1911 eine kleine Tabakspinnerei. Gieselmann war zuvor Spinner in der Tabakfabrik Kockler gewesen. Er versuchte nun sein Glück in der wirtschaftlichen Selbständigkeit.

 

Auch aus der Tabakfabrik Schaadt suchte ein Arbeiter — voller Unternehmungslust — eine kleine Konkurrenz aufzubauen.

 

Michel Gregorius, ehemals in der Fabrik Schaadt tätig, hatte sich für einige Zeit in der Luisenstraße selbständig gemacht. Genaue Jahreszahlen sind nicht mehr zu ermitteln.

 

Mit der Zigarrenherstellung beschäftigten sich auch Jakob Schulze und Wendelin Fuchs.

 

Jakob Schulze arbeitete in der Nähe des Bahnhofes in dem Hause SchulzeWaltzinger, das Haus existiert noch, wurde aber schon mehrmals umgebaut. Wendelin Fuchs wohnte und arbeitete in der Casinostraße Nr. 13, heute Balduinstraße Nr. 57. August Maria Marx erinnert sich noch, daß Fuchs bis in die Mitte der 30er Jahre seine kleine Zigarrenmanufaktur betrieb. Er war Inhaber und einziger Arbeiter dieses kleinen Betriebes zugleich. Wendelin Fuchs wickelte Zigarren aus fermentierten Rohtabaken . Er schnitt alle Blätter von Hand und hatte eine mehr als eigentümliche Fertigungsweise: Er fertigte die Zigarren — sehr kostenbewußt als kleiner Unternehmer— nach der Größe der ihm zur Verfügung stehenden leeren Kistchen. Diese leeren Zigarrenschachteln besorgte sich „Fuckse Wennel", wie er genannt wurde, in den damaligen Kolonialwarengeschäften, die es fast in jeder Straße gab, und in den vielen Gaststätten, die er regelmäßig aufsuchte. Er hatte auch keine Vertriebskosten. Beim Einsammeln der leeren Zigarrenkisten versuchte er gleich, seine vollen Schachteln an den Mann zu bringen. Wegen seines ruhigen und bescheidenen Wesens war der „Ziggamacher" bei den Kleinhändlern und Wirtshausbesitzern beliebt, und jeder reservierte für ihn gern die leergewordenen Kistchen. Der Mann, der seine zu produzierenden Zigarren immer der Größe der ihm zur Verfügung stehenden Zigarrenschachtel anpaßte, hatte sich im Laufe der Jahre einen festen Kundenstamm für die Abnahme seiner handgearbeiteten Zigarren aufgebaut. Die Zigarrenherstellung konnte trotz der Bemühungen einiger St. Wendeler Tabakspinner hier in der Stadt nie richtig Fuß fassen.

 

Ob man einen Herrn Funk aus Baltersweiler noch zu den St. Wendeler Tabakherstellern rechnen soll, ist eine Frage. Um die Jahrhundertwende hat sich dieser Mann namens Funk, genannt „De Tuwak", sowohl in Baltersweiler als auch in St. Wendel für kurze Zeit als Tabakproduzent betätigt.

 

Daß sich die Tabakherstellung trotz der oft schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse und trotz der mehrmaligen Grenzziehungen in der Stadt St. Wendel fast eineinhalb Jahrhunderte so gut halten konnte, ist nach Meinung des früheren MarschallDirektors Keune sicher in erster Linie der St. Wendeler Spezialität, dem „Rolles" zu verdanken. Seine Herstellung erforderte besondere Erfahrung, exakte Saucierung, große Fachkenntnisse und eine gewisse Fingerfertigkeit, wie an anderer Stelle schon dargelegt wurde. Von den vielen St. Wendeler Tabakerzeugnissen der Fabriken Schaadt, Kockler und Marschall ist der „Sankt Wenneler Rolles" den älteren Mitbürgern noch am besten in Erinnerung. Doch wird dieser ehemals sehr beliebte Kautabak schon lange nicht mehr in St. Wendel hergestellt. Die wenigen Rollen Kautabak von Marschall, die heute noch auf dem Markt verlangt werden, stammen — wie schon erwähnt — aus einer Fabrik in der Nähe von Lennestadt im Sauerland.

 

In ihren besten Zeiten — vor Beginn des zweiten Weltkrieges — konnten die drei größten St. Wendeler Tabakfabriken Marschall, Schaadt und Kockler insgesamt 400 Personen Arbeit und Brot geben. Die Tabakfabriken waren in dem industriearmen Gebiet des nördlichen Saarlandes ein wichtiger Arbeitgeber, ja ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

 

Der Heilige Wendalinus und der Tabakanbau

 

Mancher Leser dieser St. Wendeler Tabakgeschichte wird nun überrascht sein, wenn er erfährt, daß auch unser Stadtpatron St. Wendalinus etwas mit dem Tabak zu tun hat. Er ist der Schutzpatron der Tabakanbauer in der ältesten deutschen Tabakbaugemeinde Hatzenbühl bei Germersheim in der Pfalz. Hier sähte der katholische Dechant Anselmann (1530 — 1585) in seinem Pfarrhausgarten im Frühjahr 1573 die Tabaksamen aus, die er von einem Kollegen aus Lothringen erhalten hatte. Aber der katholische Geistliche wollte nicht dem Tabakkonsum Vorschub leisten. Er war überzeugt von der Heilkraft der Pflanze und glaubte, seinen Gemeindemitgliedern einen medizinischen Hilfsdienst zu erweisen.

 

Wie mir der pensionierte Oberamtsrat Albert Weigel aus Hatzenbühl — er war in den
30er Jahren Schüler des hiesigen Missionshausgymnasiunns — freundlicherweise mitteilte, erwählten sich die ersten Bewohner Hatzenbühls 1672 bei der Wiederbesiedelung des durch den Dreißigjährigen Krieg völlig verwüsteten Ortes den Schutzpatron der Bauern und der ländlichen Tierhaltung auch zu ihrem örtlichen Schutzheiligen. Da der Tabakanbau über Jahrhunderte die Existenzgrundlage vieler Hatzenbühler Familien bildete, war es ganz natürlich, daß der Heilige Wendalinus zum Schutzpatron der Tabakanbauer avancierte. Bis in die Gegenwart hat sich der fromme Brauch erhalten, am Patronatsfest des beliebten Volksheiligen (20. Okt.) eine Holzplastik des Hirten und Beschützers der Tabakfelder in einer feierlichen Prozession durch das Dorf zu tragen. Diese Prozession führt auch durch die lange Reihe der Tabaktrockenschuppen, die das Weichbild des Dorfes beherrschen. So wird St. Wendalinus als Helfer und Fürsprecher der Tabakanbauer verehrt. Die Bürger danken ihm bei der alljährlichen Prozession für die gute Tabakernte des vergangenen Jahres und erbitten seinen Segen für ein gutes Gedeihen der nächstjährigen Anpflanzungen.

 

Die 1931 erbaute Kirche der ältesten deutschen Tabakanbaugemeinde wurde dem HI. Wendalinus geweiht. Das Hochaltarbild zeigt Wendalinus, wie er das Landvolk schützt. Die alte Tabakbaugemeinde hat dem Heiligen auch eine Straße gewidmet, und die 1956 erbaute Volksschule wurde nach St. Wendalin benannt. Darstellungen des Heiligen zieren das Gemeindewappen und das Gemeindesiegel und selbstverständlich auch das Siegel der Pfarrgemeinde Hatzenbühl. Die Tabakanbauer von Hatzenbühl lassen dem heiligen Wendalin also eine besondere Verehrung zuteil werden, obwohl der Tabakanbau in den letzten Jahren stark rückläufig ist.

 

In einer Zeit des Überflusses, in der durch Beschlüsse europäischer Gremien jährlich Zehntausende Tonnen Lebens und Genußmittel mutwillig zerstört werden, sollte auch an die Zeit erinnert werden dürfen, in der mancher Raucher nach einer Zigarette oder nach einer Zigarre lechzte. Während des Krieges 1939 —1945 und in den Nachkriegsjahren 1946/47 waren Tabakwaren für alle Bürger kontingentiert.

 

Der einzelne konnte nur sehr wenig Tabak und Zigaretten kaufen, und das auch nur, wenn er eine Raucherkarte besaß. Es gab die Raucherkarte M für die Männer und eine besondere Raucherkarte F für Frauen. Aber die verschiedenen Großbuchstaben waren nicht der wesentliche Unterschied. Auf die Abschnitte der Karte F bekamen die Bürger nur die Hälfte der Tabakwaren wie auf die Abschnitte der Raucherkarte M. Wer überhaupt nicht rauchte, hatte Glück. Er konnte seine Raucherkarte für andere lebenswichtige Güter eintauschen oder die Tabakwaren kaufen — wenn vorhanden — und damit dann ein Tauschgeschäft vornehmen. Die Tabakkontingentierung dauerte im Saarland bis zum November 1947. Nach der Einführung des Franken gab es Tabak in Hülle und Fülle.

 

Während der Kriegsjahre hatten sich starke Raucher und von ihnen gedungene Personen auch als „Kippesammler" betätigt. Diese Sammler leerten die Aschenbecher der Gasthöfe, suchten die Bürgersteige ab nach Zigarettenstummel und verwahrten gewissenhaft jede „Kippe", die gefunden worden war. Aus etwa 8 — 10 Zigarettenstummeln drehten sie sich wieder eine neue Zigarette. Wenn das sehr knappe Zigarettenpapier fehlte, mußte es gegen eine andere Sache eingetauscht werden. Wer nichts zum Tauschen hatte, bediente sich der Blätter eines Tagesabreißkalenders, wenn er sich eine neue Zigarette drehen wollte.

 

Die von dem Hunger nach Tabakerzeugnissen getriebenen „Kippesammler" waren
nach dem Einzug der amerikanischen Truppen (19. März 1945) im Sommer und Herbst
des Jahres 1945 besonders erfolgreich. Die einrückenden und durchziehenden Amis

 

warfen zuweilen Zigaretten weg, die sie erst ein wenig angeraucht hatten. In dem Gefühl ihrer vermeintlichen Überlegenheit freuten sich die amerikanischen Soldaten, wenn sich gleich zwei oder drei deutsche „Kippesammler" auf die weggeworfenen Zigaretten stürzten.

 

Nach einer Melodie von Glenn Miller hatte die „darbende Volksseele der Raucher" sogar ein Lied geschaffen, das man schon recht amerikanisch den „KippeSammlerSong" nannte. Helmut Schaadt glaubte, die erste Strophe hätte vor bald 40 Jahren etwa diesen Wortlaut gehabt:

 

Babbe guck emol,

Dohenne leid ä Kibbe. Stürz Dich droff

Sonscht es er weg. Du, ich glaab

Dat es ä Lucky Strike,

Ä gudde AmiZigarett.

 

Dieser Kippengesang der ersten Nachkriegsjahre (1945/48) soll mehrere Strophen gehabt haben. Vielleicht findet sich der die Notsituation der Raucher beschreibende Text später einmal in irgendeiner heimatgeschichtlichen Privatsammlung.

 

Zum Schluß werfen wir noch einen Blick in das größte deutschsprachige Nachschlagewerk. In dem 25bändigen „Meyers Enzyklopädisches Lexikon" wird sicher auch etwas über St. Wendel und seine frühere Tabakindustrie zu finden sein. Und in der Tat. Die Lexikonausgabe von 1977 widmet St. Wendel genau 18,5 Zeilen. Unsere Stadt wird als zentraler Ort für den Nordosten des Saarlandes und Teile der Westpfalz vorgestellt, in dem sich unter anderem Metallverarbeitung und graphisches Gewerbe, Holzverarbeitung und Tabakindustrie befinden. Nachdem in St. Wendel im Jahre 1969 zum letztenmal nur noch wenige Tabakerzeugnisse hergestellt wurden, hatte die Redaktion des großen Lexikons vom Ende der St. Wendeler Tabakindustrie offensichtlich 1977 noch nichts erfahren.

 

So still starben die St. Wendeler Tabakfabriken.

 

Nicht gestorben ist dagegen die Lust am Tabakkonsum. Obwohl schon 1590 die medizinischen Fakultäten der europäischen Universitäten die Jugend vor dem Einatmen der „gefährlichen Dämpfe" warnten, stieg der Tabakverbrauch von einem Jahrhundert zum anderen. Staat und Kirche bekämpften jahrzehntelang das neue LuxusGenußmittel. Die Moralisten predigten vergebens gegen den „höllischen Rauch". Den Mitgliedern vieler Orden und geistlichen Kongregationen war das Rauchen, Schnupfen und Kauen des Tabaks unter schwerer Sünde verboten. Bis zum Jahre 1848 war das Rauchen auf den Straßen Deutschlands untersagt. Aber die Staatsregierungen erkannten frühzeitig, daß alle Verbote, Warnungen und Strafen den Tabakkonsum nicht mehr eindämmen konnten. So belegte man den Verbrauch mit hohen Steuern. Aber auch die Steuer hatte keine abschreckende Wirkung. Die Tabaksteuer wurde zu einem festen Bestandteil in den Etats der modernen Industriestaaten. Man darf annehmen, daß sich die Finanzminister freuen, wenn immer mehr Tabak verbraucht wird.

 

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden nahm die Bundeskasse im Jahre 1983 mehr als 13,9 Milliarden DM an Tabaksteuern ein. Es wären wohl viele Millionen mehr gewesen, wenn die im Ausland gekauften Zigaretten der Staatskasse auch noch Steuern gebracht hätten. Die Tabaksteuer brachte der Bundeskasse: 1979 etwas über 10,7 Milliarden DM, 1980 etwas über 11,3 Milliarden DM 1981 etwas über 11,3 Milliarden DM 1982 etwas über 12,2 Milliarden DM 1983 etwas über 13,9 Milliarden DM (Quelle: Handelsbaltt Nr. 57 vom 20. März 1984).

 

Schon die Stadtkämmerer von St. Wendel freuten sich seit dem Jahr 1825. In der Stadtverordnetensitzung vom 2. März 1825 hatten einige Mitglieder des Rates zur Verbesserung der städtischen Finanzsituation vorgeschlagen, jeden nach St. Wendel kommenden Zentner Tabakblätter bzw. gesponnenen Tabaks beim Eintritt in die Stadt mit 30 Kreuzern Steuer zu belegen. Die Regierung des Herzogs genehmigte am 22. Juni 1825 die Erhebung dieser Steuer von 30 Kreuzern je Zentner. Fortan profitiertedie hiesige Stadtkasse vom Tabak bis zum Ende der St. Wendeler Tabakindustrie.

 

---------------------------

 

Für freundliche Hinweise dankt der Verfasser:

 

Dr. Helene Baltes, Adolf Bender, HansWerner Blinn, Elisabeth Buschmann, Heribert Cathrein, Rainer Gerber, Wolfgang Gerber, Günther Hasselmann, Brigitte Hüther, Hedwig Kockler, F. W. Leismann, H. W. Luther, August Maria Marx, Dr. Emil Riegel, Helmut Schaadt, Gerd Schmitt, Richard Wegmann, Kurt Weisgerber, Albert Weigel.

 

Benutzte Literatur:

 

Max Müller: Die Geschichte der Stadt St. Wendel von ihren Anfängen bis zum Weltkriege, Saarbrücken 1927

 

Nikolaus Obertreis: Stadt und Land des HI. Wendalin, Saarbrücken 1927 St. Wendeler Volksblatt, Jahrgang 1932

 

Heimatbuch des Kreises St. Wendel, II. Ausgabe, 1949

 

HATZENBÜHL — 400 Jahre Tabakanbau, Germersheim 1973

 

tabago— Bilderbuch vom Tabak und den Freuden des Rauchens. Herausgegeben von den Cigarettenfabriken H. F. & Ph. F. Reemtsma, Hamburg 1960

 

Festschrift zur Feier des 125jährigen Bestehens der Tabakfabrik Nicola Kockler in St. Wendel, Saarbrücken 1952

 

Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Tabakfabrik Em. Marschall G.m.b.H. St. Wendel, St. Wendel 1927

 

Quelle: Die handschriftlichen Aufzeichnungen des Verfassers, die mir sein Sohn bei der Haushaltsauflösung vor etlichen Jahren mitgegeben hat - an wenigen unleserlichen Stellen ergänzt um diese Stellen aus dem Heimatbuch des Landkreises St. Wendel, XX. Ausgabe,1983/1984

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
E-Mail: rolgeiger(at)aol.com · (c)2009 hfrg.de

Diese Website durchsuchen

Suchen & Finden  
erweiterte Suche