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Die Weiße Grenze

 

eine Art Erlebnisbericht, halbwegs fiktiv, halbwegs real, wie es sich nicht zugetragen hat, aber so ähnlich schon, und immer wieder geschehen wird

erlebt im Juli 2003

 

Geeli guckt mich ganz böse an und ahmt eine tiefe hebende Bewegung mit beiden Armen, die Hände ineinandergelegt, nach, wobei sie so tief in die Knie geht, daß mir schon der Anblick weh tut. Respective tun mir die Gelenke weh, wenn ich daran denke, daß ich so tief runter müßte.

 

Nun ja, recht hat sie schon. Hätt ich den Schritt nach hinten getan und hätt ich den Ball so pariert, dann hätt ich ihn auch bekommen und hätt ihn nicht so steil hoch gedonnert und dann hätt er die Decke nicht berührt und die andern, die dort drüber stehen und schadenfroh grinsen, weil sie den Punkt bekommen haben und nicht ich und die natürlich auch sehen, wie Geeli mich zurecht weist (oder bild ich mir das ein?) ... ein bißchen viel Konjunktiv und weniger Tat, wo sie angebracht gewesen wäre. Denn ich hab nicht und hab nicht und hab ihn nicht und hab ihn dann und so hat er, obwohl er nicht hätt sollen. Also, Schuld trägt ... nein, nicht der Ball. ...

 

Weiter geht’s. Der Ball fliegt über. Der Aufschläger fängt ihn (ich würd ja glatt die Nummer seiner Position nennen, aber die krieg ich nach 14 Jahren immer noch nicht gebacken). Drei vorne, drei hinten. "Achtung" rufe ich und gehe in das Äquivalent einer leichten Kniebeuge, mache den Rücken krumm, peile durchs Netz durch auf den Aufschläger, ein Bein nach hinten, eins nach vorne, sprungbereit. Kommt er kurz, muß ich nach vorne, kommt er weit, Achtung, isses meiner, nein, zu hoch, der gehört dem links hinten dran.

 

Der Ball kommt in flachem Bogen übers Netz. "Kurz" schreit einer, ich mache zwei Schritte nach vorne, aber er kommt rechts vom Steller rein, auf der anderen Seite. Dort wird er gebaggert, geht nahezu zum Steller, d.h. in die grobe Richtung. Nun ja, der soll ja auch was zu tun haben, wär ja auch zu einfach, er käm ja gar nicht ins Schwitzen, wozu also sonst das Training. Der Steller macht seinem Namen alle Ehre, er stellt ihn schön hoch zum rechten Rand. Geeli läuft an, Arm weit zurück und haut das Teil übers Netz. Schön weit fliegt er, doch drüben ist Atze bereit, fängt den Ball mit weit ausgestreckten Arm ab und transportiert ihn in die Mitte zum Steller. Der reagiert gut, stellt sauber nach rechts. Momentan mal, rechts bei denen ist links bei uns, hupps, das ist ja meine Seite. Lauf, du müder Gaul, und hoch mit dir. Ich springe ab, als der Gegenüber schlagen will, also pritscht er den Ball locker über meine Finger hinweg, die gar keine Chance haben, dort dranzukommen, was nicht nur an der Flughöhe des Balles liegt, sondern auch daran, daß ich mal wieder den Hintern und damit den ganzen Corpus nicht hochbekommen hab. Vierzehn dreiviertel Zentimeter - höchstens. Gut zwanzig zu wenig, um auch nur eine Gefahr darzustellen. Verlorene Liebesmüh, der schwache Ansatz eines Versuchs.

 

Hiltrud hinter mit ist auf der Hut, sie läuft heran, pritscht gegen das Ei und transportiert es über den Steller hinweg zum rechten Rand. "Eins" ruft jemand und gleichdrauf "zwei", als Geeli am rechten Rand den Ball wieder pritscht. Der Steller guckt nur noch zu und dem Ball nach, als das Ding wieder zu mir zurückfliegt - in schönem hohen Bogen. Ich bin schon mal zwei, drei Schritt zurück nach dem mißglückten Flugmanöver, bei dem ich keine Höhe gewonnen, aber auch nicht viel Würde verloren hab. Würde, nun ja.

 

Doch jetzt gilts wieder. Der Ball kommt angeflogen, Arme hoch, die Hände in Position, noch ein bißchen, zum Schlagen zu flach, haha, Schlagen, kriegste ja eh nicht hin. "Was?" so rufe ich mental mir selber zu. Schlagen ist meine Spezialität. Hah. Den rechten Arm nach hinten, das Kreuz durchgedrückt (sofern das bei dem runden Rücken drin ist), den Ball ins Auge gefaßt, der den Scheitelpunkt seiner Bahn hinter sich hat und sich herniedersenkt, mir dabei hohnlächelnd entgegengrinst. "Du kriegst mich eh nicht - und dann ist da ja auch noch die Weiße Grenze!"

 

Schrecken erfaßt mich und unterbricht den Moment höchster Konzentration, die exakt bemessene Folge von Schritten und Bewegungen. Ich rutsche, taumele, alles tue ich, nur nicht, was ich eigentlich wollte. Und das Scheißding kommt weiter runter. Rums. Der hat gesessen, den hab ich voll erwischt. Der Ball steigt in schräger Bahn gen Netz. Oh, oh, ooooooooooh. Verflucht noch eins, der kommt zu tiiiiiiieeeeffff.

 

Und so ist's. Mir geht’s wie diesem Engländer am Nordpol oder Südpol - (na, auf jeden Fall dort, wo's so richtig schweinekalt ist, als er vor vielen Jahren gegen Amundsen das Rennen verlor und schließlich Mannschaft, Ausrüstung und Leben) - die Weiße Grenze hat mir wieder mal gezeigt, daß´sie da ist und erhaben ob meiner jämmerlichen Versuche, der Schwerkraft zu trotzen und die weiße Lederkugel über sie hinweg zu katapultieren.

 

"Aargh" ist mein einziger verbleibender Kommentar.

 

"Diese Scheiß-Netzkante!"

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