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Krieg am Boden -> 606 Quartermaster Graves Registration Company in Leipzig, 27. April 1945

606 Quartermaster Graves Registration Company

Bericht über die Bestattung der Opfer eines grausamen Verbrechens

Südfriedhof, Leipzig, 27. April 1945

 

Der AUFTRAG: Am 24. April um 16 Uhr meldete ich mich bei Colonel Rhodes. Er umriß den Auftrag: In Leipzig sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemeldet worden, und man wünsche einen Offizier von unserer Dienststelle vor Ort, der sich in technischen Details ? z.B. der Auswahl der Begräbnisstätte, der Bestattung, Registrierung etc ? auskennt und außerdem die Arbeiten weiter überwacht. Ich wurde angewiesen, alle Arbeiten durch zivile Arbeiter durchführen zu lassen, die aus allen Teilen der Stadtbevölkerung zusammengestellt würden.

 

LEIPZIG: Ich meldete mich im Hauptquartier des Provisional Detachment ?A? der Leipziger Militärverwaltung und wurde Lt. Harwell von der Abteilung ?öffentliches Gesundheitswesen? zugeordnet. Es war für die weitere Behandlung der Leichen von Fremdarbeitern, Russen, Polen, usw. zuständig, die innerhalb oder außerhalb der Stadt gestorben waren. Einige hatten aus Versehen Bremsflüssigkeit getrunken und sich selbst vergiftet; andere starben, als die Stadt angegriffen wurde, wieder andere an Unterernährung. Wir besprachen meinen Auftrag sorgfältig. Er sagte, daß die hiesigen Zivilisten die zivilen Toten sammelten und beerdigten und dabei auch die Gräber registrierten und Unterlagen darüber anfertigten.

 

 

25 April 1945

 

Ich meldete mich bei Colonel Jim Dan Bill und traf Lieutentant Colonel Perman, mit dem ich zusammenarbeiten sollte. Ich informierte ihn über meinen hiesigen Einsatz und bot meine Dienste und meine volle Unterstützung an.

 

Dann fuhr ich mit Colonel Permann zum Friedhof, einen sehr großen Stadtfriedhof nahe des Napoleon-Denkmals. Nur Bürger von hohem offiziellem Rang sind in diesem Teil des Friedhofs beerdigt. Wir sahen ein langes hangseitiges Gelände, das durch hohe Sträucher und Blumen begrenzt war; dem Colonel gefiel es sehr gut. Ich gab zu bedenken, daß die Begräbnisstätte eine Art Schrein sein sollte, der den Deutschen die Natur des grausamen Verbrechens vor Augen führen sollte. Weil aber dieser Platz hier nur schwer zugänglich und ziemlich abgelegen war, fand ich es besser, einen geeigneteren Platz zu suchenWir fuhren also weiter und hielten vor der Kapelle an. Vor uns erstreckte sich ? etwa eine Viertelmeile lang ? der Hauptzufahrtsweg zum Friedhof. Die Straße bestand aus zwei Fahrstreifen mit Grünflächen in der Mitte. Hier ? das war meine Empfehlung ? war die ideale Stelle. Nicht nur, daß es ein hervorstechender Ort war, nein, jeder, der durch das Haupttor auf den Friedhof kam ? sei es für eine Beerdigung oder für einen einfachen Besuch ? mußte die Gräber der Opfer sehen. So wurde beschlossen, die Bestattung hier vorzunehmen.

 

Ich besorgte mir bei der MG einen Dolmetscher und ging zu einem örtlichen Tischler, dessen Anschrift mir die MG-Offiziellen ausgehändigt hatten. Aber seine Tischlerei schien ausgebombt zu sein, und er konnte nicht ausfindig gemacht werden. Also besorgte ich mir die Anschrift einer Schreinerei und gab den Zuschnitt von Stangen in Auftrag. Ich fertigte eine Skizze an und orderte 75 Kreuze nach genauen Vorgaben. Die Rechnung sollte durch die Stadt von Leipzig gezahlt werden. Ich sagte dem Unternehmer, daß ich die Stangen innerhalb einer Stunde benötigte und die Kreuze morgen mittag um 4 Uhr abgeholt würden.

 

26. April 1945

DAS GRABEN DER GRÄBER:

200 deutsche Zivilisten aus allen Teilen der Leipziger Bevölkerung wurden uns zugewiesen, um die 75 Gräber zu graben.

 

Die Gräber wurden so ausgerichtet, wie sie in der angebrachten Skizze gezeigt werden. Der erste Bereich bestand aus 38 Gräbern - zwei Reihen zu je 19 Gräbern, damit 38 im Gesamten. Der zweite Bereich bestand auch aus zwei Reihen, eine mit 19 Gräbern, die andere mit 18, das ergibt zusammen 75 Gräber. Die Gräber waren gut sechs Fuß tief, vier Fuß breit und acht Fuß lang. Ein Gang von vier Fuß Länge trennte die Reihen voneinander, während der Abstand zwischen den Gräbern vier Fuß betrug. Die Gräber waren sowohl seitlich wie der Länge nach ausgerichtet.

 

Einige Männer mußten die Bombenkrater auffüllen, von denen sich einer außerhalb des Haupttores befand, während zwei andere Treffer die Hauptzufahrten zum Friedhof beschädigt hatten. Der Friedhofsdirektor beschwerte sich, dass die Männer nicht Krater füllen und Gräber graben könnten, daß sie nicht dies oder jenes oder andere Sachen tun könnten. Ich erklärte ihm sehr deutlich, daß wir eine Arbeit zu erledigen hatten ? Gräber graben, Krater füllen, das ganze Gebiet säubern ? und erst wenn die Arbeit zu meiner Zufriedenheit erledigt wäre, die Männer nach hause gehen durften. Und daß ich sie selbst bis acht Uhr abends hier behalten würde, sofern das notwendig sein sollte. Sie wollten schon um vier Uhr gehen, damit sie rechtzeitig zur Sperrstunde zuhause wären. Ich erklärte ihnen, ich könne im Notfall spezielle Pässe ausstellen, damit sie auch nach Beginn der Sperrstunde nach Hause kämen ? aber die Arbeit mußte beendet werden. Ich stellte einen einfachen Passagierschein aus und ließ vom Friedhofsdirektor 200 Exemplare davon ausfertigen, die von den Offiziellen der Militärverwaltung nur noch unterschrieben und gestempelt werden mußten.

 

Die Kränze wurden kontrolliert. Sie bestanden aus Grünpflanzen mit einer Girlande aus gelben Narzissen. Ich schlug vor, dass jedem Kranz 10 oder fünfzehn weiße Narzissen hinzugefügt werden. Ich überprüfte auch das ?Rostrum? (ein kleiner Hügel, vermutlich mit Gedenkplakette) und schlug vor, dass es mit Grünpflanzen bedeckt und durch einen einfache Kranz geschmückt wurde. Auf jede Seite sollte je ein kleiner Baum eingepflanzt werden. Nachdem alle Gräber gegraben waren, wurde die ausgehobene Erde zu kleinen Wällen am Rande der Grabbereiche aufgehäuft. Die Höhe dieser Wälle war willkürlich, aber dennoch niedrig genug, daß man die Särge vom Fahrweg aus sehen konnte. Die Wälle wurden mit immergrünen Büschen bepflanzt. Alle Wälle führten parallel zum Fahrweg. Die Särge wurden auf den Stangen über den Gräbern plaziert. Ihre Ausrichtung wurde zu meiner Zufriedenheit von einem Arbeiter mit einer Schnur überprüft. Auf jeden Sarg wurde ein einfaches Pappkreuz aufgeheftet.

 

Nachdem alles fertig war ? die Krater aufgefüllt, die Gräber gegraben, die Särge ausgerichtet, die ausgehobene Erde hergerichtet, die Straßen gekehrt ? wurden die Arbeiter entlassen. Diejenigen, die ohne Probleme ihre Wohnungen erreichen konnten, wurden angewiesen, sofort nach hause zu gehen, nach dem man sie entlassen hatte. Die anderen sollten auf die Passierscheine warten, um die ich gebeten hatte.

 

Ich meldete mich bei der Militarverwaltung zurück und traf mit dem dortigen Polizeichef die Vereinbarung, eine Wachmannschaft aus zivilen Polizisten um die Särge herum zu postieren. Später ging ich zum Abendessen, prüfte die Wachen und gab dem Friedhofsdirektor noch letzte Anweisungen.

 

ABTNAUNDORF ? DER ORT DES SCHEUSSLICHEN VERBRECHENS:

Die Flugzeugfabrik lag im Nordwesten der Stadt. Das Konzentrationslager war hinter der Fabrik. Man erzählte mir, dass die Deutschen am 18. April 1945 einige 300 Leute gezwungen hatten, in eine Barracke zu gehen, diese dann mit Benzin übergossen und in Brand geschossen hatten. Als die Männer mit brennenden Kleidern herausstürmten, wurden sie von den Wachen erschossen.

 

Sie fielen in grotesken Stellungen und verbrannten. Einige waren auf Händen und Knien, andere lagen auf dem Rücken, die Beine in die Luft gestreckt, einige hingen im elektrisch geladenen Stacheldraht, und einer war ein Krüppel, der auf dem Rücken lag, seine verkohlte Krücke neben sich. Drei hatten es über den Zaun geschafft, waren aber dann von einem Panzer außerhalb des Lagers erschossen worden. Von der Barracke blieb nichts mehr übrig ? außer verkohlten Steinen und den Überresten menschlichen Fleischs. Die Überreste von etwa 20 Körpern bildeten einen Haufen, eine wirre Masse verdrehter und verkohlter Stücke. Alle Leichen ? mit drei oder vielleicht vier Ausnahme ? waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Die meisten wiesen Einschusslöcher auf. Einige wurden hinsichtlich Erkennungsmarken oder anderen Kennzeichen überprüft, aber man konnte nichts finden. Ich fand Belegungspläne von Barracken mit Namen und Nummern, die ich an Major Baten, MGO, übergab. Ich gab ihm die Anschrift von Major Bolker, WCIT 6822, der den Fall untersuchte. Etwa 100 Menschen konnten entkommen, aber es war unmöglich abzuschätzen, wie viele Leichen dort in der Asche und den verkohlten Überresten lagen. Als Ergänzung ist zu sagen, daß die örtlichen Bestattungsunternehmer 75 verkohlte Leichen bargen. Man bettete sie in gleichförmige, mahagoniefarbene Särge.

 

Die Amerikaner kam am Morgen des 19. April. Nur ihre frühe Ankunft bewahrte einige internierte Frauen davor, das gleiche schreckliche Schicksal zu erfahren.

 

 

27. April 1945

DAS BEGRÄBNIS:

In Erwartung möglichen Ärgers mit den Fremdarbeitern wurden vier Halbkettenfahrzeuge zur Überwachung der Bestattungsfeierlichkeiten eingesetzt. Ich beriet mich mit dem Leutnant der Feldartillerie, der sie befehligte, und half ihm dabei, seine Halbkettenfahrzeuge an strategisch wichtigen Kreuzungen, am Haupttor und an der Kapelle zu postieren. Zusätzlich wurde der Turm der Kaplle kurz vor Beginn der Zeremonie nach Heckenschützen abgesucht.

 

Die Prozession formierte sich am Haupttor und zog in die Richtung, die die Pfeile in meiner beigefügten Skizze anzeigen. 100 Fremdarbeiter aus einem nahegelegenen Lager schritten voran, angeführt von ihren jeweiligen Nationalflaggen. Ihnen folgte Colonel Hill und sein Gefolge, bestehend aus zwei weiteren Colonels, einem Major, einem Dolmetscher und mir selbst. Danach kamen etwa 900 deutsche Zivilisten. Unter ihnen waren Vertreter der Stadtverwaltung, der Wirtschaftskammer und anderer ziviler Organisationen. Der Direktor der Leipziger Universität, Dr. Schumann von der Thomaskirche und andere Stadtoffizielle nahmen ebenfalls teil. Sie trugen Zylinder und lange schwarze Mäntel.

 

Die Sterbeämter waren einfach, aber eindrucksvoll. Die katholischen, jüdischen und protestantischen Ansprachen wurden von den Kaplänen Charles V. McSween (190th Field Artillery Group), Goldstein vom V Corps und W. E. MacCrory (190th Field Artillery Group) gehalten. Als passenden Abschluß spielte ein Trompeter, der vor der Kapelle stand, das Abschiedssignal (?taps?).  Nach Beendigung der Zeremonie versammelten sich die Fremdarbeiter um die Särge und legten zusätzliche Blumen darauf.

 

Nachdem der Ehrenzug abgezogen war, wurden die Särge in die Gräber hinabgelassen, und zivile Arbeiter bedeckten sie mit Erde. Dem Friedhofsdirektor wurde die Anweisung erteilt, daß die Kreuze auf gleiche Weise eingesetzt und längs und seitlich ausgerichtet werden sollten.

 

Als ich später mit Kaplan McCrory sprach, erklärte er mir, daß der seinem General Bericht erstatten sollte. Ich zeichnete deshalb hastig einen Plan, der dem beigefügten ähnlich ist.

 

Nachdem ich meine Arbeit erledigt hatte und ich nicht weiter helfen konnte, meldete ich mich bei Colonel Hill ab und fuhr zurück zu meiner Einheit.

 

 

 

Wiliam G. FROST

1st Lt.

606th QM GR Co.

 

 

 

 

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Heute (August 2011) findet sich an der beschriebenen Stelle kein Hinweis mehr auf diese Ruhestätte.

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