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Allerlei -> 2014 In der Ferne das Meer - auf dem Jakobsweg

 

In der Ferne das Meer.

 

Auf dem Jakobsweg

von Santiago de Compostela

bis zum Atlantischen Ozean.

 

Erlebt, erinnert und niedergeschrieben

von

Roland Geiger

 

St. Wendel, 2014

 

Prolog

 

Ich habe so den Eindruck, als ob mich die ganze Welt fragt: „Na, wie war’s? Haste durchgehalten? War’s schlimm?“ Und setzt dabei ihr hämisches Grinsen auf ob der erwarteten Lügen oder Ausflüchte oder Wahrheiten, die sie gleich von mir hören wird.

    Gott weiß, daß ich nicht der Wanderer schlechthin bin (und niemals sein werde). Mein Spruch war immer, wenn man mich nach der Tour meiner Frau im Mai fragte und wie ich dazu stehe: „Warum soll ich zu Fuß gehen, wenn mein Auto funktioniert?“ Gehässig? Nö, so würde ich das nicht sagen. „Rotzig“ paßt da besser. Ich meine, ich hab schließlich einen Ruf zu verlieren - den eines stracken Hundes.

    Um so blöder muß ich aus der Wäsche geguckt haben, als meine Frau mir nach der Tour im Mai fröhlich verkündete, sie wisse, was wir im Urlaub machen. Das hätte mich vorsichtig machen sollen, denn wenn sie plant, wird’s entweder teuer, selten langweilig, oft anstrengend. Naja, das war jetzt auch gemein. Aber das letzte trifft doch zu.

    Die Tour im Mai? Oh, Anne ist mit ihrer Freundin Margret Butterblume 12 Tage auf den Spuren des heiligen Jakobus gepilgert. Von Porto in Portugal 220 km hoch nach Norden zum Grab des besagten Heiligen im nordspanischen Santiago de Compostela. Ich wußte immer, daß ich ne mutige Frau habe, weshalb ich noch nie verstanden habe, wie sie es mit mir ausgemachtem Feigling überhaupt aushält. Zum ersten Mal richtig klar wurde mir das, als sie mit knapp 40 ohne Not aus einem funktionierenden Flugzeug sprang. Sie hatte sich einen jungen Mann mit Fallschirm auf den Rücken gebunden und sich aus einem fliegenden Flugzeug fallen lassen. Ich habs gesehen - aus sicherer Position ein paar tausend Meter tiefer. Ich? Sind Sie irre? Ich wäre noch nicht mal in die Gurke eingestiegen.

    Die Tour auf dem Jakobsweg war natürlich lang nicht so gefährlich, aber dafür umso länger. Übernachtet haben sie in den Herbergen, von denen Hape der Große geschrieben hatte, sie würden so furchtbar stinken. Was sie nach ihrer Rückkehr nicht bestätigen konnte und nicht bestätigte. Sie war ganz begeistert davon. Ich traute meinen Ohren nicht, als sie davon schwärmte. Und sie konnte meine mangelnde Begeisterung nicht verstehen. Probiers doch erst mal selber aus. He, sagte ich, ich kenne das. Das habe ich bei der Wunderwehr lange Zeit mitgemacht, erst mit acht, dann mit vier Mann auf der Stube. Aber zum Teufel, damals war ich 30 Jahre jünger und hatte keine Alternative. Hoit mit über fuffzig, nee, danke, dafür bin ich zu alt.

    Und da sitze ich jetzt, und sie hat Urlaubsgedanken und ist am Planen und will unbedingt nochmal zurück auf den Jakobsweg - und ich soll mit. Es soll ja nur die kleine Strecke sein - von Santiago nach Fisterra. Schlappe 93 Kilometer von der Jakobsstadt bis zum Meer. Überschaubar.

    Und ich Depp stimme zu - wohl in der Hoffnung, sie macht nur Spaß, sie überlegt sich das anders. Ja, Pustekuchen. Sie nimmt mich beim Wort, und ich hänge in der Falle. Das war im Mai.

    Ende Juli - als sie immer wieder davon anfängt und wir schließlich auch die Flüge buchen - beschließe ich, ein paar erste Übungen zu machen, um nicht gänzlich unvorbereitet auf die Tour zu gehen. Wir haben ein Treffen oben im Wendelinushof. Also lasse ich mein Auto zuhause stehen. Es schaut mir trübsinnig nach, als ich die Tasche über die Schultern werfe und mich in der brütenden Mittagshitze - ja, es ist einer dieser wenigen Tage - auf den Weg durch die Stadt hinauf zum Heiligen Berg mache. Ich wandere und wandere. Auf dem Weg durch die Innenstadt St. Wendels gehts mir noch gut. Aber dann wird mir die Missionshausstraße verdammt lang, und dann gehts den Berg hinauf, und mein forscher, flotter Schritt möchte die beiden Attribute ablegen, doch ich zwinge ihn; die Hitze steigt innen hoch und läuft mir in flüssiger Form feucht den Buckel wieder runter. Als ich oben ankomme, bin ich bums all und klitschnass, aber stolz wie Oskar. Ich habe es geschafft. Nach hause nimmt ich jemand mit, und dann prüfe ich im Computer die Entfernung von hoite mittag, und mir wird eiskalt und speiübel. Das sind schlappe vier Kilomter gewesen. In leichten Klamotten, nur mit einer Tasche bewaffnet. Eine Tagestour wird fünf mal so lang sein, und dann trage ich einen Rucksack von 12 Kilo Masse aufm Buckel, und … Ich stelle mein Training also zutiefst frustriert wieder ein und harre der Dinge, die da kommen werden.

    Ende August fahren wir zusammen ins Decathlon nach Neunkirchen, um mich feldmarschmäßig auszurüsten. Einen Rucksack habe ich von Margrets Mann bekommen. Neue Schuhe - ach, die Schuhe, das ist auch so ein Ding.

    Die hab ich in der Pfalz gekriegt. Am letzten Wochenende im Juli. Wir haben eine Übernachtung in einem Wohlfühlhotel in der Palz geschenkt bekommen, und Anne nutzt die Gelegenheit zu einem Besuch der Schuhhäuser nahe Hauenstein. Kennen Sie bestimmt. Die ganze Welt weiß das, äh, außer mir natürlich. Ich probiere ein paar Schuhe aus und klage der Verkäuferin mein Leid. Daß man (frau) mich zu einer Wandertour gezwungen habe, ein ganz billiger Urlaub, der jetzt mit 150 Euro für neue Wanderschuhe anfangen solle. Die Dame schaut mich zwar mitfühlend an, aber ich zweifle, ob da wirklich Mitleid im Blick ist - höchstens für meine Frau. Richtig verschissen habe ich dann, als ich den Spruch „Pälza Schuh fòh Saalennische Fieß“ fliegen lasse. Trotzdem - die Schuhe sind klasse. Ganz leicht, tragen sich super. Ich hatte zwar noch nie was von „Meindl“ gehört, aber später lese ich, daß die Wunderwehr hoitzutage auch Schuhe von denen kriegt. Natürlich müssen die Schuhe an dem Nachmittag direkt ihre Feuertaufe bestehen - das tun sie auch, oben auf den Höhen über Annweiler auf dem Weg zur Burg Trifels durch strömenden Regen. Schlimmer ists am nächsten Tag, als wir 15 km wandern wollen und aufgrund der Hitze um drei Kilometer abkürzen. Ähm, ich muß gestehen, die Abkürzung geht nicht auf der Konto der Schuhe, die wären weitergelaufen. Aber nicht die Jammergestalt, die drin steckt. Wer mich kennt, weiß, daß meine Gestalt nicht zum Jammern ist, jedenfalls nicht, weil ich etwa unterernährt aussehe (im Gegenteil), aber als wir abends gen Heimat fahren, sind meiner Frau erhebliche Zweifel ob der Qualität ihrer Idee vom gemeinsamen Jakobsweg-Wanderurlaub gekommen. Aber - verdammt noch mal - was kann ich denn dafür, wenn die blöden Pälzer bei ihrem Wanderweg, der in Serpentinen einen steilen Berg hinanführen sollte, plötzlich die Serpentinen gegen einen steilen, aber kürzeren Pfad direkt nach oben eintauschen. Und wirklich gejammert habe ich auch nicht - das ging gar nicht, dazu hatte ich überhaupt keine Luft übrig.

    Jedenfalls ist das Thema „Jakobsweg“ eine Woche tabu. Und ich überlege schon, wie ich da wieder rauskommen soll - einerseits froh, daß das Thema vom Tisch ist, andererseits voll Schrecken der nächsten Wochen gedenkend - als Anne nach einer Woche wieder mit den Planungen fortfährt, als sei nix gewesen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, dummerweise landet er - virtuell gesehen - vorn auf meinem Fuß.

    Im Decathlon in Neunkirchen erwerbe ich einen Schlafsack für 39 Euro, der nur 700 Gramm wiegt. Mir kommt das wenig vor, bis mir jemand sagt, der sei aber schwer. Dazu kommen ein paar schwarze Unterhosen, Marke „Liebestöter“. So haben wir die bei der Wunderwehr immer genannt, weil sie sich unten am Bein noch ein paar Zentimeter fortsetzen. Ich probiere sie noch vor Ort aus und bin ganz erschrocken, als ich vorn in der Mitte auf einmal gar keine stützende Funktion mehr verspüre. Nun ist dort im Ruhezustand eh nicht so viel, aber das, was dort ist, will gehalten werden. Ist ein komisches Gefühl, an das ich mich aber schnell gewöhnen werde. Zum Rucksack gibts noch den obligatorischen Becher aus Blech, ein schnelltrocknendes Handtuch, ein paar schwarze Badelatschen für 2 Euro (Gott, wie ich diese Dinger immer gehaßt habe, vor allem, weil sie zwischen dem großen und dem zweiten Zeh so scheuern), zwei Hemden, kariert, Eigenmarke von Decathlon (können Sie daran erkennen, daß der zweite Knopf von oben ne andere Farbe hat als die anderen) - oh, und noch einen Hut gegen die Sonne. Der kostet auch nicht viel und hat seitlich zwei Druckknöpfe und oben ein rundum verlaufendes, netzartiges Lüftungsloch. Mit dem Hut sehe ich aus wie ein australischer Lighthorseman aus dem Ersten Weltkrieg, nur irgendwie verdatscht. Zu guter Letzt gibts ein sehr wichtiges Utensil, das sich als extrem nützlich erweist: eine durchsichtige Flasche aus flexiblem Kunststoff, aus der ein langer Schlauch wegführt. Die Flasche wird später mit Wasser befüllt und hinten oben im Rucksack verstaut, und von dem Schlauch kann man trinken, wenn man durstig ist. Starkes Ding. Finde ich absolut hilfreich.

    Die Jakobsbruderschaft in Trier hat uns zwei Pilgerausweise zugesandt, damit wir die fürs Übernachten in den Herbergen notwendigen Stempel sammeln können. Hier ist gleich der erste aus Trier selbst.

    So ist alles fertig, die Flüge gebucht, ein Aufpasser fürs Haus gefunden. Unser Freund Werner, der schon vor zwei Jahren auf unser Haus aufpaßte, als wir nach Amerika flogen, wird sich für die gut anderthalbe Woche hier einquartieren und Haus und Hof und Karnickel gegen alles Üble verteidigen. Oder so.

    Samstags abends bekommen wir Zuwachs. Meine Mutter hatte im Mai - zeitlich ein bißchen versetzt zu Anne und Margret - den französischen Camino in Angriff genommen. Der geht von St. Pied de Port östlich der Pyrenäen über dieselben und dann in nicht immer ganz gerader Richtung, aber stetig nach Westen bis nach Santiago. Das sind gut 800 km in einer Richtung, und sie hatte gut 6 Wochen oder so dafür veranschlagt. Sie wanderte ganz allein. Das mag für den ein oder anderen ganz angenehm sein, weil niemand da ist, auf den man Rücksicht nehmen muß. Aber - das werden wir in den nächsten fünf Tagen erkennen - es ist ganz gut, wenn jemand da ist, auf den man Rücksicht nehmen kann. Dann stürmt man nämlich nicht einfach nur blind durch die Gegend und macht halt, wenn man will. Nein, man wird zu häufigeren Pausen gezwungen, an Orten, wo man sonst eher nicht stehen bleiben will. Die Tagesstrecke wird nur so lange, wie es der Schwächste im Bunde zu leisten vermag. Das macht die ganze Tour etwas langsamer, aber auch gemütlicher. Mir ist klar, daß ich wegen dieser Worte von den eingefleischten Individualisten Prügel beziehen werde - aber: ich habe ein breites Kreuz. Für mich wäre das Alleinelaufen sowieso nichts - ich brauche Gespräch ab und an. Mama war damals bis in die Hälfte der Strecke gekommen, gut 500 km weit, als ihr Knie nicht mit mitspielte und so stark anschwoll, daß sie in ein Hotel ziehen und aufgeben mußte. Es war geplant, daß Papa ein paar Wochen später über Santander nachfliegen und sie mit dem Auto begleiten sollte. Jetzt las er sie auf halber Strecke auf, und sie fuhren den Rest bis Santiago und weiter bis Fisterra mit dem Auto.

    Wir haben mit meiner Mama schon ein paarmal gesprochen, sie quasi eingeladen, mit uns mitzukommen, aber sie hat immer wieder „nein“ gesagt und dabei die unterschiedlichsten Gründe genannt. In der Woche vor unserer Abreise (Flugtag ist der 9. September, ein Dienstag) hat Anne mit ihr gesprochen, und ich habe abends via Internet by RyanAir nachgeschaut, ob überhaupt noch ein Flug hin und zurück frei ist. Ich rufe an, sie ist überrascht, sagt aber zu meinem Erstaunen nicht sofort ab. Ich schicke ihr eine Email. Nach dem Abbruch im Mai wäre das doch eine gute Gelegenheit, die Wanderung auf dem Jakobsweg mit einem Marsch zum Meer zu einem Abschluß zu bringen.

    Am nächsten Morgen - sonntags - ruft mein Vater an und fragt, ob wir Zeit hätten. Wozu? Nun, um Mamas Flüge zu buchen. Da hol mich doch der …, denke ich. Und jetzt erfahren wir, wie RyanAir funktioniert. Wir wollen am Dienstag, 9., von Hahn im Hunsrück aus nach Santiago fliegen, dann fünf Tage wandern, montags mit dem Bus zurück nach Santiago und abends mit dem Überlandbus nach Porto unten in Portugal, um von dort mittwochs abends mit RyanAir wieder zurück nach Hahn zu fliegen. Wir haben schon im Juli gebucht und die Flüge für knapp 100 Euro hin und zurück gekriegt. Als ich am Samstagabend Mamas potentiellen Rückflug von Porto aus nachschaue, kostet er 173 Euro. Das ist zu erwarten gewesen - drei Tage vor dem Abflug. Als Papa morgens kommt, schauen wir vor Buchung des Hinfluges nach, ob überhaupt ein Rückflug zur Verfügung steht. Da kostet er schon 184 Euro. Dieses Hinsehen hat richtig Geld gekostet, denn als ich 15 Minuten später buche, bezahlen wir 215 Euro. Hat was?

    Wir sind also jetzt zu dritt. Auch gut, d.h. eigentlich sogar besser.

 

    Mamas Entscheidung kommt gerade noch rechtzeitig, damit sie sich am Sonntagabend nach dern 18 Uhr Messe im Dom zu St. Wendel mit uns zusammen von Vater Leist den Pilgersegen geben lassen kann. Diese altehrwürdigen Rituale sind ja nicht so wirklich „meins“, aber die Erziehung und das alte Komm-her erfordern sie. Als Zeugen treten das Ehepaar Karl und Maria Kreuz und Annes vorherige Wander-Partnerin Margret auf, und so feiern wir den Abend unten in der Tapperia bei Pizza und Rotwein. Anne hat mich mittags mit einem Mini-Puzzle zum Thema „Jakobsweg“ überrascht, das mich irgendwie gerührt hat.

    Die zwei Tage vergehen mit Vorbereitungen, irgendwann ist es Dienstagmittag. Der Flug geht um 17.40 Uhr, also werden wir um 15 Uhr nach Hahn abfahren. Um viertel vor drei nehme ich zum ersten Mal meinen vollgepackten Rucksack auf, den ich so oder so ähnlich die nächsten Tage durch die Gegend schleppen werde-will-darf-muß. Na, das wird was werden. Ich fange schon an zu schwitzen, wenn ich nur daran denke.

    Wir kommen gut nach Hahn, Papa setzt uns ab, trinkt noch einen Kaffee mit uns und entflieht dann in sein unverhofft gekommenes, knapp einwöchiges Strohwitwer-Dasein. Wir durchqueren die Sicherheitszone, werden examiniert und durchleuchtet und warten im Warteraum auf den Abflug. Ich bin als letzter durchgekommen, habe mich mit einem jungen Mann, der hinter mir drankommt, über die Kontrollen unterhalten und ihm von denen in Amerika erzählt, da sehe ich, daß sich die Mädels mit jemanden unterhalten. Das kenne ich von meiner Frau (und sie kennt es von mir), da gehst Du in St. Wendel irgendwo hin und hast etwas vor, da kommen sie von allen Seiten, und ein Schwätzchen entwickelt sich, und die Zeit geht rum und so weiter. Aber daß die beiden jemanden treffen würden - hier in Hahn auf dem Weg nach Santiago, das hätte ich nicht gedacht. Mama stellt ihn als Manolo L. vor. Er ist mittelgroß (aus meiner Warte sind die meisten eher klein), schwarzhaarig (auf dem Kopf und vorn am Kinn) und wirkt sehr sympathisch. Ich werde vorgestellt, und dann erfahre ich, daß Manolo der Autor eines Buches über den Jakobsweg ist, daß mein Vater im Juni meiner Frau empfohlen hat. Er und Mama haben Manolo in Fisterra kennengelernt. Oje, denke ich, noch ein Eingefleischter. Und fühle mich furchtbar fehl am Platze. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.

Im Flieger sitzen Anne und ich ganz vorne auf den ersten beiden Sitzen; die 10 Euro extra pro Nase nehmen wir gern in Kauf, dafür dürfen wir als erste rein und haben die Beinfreiheit der Sitze an den Ausgängen. Mama sitzt weiter hinten. Die Maschine bleibt halb leer, die 10-Euro-Sitze reichen etwa 7 oder 8 Reihen weit nach hinten und sind kaum besetzt. Nun, man kann auch an der falschen Stelle knausern. In den rechten der drei recht engen Sitze am Gäng setzt sich eine Dame um die paar 50, die aus Heilbronn stammt und eine Freundin nahe Santiago besuchen will. Anne unterhält sich mit ihr sehr angeregt, während ich meist aus dem Fenster schaue. Ich mag das Fliegen eigentlich überhaupt nicht und habe eine Heidenangst davor, aber die Begleitumstände - von denen liebe ich zumindest den Ausblick - so man ihn hat - heiß und innig. Wir starten nach Osten und drehen ein paar Kilometer weiter noch im Steigen nach Norden und dann nach Westen. Schräg unter mir habe ich einen tollen Blick erst auf den Flugplatz und dann auf die Mosel mit ihren vielen Bögen. Das da muß Bernkastel-Kues sein, und dort drüben liegen Veldenz und Burgen, wo ich noch vier Wochen zuvor mit Amerikanern zugange war, deren Vorfahren aus diesem kleinen Nest ausgewandert sind. Es wird etwas diesig, und im Südwesten türmen sich hohe Wolken. Wir fliegen über Trier und weiter Richtung Luxemburg.

    Nach einer guten Stunde überqueren wir eine riesengroße Stadt, über der viele Flugzeuge hin- und herfliegen. Ich tippe auf Paris. Nicht lange danach passieren wir die Atlantikküste und schwingen uns über die Biskaya hinaus. Nun kommt nur noch Wasser, ab und an mal ein Schiff. Mitten über dem Meer tauchen die anderen Begleitumstände auf, die ich nicht so mag. Wenn die Räder den Boden verlassen und der Schatten des Flugzeuges sich seitwärts entfernt, bis er schnell in Bedeutungslosigkeit versinkt, wenn das Flugzeug zu dem wird, was der Name sagt, dann sitze ich aufrecht, beide Hände auf den Seitenlehnen und schaue aus dem Fenster an und bemühe mich, nicht den Atem anzuhalten. Sind wir erst mal oben, gehts mir gut; da bin ich ganz cool. Bis es auf einmal pingt, die Anschnallzeichen angehen, und die Maschine zu bocken beginnt. Dann würde ich gern aussteigen, aber das geht ja nicht. Das hört ja auch wieder auf, aber bis es dann soweit ist - oje!

    So geht es natürlich auch bei dem kurzen Sprung zwischen Atlantikküste und Atlantikküste. Hoppeldi. Dann ist der Zenith überschritten, der Pilot senkt die Nase, und runter gehts wieder. Die Küste kommt in Sicht, schält sich langsam aus Wolkenformationen. Sieht nach nicht viel aus, keine Vegetation, nur nackter Fels. Tiefer runter gehen wir, und Felder tauchen auf, viel Grün, das ich nicht erwartet habe. Spanien kenne ich eigentlich immer nur braun und verbrannt, nicht grün und lebendig. Von diesem Grün werden wir die Tage noch viel zu sehen bekommen. Windräder tauchen auf, noch und nöcher. Aber anders als bei uns, wo sie ohne erkennbares Muster in die Landschaft gerammt werden, stehen sie hier in richtigen Windparks zusammen, auf Höhenzügen bar jeder Vegetation. In langen Reihen, in munteren Halbkreisen, Ovalen, so wie die Landschaftsformation es vorgibt. Aber eben auch nur dort in Gemeinschaft mit anderen, nicht mal hier einer und mal dort einer. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht.

    Der Erdboden kommt uns weiter entgegen, dann drehen wir nach Norden, und weit voraus sehe ich Wasser sich in der untergehenden Abendsonne spiegeln. Eine Landzunge reicht nach Süden, davor und dahinter Wasser. Das ist unser Ziel - Fisterra, das Ende der Welt. Dort werden wir am Sonntag - so Gott will - eintrudeln.

    Die Landung ist wie immer holprig. Wir, die wir ganz vorn sitzen und als erste wegflogen, kommen naturgemäß als letzte an, aber auch als erste raus. Quer durch den Flughafen laufen wir, nehmen am Förderband unser Gepäck auf. Im Bus, der nach Santiago fährt, treffen wir Manolo wieder. Die Fahrt in die Stadt dauert eine gute halbe Stunde. Manolo kennt sich hier aus. Er weiß, wo wer aussteigen muß, um dort und dort hin zu kommen. Er steigt am Busbahnhof aus, eine riesige, ziemlich düstere Halle, in der es ziemlich nach Abgasen duftet. Wir bleiben noch eine Station sitzen und verlassen den Bus am „Plaza da Galizia“ oder so. Komischer Name, denn Hähne habe ich dort keine gesehen (was kein Wunder ist, denn den lateinischen Gockel schreibt man mit zwei „l“). Erst später wird mir klar, daß wir uns in der spanischen Provinz Galizien befinden (in ein paar Wochen später werde ich an einer Aufstellung der Gefallenen des Ersten Weltkriegs aus St. Wendel arbeiten. Dort wird bei einem Soldaten stehen, er sei in Galizien gestorben, was mich dann etwas verwirren wird, bis ich entdecken werde, daß es Galizien sowohl in Spanien als auch in Russland gibt - wow, soviel Futur in einem Satz - kuhl!). Von der Bushaltestelle bis zum Hotel ist es nicht sehr weit. „Horreo“ heißt es, ist vorne nur zwei Türen schmal, aber weitet sich nach hinten. Gleich vorn am Schalter stoßen wir auf das Problem, das ich vorausgesehen habe, von dem ich mich aber habe überreden lassen, es zu ignorieren - die Frau spricht nur spanisch, sonst nix. „Frag sie mal, ob wir morgen einen Teil des Gepäcks hier stehen lassen können“. Verdammt, ich wußte es, ich hätte mir in Hahn doch den Langescheidt-Reiseführer „Spanisch für die Reise“ kaufen sollen. Auf die 12 Euro und 300 Gramm wäre es jetzt auch nicht mehr angekommen. Das Problem klären wir am nächsten Morgen bei dem Poitier, der auch ein bißchen Englisch spricht.

    Unser Zimmer im dritten Stock erweist sich als recht geräumig, ganz toll wird es, als wir den großen Balkon entdecken, auch wenn wir ihn nicht nutzen können. Mama kommt von oben aus dem 5ten Stock, sie kriegt ihre Tür nicht auf. Ich hantiere ein bißchen mit dem Schlüssel, bis das Problem gelöst ist. Während Anne duscht, mache ich mich mit meinem Handy vertraut - die einzige Chance, meine Emails abzurufen. Sonst vermeide ich den Umgang mit diesem Aspekt unserer Technik - das ändert sich am nächsten Tag, wenn ich Wotts-Epp entdecken werde.

    Als wir das Hotel verlassen, um auf der anderen Straßenseite in einer Cafebar etwas kleines zu essen, ist es dunkel geworden. Gudrun weiht uns in die Geheimnisse des spanischen Radlers ein - Clara heißt er hier, eine Mischung aus Bier und Limonade mit einer starken Tendenz zu letzterem. Es erfrischt sehr, wenn es eiskalt serviert wird. Der Alkohol darin ist vernachlässigbar. Was ich esse? Egal, was es ist, es ist eigentlich unnötig, denn zum Getränk servieren die Spanier noch etwas kleines zu essen. Hier beginnt es mit Schinkenbrötchen beim ersten bis zu Chips beim letzten Clara. Verhungern würden wir hier nicht.

    Der nächste Tag soll locker beginnen, so ist das geplant. Wir werden uns Santiago anschauen und dann so gegen Mittag zu den 13 Kilometern aufbrechen. Die Herberge haben wir rausgesucht, da kann nichts schiefgehen.

 

Mittwoch, 10. September 2014

Und so wird es Abend und Morgen - und es beginnt der erste Tag (gestern zählt nicht (mit)).

    Mit meinem krummen Rücken kann ich in den meisten Betten wegen der Matratze, die meinen Buckel nicht unterstützt, nicht gut schlafen. Nach dem Einschlafen fängt der Buckel an zu drücken und zu schmerzen, ich werde wach, drehe ich mich auf die Seite, schlafe ein und lande prompt wieder auf dem Rücken. Und dann geht das Spiel von vorne los. So geht es mir fast überall, so gehts mir auch in Santiago im Hotel Horreo. Da können die nix dafür, das ist halt so.

    Morgens gefühlt um 5 Uhr geht draußen hinterm Haus ein Höllenlärm los, der 30 Minuten später wieder versiegt. So gegen sieben stehen wir auf und machen uns fertig. Zum ersten Mal muß ich unter feldmarschmäßigen Bedingungen meinen Rucksack packen - und hasse ihn vom ersten Mal an. Das blöde an dem Ding ist, man kann ihn nur von oben packen, und was dann drin ist, ist drin und aus dem Blickfeld verschwunden. Ich entdecke außerdem, daß ich nur zwei Unterhemden mitgenommen habe. Ein normales weißes und ein besonders schnell trocknendes. Letzteres trägt sich nicht schlecht, wenn man es mal an hat, aber es liegt total eng an, und ob meines nicht unbeträchtlichen Umfangs um die Körpermitte komme ich mir vor wie eine Preßwurschd. Dazu noch die Variation der Unterhose Marke Liebestöter - in weiß alles andere als sexy (aber ich will ja auf die Piste, nicht in irgendjemandes Kiste) - au Mann, sieht das Scheiße aus. Also schnell die Hose drüber und das Hemd, bevor meine Mutter runterkommt und sich scheckig lacht oder vor Kummer krümmt. Den Rucksack geschnürt, die Wanderschuhe auch, die Wasserflasche gefüllt und oben in den Rucksack rein, die Kappe auf den Kopp. Camino, ich komme.

    Nun ja, nicht gleich. Erst mal gehen wir frühstücken. Der Poitier zeigt uns, wo wir die überzählige Tasche deponieren können, dann gehen wir rüber zum Kaffeetrinken. Nach einem Cafe con leche (sprich: kon-letsche) mit eingetunktem Riesencroissant (das Tunken habe ich bei den Spaniern am Nachbartisch abgeguckt) sieht die Welt schon ganz anders aus. Der Himmel trübt sich ein. Der Galizien-Platz ist voller Menschen, erst eine lange Kolonne von Geschäftsleuten, gefolgt von einer Kolonne Schulkinder, gefolgt von einer Kolonne Müllmänner - immer schön einer hinter dem anderen. Putzig - wie die Enten. Dann fängts an zu nieseln. Während Mama und Anne sich in ihre Regenjacken stürzen, vertraue ich auf Petrus und meine Mütze. Beide lassen mich nicht im Stich.

In der Fußgängerzone unterhalb der Kathedrale ist noch nichts los, wir haben sie fast für uns allein. Die steinernen Bodenplatten glänzen nach dem Regen, alles sieht sauber und frisch aus. An einer Wand entdecke ich eine eingeschlagene Muschel.

Wir finden die große Kirche, die von dicken nackten Männern bewacht wird, die auf Balkonen ringsum stehen und finster aus der nicht vorhandenen Wäsche gucken. Mit scharfem Blick erkenne ich nach ein paar Minuten, daß sie nicht echt, sondern künstlich sind. Hm, der dicke Bauch kommt mir bekannt vor, das dicke Gemächt nicht. Über dem Platz vor der Kathedrale leuchtet ein Regenbogen - ein verheißungsvolles Zeichen. Wir suchen erst das Pilgerbüro auf, wo uns zwei freiwillige Helfer, ein älteres englisches Ehepaar, als mit die ersten Pilger des Morgens begrüßen. Dort erhalten wir unsere ersten Stempel. Zwei Häuser weiter werden wir unsere Rucksäcke los - für zwei Stunden zwei Euro. Ich denke, damit läßt es sich leben. Dermaßen befreit streifen wir durch die Umgebung, besuchen die Kathedrale, die mir persönlich nicht gefällt. Ich habe was Großes wie St. Dingenskirchen in London oder Winchester erwartet, aber so groß ist die Kirche nicht. Dafür laufen jede Menge Touristen rum, denen das Blitzlichtverbot scheißegal und denen auch sonst wohl nicht bewußt ist, daß sie sich in einem Gotteshaus befinden. In der Touristinfo von Santiago erhalten wir eine Karte für unseren Weg nach Fisterra, die aber genauso gut oder genauso schlecht ist wie die, die wir schon haben. Als Segen erweist sich ein Faltblatt mit Adressen von Unterkünften und Cafebars entlang der Strecke, das wir oft benutzen werden.

    Gegen 10 haben wir genug von der Stadt, es wird Zeit aufzubrechen. Der Camino beginnt an der Nordwestecke des Platzes vor der Kathedrale. Ein gelber Pfeil - mit Farbe einfach auf den Boden gemalt - zeigt die Richtung; man braucht ihr nur zu folgen, und das tun wir auch. Zuerst geht es hinunter in die Unterstadt, immer geradeaus, dann quer über eine Kreuzung. An einer Schule aus Beton vorbei, wo sie gerade Gras mähen, zwischen zerfallenen und zerfallenden Häusern hindurch erreichen wir die Stadtgrenze. Dort sehen wir die erste Steinsäule mit der Muschel darauf. Sie ist einen guten Meter hoch und läuft oben konisch zu. Die gelbe Muschel auf dunkelblauem Hintergrund zeigt den Weg; die Richtung ist es, in der die Strahlen zeigen. Darunter sind die Entfernungen bis Fisterra, manchmal auch bis Muxia angegeben. Muxia liegt gut 30 km nördlich von Fisterra, aber dort wollen wir nicht hin. Mitten auf dem Weg steht ein Baumstumpf. Ich steige hinauf und spiele den lebendigen Wegweiser. Ach, dieser Elan soll mir schnell vergehen.

    Wir folgen einer Straße hinunter ins Tal, wir überqueren einen kleinen Bach und passieren eine zerfallene Mühle. Der Weg schlängelt sich zwischen dichtem Gestrüpp einen Hang entlang und hinauf, und seitlich von einem Grundstück grüßt eine ältere Dame lächelnd mit „Buen Camino“.

    Die erste Steigung kommt, zwei Arbeiter, die das Gras mähen, halten in ihrer Arbeit inne, um uns passieren zu lassen. Es wird steiler, und schon geht mir zum ersten Male die Puste aus. Natürlich lasse ich mir das nicht anmerken, sondern schreite wacker aus. Als ich oben ankomme, bin ich schweißgebadet. Gottseidank hat man von dort einen tollen Blick auf Santiago und seine Kirche, so daß der Schweiß ablaufen und der Puls sich auf ein normales Maß reduzieren kann.

    Wir passieren nun eine Anzahl wirklich eindrucksvoller Häuser. An einem hängt noch die Tüte mit Brötchen, obwohl es doch schon viertel vor 12 Uhr mittags ist. Wieder kommen wir in einen Wald, es geht kurz hoch und dann extrem steil hinunter. Unten angekommen merken wir, daß man uns hier durch den Wald geschickt hat, damit wir nicht über die Straße laufen. Aber das ist gut so, sonst kriegen wir nicht unsere Kilometer zusammen (Kamerad, beschwer Dich nicht, Du kriegst morgen noch Landstraße genug). Einem älteren Herrn, der mit seinem Rasentrimmer auf der Wiese unter seinen Obstbäumen auch noch den letzten aufrechtstehenden Grashalm zur Strecke bringen suche, werfe ich ein fröhliches „olla“ zu, das eigentlich „holla“ heißt, aber meistens lassen die Eingeborenen das „h“ am Anfang weg - nicht alle, aber viele. Im Tal suchen wir uns eine schattige Stelle und machen nach gut anderthalb Stunden unsere erste Pause. Richtig gemütlich ist es nicht, und wir werden später noch viele andere Plätzchen sehen, wo wir sicher besser gesessen hätten. Aber wir brauchen jetzt etwas und finden es hier. Links steht ein größeres modernes Haus, umgeben von einem großen Garten, den wir über eine mannshohe Mauer grad so erspähen können. Ein breites, vermutlich automatisches Tor sperrt das Haus von der Außenwelt ab. In seinem Schatten lagern wir. Anne packt Schoko- und Müsliriegel aus, ich nuckele an meiner Wasserflasche. Eine Möglichkeit für eine Übernachtung haben wir auch schon gesehen, an einem Telefonmast hing ein Werbeschild für die Auberge Casa Rimonte in Castelo-Ames, knapp 10 km entfernt. Das hört sich gut an. Die Pause tut gut. Schuhe aus und Füße lüften, das ist ein Tip, dem Anne und Margret im Mai schon folgten, dann trocknen die schweißigen Strümpfe und die Füße, und die Chance auf Blasen ist geringer.

    Wir sind wohl nicht die letzten gewesen, die sich so spät von Santiago auf den Weg gemacht hatten. Während wir da sitzen, kommen etliche Wanderer vorbei, mal einzeln, mal zu zweit. Sie nicken uns zu und ziehen mit einem netten „Buen Camino“ ihres Weges. Nicht lange und wir sind auch wieder auf dem Weg. Der führt uns zunächst gerade aus, dann gehts zur Abwechslung mal wieder bergauf. Ein Anstieg bleibt mir in Erinnerung. Es ist ein breiter, ziemlich zerklüfteter Schotterweg, aber auf der linken Seite hat eine gute Seele einen langen Streifen breiter Trittsteine gesetzt, die uns sicher den Hang hinaufführen. Einige hat die Zeit und das Wetter in Schieflage gebracht; ein anderer sitzt lose und wippt bei jedem Tritt.

    Oben kommen wir um eine Kehre und bewundern die bunten Blumen rechts in der Hecke, als wir plötzlich von der Seite heftig angekläfft werden. Irgendso ein Wauwau nimmt seinen Dienst sehr ernst; vielleicht ist er aber auch nur frustriert, weil er dort an eine Leine gebunden ist und dableiben muß, und wir wandern weiter. Ich spreche ruhig auf ihn ein, was sofortige Wirkung zeitigt: er legt richtig los, und ich befürchte schon, der kriegt gleich einen Herzanfall. Solche Begegnungen haben wir alle Tage. Du läufst in Gedanken oder im Gespräch vor Dich hin, plötzlich kommts von der Seite unerwartet und laut. Zwei, drei Schritte, und du bist an der akustischen Umweltverschmutzung vorbei. Du schreitest weiter, und das Kläffen und Toben wird leiser - bis zum nächsten Mal. Aber nicht jeder Hund entpuppt sich als wilder Kläffer. Ich erinnere mich an einen Pferch mit Hühnern und Gänsen, die faul in der Sonne lagen oder in einem Mini-Teich paddeln. Dazwischen sitzt eine Promenadenmischung mit heraushängender Zunge im Schatten und beobachtet uns lässig. Dem sind wir so was von scheißegal, der wedelt nicht mal mit dem Schwanz.

    Der Weg führt uns weitere Steigungen hinauf, über steinige Waldwege, Teerstraßen. Meist geht Anne vorne weg, beladen mit ihrem Rucksack, auf dem oben drauf unser Kuscheltier Ipiep thront. Ipiep ist ein alter Wegbegleiter, er hat mich vor über 20 Jahren nach Berlin begleitet und war auch jedesmal in Amerika dabei. Er war mal strahlend gelb und hatte einen weißen Haarkranz auf dem Kopf. Jetzt ist er arg verblaßt, und die Haare sind stumpf-grau geworden. Aber im Urlaub gilt für uns immer: Ipiep muß mit.

    Wieder geht es durch einen Wald. Und da hängt das langersehnte Schild: „Cafebar 1 km“. Eine steile Straße führt einen Hang hinab. Anne ist vorne. Wir passieren einen langen Horreo, wie die typischen Speicher für Feldfrüchte hier genannt werden. Sie sind meist ein paar Meter lang, aber nur gut einen Meter breit und stehen auf meterhohen Pfeilern; ich habe gelesen, die Pfeiler seien deshalb so hoch, weil es hier reichlich regnet und man vermeiden will, daß die Brühe dort hineinläuft. Auch kommen Tiere schlechter an die Früchte dran. Auf der aufliegenden Bodenplatte steht das Außengerüst aus Stein, hinten von einer Steinmauer abgeschlossen. Die Seitenwände bestehen aus Holzwänden, zur besseren Belüftung mit Schlitzen versehen. Das Ganze bedeckt ein Ziegeldach. Zwei Dachreiter sitzen darauf, vorn ein Kreuz, hinten ein kleines Türmchen, eine Art „Obelisk“, wohl um die bösen Geister abzuhalten.

    Als ich das Kreuz und das Türmchen zum ersten Mal sehe, erinnern sie mich an den Aufbau von Kirchen. Ich habe verschiedene Horreos über die Tage hinweg betrachtet und versucht herauszufinden, ob sie wie Kirchen ebenfalls von Ost nach West ausgerichtet sind. Vielleicht der eine oder andere schon, aber eine generelle Tendenz habe ich nicht gesehen. Gemeinhin stehen sie wohl so, wie die örtlichen Gegebenheiten es vorgeben.

    Um die Ecke, über die Straße, rechts am Hang liegt die heiß ersehnte CafeBar - der Ort muß Villestro sein. Die CafeBar liegt demnach an der Rua do Cabel. Das Haus ist ein langer niedriger Bau mit großem Schankraum und langer Theke, darüber der obli­gatorische Fernseher. Kein öffentlicher Raum, in dem nicht kon­stant die Rappelkiste läuft. Meistens mit Ton und oft zu laut. Ir­gendeiner guckt immer darauf. Und sitzt man in einer Ecke, allein oder in Gesellschaft, dann schaut man irgendwann automatisch auf den Schirm. Er zieht an. Vielleicht ist es aber einfach nur die Vorspiegelung der wirklichen Welt, die massiv in unsere selbstge­wählte Wanderisola­tion mit Macht einbricht.

    Wir bleiben draußen, packen die Rucksäcke in eine Ecke und lassen uns an einem Tisch nieder, teils in der Sonne, teils im Schatten. Wir haben gerade unser obligatorisches Getränk bestellt - Carla mit Sprite, eisgekühlt versteht sich - als zwei weitere Wanderer eintreffen, die ich schon vorher hinter uns gesehen habe. Er ist ein großer, sehniger Mann mit grauen Haaren, sie ist ein Stück kleiner und jünger. Beide wirken wandererfahren. Er schaut in die Wirtsstube und sieht zu uns herüber. Mit einer Handbewegung lade ich ihn an unseren Tisch ein. Das gefällt mir auf dem Weg. Die Gemeinschaft, die alle einschließt, die auf dem Camino sind. (Fast) ohne Ausnahme (jedenfalls habe ich nur eine erlebt). Früher nannte man das „Kameradschaft“, aber das Wort hat leider so sein Geschmäckle (vor allem, weil sich die Mädels dann ausgeschlossen fühlen).

    Die beiden kommen rüber und stellen sich vor. Johann und Ingrid. Sie bestellen sich ihre Getränke und Schinkenbrote. Jerres, sind das Riesendinger, die da kommen. Ich bekomme sofort Hunger, aber diese fast unterarmlangen Brote hätte ich nicht geschafft. Unmittelbar kommen wir ins Gespräch. Ingrid erzählt, daß sie seit etwa 800 km auf dem Weg ist. Wow, 800 km, das ist der gesamte französische Camino. Ja, sie sei Johann nachgereist und seitdem mit ihm gegangen. Nachgereist? Nun ja, Johann stammt aus Österreich. Anfang Juni hat er sich von Innsbruck aus auf den Weg gemacht und ist über Umweg bis hierher gekommen. Mir bleibt die Spucke weg. Von Österreich her - aber das sind … „Ja“, meint Ingrid, „das sind knapp 2600 Kilometer.“

    Wir kriegen große Augen, und ich weiß nicht, ob ich die beiden bewundern soll oder nicht. Ist das eine Leistung oder einfach nur Irrsinn. Ich meine, ich weiß, daß man ein bißchen bekloppt sein muß, wenn man sich auf diesen Weg macht; das macht die Sache viel einfacher. Aber mir kamen unsere 93 km immer viel vor; sie verblassen gegenüber dieser Riesendistanz. Johann ist 63 und in Paahsion. Er hat Zeit und keine sonstigen Verpflichtungen. Seine Tagesdistanz beträgt im Schnitt 25 bis 30 Kilometer. Er reist mit relativ leichtem Gepäck. Sein Rucksack hat vermutlich nur die Hälfte von dem zum Inhalt, was ich für die fünf Tage mit mir rumschleppe. Er kommt damit hin, weil er damit hinkommen muß. Ingrid hat erst später Urlaub bekommen und hat ihn in Frankreich abgepaßt. Seitdem laufen sie zusammen. Wir trinken noch einen, dann brechen sie auf. Als wir wieder auf die Piste gehen, sind sie schon lange im Sonnenglast verschwunden. Wir werden sie nicht wiedersehen.

    Überraschung: Als ich kurz vor unserem Aufbruch in die Bar gehe, um zu bezahlen, weiß der Mann hinterm Tresen nicht, was ich will. „Bagare“ versuche ich, aber das ist so was ähnliches wie Italienisch. Da versteht er, lacht, schüttelt den Kopf. No, meint er, nix bagare. Ist schon erledigt. Und deutet einen großen Mann und eine Frau an. Mir steht der Mund noch offen, als ich rausgehe und den beiden Damen berichte. Nun, mein Freund, Euch wünsche ich einen guten Camino. Und vergelts Gott.

    Schräg gegenüber der Bar ziehen wir zwischen alten Häusern ins Tal, über eine Brücke und entlang breiter Teerstraßen durch einen Wald leicht hügelan. Ab und an passiert uns ein Auto. An einer Gabelung geht die Hauptstraße nach rechts, wir biegen nach links ab. Die Landschaft könnte bei uns zuhause sein.

    Dann kommen wir aus dem Wald, und genau gegenüber liegt ein Restaurant mit ausladender Gartenterrasse, vollbesetzt bis zum letzten Tisch. Muß ich schreiben, wie ich diese Leute beneide? Aber gottlob kommt mir diese innere Kommandostimme gerade zurecht: Jetzt reiß Dich mal am Riemen, mein Freund, Du bist zum Wandern, nicht zum Essen hier! Der breiten Straße folgen wir nach links, sie führt ziemlich steil den Berg hinab. Von den Anwesen hinter den Häusern sehen wir sonst nichts, dicke Steinmauern trennen sie von der Straße. Ein paar Kurven und immer weiter geht es hinunter.  

    Rechts vor uns liegen mehrere Straßen, die eine Reihensiedlung in Terrassenlage mit knallroten Häusern durchziehen. Ein Haus sieht aus wie das andere, alle sind aus dem gleichen Guß. „Mein Gott“, schüttelt sich Mama, „wer will denn hier wohnen?“ Lakonisch antworte ich: „Denen, denen es gefällt und die es sich leisten können“. Vor den Häusern stehen Autos, Fensterläden stehen offen, manche sind geschlossen. Einladend sehen die uniformen Häuser nicht unbedingt aus, aber auch nicht abwehrend. Die Umgebung ist sauber, wenn auch nicht unbedingt gemütlich. Vielleicht - in zehn Jahren, wenn die kümmerlichen Sträucher da vorne größer sind. Ein paar Bäume hinzu, dann kann das schon etwas werden.

    Unser Weg führt am Rande dieser Trabantensiedlung vorbei und steil nach unten. Wir stoßen auf eine breite, gut befahrene, zweispurige Teerstraße (AC 453), überqueren sie und gelangen in einem großen Rechtsbogen zwischen alten Häusern hindurch ein paar hundert Meter weiter unten wieder auf die zweispurige zurück. Der Hinweispfeil deutet auf den rechten Straßenrand, dem wir für gut zwei Kilometer folgen werden. Wir queren also mal wieder und folgen ihr auf der anderen Straßenseite ziemlich gerade einen langen Hügel hinunter. Immer entlang der Straße und immer weiter bergab. Allzuweit dürfte es bis nach Caballos nicht mehr sein, aber wo sind wir hier? Als wir aus dem Wald kamen, gab es kein Ortschild. Leute, die wir fragen können, treffen wir nicht; hier herrscht Siesta, außer den bekloppten Pilgern auf dem Camino läuft hier keiner rum. „Was sagt der Reiseführer?“ - Gar nix. Der Riesenort, der sich und rechts der Straße über die Landschaft ausbreitet, wird mit keinem Wort erwähnt. Klasse. Also immer weiter die Straße hinab. 

    Nach rechts wird ein Bed&Breakfast angezeigt. Das muß das sein, das wir auf dem Schild sahen - Castello steht da, wie komm ich denn da auf Caballo?. Aber jetzt ist es 2 Uhr mittags, da wollen wir eigentlich noch nicht hin. Es sind noch etliche Stunden hell, da können wir noch laufen. Meinen die beiden Mädels. Ich hätte mich mit dem B&B zufrieden gegeben, aber das kann ich nicht sagen, sonst tuscheln die wieder miteinander à la „Hör Dir das Weichei an“. Also halte ich die Klappe und füge mich. Oh, hättest Du nicht geschwiegen, Roland.

    Weiter geht es den Berg hinab. Ganz unten treffen wir eine CafeBar und erfahren dort, daß wir vor gut einem Kilometer an der Abbiegung zur Herberge vorbeigelaufen sind. Oh Exkrement. Um dorthin zu kommen, müßten wir einen guten Kilometer zurück und dann noch einen nach links. Und morgen die gleiche Strecke wieder zurück. Och nee.

    Ein Blick auf unsere Karte und das Blatt aus Santiago zeigt uns, daß es „nur“ ein paar Kilometer weiter eine Pension gibt. Der Ort heißt Pontemaceira und liegt am romantischen Rio Tambre. Nun, die paar Kilometer schaffen wir auch noch. Hinter der Cafebar biegen wir nach einer Stärkung am Ende der Straße nach links ab und passieren eine uralte Steinbrücke, die mich an unsere Soda-Brücken erinnert, denn auch sie führt - zumindest heutzutage - nirgendwo hin außer über den kleinen Bach. Hinter der Häusern gehts ein bißchen hügelan bis zur Hauptstraße. Die überqueren wir und wandern direkt gegenüber eine leicht ansteigende Teerstraße hinan. Ein schöner Weg ist das, ein paar Bäume links und rechts, dann der Wald selbst. Wow, hier stehen sogar Bänke, aber aus Beton und nicht sehr einladend. Nein, danke, soo müde bin ich nun auch wieder nicht.

Zehn Minuten würde ich für so ne Bank viel gegeben. Nach ein paar hundert Metern endet der Teer, Schotter beginnt. Auch die sanfte Steigung endet und geht in eine brutal steile über. Keine Ahnung, wieviel Grad, aber es sind viele. Steil und steiler geht es bergan, windet sich um etliche Kurven und hört nicht auf. Unsere Gruppe zieht sich auseinander - Anne vornweg, ich in der Mitte, Mama hinten. Sie macht es richtig, sie geht den Steilhang nicht direkt an, sondern läuft kleine Serpentinen. Anne bleibt immer wieder stehen, um zu verschnaufen. Aber das kann ich nicht. Wenn ich jetzt stehenbleibe, gehts nicht mehr weiter. Die Puste ist schon lange weg, der Puls rast, ich bin binnen Minuten klitschnaß geschwitzt. Irgendwann muß ich doch stehen bleiben. Da bin ich froh, daß ich meine Dreiviertellange angezogen habe, da kann ich mich mit schweißnassen Händen auf den Knien abstützen ohne abzurutschen. Anne hat schon die nächste Kurve im Blick. „Dahinter gehts flacher weiter“. Stimmt, aber nur für fünf oder sechs Meter. Dann gehts weiter hinauf. Auf halber Höhe endlich rechts eine Bank. Die gehört mir. Anne gesteht mir später, daß sie sich hier wirklich Gedanken gemacht hat, ich würde zusammenklappen. Ich habe auf dem Weg ein paar Minuten daran gedacht, mich einfach hinzusetzen, aber ich wär da nie wieder hochgekommen.

    Irgendwann ist der Puls wieder ruhiger, ich stemme mich hoch - weiter gehts. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir da hoch gebraucht haben, die Zeit unterlag einer gewissen Dilatation - hm, normalerweise kenne ich diesen Zeitausdehnungsunsinn aus meinen Romanen, je schneller da ein Schiff fliegt und sich der Lichtgeschwindigkeit nähert, desto langsamer vergeht im Schiff die Zeit. Ich muß Dr. Einstein mal einen Brief schreiben, daß das auch andersrum geht. Ich werde immer langsamer, und die Zeit dehnt sich trotzdem ins Unendliche. Schließlich ist der Weg zu Ende. Oh, klasse, da vorne ist eine Teerstraße. Toll. Ja, nur geht die genauso steil weiter. Anne lügt weiter munter vor sich hin: „Hinter der nächsten Kurve wird’s flacher“.

    Ja, scheissda-mäi-Hertzje, nichts wird flacher. Hinter uns Japsen, dann kommt ein Mountainbiker die Steigung hoch. Oh verflucht, der fährt wohl im kleinsten Gang, er dudelt und dudelt und kommt kaum von der Stelle. Seine Freundin hängt ein paar hundert Meter hintendran, hält aber tapfer mit. Noch ein paar von diesen Sonderirren kommen an uns vorbei. Dort oben ist der Kamm, dort bleiben sie stehen zum Verschnaufen. Und hier vorne ist noch eine Bank und ein Brunnen. Trinken würde ich davon nicht, aber den Hut unter Wasser und dann aufgesetzt. Eine Wohltat. Eiskalt läuft mir das Wasser den Buckel hinunter. Auf dem Kamm passieren wir die Radfahrer, die zum Verschnaufen angehalten haben. Ab jetzt gehts über die Landstraße stetig nach unten. Eine Kaffeebar gibt’s hier zwar nicht, aber die werden wir ja - nebst Pension - unten in Pontemaceira finden. Noch zwei Kilometer.

    Eine gute halbe Stunde später. Wir biegen um eine letzte Kurve, und das Tal des Rio Tambre liegt vor uns. Die Straße führt in einer langen Linkskurve entlang des Steilufers. Mitten im Ort setzt eine alte Steinbrücke in hohem Bogen über den Fluß. Der kommt von rechts an und fällt kurz vor der Brücke ein paar Meter über eine Klippe in die Tiefe. Sieht toll aus.

    Rechts der Brücke - noch auf unserer Seite - steht ein Restaurant. Ich frage dort nach der Pension, aber der Mann hinterm Tresen meint: „Nein, das no Pension, das Restaurant!“ - „Nein, ich suche eine Pension hier in Pontemaceira.“ - „Nein, keine Pension in Pontemaceira.“ Na wunderbar. Da haben wir ja auf ein völlig falsches Pferd gesetzt. Die Antwort haut uns ziemlich nieder, denn nun gehen uns die Optionen aus. Wenn es hier nichts gibt, wo wir übernachten können, müssen wir weiter - aber wohin? Wir schleppen uns über die Brücke, die jeden romantischen Reiz verloren hat. Das tut mir hoit noch leid, daß wir damals keinen Blick mehr für diesen tollen Ort hatten, weil die Herbergssuche Priorität hatte. Gefällt mir deshalb diese Art von Urlaub nicht? Ich bin auch durch Amerika gefahren und wußte nicht, wo ich abends schlafen würde. Aber wenn ein Hotel voll war, dann fährt man schnell an ein anderes. Aber wenn man zu Fuß unterwegs ist, zählt jeder Meter. Und ein Kilometer hat dann eine ganz andere Dimension.

 

 

    Auf der anderen Seite setzen wir uns auf eine Bank und überlegen. Ein Blick auf unsere Liste: da ist eine öffentliche Herberge nahe Negreira, aber das sind nochmal gut sieben Kilometer, das sind anderthalb bis zwei Stunden weiteres Latschen. Hinterm Ort habe ich Empfang im Handy. Zuerst rufen wir die Pension hier vor Ort an. Es meldet sich jemand auf Spanisch.

    „Do you speak English?“ frage ich. Nach einigem Zögern kommt „no“. Na wunderbar. Aber ich gebe mich nicht geschlagen und frage aufs geradewohl „Habitaciones a qui?“ Auf Englisch (oder so etwas ähnlichem) kommt als Antwort: „Si, but not for today. Full“. Ein Fluch geht Richtung Restaurant, dessen Besitzer wohl nicht mal weiß, daß es überhaupt eine Pension gibt.

    Dann rufen wir die öffentliche Herberge nahe Neigrara an, deren Eigentümer Englisch spricht. Ich ordere zwei Zimmer, eins als Doppel-, eins als Einzelzimmer. Ja, sagte er, kein Problem. Er fragt, wo wir seien, und ich sage „Pontemaceira. Wie weit ist es bis zu Ihnen?“ „Sieben Kilometer.“ „Nun“, sage ich, „also dann bis in etwa 1,5 Stunden.“ „Eher zwei“ meint er.

    Leider behält er rechts. Wir laufen eine Zeitlang durch Wiesen entlang eines Baches (könnte glatt zuhause sein), dann eine breite Teerstraße entlang, die wir zweimal überqueren. Jetzt tauchen auch die Hinweisschilder auf die anderen Herbergen, Hotels und Pensionen von Negreira auf. Wir überlegen schon, trotz der Zusage die öffentliche sausen zu lassen und die erstbeste zu nehmen, die uns vor die Flinte kommt. Die Entfernungen auf den Schildern werden geringer, und die Distanzen messen sich in wenigen hundert Metern. Allein - eine Herberge oder etwas ähnliches taucht nicht auf. Der Weg biegt nach rechts, und wieder beginnt eine Steigung. Der Typ, der etwa 300 Meter vor uns läuft - das tut er schon seit etlichen Minuten -, ist vor uns gut zu sehen. Er steigt immer weiter hinauf und wir ihm hinterher. Anne mal wieder voraus, ich in der Mitte, etwa 10 m hinter mir stoisch ihren Schritt haltend meine Mutter. Ich werfe immer wieder einen kleinen Blick nach hinten, ob sie noch da ist. Nach langen, langen, steilen Metern verschwindet der Typ vor uns aus dem Bild, als er die Höhe überschreitet. Das Ende ist nah - ja, bei mir auch. Schweißgebadet japse ich nach Luft und fluche halblaut vor mich hin. Es geht über den Buckel und leicht nach unten. Die öffentliche Herberge liegt 300 m voraus, zu unserer privaten gehts nach links steil nach unten und noch 700 Meter weiter. Jetzt lassen mich die Maßstäbe völlig im Stich. Nach gefühlten 1000 Metern - so viele waren es sicher nicht, noch nicht die Hälfte - kommt links ein großer Friedhof in Sicht. Nun ja, eine Alternative, aber so weit ist es eigentlich noch nicht. Anne ist vormarschiert, da ruft sie: „Hier ist es!“

    Rechterhand liegt ein ziemlich großes Wiesenterrain, am unteren Ende ein zweistöckiger Gebäudekomplex, die Albergue de Logrosa. Wir gehen außen rum, treten ein und klingeln. Ein junger Mann kommt aus einem Nebenzimmer und begrüßt uns. Wir sind da. Er ist sehr freundlich, weist uns ein und zeigt uns unsere Zimmer. Gerade hier die Treppe hoch, links ein kleiner Vorraum, an den rechts und links die Zimmer grenzen. Das Bad ist auch der Etage direkt nebenan. Sonst ist hier oben keiner.

    Ob wir etwas zu Essen wollen? Bis 18 Uhr besorgt er immer noch etwas aus der Stadt. Ein Blick auf die Uhr, es ist kurz nach sechs. Aber Kleinigkeiten kann er auch so herrichten. Salat und so. Ja, das genügt uns. Die Schuhe aus, ich kippe rückwärts aufs Bett. Ach, tut das gut.

    Nacheinander heißt es: raus aus den Klamotten und unter die Dusche. Dort nehme ich die Unterwäsche, vor allem die Strümpfe, die sehr unangenehm duften, aber hervorragende Dienste geleistet haben - ich habe nicht eine einzige Blase an den Füssen - mit unter die Dusche und sehe erst beim Abtrocknen, daß man bittet, vom Waschen der Klamotten unter der Dusche Abstand zu nehmen. Anne und Gudrun haben auch gewaschen, unsere Sachen hängen wir unten in einem Trockenraum auf und werden sie morgen früh noch ein bißchen durch den Trockner jagen, weil sie nicht richtig trocknen werden.

    Heute abend habe ich Annes WhatsApp-Gruppe entdeckt. Meinen Computer konnte ich ja schlecht mit mir rumschleppen, also nutze ich die Zeit, wenn Anne im Bad oder sonstwo ist, für Mitteilungen an die Gruppe. Oje, die Loit zuhausen müssen denken, sie haben es mit einem Legastheniker zu tun. Grund für die vielen Fehler im Text ist aber der Umstand, daß die Mini-Tastatur für meine Wurschdfinger einfach zu klein ist und ich dauernd nebendran haue. Schauen Sie sich mal die Jungs und Mädels an, wenn sie mit den Daumen ihre Telefone malträtieren und sich haufenweise Mitteilungen schicken. Da weiß schon jeder, was gemeint ist, auch wenn das Phantasie erfordert. Mir sind die Fehler zwar nicht egal, aber irgendwann geht mir das Korrigieren so auf den Geist, daß ich es sein lasse und den Mist so versende wie getippt. Und zuhause sitzen sie wohl alle am Handy und warten drauf, daß wir uns melden, so schnell kommen manchmal die Antworten.

    Meine erste Nachricht beginnt mit „Ich armes welsches Teufli - zu müde zum Marschieren“ und endet mit „Aber morgen früh brauche ich einen Hebekran, um aus’m Bett zu kommen“. Worauf eine Antwort am nächsten Morgen richtig mitfühlend lautet: „Na, war der Kran schon da?“

    Schließlich gehen wir nach unten durch das Haus und auf der anderen Seite wieder raus. An einem langen Holztisch im Freien sitzt ein Pilger namens Stefan, den wir schon im Flugzeug nach Santiago und dann im Bus kennengelernt hatten. Er ist ebenfalls auf dem Weg nach Fisterra, allerdings alleine. Er hat im Frühjahr einen Teil des französischen Camino zurückgelegt und ist bis Santiago gekommen, wo sein Urlaub zu Ende war. Den Weg bis ans Meer würde er nun in den drei Etappen machen, die in den Reiseführern vorgesehen sind. Er ist schon am frühen Morgen in Santiago aufgebrochen und hat die Herberge bereits um 14 Uhr erreicht. Mit am Tisch sitzen zwei Engländer, Colin und Rosie.

    Wir setzen uns ganz zwanglos hinzu, so wie es sein voll, und stellen uns vor. Unser Hausherr bringt zwei große Salatteller, garniert mit Thunfisch, dazu eine Flasche roten Landweins. Als er merkt, daß es uns schmeckt - wir haben für meine Mutter den Fisch aus dem Salat entfernt, da sie keinen ißt - legt er noch etwas nach, an das ich mich aber nicht mehr genau erinnere. Es mag die Nachspeise gewesen sein. Zum Nachtisch legt er eine angebrochene Pralinenschachtel auf den Tisch. Er hat sich wirklich rührend um uns gesorgt. Rosie und Colin sprechen kein Deutsch, worauf sich das Gespräch verlagert. Während ich mich mit den beiden unterhalte, erzählt Stephan von seinen Abenteuern auf der früheren Reise. Da war irgendetwas mit einer Frau, die immer kalt hatte, der er fünf Decken reichte und sich selbst noch dazu legte, damit sie auch wirklich warm kriegte. Oder so etwas in der Richtung. Mir zieht es fast die Badelatschen aus.

    Es ist schön warm dort draußen, und wir sitzen noch lange bis in die Dunkelheit hinein. Die Briten ziehen sich dann zurück. Stephan will schon früh morgens los, deshalb verabschieden wir uns von ihm. Am nächsten Morgen - irgendwann zwischen Aufwachen und Wachwerden - auf jeden Fall noch im Dunkeln - höre ich Schritte unter unserem Fenster, das sich zur Straße öffnet. Ich will ihm noch einen „Buon Camino“ nachrufen, sehe aber nur noch seinen Schemen in der Dunkelheit verschwinden.

    Dicke, dunkle Wolken sind von Westen aufgezogen, die Vorhersage verspricht nix Schönes. Aber da müssen wir durch.

 

Donnerstag, 11. September 2014

 

„6.45 Uhr hamma hier und immer noch dunkel. Dicke Wolken am Himmel und ein angefressener Mond. Langsam erwacht der Tag. Und er verspricht lang zu werden.20 km bis dingenskirchen, 7 Stunden locker. Aber relTiv flach. Jerresw was werde ich nach dem heimkommen mein Auto mit Ehrfurcht bedienen aufm weg nach Saarbrücken :-D ein Kran ist grad keiner da, also rolle ixh ausm bett. Aber ausser dem Wolf am hintern gehts mir eigentlich gut. Kann nur noch...anders werden. Onn ija - schaffe nedd so fill.“ (nicht korrigierte Whatsapp-Nachricht des Verfassers)

    Ich habe super geschlafen in dieser Nacht. Als ich morgens aufwache, ist Anne schon munter, und Mama rumort auch schon in ihrem Zimmer herum. Als ich ins Bad gehe, um zu duschen, erlebe ich eine böse Überraschung. Blasen habe ich keine, die Strümpfe gestern waren genau die richtigen. Die Unterhose ist die falsche gewesen. Ich habe drei dabei - zwei Sportunterhosen aus dem Decathlon - und noch eine weitere, die weiße. Die sieht ähnlich aus, ist aber vom Globus und sitzt nicht so eng wie die schwarzen. Was sich als fatal herausstellt. Denn ich habe mich wundgelaufen, nicht direkt zwischen den Beinen am oberen Teil des Oberschenkels innen, sondern zwischen den Arschbacken. Sehen kann ich es ja nicht, aber fühlen. Die sind normalerweise halbrund und altmänner-weich, jetzt haben sie irgendwie ne Kante und sind wund. Dagegen hilft hoffentlich Melkfett bzw. die Fettcreme, mit der wir uns morgens und abends die Beine und die Füße einschmieren, damit alles trocken bleibt und keine Blasen kommen. Also schmiere ich mir mit diesem Zeug auch den Hintern ein. Sie brauchen gar nicht so blöd zu lachen. Morgens gut eingeschmiert, dann die Sportunterhose drauf. Abends ist der Wolf wieder weg.

    Das Frühstück ist okay. Die Hörnchen kommen zwar aus der Plastiktüte, der Kaffee wird im Mikrowellenherd erhitzt, aber bei dem Preis, den wir bezahlt hatten, ist das wirklich okay. In den öffentlichen Herbergen kriegt man gar kein Frühstück, hat entweder noch was vom Vorabend dabei oder besucht die nächste Cafebar, die schon mal ein paar Kilometer weit weg sein kann. Dafür gehts uns hier prächtig. Nach uns kommen die Engländer frühstücken, aber als wir uns später auf den Weg machen, sind sie wohl schon weg. Wir werden sie in Fisterra wiedertreffen. Sie wollen heute abend bis zur Casa Pepe nahe Oleivroa, aber als wir dort anrufen, ist schon alles voll. Wir werden also erstmal eine Zeitlang marschieren und dann schauen, wo wir hinwollen.

    Der Tag ist schon in vollem Gange, aber auf den schmalen Straßen ist es noch ruhig, als wir aufbrechen. Wir müssen erstmal ein paar Kilometer laufen, bevor wir wieder auf den Camino treffen. Eine Abbiegung von der Hauptstraße (CP1302) scheint richtig, aber als wir in einen Bauerhof hineinlaufen und von sieben Hunden angekläfft werden, die uns ab liebsten gefressen hätten - zwei sind auch groß genug dafür -, schickt uns der Eigentümer mit Handzeichen auf die Straße zurück. Wir durchqueren Negreira, überqueren den Rio de Barcala auf einer kleinen Brücke und steigen unter dem lauten Radiodudeln eines Lumpenkrämer-Autos steil einen Hang hinauf. Am Ortsausgang gehts erst nach links, dann rechts weiter den Berg hinauf. Wir passieren einen kleinen Weiler mit halb zerfallenen Häusern und einer - wie fast immer geschlossenen - Kirche, die einen großen Friedhof begrenzt. Sehr idyllisch. Dahinter verschwindet der Weg im Wald.

    Dort gehts nach ein paar hundert Metern wieder mal etwas steiler bergan. Verflucht, dabei haben mir doch gestern abend alle - die beiden Tommies sogar verstärkt - versichert, das schlimmste hätten wir hinter uns, ab hier ginge es nur gradaus, meistens runter, selten hoch. Ich dachte mir schon gestern, daß das nicht stimmen kann. So hoch sind wir nicht, daß es jetzt ständig runtergehen kann. Auf dem Weg den Wald hinauf überholen wir eine ältere Dame, ganz in schwarz, mit Kopftuch, sie sieht so aus, wie ich mir eine Oma vorstelle, nun ja, bei uns vor 50 Jahren oder so. Als sie unsere Schritte hört, bleibt sie stehen, lehnt ihren Gehstock gegen die Mauer am Wegesrand und setzt sich auf die Kante, um zu verschnaufen und uns überholen zu lassen. Buon giorno, grüßen wir, da das informelle Holla nicht zu passen scheint. Sie antwortet halblaut und nickt uns zu, als wir an ihr vorbeistapfen. Eine Hand hat sie halb erhoben, ihre Finger bewegen sich, ihre Lippen murmeln unhörbare Worte. „Sie hat uns gesegnet, als wir vorbeikamen, jeden einzelnen von uns“, sagt Anne später. Diese kleine Geste berührt mich sehr. Da hat die alte Frau mehr in unserer Reise gesehen als ich bisher.

    Hinter dem Wald kommen wir in einen Ort namens Zas, von dem wir allerdings nur eine lange Teerstraße und ein paar Häuser zu sehen bekommen. Hier geht es erstmal ein paar hundert Meter die Straße entlang. Im Gänsemarsch, während rechts und links die Autos vorbeibrettern. Rechts auf der Wiese stehen ein paar Hottehüs, noch ziemlich müde und sehr regungslos. Auf eine gewisse Art beneide ich die Viecher. Aber nur auf eine gewisse Art. Wieder einmal steigt die Straße an, und in einer Kurve überqueren wir sie und wenden uns nach rechts auf einen Seitenweg. Hier haben jemandes Schuhe schlappgemacht, und er oder sie hat sich kurzerhand von ihnen verabschiedet. Einer der beiden sitzt auf einem Muschelstein, die Sohle hängt vorne runter. Er sieht aus, als ob ihm die Zunge raushängt. Ihn beneide ich ob dieser Fähigkeit. Mir ist momentan oft auch danach, nur ist die Zunge nicht lang genug. Rechts steht eine Kirche, und Anne dreht eine Runde drumrum, nie die Hoffnung aufgebend, irgendwann mal eine Kirche zu finden, die geöffnet ist. Auch hier Fehlanzeige.

    Wieder durchqueren wir einen Wald. Dahinter biegt der Weg nach rechts ab, und wieder einmal geht es runter. Aber wir müssen doch dort rüber, über diese Kuppe hinüber, und wenns jetzt runter geht … ja, dann gehts auch mal wieder rauf. Au verflucht, ist das steil. Schnell komme ich wieder an meine Grenzen. Noch ein Kurve und dann steil weiter. Auf halber Strecke kommt uns ein schweigender Wanderer in einer Kutte entgegen. Sein Gesichtsausdruck ist etwas weltvergessen. Ein Mönch mit Schweigegelübde?

    Mitten durch den Wald führt der Pfad und sturheil geradeaus. Wir überqueren eine Teerstraße, auf der sich ein Sprüher „verewigt“ hat. „Galizien gehört nicht zu Spanien“ steht auf der einen Seite in englischer Sprache, auf der anderen Seite gehts in Spanisch weiter: etwas von der Hure Spanien (meine Spanischkenntnisse stammen aus etlichen Western, dort habe ich gelernt, daß „puta“ weder mit „Pute“ noch mit „Putin“ zu tun hat). Ein Blick nach rechts, dann einer nach links. Aber dort ist nichts. Ich bin vorsichtig, denn die Unabhängigkeitler sind meistens rechte Fanatiker („rechte“ oft - aber nicht nur - im Sinne von „regelrechte“). Wieder steigt der Weg an, und oben auf der Kuppe im gleißenden Sonnenlicht werden wir erst überholt und stoßen dann auf einen neuen Weg, der vor nicht allzulanger Zeit durch den Wald gedrückt worden ist. Er ist gut drei Meter breit. Eine dicke Kiesschicht macht das Wandern (fast) zum Vergnügen. Zwei oder drei Kilometer folgen wir ihm. Einmal müssen wir ausweichen, als ein kleiner Lkw des Weges daherkommt. Dann kommen wir an der Baustelle selbst vorbei - bis hierhin sind die drei Männer gekommen. Zwei sitzen am Wegesrand und schauen einem dritten zu, der auf einer Planierraupe den Boden verdichtet. Wir schlängeln uns an ihm vorbei und haben das Privileg, mit die ersten zu sein, die auf der neuen Wegdecke dahinschlendern. Doch es ist wie immer, wenns Spaß macht - es hält nicht lange vor.

    Die schöne neue, orange-gelbe Strecke endet und macht Platz für den guten alten steinigen Camino. Vor einem kleinen Ort namens Rapote laufen wir an einem großen Brunnen vorbei, der leider mitten in der gleißenden Sonne liegt. Durch einen schmalen Weg gehts in den Ort hinein, eigentlich nur ein paar Häuser - - - - Jerres, hab ich mich erschrocken. Da stehen Bäume links und rechts, dazwischen hängen Netze, um die fallenden Früchte aufzufangen. Und dazwischen laufen Hunde, und dieser blöde Köter hat eine Lücke zwischen den halbhohen Zäunen ausgesucht, und als wir dort vorbeilaufen, hat das Vieh uns angekläfft. Raus kommt er nicht wegen dem Maschendraht, aber einen Satz gemacht ham wir trotzdem. Hier gibt’s jede Menge Bienen, vermutlich wegen dem vielen herumliegenden Obst. Im Ort gehts nach links und über eine Kuppe und im langen Bogen runter ins Tal. Links oben liegt ein hoher Rücken, dicht bewachsen mit Windrädern.

    An seinem rechten, dicht bewachsenen Hang geht es mal wieder - Sie werden es nicht glauben - nach oben. Richtig schön steil. Hier überholen uns viele Pilger. D.h. sie versuchen es jedenfalls. Ein junges Mädchen schleicht vorbei, guckt griesgrämig. Ich sage „Holla“, sie grummelt sich irgendwas in den Bart. Ein paar Meter hinten dran kommt noch eine junge Dame, die auch nicht glücklicher aus der Wäsche guckt. Aber das stört mich nicht, ich habe eh keine Luft übrig, um hinzuschauen. Der Weg ist seeehr steinig geworden, dicke Felsen liegen hier im Boden drin. Stetig geht es bergan. Oben auf der Kuppe - romantisch neben einem großen Mülleimer - haben es sich zwei Erwachsene gemütlich gemacht und pausieren. Wir grüßen und ziehen weiter. Links mal wieder ein Kirche, und Anne versucht ihr Glück. Zu. Noch eine Kehre, da sitzen die beiden Mädels auf der Mauer und packen ihr Mittagessen aus.

    Wir ziehen noch ein paar hundert Meter weiter, da steht hinter einer Kreuzung auf einer Wiese ein großes altes Kreuz mit Bänken drumherum. Pause. Au ja, gut. Ein Blick auf unseren Zettel - das ist Portocamino. Hm, hier müßte es eigentlich - laut Plan - eine Cafebar geben. Aber da ist meilenweit nichts zu sehen. Nur wir und das Kreuz und die Mädels drüben an der Mauer (die sind mittlerweile zu dritt) und da drüben die Hauptstraße und auf dem Kamm die langen Reihen der Windmühlen. Ein Auto hält, die Fahrerin frage ich in munterem Spanisch: „Cafebar a qui?“ Sie lacht und zeigt in die Richtung, in der wir unterwegs sind, und ruft eine Zahl, die ich nicht verstehen will. Sie zeigt mit den Hände und - verdammt - sie hebt mehr als eine Hand hoch. Sieben oder acht Kilometer. Vilasero. Pffff. Ein Blick auf die Karte. Das sind gut acht Kilometer und fast nur Landstraße. Es kommt ein Wind auf, und am Kreuz - dem steinernen - fängts an zu ziehen. Das nutzen wir aus und ziehen weiter. Ein, zwei Kilometer gehts über die Hauptstraße. Mitten durch die Sonne. Ach, macht das Spaß.

    In einer Kurve werfe ich einen Blick nach rechts und traue meinen Augen nicht. Da steht ein Schild, da will wohl einer seine Sammlung auflösen. Hihi, da hat einer aus dem „F“ ein „P“ gemacht, denn auf der Karte heißt der Ort „Fornos“.

    Hinter der Kurve, das Haus da rechts, das mit der Garage. Mensch, hier würde ich eine Minibar hineinbauen, da könnte man richtig Geld mit verdienen. Statt dessen traben wir durstig weiter und überqueren die Straße.

Nach einer leichten Steigung werden wir von einem Fahrradfahrer überholt. Der Weg führt weiter hangauf und biegt vor hohen Bäumen nach links ab. Dort steht ein Wegestein mit gelber Muschel in der Sonne. Das sieht toll aus. Der Stein zwischen den Bäumen, dahinter blauer Himmel.

    Weitere 500 Meter weiter erreichen wir wieder die Teerstraße. Und auf der bleiben wir - gefühlte zwei Stunden lang. Sie wird uns begleiten bis Vilacerio. Hier verliere ich endgültig die Luschd. Ich nehme mir fest vor, schwöre mir fast selber: Die nächste Bushaltestelle ist mein, dort bleibe ich, da können die bitten und betteln, das ist mir alles exkrementegal … Natürlich kommt keine. Ein paar Autos donnern vorbei, aber auch nur wenige. Der Tag hat sich gerade geteilt, da bleiben normale Leute zuhause und siestieren. Normale schon. Wir nicht.

    Warum laufen wir hier durch die Sonne? Warum kann man den Weg nicht da drüben im Wald parallel zur Straße laufen lassen. Dort sind Wege, aber wir gehen sie nicht. Und wenns ein Kilometer mehr wären, na und? Alles besser als ne Teerstraße.

    Irgendwann erreichen wir Vilacerio. Das liegt in einem Tal oder am Hang eines Berges, und wieder geht es steil weiter, aber diesmal runter. Wir wenden uns nach rechts und erreichen mit brennenden Kehlen das „Restaurante Albergue O Rueiro“. Auf der überdachten Veranda vor der Tür rücken wir die Stühle zusammen, lassen die Rucksäcke gegen die Wand plumpsen und nehmen Platz. Schon kommt eine junge Dame und fragt nach unseren Wünschen. Und schon steht der kalte Radler vor uns. Nein, meint Anne auf meine Rückfrage, da kommt kein Dampf aus Deinen Ohren. Seltsam, wo ich es doch hab zischen hören, als ich das kalte Getränk durch die Kehle jagte. Ja, ich weiß, die üblichen Reaktionen und das übliche Geschwätz. Aber gut tut die Kühlung trotzdem, wenn sie auch gleich darauf zu heftigem Schwitzen führt, als der Körper die kalte Flüssigkeit auf Betriebstemperatur bringt. Hm, das heißt wohl, wir würden besser was Warmes trinken. Ja, stimmt. Ist alles richtig. Aber wer will das schon, wer tut das schon? Ich heute nicht. Ein Blick auf die Speisekarte, da steht etwas von Brot und Wurschd, und jäh kommt der Hunger. Ich nehme ein großes Brot mit Schinken (deftig, holla, das gibt wieder Brand), und meine Mutter entdeckt ihre Begeisterung für Sandwiches. Die war sicher schon vorher da, aber jetzt hat sie ihren großen Auftritt (jòh, Mama, éss jòh gudd, awwa ebbes móß ich jòh schräiwe). Am Tisch nebenan läßt sich ein Paar nieder, offensichtlich Deutsche. Sie genügen sich selbst, nehmen von uns keine Notiz. Er versucht ihr zu imponieren, sie gibt sich betont cool, wenn auch ein wenig ordinär. Vom Tag zuvor angespornt versuche ich einen Kontakt und werde prompt, wenn auch nicht unhöflich von ihm in meine Schranken gewiesen. D.h. er gibt Antwort, wendet sich aber gleich wieder ab und ihr zu. Oukay.

    Ein Auto kommt angeprescht, macht halt, und der Fahrer spaziert in die Bar. Oh, ein Taxi, denke ich, aber du kommscht etwas spät. Eben - oben - auf der Straße, da wär ich glatt in Versuchung gekommen mitzufahren, aber jetzt - hier - nach dem Radler und dem Wurschdweck, da gehts mir viel zu gut. Aber die Frage ist eh nur theoretisch, denn das Gespräch meiner beiden Mädels will ich mir gar nicht vorstellen.

    Neue Gäste kommen den Berg runter und um die Kehre - es sind die drei Mädels, die wir überholt haben. Tröpfchenweise kommen sie an und sehen ziemlich müde aus. Sie kommen aber nicht an die Bar, sondern gehen links daran vorbei. Wir mutmaßen, daß sie vielleicht in die Pilgerherberge wollen, die direkt unterhalb des Restaurant liegt. Die haben wir auch schon gesehen und darüber gesprochen, aber es ist jetzt 1 Uhr mittags, da wollen wir noch nicht anhalten. Wir haben noch gut 4 Stunden vor uns. Aber wo wollen wir eigentlich hin? Die Casa Pepe, da haben wir angerufen, die ist voll. Und sonst gibt’s dort nicht viel, will mir scheinen. Auf unserem Zettel steht ein Hotel drauf und eine Entfernungsangabe „8 km“. An der Theke in der Bar versuche ich, mich dem Inhaber verständlich zu machen. Das wird eine Mischung aus Deutsch, Englisch und fast keinem Wort Spanisch (auf keinen Fall würde ich das so bezeichnen). Irgendwie versteht er irgendwann, was ich will. Ich zeige auf das Hotel, und er meint, das bedeutet: noch 8 Kilometer bis zu einer Cafebar und von dort noch 8 km bis zum Hotel. „8 km“, das sind zwei Stunden zu Fuß - mindestens. Mir sackt das Herz in die Hose und gleich runter in die Wanderschuhe.

    Große Beratung vor der Tür. Wir beschließen, im Hotel ein Zimmer zu reservieren und von der Cafebar vor Ort mit einem Taxi heute abend hin und morgen früh wieder zurück zu fahren. Ich verständige mich mit unserem Barinhaber, und er ruft an. Ja, geht klar, sagt er, zwei Zimmer sind reserviert, wir sollen bis zur Cafebar Victoriano laufen, aber wir brauchen kein Taxi. Von dort aus sollen wir anrufen, man holt uns dort ab. Na, das nenn ich Service. Frisch gestärkt marschieren wir los.

    Unten auf der Hauptstraße passieren wir einen der längsten Horreos, die wir bisher sahen. Die Strecke durch das Tal geht erst mal schnurgerade aus. Anfangs macht mir die Sonne nicht mehr so viel aus, aber das ändert sich, als sich die Meter aneinanderreihen und zu langen Kilometern werden. Über eine Kuppe unter angenehm kühlen Bäumen hindurch gelangen wir in ein weites Tal, und dort zieht sich die Straße in einer langen Kurve mal wieder bergan. Hier macht sich das Gestirn recht unangenehm bemerkbar, und als wir oben vor dem Ort Cornado die Hauptstraße überqueren und nach rechts einbiegen, bin ich schweißgebadet. Da hilft auch das eiskalte Wasser nicht viel, das mitten im Ort einem Brunnen entspringt. Die Mütze hinein und direkt auf den Schädel, brrr, das schickt mir ein Schaudern durch die Glieder. Aber es hilft wieder ein paar Meter. Im Ort biegen wir nach links ab und stapfen die Straße hinauf bis zum Ortsende. Dort teilt sich die Straße unter schattigen Bäumen. Wir müssen natürlich nach links, wo keine Bäume stehen. Der Anstieg führt schräg den Hang hinauf, links und rechts Wiesen, ein paar Bäume, und nach links ein toller Blick übers Tal, durch das wir kamen. Eigentlich bin ich nur noch müde, und mein Wasservorrat schrumpft bedenklich, weil ich Dirmel an der Bar vergessen habe, ihn aufzufüllen. Aber den Blick nach links gönne ich mir. Ich meine, welchen Sinn hat denn diese Reise, wenn wir keine Zeit haben, mal stehenzubleiben und zu schauen?

    Ha, der Spruch ist nicht von mir, sondern stammt aus einem Gedicht in unserem Englischbuch von der Penne. Das Gedicht hieß „Leisure“, und die Zeile lautet: „What is this life if full of care we have no time to stand and stare?“ (sprich: „Wott is siss laif iff full off cäar wie hääf nou taim tuh s-tänd änd s-täar“). Zu Deutsch: „Welchen Sinn hat dieses Leben, wenn wir voller Sorgen keine Zeit haben, innezuhalten und uns umzuschauen?“

    Doch schon bald ist die angenehme Zeit auf der Nebenstraße, mit der wir vermutlich nur die Hauptstraße quasi abgekürzt haben, vorbei, und wir latschen wieder über besagte Teerstraße. Ein guter halber Kilometer weit ist es bis auf eine Anhöhe, während zahlreiche Autos an uns vorbeirasen. Dann geht es nach links durch braune Felder und in einen Wald. Rechts macht ein Mann in einem großen Bagger ein Waldstück auf einem Hügel platt. Da beschließt Anne, die Schuhe zu wechseln. Raus aus den Wanderschuhen und barfuß rein in die Wandersandalen. Und weiter gehts. Auf einer Hügelkuppe treffen wir die drei Mädels wieder, sie sitzen am Wegesrand und picknicken. Wie war das damals, als ich mit wenig Geld in der Tasche so einen Urlaub gemacht habe? Hm, habe ich nicht. Als ich in deren Alter war, so allerhöchstens 20, war ich bei der Wunderwehr und hab schon Geld verdient. Nochmal „hm“, irgendwie beneide ich die drei um die Erfahrungen, die sie auf diesem Trip sicher sammeln werden. Obwohl - wenn ich bedenke, wo sie heut abend sicher übernachten werden, nee, dann beneide ich sie doch nicht so viel.

    Wir steigen wieder höher - heißa, der letzte Anstieg hat es wirklich in sich. Das Gras ringsum ist gelb geworden, die Schotterstraße ist auch nicht der wahre Jakob. Da geht es wieder runter. Der Weg biegt nach links ab (wo ich mit rechts gerechnet hätte), die staubige Straße führt uns zu einer kleinen Brücke über einen seichten, aber erstaunlich breiten Bach. Das ist der Rego da Calzada, und Anne bezeichnet ihn ironisch als ein reißendes Wildwasser. Todesmutig stürzt sie sich in die Fluten, will heißen, sie watet hindurch. Das ist Erfrischung pur, denn das Wasser ist eiskalt. Dafür kann sie sich später, als die Schuhe wieder trocknen, den Sand vom Ufersaum von den Füßen abwischen.

    Die Straße führt jetzt zwischen grünen Wiesen, gesäumt von Bäumen, hindurch; das könnte glatt zuhause sein, irgendwo auf dem flachen Land, aber schon ein paar Jahre her, als die Straßen noch nicht alle breit ausgebaut waren, so daß man möglichst schnell von hier nach da kam. Das ist schon fast idyllisch.

    Leicht hügelan geht es nach As Maronas. Mitten im Ort stehen wir auf einer Kreuzung und finden keinen Wegweiser, keinen Stein, keine Muschel. Haben wir uns verlaufen? Noch rätseln wir, als ein Autofahrer anhält, das Fenster runterkurbelt und freundlich fragt: „Camino?“ Heftiges Kopfnicken ruft ein breites Grinsen in sein Gesicht, und er zeigt nach links. „Gratias“ antworten wir, und er fährt und wir ziehen weiter. Quer durch den Ort und durch einen Bauernhof und über eine lange Straße auf die nächsten Häuser zu. Anne muß mal wieder die Füsse abwischen, ich warte, während Mama weiterzieht. Wir treffen sie ein paar Minuten später mitten in Santa Marino wieder, an eine Steinmauer gelehnt. Ich habe schon von weitem das Schild „Coca Cola“ entdeckt, denn mein Wasservorrat ist auf der Brücke über den Rego da Calzada endgültig zur Neige gegangen. Mama ist vorn stehengeblieben, weil sie der durchaus nachvollziehbaren Meinung ist, daß wir jetzt hier nicht einkehren sollten, wenn wir es doch nicht mehr weithaben - nur noch zwei Kilometer bis zu unserer Cafebar, wo wir abgeholt werden. Ich markiere den Einsichtigen, der ich sicher nicht war, ich wollte was zu trinken, verdammt noch mal. Aber es ist ja nicht mehr weit, das packen wir, ja, klar, das packen wir, aber … ach komm, gib dich, schnauze ich mich selber an, sei nicht so ne Memme, die Mädels haben auch Durst. Also schlucke ich es runter und stapfe weiter. Noch eine Kurve, noch ein paar hundert Meter, dann kommen wir an eine breite Straße.

Und dort hinten - auf der anderen Seite - liegt die Bar Casa Victoriano. Jetzt haben wir auf einmal alle Zeit der Welt. Getränke bestellt, Schuhe aus, aaah, das tut gut. Zum erneuten Bestellen ziehe ich die Schuhe wieder an, denn da hängt extra ein Schild, daß das Betreten des Schankraums barfuß untersagt. Das Spanisch kann ich natürlich nicht lesen, aber der durchgestrichene blanke Fuß sagt alles. Nachdem wir uns erfrischt haben, bitte ich die Dame hinterm Tresen, unser Hotel anzurufen. Das dauere noch eine gute Viertelstunde, meint sie dann. Also gibt es eine dritte Runde.

    Nach 15 oder 20 Minuten fährt ein relativ neuer, an den Seiten etwas ramponierter Mercedes vor. Eine kleine Frau steigt aus und begrüßt uns. Wir laden und steigen ein, die Mädels hinten, ich ob der langen Haxen vorne. Jetzt kommt etwas absolut Widerliches. Sie lenkt das Auto auf die Straße und gibt Gas. Angeekelt schaue ich aus dem Fenster und sehe die Landschaft vorbeihuschen. Gibt’s denn gar keinen Anstand mehr auf der Welt? Wie kann mal sich so schnell fortbewegen, ohne die Landschaft ringsum und jeden Stein unter den Füßen zu erfahren, zu genießen? Den Wind sich um die Nase wehen lassen, das Gewicht des Lebens auf dem Rücken - äh, ich glaube, das ist doch ein Radler zuviel gewesen.

    Wir fahren eine weitere Viertelstunde durch die Gegend, auf der AC-400 ziemlich direkt nach Süden. Erst gehts parallel zum Höhenrücken mit den Windrädern entlang; im Namen der Anlage steckt das griechische Wort „Aeolo“ drin, an das ich vage Erinnerungen aus Homers Odysee habe (da war doch was mit der Insel der Winde). Bei Pino do Val verlassen wir die Hauptstraße und wenden uns nach rechts, tauchen bei Chacin in ein Tal hinein, an dessen Ende ein See in der tiefstehenden Sonne herüberblinkt (den ich später weder auf einer Karte noch im Luftbild bei guuglmepps finden kann). Viel unterhalten haben wir uns mit unserer Wirtin bisher nicht. Das liegt mal wieder an der Sprachbarriere. Ihr Englisch ist so gut wie mein Spanisch, also nicht vorhanden. Am Hang auf der anderen Talseite führt in einer engen Kurve ein Schotterweg nach links. Die Ecke heißt Santa Baia, und hier liegt auch unser Domizil für die Nacht, das Hotel Rustico Santa Eulalia.

    Auf der Website www.hotelsantaeulalia.com“ werden Haus und Umgebung treffend beschrieben: „Hotel Rural Santa Eulalia - Unser Haus, Ihr Haus, ist der Santa Eulalia Lodge in einem großen Anwesen in der Stadt Mazaricos (La Coruña), dem Geburtsort des berühmten Malers und Philosophen Pedro García Lema. Im Hauptgebäude entsprechen die Zimmer und Stil den typischen Häusern des ländlichen Galizien (Stein, Ton, Holz). Wir bieten ein angenehmes und komfortables Ambiente, um den Reisenden aufnehmen. Sie können hier unvergessliche Tage verbringen“. Was ich auf der Website nicht gefunden habe, sind die Namen unserer Gastgeber. Putzig.

    Wir passieren ein langes modernes Gebäude mit großen Fenstern. „Restaurant“ sagt unsere Fahrerin. Dann hält sie vor dem Haupthaus, ein altes Landhaus, eng an den Hang geschmiegt. Es sieht irre gemütlich aus. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, als wir eintreten. Das Foyer, der Flur, die Sitzecke am offenen Kamin, die Freitreppe in den ersten Stock, alles ist sehr geschmackvoll eingerichtet, daß es mir ob der noch offenen Frage, was wir für die Übernachtung bezahlen werden, angst und bange wird. Mamas Zimmer ist ein bißchen kleiner als unseres, aber trotzdem gemütlich. Wir wohnen gegenüber mit Blick auf das Tal. Das Zimmer ist geräumig, das Bad ebenso. Die beiden Betten, die direkt aneinanderstehen, sind straff bezogen, und es bedarf einiger Kraft, um die zahlreichen Bezüge, Decken und Laken zu lockern. Anne hält die Nase dran und schnüffelt. Hm, frisch bezogen ist anders. Ansonsten ist alles picobello sauber, und wir sind so müde, daß uns die Decken nicht stören werden. Die Decken nicht.

    Wir duschen und begeben uns ins Restaurant. Wir sind die einzigen Gäste. Erst später kommt noch ein weiterer Gast hinzu. Überraschung: Die Bedienung spricht etwas Deutsch. Das hilft uns sehr bei der Menüauswahl. Sie schaltet auch den nervenden Fernseher ab. Unsere Wirtin ist gleichzeitig auch für die Küche zuständig. Ihr Ehemann sitzt in einer Ecke und sortiert irgendwelche Papiere. Seine rechte Hand ziert ein dicker Verband. Den Mädels ist er nicht sonderlich sympathisch. Das Essen ist klasse, die Damen trinken Wein, während ich das örtliche Bier ausprobiere. Durch die Dunkelheit spazieren wir zum Hauptgebäude, um uns zur wohlverdienten Ruhe zu begeben.

    Ja, Pustekuchen. Ich schlafe zwar schnell ein, werde aber genauso schnell wieder wach, als uns die geflügelten Bewohner des Tales ihre Aufwartung machen. Gibt es denn etwas Widerlicheres, als plötzlich mitten in der Nacht durch einen harten Summtom geweckt zu werden, der sich schnell ins Schrille steigert und in der Ferne verklingt. Und kurz darauf wiederkehrt. Sssssssssuuuuuuuuuummmmm, ssssssssssuuuuuu … mittendrin verstummt der Laut, etwas kitzelt am Bein. Ich stoße einen erschreckten Ruf aus und haue automatisch in die Richtung, als es auch schon zu jucken beginnt. Da hat mich dieses Scheißvieh schon erwischt, steigt auf und sucht eine andere Stelle, wo es seinen Stachel in mein ungeschütztes Fleisch versenken kann. Ich bin hellwach, und Anne bewegt sich schlaftrunken. Was denn los sei, will sie wissen. Die Scheiß-Stechmücken … meine Stimme voller Panik schlüpfe ich aus dem Bett und stolpere ins Bad, um mir etwas aufs Bein zu schmieren. Verdammt, da leuchten nicht ein oder zwei, sondern schon vier oder fünf rote Flecken, wo sie und ihre Kolleginnen mich erwischt haben. Damit ist die Nacht gehalten. Ich bleibe noch eine Zeitlang im Bad und bringe dort mindestens eins dieser Mistviecher um. Aber schlafen kann ich dort nicht. Alles ist zu kurz und zu hart, selbst die Badewanne. Irgendwann gehe ich ins Bett zurück und verkrieche mich unter der Decke, auch wenn es dort etwas zu warm ist. Ein Trost bleibt: die Viecher kommen nur zu mir, Anne hat vor ihnen Ruhe. Aber morgen wird der dritte Tag kommen, und er wird mindestens so hart werden wie der heutige. Da werde ich die fehlenden Stunden sicher merken. Über dem Grübeln und Lamentieren schlafe ich ein.

 

Freitag, 12. September 2014

 

Irgendwann zwischen Tag und Dunkel werde ich wach und freue mich, daß ich doch noch habe schlafen können. Der Morgen wird allmählich zur Routine. Wachwerden, Augen aufmachen, dann richtig wachwerden und auch aufstehen. Duschen, anziehen, Rucksack packen. Was, das soll alles da rein? Nun gut, es war ja gestern auch drin. Irgendwie kriege ich alles runter. Mein Hut kommt oben drauf. Verdammt, den hätte ich wirklich besser zuhause gelassen. Ich hab ihn schon ein paar Jahre, seine Originalfarbe hat er längst verloren. Aber bisher nie seine Form. Egal, wie naß er wurde und wie zerknautscht ich ihn habe, wenn er trocken wird, sieht er wieder aus wie mein Hut. Und bei dieser Tour wird er sicher nicht geschont. Die Wasserflasche gefüllt - die kommt ganz oben drauf. Die Zimmer haben wir gestern abend schon bei der Rechnung für das Abendessen mitbezahlt.

    Nach dem Frühstück im Restaurant verabschieden wir uns von unserem Hotel, und unsere Gastwirtin fährt uns mit ihrem Cermedes zurück zum Camino und zur Cafebar Victoriano. Dort wollen wir erstmal unsere Übernachtung für hoit nacht buchen. Die Anschrift und Telefonnummer finden wir auf unserem Infozettel. Wieder haben wir Glück, und es findet sich jemand, der anruft. Zwei junge Männer, ebenfalls auf dem Camino unterwegs, zeigen sich hilfsbereit. Einer spricht Englisch und erledigt den Anruf für uns. Wir bedanken uns freundlich, sie nicken und ziehen los. Wir hinterdrein. Aber sie sind halt ein gut Stück jünger als wir - ich würde mal sagen: 25 Jahre im Schnitt höchstens. Da können wir nicht mithalten. Hm, unser Schnitt liegt bei … nee, ist genau 56 (he, Mami, du versaust hier den Schnitt ganz gewaltig J). Es geht noch ein Stück die Hauptstraße entlang. Nach ein paar hundert Metern biegt der Camino nach rechts, also nach Westen ab und folgt einer langen Landstraße, die sich über einzelne Buckel auf einen nicht allzu fernen Kamm zubewegt. Ab und zu brettert ein schwer beladener Kipper an uns vorbei. Die Fahrer erwidern unsere Winke immer und quittieren sie mit einem dicken Grinsen.

    Ein Blick nach oben - der Himmel macht uns Sorgen. Die dicken Wolken da oben sehen nicht allzu freundlich aus. Petrus scheint seinen freien Tag zu haben - verflixt, das hätte ich vielleicht nicht denken sollen. Wir haben gerade ein paar Häuser erreicht (der Ort heißt „A Gueima“), d.h. eigentlich sind es etliche Gebäude in teilweise gutem, teilweise erbarmungswürdigem Zustand, die - so scheint es - fast nur von Kühen bewohnt werden, da meldet sich Frau Holle zu Wort. Nee, Moment, die ist für den Schnee zuständig. Nein, Petrus wars, der ging austreten. Kurz, es fängt an zu nieseln. Oh-oh. Und so wie’s aussieht, hört es auch so schnell nicht auf. Gut, daß eine überdachte Bushaltestelle parat ist. Wir stellen uns unter und packen die Regenkleidung aus. Sie wird uns heute ein gutes Stück Wegs bekleiden (huch, ein Wortspiel). Die Rucksäche der Mädels sind mit einem Extra-Wasserschutz versehen, der einfach nur drübergestrippt werden muß. Ich habe sowas nicht. Als wir vor zwei Jahren die Niagarafälle besucht und auf dem Böötchen „Maid of the Mist“ („Nebelmädel“) die Fahrt in die Fälle (von unten) gewagt haben, erhielten wir einen zwar dünnen, blauen, leicht durchsichtigen Poncho aus Plastikfolie, den wir als Souvenir mit nach hause nahmen. Einen hat meine Mutter erhalten, den anderen hat mir Anne kurzerhand in den Rucksack gepackt. Den ziehe ich jetzt über denselben. Mama hat das auch schon gemacht. Hm, wie beschreibe ich sie, wie sie da vor mir steht - das Bild „einhöckriges Kamel“ würde es zwar treffend beschreiben, aber das kann ich aus Höflichkeitsgründen nicht verwenden. Also spar ich mir die Beschreibung; zur Not schauen Sie sich das Foto an. Wir sehen alle drei etwas putzelig aus, ich oben dicht zu, mit dem Hut auf dem Kopf, der auf der einen Seite angepinnt, auf der anderen ausgeklappt ist, und mit kurzen Hosen. So stapfen wir durch den Regen. Links eine große Scheune, dort drin duften die Kühe vor sich hin. Das Tor steht sperrangelweit offen. Ein Kuhhirte (ich würde nicht so weit gehen, ihn Cowboy zu nennen) sitzt in der Öffnung und wartet wohl auf besseres Wetter. Recht hat er. Ist das Vernünftigeste, was er machen kann. Bei dem Wetter jagt man keinen Hund auf die Straße. Nun, wir sind freiwillig hier. Wenn man uns zwingen wollte, würden wir auf das energischste protestieren. Ein freundliches „Holla“ wird ausgetauscht. Er weiß, was wir sind und wo wir hinwollen. Er lacht uns an, nicht aus. Er weiß, daß es sein muß, und freut sich mit uns, daß wir es wagen. Und tun.

    Kurz vor dem nächsten Gehöft biegen wir mit der Straße nach rechts ab und ziehen parallel zum Hügelkamm entlang. Der Regen hat Potential, und das entfaltet er. Das prasselt richtig schön laut auf die Umhänge und Klamotten. Auf der Straße entstehen Pfützen, und wir latschen mitten durch. Immer weiter. Immer feste druff. Nach links geht’s, und über eine Steigung überqueren wir den Kamm. Dahinter kommen uns zwei Wanderer auf Gegenkurs entgegen. Ihre Gesichter sind grimmig zu einem Lächeln verzogen; wir sehen vermutlich genauso aus, haben aber den Vorteil, daß es für uns bergab geht. Wieder brettert ein Kipper vorbei. In langem Bogen geht es in ein Tal hinab. Rechts erspähen wir einen großflächigen See. Das ist der Encoro da Fervenca, ein großangelegter Stausee; aber dort führt unser Weg nicht hin. Mir gehts saugut. Die pratzelnde Sonne mag ich nicht unbedingt, aber so durch den Regen zu laufen - das beschwingt. Eine Melodie drängt sich auf, und ich lasse ihr freien Lauf. „Flow gently, sweet afton“ - jepp, das paßt hier gut.

 

Flow gently, sweet Afton! amang thy green braes,

Flow gently, I'll sing thee a song in thy praise;

My Mary's asleep by thy murmuring stream,

Flow gently, sweet Afton, disturb not her dream.

 

 

    In einer steilen Kurve bleiben wir eine Zeitlang stehen (Anne sucht irgendetwas in ihrem Rucksack), während Mama schon mal das Tal erkundet. Unten werden wir sie wieder treffen. Der Regen hat aufgehört. Im Tal passieren wir einige kleinere Gehöfte. Der Weg steigt am westlichen Ende des Tals wieder leicht an, um den vor uns liegenden Höhenrücken an seinem Südende zu umgehen. Hier gibt es keine Bäume, nur kleine Büsche und viele Steine. Es hat etwas von Heidelandschaft an sich. Der Regen ist nicht wiedergekommen, der Himmel verhangen. Die Farbe des Tages ist grau, aber mir kommt es wie ein freundliches Grau vor. Wird mir am Ende die Tour etwa noch Spaß machen? Bin ich angekommen auf dem Weg? Oh Zeichen und Wunder.

    Ich lasse mich etwas abfallen und genieße die wildromantische Umgebung. Hinter der Biegung geht es ins nächste Tal hinunter. Nach einer langen Geraden durch dichten Wald stoßen wir auf eine Bank und machen erst mal Pause. Mama verschwindet im Wald - was wollte sie dort noch mal? Pilze suchen? Nee, war was anderes. Ein paar Wanderer passieren uns in der Gegenrichtung.

    Wir passieren eine Kirche mit Friedhof. Hier findet man kaum Bodengräber, statt dessen die Kammergräber, die bei uns langsam auch in Mode kommen. Das sind die Dinger, die ägyptische Namen tragen, Cheops und all so’n Scheiß. Die man nicht pflegen muß, wo man allerdings auch nichts hin mitbringen darf, keine Blumen und sonst auch nix. Die die Leute so praktisch finden und erst ein Jahr später merken, daß ihnen eigentlich etwas fehlt. Weil sie unpersönlich sind.

    Das Gehöft nach der Kirche heißt Busto Corzón; es ist riesig und erstreckt sich links und rechts der Straße. Wir begegnen nur zwei Lebewesen hier: einem alten Mann, der uns zunickt und dann langsam die Straße entlangspaziert. Und einer großen Kuh. Wir sehen sie nur von hinten, als wir eine Einfahrt passieren. Sie ist tot und liegt auf der Seite. Ihr Kadaver wartet auf den Abdecker. Muß man nicht gesehen haben. Aber - c’est la vie.

    Die Straße führt schnurgerade durch das Tal, links und rechts grüne Weiden, ab und an ein Wassergraben die Straße querend. Zwischen ein paar Steinhäusern, die schon bessere Tage gesehen haben, erreichen wir eine breitere Straße und folgen ihr nach links. Auf der anderen Straßenseite mäht ein Mann auf seinem Traktor eine Wiese. Lange Bahnen hat er schon gezogen, immer hin und wieder her. Ich würde ihm gern winken, aber er ist in seine Arbeit vertieft. Über eine weit geschwungene Brücke überqueren wir den etwas breiteren Rio Xallas, und auf einer Anhöhe direkt dahinter sitzt die lang ersehnte Cafebar. Sehr ansprechend sieht sie nicht aus, deshalb lassen wir uns draußen nieder, nachdem wir die pitschnassen Stühle abgewischt haben. Ein Radler und einen Kaffee, den gönnen wir uns hier. Auf dem Parkplatz fährt ein Wagen vor. Oje, denke ich, Holländer. Ein Mann, eine Frau, ein großer Hund. Der wälzt sich vor Freude auf dem nassen Rasen und ist gleich pitschenass. Na, Ihr könnt euch freuen, wenn der Wauwau wieder ins Auto steigt. Der riecht bestimmt richtig gut.

    Anne hat die Straße überquert, dort steht eine mannshohe Tafel aus Stein, die einen barfüssigen Pilger auf seinem Weg von Santiago zum Meer. Er trägt eine braune Kutte und einen grauen Bart und sieht mehr wie eine Comicfigur aus. Oben im Meer schwimmt eine Nixe, unten sieht man einen langen Horreo.

Der Holländer hat die Tafel auch gesehen und fotografiert Anne mit ihrem Handy. Er spricht sie auf Deutsch an und fragt, ob sie auf dem Camino sei. Ach, den würde er auch gern gehen, aber da spielen seine Knochen nicht mehr mit. Also fahren sie den Weg mit dem Auto ab. Heute mittag werden sie in Fisterra ankommen. Das schaffen wir auch, wenn auch mit drei Tagen Verzögerung. In der Bar betrachte ich ein wandgroßes Luftbild der Region. Der Camino ist als Linie eingetragen, und so wird schnell der Weg klar, den wir heute noch laufen werden.

    Wir bleiben auf der breiten Straße und stoßen am Ortsausgang auf den gut 15 Meter langen Horreo, der auf der Steintafel abgebildet war.

    Zwei Kilometer weiter erreichen wir nach einem sanften Anstieg einen etwas größeren Ort, dessen Namen ich später in google-maps nirgends finde; ich glaube, es ist Ponteolveira, etwa 37 Kilometer von Fisterra entfernt. Am Ortseingang biegen wir nach links ab und passieren eine Pilgerherberge in der Ortsmitte. Auf der langen Wand zur Straße hin ist ein Pilger mit Wanderstab als Silhouette aufgemalt, nur wandert er nach Osten. Oder laufen wir in die falsche Richtung - Santiago liegt definitiv im Osten. Nee, keine Panik, Du alter Knacker, mußt den Weg nicht wieder zurück, d.h. mußte schon, aber erst am Montag und dann mitm Bus.

    Ein paar Schritte weiter linker Hand liegt eine Cafebar, aber die ist mehr ein Restaurant. Vor der Tür einer wirklich kleinen Schanksstube laden ein paar Bänke und Tische zum Verweilen ein, und das tut auch gerade ein Ehepaar, die sitzen vor einer lecker aussehenden Suppe. Da sehe ich schon aus der Entfernung von 5 Metern, daß die gut schmeckt. Und mein Magen meint, so einen Teller voll könnte er jetzt auch vertragen. Meine Begleiterinnen stimmen zu, eine erneute Pause einzulegen. Zwar ist die vorherige erste eine Stunde her, aber wir liegen gut in der Zeit. Die Cafebar ist eigentlich eine private Herberge. In der Stunde, die wir uns hier aufhalten, kommen etliche Gäste von Spaziergängen zurück. Auch die beiden Jungs von heute morgen kommen an uns vorbei. Die müssen wir irgendwo überholt haben, sie werden wohl irgendwo eingekehrt sein.

    Mit der Dame hinterm Tresen geht es ein bißchen hin und her, bis sie begreift, daß wir draußen sitzen wollen - sie will uns unbedingt ins Hausinnere zum Essen haben, aber da wollen wir partout nicht hin. Schließlich bestellen wir Getränke und für mich ein Pilgermenü für 12 Euro und lassen uns vor der Tür nieder. Nach einigem Warten kommt zuerst die Suppe, und ich schlürfe sie mit Wohlbehagen. Absolut lecker. Es folgt ein Riesenteller mit grünem Salat, und als ich den gepackt habe, bin ich eigentlich schon satt. Aber erst wird die Wurstplatte mit Kartoffelscheiben vor mir abgestellt, da kämpfe ich mich halber durch, bevor ich kapituliere. Ich bin proppevoll, was sich daran gut zeigt, daß ich meine Nachspeise mit meiner Frau teile. Bei Eis kommt sonst nie vor. Aber ich hätte die Hälfte stehen lassen müssen. Auf den Kaffee am Schluß verzichte ich, und so zieht man uns auch nur 10,50 Euro ab. Pffff, für das Essen hätten wir zuhause locker 25 bis 30 Euro bezahlt - ohne die Getränke.

    Während des Essens haben wir einer Gruppe von Leuten zugeschaut, die am Fuße des Hügels, zu dem uns die Straße hinabführen wird, gearbeitet haben. Ihre Taschen haben sie unter einem Horreo abgestellt. Praktisch, da wird nix naß.

Wir machen uns wieder auf die Socken, ich mit prallgefüllter Trommel. Nun, die nächsten Kilometer werden helfen, den Inhalt meines Magens gut zu verteilen und durchzumischen. Hinter dem Dorf sehen wir einen weiteren langen Höhenrücken, mit Windrädern bewachsen, und auf den steuern wir jetzt los. Wir verlassen die breite Straße und wenden uns auf eine Schotterstraße, die recht steil den Berg hinanführt. Da rechts sitzen sie schon wieder - die drei Mädels vom Vortag und halten Mittagsrast. Wir grüßen sie auf Deutsch und ziehen an ihnen vorbei. Vom Hügel herunter kommt ein Geländewagen, der mit dem Gelände ziemlich Huddel hat. Er scheint zum hiesigen Forst zu gehören, das schließe ich aus der Aufschrift auf dem Wagen. Der Weg zieht sich hügelan bis auf halbe Höhe, biegt nach links ab und verläuft horizontal am Hang entlang, mal ein bißchen rauf, mal ein bißchen hinab. Links gehts halbwegs steil hinab ins Tal des Rio Xallas, den man hier in einem engen Tal gestaut hat. Die Landschaft erinnert mich etwas an den heimischen Nonnweiler Stausee. Auch der liegt eingezwängt zwischen steilen Hügeln, und so verlassen wie dort ist es hier auch.

    Von links dräuen dunkle Wolken, ich fürchte, wir haben den letzten Regen für heute noch nicht erlebt. Drüben sieht man erste Bindfäden, der Wind frischt auf, und als wir über einen kleinen Buckel kommen, erreichen uns die ersten Regentropfen. Oh verflucht, schon wieder diesen verdammten Poncho aus Plastikfolie auspacken, der ist noch feucht von heute morgen. So richtig will er nicht, wie ich will, denn der Wind fährt immer wieder hinein. Wir helfen uns gegenseitig, da ist der Regen schon heran und über uns hinweg. Und kommt nicht wieder. Was? Die Plackerei für 30 Sekunden Regen? Das war ja wohl nix. Ein paar Wanderer kommen uns entgegen, auch sie in Regenumhänge gehüllt. Wir zwinkern uns zu, ein freundliches „Buon Camino“, dann ziehen sie weiter dorthin, wo wir gerade herkommen. Ein Blick zurück, die drei Mädels kommen wieder näher. Der Weg ist arg zerklüftet, und da und dort schimmert es blaugrün im Untergrund. Das ist irgendeine Steinart, die hier zutage kommt. Wieder einmal geht es steil nach unten und auf einer zementierten Brücke überqueren wir den Rio de Hospital, ein Nebenflüsschen des Rio Xallas. Hier überholen uns die Mädels. Und dahinter geht es wieder richtig steil hoch. Jerres, nimmt das denn nie ein Ende. Ich werde erst mal meinen Umhang los, während die anderen sich an den Aufstieg machen. Als ich alles verpackt habe, sind sie schon oben und verschnaufen. Ich lasse mir Zeit, und das muß ich auch, denn schnell ist die Puste wieder flöten. Irgendwann komme ich oben an. Der Weg wendet sich nach rechts am Hang eines Hügels entlang, und ein paar hundert Meter weit - es hat schon wieder zu regnen begonnen, aber das ist mir jetzt wurschd - laufen wir unter überhängenden Bäumen und Büschen, bis wir „O Logoso“ erreichen.

Unsere Herberge liegt direkt vor uns. Der Weg führt unmittelbar darauf zu. Der Ort besteht nur aus ein paar Häusern, die sich an die Bergflanke schmiegen. Wir betreten die Cafebar und sprechen den Wirt an, einen schlanken mittelgroßen Mann in den 30ern. Wir haben vorbestellt, sagen wir, und er nickt eifrig. Wir können in seinem Haus wohnen, oder wenn es uns da nicht gefällt, seine Schwester hat auch noch Zimmer. Er führt uns rechts den Weg hinunter und nach rechts um die Ecke. Da liegt eine riesige Scheune mit Stall, aus der ein verzweifelter Kuhschrei ertönt. An den werden wir uns gewöhnen, die Kuh schreit alle paar Sekunden, bis es dunkel wird. Angebaut an die Scheune liegt das ehemalige Wohnhaus, völlig umgebaut und modern renoviert. Dort gehen wir rein, die Treppe hoch (abenteuerlich, weil ohne Geländer) und in unsere Zimmer. Ja, die nehmen wir.

    Die Zimmer sind insgesamt nicht sehr groß, vielleicht vier auf fünf Meter. In Mamas Raum stehen zwei Einzelbetten jeweils an einer langen Wand, während bei uns ein Doppelbett von gut 2 auf 2 Metern den Raum dominiert und füllt. Viel Platz ist rundherum nicht mehr, und als wir die Rucksäcke ab- und auf den Boden gestellt haben, da ist der Raum so gut wie voll. Einen Schrank gibt es nicht. Dafür ist alles picobello sauber. Die Renovierung liegt wirklich nicht lange zurück. Plötzlich ein Schrei aus Mamas Zimmer: „Das müßt Ihr Euch anschauen!“ Am Ende ihres Zimmers - zwischen den beiden Betten - befindet sich ein kleines Fenster, außer der Tür die einzige Verbindung zur Außenwelt - nun ja, letztes Wort paßt nicht wirklich. Denn durch das Fenster geht der Blick nicht, wie ich es angesichts der Lage des Hauses erwartet hätte, ins Tal hinaus. Nein, er bleibt innen, denn hinter dem Fenster liegt die Tenne. Mama hat das Fenster nach innen geöffnet, und zwei unvergleichliche Dinge dringen sofort ein - zum einen der röhrende Kuhschrei, durch das fehlende Hindernis um etliche Dezibel lauter als zuvor, zum anderen ein typischer Stallgeruch. Wir hätten die Zimmer tauschen sollen, denn wenn ich gleich meine Schuhe ausziehe - nun, ich bin nicht sicher, was dann besser riecht. Als wir später nacheinander duschen gehen, kommt die nächste Überraschung. Das Bad ist nicht groß. So lange wie die Zimmer, aber nur etwa 1,50 m breit. Vorn ein Waschbecken, dahinter eine Kloschüssel. Das letzte Drittel nimmt die Duschkabine ein. Nun gut, das Wort „kabine“ können Sie streichen. Denn außer der Duschwanne und dem Brausekopf mit Mischbatterie ist dort nichts. Ein kleines Fenster öffnet in den Kuhstall (wobei ich gestehen muß, daß wir besagtes Rindvieh nur oral … nee, das war ne klassische Fehlleistung, hier muß das Wort „akustisch“ hin (sorry) - gesehen haben wir die Kuh nie; trotzdem ich mich gewundert habe, wie etwas dem Röhren nach so großes in so einen normal großen Kuhstall reinpaßt).   Zurück zum Fenster. Das hat zwei Funktionen. Zum einen soll es unangenehme Gerüche ableiten, des weiteren überschüssige Feuchtigkeit. Beides kann nicht funktioniert haben. Im Bad riecht es immer nach Kuh, egal, wie wir uns angestrengt haben, ihn zu überlagern. Wir haben nie eine Chance. Genauso geht es mit dem Wasser. Mag sein, daß ein bißchen Feuchtigkeit durch das Fensterchen entkommen ist und ein bißchen auch durch den Abfluß, aber der Rest verschwindet … im Fußboden. Hinter dem Schränkchen unter dem Waschbecken steht das Wasser konstant daumenbreithoch. Als ich mit Duschen fertig bin, benutze ich ein Handtuch als Putzlappen, um die Brühe wieder in das Duschbecken zu bekommen. Es gelingt mir nicht wirklich. Heute nacht wird das Fenster offen, die Tür geschlossen bleiben. In unserem Zimmer sorge ich für überschwemmungsmäßigen Ausgleich, als ich den Schlauch meiner Wasserflasche abziehe und diese auffülle. Sie läuft unters Bett leer. Mich wundert am nächsten Morgen, daß wir in der Nacht nicht einfach weggeschwommen sind.

    Wir riechen wieder besser, haben frische(re) Klamotten angezogen und kriegen langsam, aber sicher Hunger. Oben in der Cafebar über der Herberge werden wir nachher noch einen Absacker trinken - zum Essen marschieren wir auf die gegenüberliegende Hangseite, wo ein Restaurant auf uns wartet. Ich bin in Badelatschen losgegangen, aber noch mal zurück, um anständige Schuhe (die Sandalen) anzuziehen; auf der Teerstraße den Berg runter und wieder rauf hätte ich mir vermutlich alle Zehen gebrochen. Der Weg hoch zieht sich hin, aber wir sind ja jetzt viel gewohnt. Nur daß wir dort, wo wir jetzt langlaufen (hangrunter, hanghoch, wieder runter und wieder hoch) auch morgen mit vollem Gepäck laufen müssen, pffff. Dabei hätten wir auch über dem Restaurant übernachten können. Dort hätte es sicher besser gerochen.

 

    Links des Weges zum Restaurant sind zwei Männer dabei, aus Steinen einen Zaun zu errichten. Ich wundere mich erst, daß die jetzt - so spät abends - noch damit anfangen. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, daß es erst halb fünf ist. Ob ich zeitmäßig ein wenig von der Rolle bin. Hehe, nicht nur zeitmäßig. Oben im Restaurant suchen wir uns einen Tisch auf der Terrasse. Am Nachbartisch sitzen die drei Mädels. Sie helfen uns beim Bestellen mit verständlichem Spanisch. Anne ißt wieder etwas Fischisches. Auch ich habe wieder Hunger bekommen. Ich weiß nicht mehr, was ich gegessen habe, aber es war lecker. Auf dem Rückweg sind die beiden Männer immer noch dabei, die Mauer zu bauen. Sie winken uns zu und strahlen wie die Batscheimer. Sie haben Hilfe erhalten, eine ältere Frau hat sich zu ihnen gestellt und hält Maulaffen feil. Wir brauchen nach dem guten Essen etwas Hochprozentiges zum Hinterherspülen.

    Also steigen wir zur Herberge hinauf und finden tatsächlich einen freien Tisch. Die Mädels wollen Rotwein trinken. Während mir immer wieder die Augen zufallen (ein leichter Durchhänger, der nach 15 min wieder rum ist), bringt der Wirt eine ganze Flasche. Der Laden wird schnell voll, und der Wirt hat alle Hände voll zu tun. Er kocht selbst und trägt große Tabletts, beladen mit köstlich riechendem Essen, zu den zahlreichen Gästen. Zwischendurch bestellt er uns für den nächsten Tag eine Unterkunft. Die Pension am Meer, in der wir gern übernachtet hätten, ist voll besetzt, dort findet eine Hochzeit statt. Die, die wir nehmen werden, liegt einen Kilometer weiter. Aber: ein Kilometer weiter ist ein Kilometer weniger. Draußen ist es dunkel geworden, einmal hats noch geregnet, und immer noch kommen Leute zum Essen, als wir zurück in unsere Pension gehen.

    An der Herberge unter der Cafebar steht ein Fenster auf Kipp. Dort spähe ich durch und sehe zwei Doppelstockbetten dicht nebeneinander. Beide sind über und über mit Klamotten voll gehängt, vermutlich zum Trocknen. Sieht feucht aus da drin. Wie’s da riechen mag, will ich nicht wissen. Das ist keine Kritik, bei dem Wetter muß es da drin müffeln. Die Mädels beim Abendessen haben uns das bestätigt. Eng halt und muffig. Aber überlebbar. Da freue ich mich auf unser Zimmer. Dort angekommen bemerke ich mit Wohlgefallen, daß die Kuh entweder in Morpheus’ Arme gesunken oder gestoben ist. Jedenfalls hält sie Klappe. Himmliche Ru … wau-wau-wau-wau-wau-wau-wau. Der kleine Kläffer unten an der Tür bringt mich um das bißchen Verstand, das noch da ist. Nach einer guten halben Stunde Gekläffe - das Monster gouzt immer dann los, wenn nur jemand in der Nähe rumläuft - bin ich drauf und dran, einen Tiermord zu begehen. Verflucht noch mal, letzte Nacht war es die Mücke, heute nacht ist es dieser Scheißköter, was wird es morgen sein? Wird sich schon was zu finden sein (fand sich auch). Irgendwann schlafe ich ein, ab und an aufschreckend, wenn die Töle bellt. Irgendwann wird der Hund müde, und eine Katze übernimmt mit Babygeschrei.

Mich kriegt sie damit nicht mehr wach.

 

Samstag, 13. September 2014

 

Der vierte Tag.

    Nicht die Sonnenstrahlen wecken mich - bis die kommen, wird es noch ein paar Stunden dauern. Anne und Mama haben das Bad schon unter Wasser gesetzt, und ich gebe ihm nun den letzten Rest. Beim Zusammenpacken macht sich das Schlafdefizit etwas bemerkbar. Als ich endlich alles gepackt habe, merke ich, daß ich etwas, was ich dringend brauche, ganz zu unterst gepackt habe. Also muß der ganze Scheiß wieder raus. Ich verfluche den Rucksack, mein Gepäck, diese ganze Schnapsidee und mich selber, der zugestimmt hat, dabei mitzumachen. Ein Teil des Rucksackinhalts fliegt durchs Zimmer, die Mädels verlassen fluchtartig den Raum und gehen frühstücken. Ich fahre langsam wieder runter, mache alles fertig und stapfe ihnen dann nach. He, Mädels, habe ich mich eigentlich entschuldigt? Wenn damals nicht, dann bitte ich nachträglich um Verzeihung für den Ausraster. Beim Frühstück gibt’s den üblichen Milchkaffee mit Riesencroissants.

    Dann gehts hinaus auf die Piste. Entgegen unseren Erwartungen müssen wir nicht zum Restaurant hinauf. Der Weg geht einfach geradeaus weiter. Es geht etwas hoch durch den Wald, der Weg ist steinig, wird aber dann. Etliche schöne große Pielja (Pfützen) zwingen uns zu ein paar Hüpfern und kleinen Umwegchen. Vor uns zwei Wanderer. Ein junger Mann mit leicht abwesendem Gesichtsausdruck, der sich seinen Weg stur geradeaus durch alle Hindernisse und Pfützen bahnt. Sein älterer Begleiter (sein Vater?) wandert ein paar Meter vornedran und singt leise ein geistliches Lied. Er nickt uns zu, als wir vorbeiziehen. Ein seltsames Gespann. Aber sie machen ihren Weg. Wir werden sie morgen mittag wiedersehen.

    Nach ein paar Kilometern - Sie merken, ich rechne nicht mehr in mühseligen Hunderten von Metern, sondern schon in Tausenden derselben, ha, werde langsam ein altes Karnickel nee ein alter Hase (Jerres, wenn’s mal so weit ist, sperrt mich vorher ein oder zieht mir ne nette weiße Jacke an, Ärmel zugenäht) - erreichen wir eine Touristcenter mitten im Grünen, dafür ganz in gelb. Eine große Karte ist außen drauf gemalt - der Weg von Santiago bis Fisterra; innen gibt es alles, was das Herz des Wanderers erfroit.

    Eine hübsche junge Dame, Informationen, eine Toilette - erstes vermutlich, zweites obligatorisch, drittes sicherlich. Auf den Boden gemalte Fußspuren führen direkt hinein. Wir lassen uns aber weder ver- noch vor- noch hinführen, sondern das gelbe Ding links liegen und folgen weiter dem gleichfarbigen Pfeil. Er führt uns über die Teerstraße zur letzten Herberge vor der Hafenstadt Cee, gute 13 Kilometer Wegs weg. Einkehren wollen wir nicht, wir sind grad gut drauf und dran und marschieren weiter. Die Schatten werden länger, als die Sonne über die Hügel steigt. Unser Weg macht einen große Bogen in die Hügel hinein, und wir folgen ihm. Am Horizont im Norden dicke Wolken, sie ziehen weg. Gute Reise.

    Wir kommen an eine Wegscheide. Hier muß sich der Wanderer endgültig entscheiden, wo er hinwill. Nach Fisterra - das geht nach Südosten - oder nach Muxia, der Hafenstadt am nördlichen Ende des viele Kilometer langen Kaps am Atlantik. Solche Gabelungen erinnern mich immer an den Roman „Mondnacht“ von Detlef G. Winter, den ich vor vielen tausend Jahren mal gelesen habe. Dort ist den Menschen eine funktionierende Mondbasis gelungen, die den Zusammenbruch auf der Erde überlebt. Nach langer Zeit bricht eine Expedition ins Meer der Stille auf, um einen Beweis zu erbringen, daß die Menschen von der Erde stammen. Das Fahrzeug mit den beiden Männern hat gerade die Kuppel der Mondbasis verlassen, als sich die Fahrspuren aufteilen. Eine geht geradeaus ihrem Ziel entgegen, die andere biegt nach links ab Richtung Clavius. Dort werden sie nicht hinfahren, das muß eine andere Expedition erledigen.

An diesen Satz muß ich immer denken, wenn ich an eine Gabelung oder Kreuzung komme, die einen Weg führt, den ich durchaus gehen könnte und vielleicht auch gern wollte, aber gerade jetzt nicht gehen kann. So stehen wir vor dem großen Wegstein mit der Muschel, der zwei Pfeile hat, einen nach Norden, einen nach Süden. Unser Weg wird der nach Süden sein. Zum Leuchtturm am Ende der Welt. Hier verlassen wir Galizien und kommen in die spanische Provinz Umbria.

    Der Camino, unser Camino, biegt nach Süden ab. Am großen Teerwerk, dessen Schlote dicke Rauchwolken in den Himmeln blasen und das pausenlos Lärm abgibt, es rumpelt, quietscht, rasselt, ziehen wir die Straße entlang, die erst lange gerade, dann in großen Bögen an Höhe verliert und irgendwo da unten das Meer erreichen wird. Wir trotten hintereinander, mal schweigsam, mal ins Gespräch vertieft.

    Nach gut einer Stunde Weges immer an der Teerstraße entlang bemerken wir, daß wir schon ewig keine Markierung mehr gesehen haben. Ein Blick auf unsere Karte verrät nichts, dann ein zweiter und dritter Blick und ein schneller Abgleich mit einem Ortsschild, das wir gerade passiert haben - au verflucht, wir sind nicht mehr auf dem Weg. Irgendwo da oben - nicht weit hinter der Abbiegung nach Fisterra - hätten wir die Teerstraße verlassen und uns auf einen Schotterweg begeben müssen. Der Camino führt auf der anderen Talseite entlang, dort hinter jenen Hügeln kommt er herunter. Aber wie sollen wir dort hinkommen? Das Tal ist relativ eng mit steilen Wänden, unten braust ein tiefgelegener Bach entlang, da kommen wir nie im Leben drüber (der Bach hat auch einen Namen, gugle sei dank kann ich ihn hier nennen, es ist der Rio de Buxantes das Pozas). Nach vorne gehts auch nicht, die Straße wird gleich nach links abbiegen, da kommen wir ganz woanders raus. Wir müssen zurück. Aber den ganzen Berg wieder rauf - oje, bei dem Gedanken wird mir ganz anders.

    Nein, müssen wir nicht. Ein paar hundert Schritte zurück, so erinnern wir uns, bog die Straße nach rechts ab. Bis dorthin gehen wir wieder zurück. Links stehen ein paar Häuser, hinter denen tief unten der Bach vorbeirauscht. Hohes Gras bis ans tiefliegende Ufer voller Brennesseln und Dornen. Ein Stück gehts bergauf, dann kommt die Abbiege nach links. Gott sei Dank. Wir müssen hinab zur Brücke und auf der anderen Seite steil hinauf durch das kleine Dorf. „Camino?“ fragen wir eine Frau. Sie nickt und zeigt grob die Richtung. Durch die warme Sonne, die uns angenehm auf den Pelz brennt, ziehen wir die Lugar de Casanova (so heißt die Straße) hinan, die uns durch etliche Kurven hinter den nächsten Hügel bringt. Hinter jeder Biegung erwarte ich die Capela das Neves, unser nächstes Ziel. Aber das dauert noch ein bißchen. Gut 20 Minuten laufen wir, locker einen ganzen Kilometer, bis die Eremitage in Sicht kommt. Da erst merken wir, daß wir den Camino noch gar nicht erreicht haben. Der kommt nämlich von rechts den Hügel herunter, und auf ihm kommen etliche Wanderer an, die oben an der Straße aufgepaßt und sich nicht verlaufen haben. Haben wohl nicht so viel gequasselt oder kannten den Weg. Unser Weg stößt rechtwinklig auf den Camino. Links in einer Wiese steht ein … hm, könnte ein Brunnen sein.

    Wir nehmen auf einer nicht sehr bequemen, weil sehr rauen und recht kühlen Steinbank am eingehegten Hang gegenüber der Klause Platz. Während Mummi und Anne sich den Altar vor der Kapelle anschauen, ziehe ich die Schuhe aus und lüfte meine Füße. Plötzlich kommt eine Biene angeflogen - eine echte - und flattert mir zwischen den Beinen herum (deshalb meine Bemerkung „eine echte“, wer weiß, auf was für Gedanken Sie sonst kommen mögen). Solche Gedanken, wie in der Klammer angedeutet, blieben mir fern und gleich noch viel ferner, denn als ich das Vieh mit der Hand wegwedeln wollte, sticht sie mich in den Oberschenkel - innen, dort wo man’s sofort merkt und wo es so schön weh tut. Aiiiiiiiiiih, vermelde ich lautstark, spucke in die Hände und reibe die Stelle damit ein. Das beruhigt zwar die Nerven, aber sonst auch nix. Schnell wird die Stelle rot und schwillt an und beginnt, höllisch zu brennen. Gut, daß meine Mama mitgegangen ist, denn sie hat das richtige, das probate Mittel zur Hand. Keine Ahnung, wie es heißt, aber es sorgt binnen Minuten dafür, daß nichts mehr brennt und beißt (der lyrikerfahrene Leser beachte den tolpatschigen Versuch, einen Reim zu bilden). Aber schön rot wird es und schön dick. Die Brummsummsel entdecke ich nicht mehr; vielleicht hat sie es ja geschafft zuzustechen und sich zurückzuziehen, ohne daß ihr der Hintern abgerissen wurde. Ich wünsche es ihr, sie kann ja auch nix dafür (wenn Sie das Wort „Brummsummsel“ nicht kennen, gucken Sie bitte nicht im Internet nach, da steht von „geschwätzige Frau“ bis „Vagina“ alles mögliche drin => ich meinte die Biene).

    Auf dem abschüssigen Pfad zwischen Klause und unserem Sitzplatz strömen in der Zwischenzeit ganze Scharen von Pilgern vorbei, und bis wir schließlich aufbrechen, sind wir etliche „Buon Caminos“ losgeworden. Mamas Salbe ist echt klasse, von meinem Stich (dem im Bein) merke ich nichts mehr (den anderen merken eh nur andere). Es geht ins Tälchen unterhalb der Klause und gleich wieder den Hang hinauf. Die Steigung zieht sich lange Zeit hin, aber irgendwie macht sie mir nichts mehr aus. Nach links haben wir einen tollen Blick hinunter ins Tal des Rio de Buxantes das Pozas. Dort erkenne ich eine seltsame Baumformation, die fast einen Dreiviertelkreis bildet.

    Und weit in der Ferne (auf dem Foto rechts hinten) schimmert das Meer. Irgendwo dort liegt unser Ziel. Morgen gegen Mittag werden wir dort sein. Wieder zieht sich der Weg stur geradeaus quer über einen langen Hang hinauf, und die Sonne gibt ihr Bestes. Jetzt könnte ich etwas Kühles vertragen. Das hätte ich mir früher wünschen sollen, denn kaum kommen wir an eine Biegung, sehen wir eine blaue Plane im Wind flattern. Dahinter hat ein Mann sein Auto geparkt und zwischen Auto und Plane einen Campingtisch mit Getränken und Früchten aufgebaut. Die Getränke sind nur zum Anschauen und Auswählen, das Gesöff liegt unterm Tisch in Kühlboxen. Aaah, ne gut kalte Cola, die brauche ich jetzt. Und kriege sie auch. Anne und Gudrun suchen sich Getränke aus und Bananen. Wir lagern uns auf den Felsen gegenüber am Wegesrand und machen Pause. Und lassen uns fotografieren. Da hat jemand eine Marktlücke entdeckt und darauf reagiert. Ein Gespräch kommt nicht zustande, er versteht nur Spanisch und wir gerade das nicht. Als wir bezahlen wollen, lehnt er ab, zeigt auf eine Dose und bittet um eine Spende - was wir wollen.

    Clever, damit kriegt er mehr als er selbst bezahlt hat. Wer läßt sich da schon rausgeben? Wir werfen einen Fünfer in die Dose und wären auch für einen Zehner nicht zu knauserig gewesen, wenn der Fünfer nicht zur Hand gewesen wäre. Wir bedanken uns, und er lächelt freundlich. Tut mir leid, mein Freund, ich weiß nicht mal Deinen Namen, aber Du warst genau zu dem Zeitpunkt da, als wir Dich gebraucht haben.

    Weiter geht der Weg. An einer Gabelung - der Weg verwandelt sich von der üblichen Schotterpiste (mit wenig Schotter) in einen neuangelegten Kiesweg, wenn auch nicht für lange - biegen wir nach süd-südwest ab auf den „Aldea os Caminos Chans“, und kurze Zeit später passieren die Capela de San Petro Martir. Wir halten nicht an, denn unsere letzte Pause liegt keine halbe Stunde zurück, sondern folgen weiter unserem Weg.

    Die Bäume links und rechts des Wegs werden lichter und verschwinden fast ganz. An ihre Stelle tritt dichtes Gestrüpp, nicht immer mannshoch, stetig niedriger werdend. Gras und tiefkriechende Sträucher bedecken den gesamten Boden links und rechts des Weges, dazwischen vereinzelt ein karger Nadelbaum. Die Farben sind einfach schön. Grün ist beherrschend, aber in allen möglichen Schattierungen. Gelbes findet sich dazwischen, ein bißchen blau, Tupfer von hellem rot bis lila. Wir laufen über eine Art Hochebene. Das Tal ist zu unserer linken verschwunden.

     Abrupt ist die Hochebene zu Ende, ein grün gestrichener Stein am Wegesrand trägt viele Inschriften. „Ciotta was here“ lesen wir und „Good luck Nora“. Einem Wanderer ist partout nichts eingefallen, mit dem er sich verewigen konnte. Statt es aber einfach sein zu lassen, mußte er seine Ideenlosigkeit schriftlich eingestehen: „no idea“. In dicken Lettern wird verkündet: „to the end“, dem Ende entgegen. Dem Ende des Weges vermutlich. Toll. Sehr geistreich. Oh, hättet Ihr

geschwiegen … wer hätte es vermißt. Doch es wird noch schlimmer kommen, morgen, am Ende des Weges.

    Ich werfe den Blick geradeaus über zwei Hügelkämme hinweg auf einen dritten, der nach links ins Meer hinaus sich fortsetzt. Auf dieser Landzunge obenauf schimmert etwas Weißes zu uns herüber. Der Leuchtturm von Fisterra. Unser Ziel. Jetzt die Sieben-Meilen-Stiefel angezogen, ein bißchen Anlauf und in drei großen Schritten, die Hügelkämme als Trittsteine benutzend, wären wir da. Wenn wir wieder zuhause sind, muß ich die Geschichte mit diesen komischen Stiefeln noch mal nachlesen und herausfinden, was aus ihnen geworden ist. Die könnten wir jetzt echt brauchen. Zu dumm.

    Jetzt geht es erst mal bergab, steil hinab bis auf ein bewaldetes Plateau. Der Weg wird brutal steil, da heißt es, auf jeden Tritt zu achten. Wer hier stolpert, kann sich charmant weh tun. Mit meinem Auto käme ich hier weder rauf noch runter. Nichtsdestotrotz müht sich ein buntgekleideter Mountainbiker (sprich: mauntenbaika) den Berg hinauf. Respekt, mein Freund, aber Du mußt wirklich einen an der Klatsche haben. Mit uns muß man schon nachsichtig sein, das stimmt, aber Dir ist wirklich nicht zu helfen. Vor uns liegt das Meer, schräg rechts unter uns eine der vielen Buchten des Atlantik und mitten drin die Hafenstadt Cee. Der Weg wird besser und noch ein bißchen steiler. Und das dauert an, bis wir fast ganz unten sind. Jerres, gegen diese Steigung verliert selbst die Strapaze vom ersten Tag. Hier wäre ich lautlos zusammengebrochen, hätte sie am ersten Tag angestanden.

 

    Am Fuße des Berges wenden sich einige Pilger nach links und beenden in der Herberge zur Linken ihre Tagesetappe. Uns treibt es weiter, unser Ziel liegt erst in der nächsten Bucht. Es ist recht warm geworden, und wir könnten jetzt eine kleine Stärkung vertragen. Und sei es ein ortsüblicher Radler. Aber da vorn an der Straße auf dem 50-Centimeter-Bürgersteig mitten in der Sonne und neben den fahrenden Autos möchten wir nicht sitzen müssen, also folgen wir der breiten Straße in Richtung Cee. Gudrun erzählt uns, daß sie im Mai hier auch durchgekommen sind, nachdem Papa sie mit dem Auto aufgelesen hatte. Aber es habe damals hier geregnet wie ne Sau, dafür seien sie keine halbe Stunde später oben am Cap Fisterra gewesen. Das wird bei uns gemütlicher resp. langsamer gehen, aus der halben Stunde vom Mai werden im September gut 24 Stunden werden. Wir verlassen die Hauptstraße nach links und kehren im Restaurante Angueira in der Rua Campo do Sacramento ein, wo wir den vorderen Teil der Terrasse okkupieren. Die Bedienung ist sehr freundlich und läßt für uns das Sonnendach ausfahren. Das hat Folgen, denn binnen 30 Minuten sind auch die anderen Tische von Pilgern besetzt. Ein junges Pärchen hat beschlossen, hier in Cee erstmal zu rasten. Das könnte länger dauern, denn die Fersen des Mädchens sehen schlimm aus.

    Durch Cee hindurch teilt sich der Camino. Es gibt die schönere Strecke am Strand entlang, die binnen 10 Minuten auf die andere Seite der Bucht führt. Das Schild dorthin sehen wir erst, als wir auf der längeren Strecke mitten durch die Stadt hindurch auf der anderen Seite ankommen. So haben wir die richtig häßliche Seite der Stadt gesehen, vor allem drüber in der Avenida Fisterra, deren einst vermutlich ansehnliche Bauten bestimmt schon bessere Tage gesehen haben. Das tolle Hotel, an dem wir vorbeischlendern, geht ja noch, aber die einfallslosen Wohnsilos, die sich schräg zur Straße hintereinanderreihen, muß man nicht gesehen haben. Aber ich darf nicht schimpfen, auf der romantischen Route hätten wir die Hochzeitsgesellschaft nicht gesehen. Nachdem wir vom Restaurante aus die südliche Altstadt mit ihren engen, malerischen Gäßchen durchgestreift haben, sind wir auf dem Marktplatz im Zentrum der Stadt gelandet, dem Plaza Mercado. Zur rechten steht eine alte Kirche, die Iglesia de Cee. Davor haben sich einige Leute versammelt, die sich figürlich, vor allem kleidungstechnisch und zum größten Teil altersmäßig doch von uns abheben. Eine Hochzeit.. Die Leute tragen ihren besten Zwirn. Die meisten Herrn in Anzügen, um die ich sie ob der Temperaturen nicht beneide. Die meisten Damen in langen Kleidern in allen Farben des Regenbogens - von Rot über Blau und Grün bis Schwarz. Vorn parkt ein eleganter schwarzer Wagen im Schatten, weiße Bänder zieren seine Türgriffe. Der Lärm, den sie verursachen, ist ungeheuer. Gerade haben Braut und Bräutigam die Kirche verlassen und nehmen die Glückwünsche der Versammelten entgegen. Kaaawwumm. Ein Donnern von irgendwo aus dem Hintergrund. Schrecken auf den Gesichtern der Frauen, die an einen Anschlag denken mögen. Die Herren grinsen, vor allem die, die die Böller haben explodieren lassen. Noch zweimal kracht es, und die Menge tobt. Konfetti wirbelt durch die Luft und läßt sich auf den Menschen nieder. Alles Gute, Ihr beiden. Wir müssen weiter.

    Wir bahnen uns unseren Weg durch die Stadt, suchen die Muscheln und die Pfeile, die uns den Weg zeigen. Mit uns sucht ein älteres Paar, ebenfalls Pilger. Sie sind Franzosen, erzählen sie mir, und lächeln, als sie hören, daß wir aus dem Saarland kommen. Über dem kurzen Gespräch sind meine beiden Damen schon ein Stück vorangekommen, und ich muß mich sputen, zu ihnen aufzuschließen.

    Auf dem häßlichen Weg aus Cee hinaus holen die beiden Franzosen etwas auf, und als wir am anderen Ende der Stadt den Weg nach rechts abbiegen sehen, rufe ich ihnen die Abbiegung in die Rua Almeda zu. Aber sie folgen ihr nicht, sondern der Straße am Meer entlang. Immer wieder erspähen wir sie durch Querstraßen, die sich von unserer Straße zum Meer hinunterbewegen. Wir sind natürlich erstmal ein Stück hügelan gestiegen, bevor sich die Straße irgendwann wieder nach unten auf Meereshöhe begibt. Ein älteres Ehepaar hat im Garten, der links am Hang liegt und durch die Straße, auf der wir herkommen, von ihrem Haus zur Rechten getrennt ist. „Guten Tag“ grüßen wir auf Spanisch, und für die Frau ist es gar kein Thema, daß wir aus Deutschland kommen, und prompt spricht sie uns auch darauf an. Als wir bejahen, strahlt sie über ihr ganzes Gesicht und wünscht uns ein herzliches „Buon Camino“. Auch ihr Mann lächelt uns freundlich zu. Ich deute eine Verneigung mit dem Kopf an, und wir ziehen weiter, während sie uns hinterherwinkt.

    Obwohl wir uns eine Viertelstunde später wieder unten am Meeresufer befinden, hat sich der kleine Umweg, den wir gemacht haben, doch gelohnt, denn Corcubion, so heißt diese kleine Stadt außerhalb von Cee, ist ein wirklich malerischer Flecken. Vor uns laufen die beiden Franzosen, die sehr erstaunt sind, uns jetzt hinter ihnen auftauchen zu sehen. Sie suchen ihr Hotel denn ihre Tagesetappe geht in Corcubion zu Ende. Wir steigen von der Plaza Castelao zur Iglesia de San Marcos hinauf, deren Eingangstür weit offen steht. Das läßt sich Anne nicht entgehen, und gemeinsam mit meiner Mama betritt sie die Kirche. Ich bleibe draußen in der Sonne sitzen. Die Franzosen lassen sich von einem kleinen Jungen den Weg zu ihrem Hotel erklären, und wir verabschieden uns mit dem gemeinsamen Wunsch einer guten Reise.

Die kleine Verschnaufpause hat uns gut getan, denn wieder liegt eine Höhe vor uns, die wir überqueren müssen. Unser Ziel liegt im westlichen Nachbartal. Der Pfeil führt uns durch den Ort nach oben, bis die Teerstraße in einen schmalen Pfad übergeht, der nur zu Fuß bewältigt werden kann. Zwischen drei oder vier Meter hohen Mauern links und rechts führt der steinige Hohlweg scharf hügelan. Wir folgen langen Windungen, in denen noch die Feuchte des Regens der Nacht zuvor steckt. Hier ist heute noch keine Sonne vorgedrungen, dennoch ist es warm und feucht, nicht unbedingt das Wahre für unsere Lungen, die sich mächtig anstrengen müssen, um genug Sauerstoff ins Blut zu bringen. Romantisch ist es allemal, aber es geht auch an die Substanz. Keine 200 Meter lang ist dieser Hohlweg, aber mir kommt er wie ein ganzer Kilometer vor. Und ist noch nichts gemessen an dem, was jetzt kommt. Wir verlassen den Hohlweg und treffen auf eine Teerstraße, und die geht jetzt richtig steil hoch. Etwa so steil, wie die von vor anderthalb Stunden, als wir nach Cee hinabstiegen.

Wir atmen tief durch, sammeln unsere Kräfte, dann nehmen wir den Berg in Angriff. Wieder sind es nur 200 Meter. Ich stürme vorne weg, baue meine eigenen Serpentinen auf, als ich den Weg von links nach rechts und zurück schräg angehe. Eine Pause gönne ich mir, in der mein Puls aber keine Chance hat, auf ein normales Maß zurückzukehren. Heftig spüre ich sein Pochen an meinem Hals.

Gottseidank gibt es oben keine Bank zum Ausruhen, dort wäre ich nie mehr von aufgestanden. Als ich oben bin und nacheinan­der Anne und Mama eintreffen, kommt ein Polizeiauto die Straße entlang und hält an. Der Polizist fragt etwas in Spanisch, und ich stammele ein „no habla Espanol“ hervor, worauf sein Kollege ins Englische wechselt und fragt, ob er uns helfen kann. Uns ist nicht zu helfen, antworte ich, und er fängt an zu grinsen und übersetzt seinem Kollegen. Der schüttelt den Kopf, und mit einem Kopf­nicken und einem freundlichen „Buon Camino“ fahren die beiden in ihrem Wagen den Weg hinunter, den wir gerade gekommen sind.

    Noch ein paar Minuten Verschnaufen, Dann machen auch wir uns wieder auf die Socken. Wir haben den Hügelkamm erreicht und bewegen uns auf diesem zwischen ein paar Häusern hin­durch. Eine paar Leute stehen dort ins Gespräch vertieft. Ein Nicken und der Gruß, als wir passieren. Die Kinder machen große Augen. Und als wir fragen, ob sie mitkommen wollen (mit vielen Gesten und wenig Worten) werden die Augen noch größer. Wir biegen im Ort nach rechts ab, und entlang des Camino Carro wandern wir und überqueren die Hauptstraße, die einen weiteren Weg aus Corcubion genommen hat. Auf der anderen Straßenseite sehen wir links eine der freien Herbergen, die man kostenlos be­nutzen kann, ein nicht sehr großes, einstöckiges Gebäude am Wegesrand mit einer großen Wiese und ein paar Bänken dahinter. Sieht irgendwie verlassen aus. Vor der Tür hantieren ein Mann und ein Junge an einem Auto herum. Wir sind jetzt über den Kamm hinweg und müssen auf der anderen Seite wieder hinunter ins Tal. Aus dem Weg wird ein schmaler Pfad, der der Haupt­straße folgt. An einem Brunnen mit eiskaltem Wasser erfrischen wir uns. Das tut gut.

    Wir passieren eine paar leere Kuhställe. Linkerhand bestellt ein älterer Mann einen Garten. Er nickt uns freundlich zu, als wir passieren. Vor dem Ort Amarela sehen wir eine Tafel, die uns auf ein preiswertes Hotel in Finistera hinweist. Morgen werden wir feststellen, daß es zu weit vom Ort entfernt liegt. Hinter Amarela wird die Straße steiler. In einer unübersichtlichen Kurve müssen wir sie überqueren und schneiden über einen Parkplatz eine 180-Grad-Kurve der Hauptstraße ab. Vor uns liegt die nächste Mee­resbucht, die durch eine kleine Landzunge in zwei Hälften geteilt wird. Unsere Pension liegt natürlich in der anderen Hälfte.

    Vor uns sehen wir den Ort Estorde. Die Pension „Playa de Estorde“ hatten wir ursprünglich als unser Tagesziel ausgesucht, und als wir jetzt vorbeiwandern, bedauern wir umso mehr, daß wir hier keinen Platz gefunden haben. Das Anwesen liegt südlich der Straße am Strand, und wir hätten sicherlich einen tollen Blick auf das Meer gehabt, das quasi in Reichweite liegt. Vor der Tür stehen eine Menge Au­tos, und ab und an gehen Leute in feinen Anzügen und Abendkleidern ein und aus. Heute abend wird hier eine Hochzeit gefeiert, und die gesamte Pension ist hierfür ge­bucht worden. Vielleicht sind es die beiden von heute mittag mit ihren Gästen. Ich hoffe, es hat Euch hier gefallen. Wir steigen einen weiteren Hügel hinauf und überqueren über einen Schotter­parkplatz die Landzunge, die uns von unserem Ziel Sardineiro trennt. Hier wird es gut warm, auf dem Parkplatz steht die Luft, und alle drei geraten wir etwas in Atemnot. Auf der anderen Seite geht es in den Ort hinunter. Am ersten Haus frage ich nach un­serer Pension. Der hauseigene Wauau macht aus seiner Ableh­nung kein Hehl, und so habe ich Mühe, den Worten der älteren Dame zu folgen, bis diese ihre Enkeltochter anweist, den Hund zum Schweigen zu bringen. Das Mädchen nimmt ihn auf den Arm, und als ich ihr zuzwinkere, lächelt sie und verschwindet im Haus. Geduldig erklärt mir die Frau den Weg. Den Ort hindurch, ganz hinten links. Ich bedanke mich und trotte über die Straße zu mei­nen Begleitern zurück. Sooo groß ist der Ort nicht, aber er zieht sich doch etwas. Mitten im Ort treffen wir auf einen anderen hilfs­bereiten Menschen. Ein Mann auf der anderen Straßenseite ruft uns an, zeigt mit der Hand in die Gassen und meint: „Camino!“ Will heißen: „He, Ihr Wanderer, wo wollt Ihr hin, dort entlang ist der rechte Pfad“. „Aubergo“ rufen wir ihm zu und deuten gerade­aus. Wieder ein Kopfnicken als Dankeschön, er lächelt und winkt zurück.

    Auf der anderen Seite der Bucht finden wir schließlich die Pen­son El Merendero. Sie liegt etwas abseits der Straße direkt am Meer und besteht aus einem Hauptgebäude, in dessen Erdge­schoß sich auch das Restaurant befindet, und einem langge­streckten einstöckigen Bau mit Flachdach, der die Zimmer bein­haltet. Diese sind in die Tiefe langestreckt und bestehen aus ei­nem großen Zimmer und einem geräumigen Bad. Fast möchte ich sie kleine Ferienwohnungen nennen. Wir werden am nächsten Morgen sehr erstaunt sein, als wir pro Person nur 15 Euro bezah­len. Auch Mama hat nicht mehr bezahlt, obwohl sie das Zimmer für sich allein hatte. So billig wohnt man hier als Pilger. Da muß jeder etwas an der Mütze haben, der sich in der öffentlichen Her­berge quält. Andererseits muß man natürlich etwas davon wissen - sorry, ich nehme die „Mütze“ wieder zurück.

    Wir beziehen unsere Zimmer, packen aus und duschen. Ich habe Huddel mit dem Duschvorhang, denn als ich fertig bin, steht das Bad unter Wasser. Auch das kriegen wir irgendwie in den Griff. Als ich wieder herauskomme, sitzen die Mädels draußen an einem der Tische, haben unter der Dusche gewaschenen Klamotten aufgehängt und ruhen sich aus, argwöhnisch betrachtet von den dicken Möwen, die keine Scheu haben, sich auf den Nachbartisch zu setzen, es könnte ja etwas für sie abfallen. Es ist jetzt fünf Uhr mittags, und wir haben Hunger bekommen. Heute sind wir mit unseren Wasservorräten gut ausgekommen, aber die Flaschen sind trotzdem leer. Als wir am Restaurant erfahren, daß die Küche erst um halb acht aufmacht - es ist jetzt halb sechs - werde ich unruhig, denn ich schiebe Kohldampf. Wir spazieren in den Ort und kaufen Mineralwasser und ein paar Snacks in einem Geschäft ein, in dem der Mann an der Kasse seinen Kollegen im Laden immer wieder fragen muß, ob sie das oder das haben. Dabei ist das Geschäft wirklich nicht groß und das Sortiment erschreckend klein.

    Mit unseren Tüten beladen steuern wir das einzige Restaurant an, dessen Türen geöffnet sind. Und haben Glück im Unglück. Nein, Essen gibt es erst ab 19 Uhr (noch über eine Stunde). Gut, dann trinken wir etwas. Unverständliches Gespräch hinter der Theke. Ich wiederhole: Wir hätten gern drei Clara. Nein, nein, schon gut, Sie können jetzt speisen. Hoppla. Ein Kellner führt uns zu einem Tisch, und schnell erfahren wir, warum es auf einmal doch ging. Hinter uns - ein paar Tische weiter - feiert eine Gesellschaft lautstark jemandes Geburtstag. Sie erhalten ihr Essen in mehreren Gängen, und da hat sich unser Wirt ausgerechnet, daß er uns locker dazwischen schieben kann. Als wir die Speisekarten vor uns liegen haben, merke ich, daß wir in einem Restaurant der besseren Art eingekehrt sind. Alles in Spanisch.

Als meine Mutter auf die Frage nach „pasta“ eine abschlägige Antwort erhält, raune ich ihr zu, daß wir hier ein Arme-Leute-Essen nicht bekommen werden, also auch keine Pizza. Ich entscheide mich für ein Kotelett, das sich als etwas zäh entpuppt. Vielleicht liegts auch an dem Messer, jedenfalls nehme ich mir fast das Leben, das Stück Fleisch zu zersäbeln. Aber satt werde ich trotzdem. Anne hat Calamares bestellt, und der Inhalt ihres Teller sieht irgendwie … unappetitlich aus. Eine schwarze, ölig wirkende Masse. Wundert mich, daß Mama, die nichts auch nur anrührt, was aus dem Meer kommt, dabei mit Appetit essen konnte (weiß gar nicht mehr, was sie genau hatte).

    Die Gesellschaft hinter uns feiert mit großem Bohei weiter, und wir lassen uns auch nicht stören. Als nach dem Espresso unsere Rechnung kommt, muß ich aber doch schlucken ob des nicht unansehnlichen Betrages. Aber wir sind satt geworden, das war die Hauptsache. Als wir zurückkehren, wird es langsam dunkel. Jetzt hat auch unser Restaurant geöffnet, und die Zahl der großen Wasserkrabbltiere in dem Aquarium im Restaurant hat sich schon gelichtet.

    Wir setzen uns noch eine Zeitlang draußen vor die Tür und leeren eine Flasche Rotwein, bis wir die nötige Bettschwere haben. Morgen werden wir ankommen.

 

Sonntag, 14. September 2014

 

    Und wieder ward es Abend.

    Und wieder ward es Morgen.

    Der fünfte Tag.

    Und es regnet wie ne Sau.

    Durch das Fenster unseres Zimmers blicken wir über die Bucht und können das gegenüberliegende Ufer nicht sehen. Alles grau in grau. Die Bank, auf der wir gestern abend noch saßen und unseren Wein tranken, ertrinkt in den Fluten, die vom Himmel fallen. Sogar die Möwen haben Deckung gesucht. Sie werden sich heute morgen kaum blicken lassen.

    Uns nutzt das nix. Wir wollen weiter. Noch sieben oder acht Kilometer. Aber da hülft kein Lamentieren oder Schimpfen, am Wetter ändern wir nichts. Also erst mal frühstücken. Die paar Meter zu unserem Restaurant schaffen wir, ohne wirklich naß zu werden. Der Kaffee ist heiß, die Croissants groß, uns gehts richtig gut. Was will man mehr? Schönes Wetter? Kommt noch, nur gemach.

    Und dann hat Petrus wirklich ein Einsehen, die Wolken steigen höher, lassen das andere Ufer der Bucht erahnen, nur die Berge verstecken sich noch. Wir machen uns startfertig und marschieren los. Die Ponchos haben wir vorsichtshalber übergestreift. Sie helfen gegen den recht kühlen Wind, aber als wir in höheren Lagen auf der Rua Fisterra den Ort verlassen und in den Wald eintauchen, kommen wir gar ins Schwitzen.

    Riesige Pfützen verlangsamen unser Vorankommen, und manchmal helfen nur weite Sprünge, ihrer Herr zu werden. Da kommt eine, also mit Schmackes drüber und in den Schlamm am Rand der nächsten voll hinein. Hoch spritzt der Dreck, aber die Ladung geht sonstwo hin, wir kommen heil und ohne nasse Füße hindurch. Schon sind wir auf dem Kamm, und es geht wieder hangabwärts. Vor uns zwischen den Bäumen taucht unser Ziel auf. Wir werden es ab jetzt nicht mehr aus den Augen verlieren. Hier packen wir unsere Regenumhänge wieder ein, die werden wir heute nicht mehr brauchen. Der Wind frischt auf, die Wolken verziehen sich. Wirklich warm wird es nicht. Die Temperatur bewegt sich irgendwo dazwischen, das ist ideal zum Wandern.

    Aus dem Wald kommend treffen wir wieder auf die Hauptstraße, überqueren sie und steigen einen steilen Pfad hinab, der fast bis zum Strand einer kleinen Bucht hinunterführt und dann genauso steil wieder zur Hauptstraße zurückführt. Toll. Mit diesem raffinierten Schlenker haben wir die Kurve in der Straße abgeschnitten. Das war wirklich eine Abkürzung, hat uns locker 100 Meter Straße gespart, toll. Vor allem, weil der Steilweg nach oben vom Regen der vergangenen Nacht schön rutschig und glitschig ist. Weiter gehts auf dem Seitenstreifen der breiten Straße. Hier herrscht recht lebhafter Verkehr. Etliche Busse und viele Pkws passieren uns, un das Wasser auf der Straße spritzt in hohem Bogen. Aber vierhundert Meter weiter nehmen wir eine Straße, die direkt zum Strand hinunterführt.

    Hier ist Anne in ihrem Element. Kann nicht sein, daß sie von diesem Urlaub zurückkommt und die Taschen nicht voller Muscheln hat. Aber Jakobsmuscheln müssen es sein, die mit ihrer charakteristischen Form. Ja, das ist auch eine schöne Muschel, aber keine Jakobsmuschel. Ich betrachte die hübsche Schale in meiner Hand, die zusammen mit den tausenden von Algenbündeln und anderen Muscheln in der letzten Nacht von den Wellen an den Strand gespült worden ist. Gewogen und nicht wert befunden. Tut mir leid, aber Dich wollen wir wohl nicht. Und werfe sie in hohem Bogen zurück ins Wasser.

    Nach vorne gebeugt überqueren wir den gut zwei Kilometer langen Sandstrand, nach Annes Lieblingsobjekten Ausschau halten. Ich organisiere mir einen krummen Stecken, mit dem ich in den Algen stochere, ob sich nicht dort etwas …. iihgitt, das ist ein kein Algenbündel, das ist ein langer weißer mausetoter Fisch, dessen Kadaver vor mir im Sand liegt. Baaah, das hätte ich jetzt nicht sehen müssen. Er ist es nicht, was hier so stinkt, das sind die Algen, das ist mir schon klar, aber er tut seins wohl dazu. Das hilft mir, den Schritt zu beschleunigen. Nach einer guten Stunde habe ich genug von diesem Strand, dessen feiner Sand unsere Schritte hemmt. Außer uns ist kaum jemand unterwegs, ein Mann mit Hund und Stock, ebenfalls auf der Suche nach Muscheln, eine einsame Strandläuferin, die an der Wasserlinie an uns vorbeijoggt. Wir haben den Strand zur Hälfte passiert, da müssen wir einen Bach überqueren, der vom Landinnern kommend über den Strand mäandert und sich schließlich ins Meer ergießt. Er ist nicht tief, höchstens einen Fuß, und vielleicht drei oder vier Fuß breit. Mit einem kleinen Anlauf kommen wir da gut drüber, ohne nasse Füsse zu kriegen. Der Bach ist der „Rio Grande“. Ob er früher mal größer war? Die Möwen, die sich hier zu einem unerwarteten Festmahl eingefunden haben, beobachten uns argwöhnisch.

    Irgendwann ist der Strand zu Ende, an einem Wasserschlauch reinigen wir unsere verdreckten Schuhe und steigen über eine Treppe zur Stadt hinauf. Unser erstes Ziel ist die Pension „Dona Lubina“, dort steigt Manolo, den wir bei der Anreise getroffen haben, immer ab. Mama will ihm ein Foto geben, das Papa im Mai von ihm geschossen hat. Meine Eltern haben im Mai bei Dona Lubina übernachtet. Das Restaurant, das zur Pension gehört, hat noch geschlossen. Eine junge Dame ist gerade dabei, auf der Terrasse den Regen von den Tischen und Stühlen zu wischen. „Zu Manolo wollen Sie, Moment, ich rufe ihn“. Es dauert ein paar Minuten, dann kommt er mit großem Hallo die Treppe herabgelaufen, begrüßt uns und verschwindet gleich wieder. „Ich bin gleich für Euch da, ich muß noch ein Telefonat erledigen“. Wir machen es uns auf den Stühlen bequem, nein, Moment, das machen wir nicht, denn hier ist alles klitschnaß. So stehen wir also da unten rum und warten. Fünf Minuten, zehn Minuten, hm, vielleicht stehen wir dort zu dem Zeitpunkt, als ich das niederschreibe (Anfang Dezember) immer noch dort. Auf dem Luftbild in google-maps sind drei Punkte zu sehen, das könnten wir sein.

    Nach 15 Minuten steckt Mutter das Foto wieder ein, wir schultern unsere Rucksäcke und verschwinden in Richtung Ortsmitte. Die Landzunge, auf der Fisterra liegt, ist vielleicht einen Kilometer breit und zieht sich gut vier Kilometer nach Süden in den Atlantik hinein. Der Ort Fisterra liegt ziemlich auseinandergezogen in einer langen Bucht auf der Ostseite, an den Strand sich anschließend. Wir laufen ein paar Minuten über schmale Bordsteine. Die Häuserreihen werden dichter, der Verkehr lebhafter, die Menschen zahlreicher. Und gleich stellt sich ein Gefühl des Unbehagens ein. Wir haben die Zivilisation wieder erreicht. Das Ungewohnte, das Urtümliche, das Natürliche, die Einsamkeit der Landstraße und der Wege abseits im Wald ist völlig verschwunden. Hier ist niemand auf dem Weg, hier leben sie von denen, die auf dem Weg sind. Das Gefühl hatte ich schon in Santiago, noch bevor wir aufgebrochen sind. Fehl am Platz zu sein. Oder sind die Touristen fehl am Platz? Die nicht zu Fuß hierherkommen, obwohl sie es könnten. Jerres, denke ich mir, Du Pharisäer, hab dich nicht so, bist ja normalerweise selbst so einer, der nur ungern einen Schritt nach vorne tut, den er auch mit dem Auto zurücklegen kann. Stimmt schon, aber so fühle ich mich gerade nicht. Warum liegt der Ort zwischen dem Strand und dem Ende des Weges oben auf der Klippe? Warum müssen wir hier durch, um dorthin zu gelangen? Schöner wäre es gewesen, wir hätten den Weg zu Ende gehen, dort oben unseren Abschluß machen, uns vom Weg verabschieden können, und hätten uns dann seitwärts gewandt, der Zivilisation entgegen. Stattdessen liegt dieser Touristennepp-Ort mitten auf dem Weg, und wir müssen durch.

    Es ist jetzt gegen halb zwölf am Morgen. Wir suchen uns erst eine Unterkunft, wo wir unser Gepäck lassen können, dann wandern wir die restlichen drei Kilometer hinauf zum Leuchtturm. Eine halbe Stunde später entscheiden wir uns für das Hotel Cabo Finisterre direkt neben dem Busbahnhof. Das war auch der Grund, warum wir uns dafür entschieden haben, weil wir am nächsten Morgen von hier mit dem Bus zurück nach Santiago fahren werden. Eine richtige Rezeption gibt es nicht, das wird an der Kasse nebenan im Sportgeschäft erledigt. Dafür liegen unsere Zimmer im obersten Stock, drei gut steile Treppen hoch. Die Zimmer sind nicht sehr groß, aber sauber. Für die eine Nacht werden sie es tun. Mamas Zimmer ist noch nicht fertig; während wir unseres beziehen, geht sie in die öffentliche Pilgerherberge, um ihre Pilgerurkunde zu erhalten. Wir holen unsere etwas später ab. Wir zeigen unsere Pilgerpässe vor (sonst könnte ja jeder kommen) und erhalten gleich auch den hiesigen Stempel, dann werden alle unsere Daten sorgfältig in einem dicken Buch vermerkt. Die Pilgerurkunden sind komplett in Spanisch und sehr farbenfroh. „O Concello de Fisterra acredita que Roland Geiger chegou a estas terras da Costa da Morte e fin do Camino Jacobeo“ (ich würde gern die Übersetzung bringen, aber alle Online-Übersetzungsprogramme scheitern an dem Wort „chegou“).

    Mit leichtem Gepäck, d.h. fast ohne, machen wir uns zum Kap auf. Wir schlendern hinunter zum Meer und wenden uns nach rechts in Richtung Hafen. Hier führt eine lange Mole ein paar hundert Meter weit hinaus ins Meer. Ein paar Busse mit Touristen halten und laden ihre lebendige Fracht aus. Einen Kaffee könnten wir jetzt vertragen, Hunger haben wir keinen. Aber die Restaurants im Hafen sagen uns nicht zu. Aber da vorn die Cafebar im Untergeschoß des Hauses, neben dem der Camino Richtung Kap führt, zwischen dem supermercado und dem Mercado Municipal, die sieht gemütlich aus. Hier kehren wir ein.

    Auf dem Weg zum Kap geht es ein paar hundert Meter steil bergauf, bis wir das Ende der Stadt erreichen, die hier oben das Flair, das wir am Hafen fanden, völlig verloren hat. Eine stark befahrene Straße, die zwischen heruntergekommenen, vielfach lehrstehende Häuser hindurchführt. Viel Stein, viel Staub. Solche Orte findet man auf der ganzen Welt. Du gehst hindurch, fühlst sich nicht besonders wohl und vergißt sie schnell wieder. Und erinnerst sich sofort wieder an das unangenehme Gefühl, wenn Du auf eine ähnliche Straße triffst.

    Auf dem Weg dort hinauf passieren wir die öffentliche Herberge; sieht schmuck aus von außen. Ich weiß, ich weiß - ich weiß nicht, welche Erfahrung mir da entgeht. Hab ich begriffen. Sie wird mir trotzdem entgehen. Wir verlassen den Ort, passieren eine hohe Mauer, hinter der sich ein Spielplatz versteckt und zwei kleinere Fußballfelder, und erreichen die Kirche Santa Maria. Das ist ein imposanter Steinbau mit hohem Turm, der rechts der Straße sitzt und auf Besucher wartet. Als meine Eltern im Mai hier waren, war sie geschlossen, , also schauen wir nach und finden das Tor offen. Wir betreten das Schiff, steigen ein paar Stufen hinunter und nehmen gleich hinten auf einer Bank Platz. Die Kirche hat ein kreuzförmiges Schiff. Im rechten Kreuzgang - von unserem Platz nur schwer zu erkennen - übt ein Chor Lieder ein, während der Dirigent wie wild hin und her springt, immer wieder unterbricht, korrigiert, weitersingen läßt. Wir erfahren, daß gleich hier eine Messe gehalten wird, und verlassen die Kirche wieder. Als wir an ihrer Südseite zur Straße zurückkehren, sehen wir den Priester in weißen Gewand mit roter Stola, der an einer Seitentür steht und heftig in ein Handy hineinspricht. Er ist ein Farbiger (falls Sie sich nicht sicher sind, ich meine eine sehr dunkelbraune Hautfarbe, die ins Schwarze reicht) mit-ohne Haupthaar. Eine beleibte Dame in blaugepunktetem Kleid wartet, daß er das Gespräch beendet, damit die Messe beginnen kann.

    Als wir den langen Fußweg zum Kap in Angriff nehmen, hat sich das Wetter wieder etwas verschlechtert. Ein heftiger Wind ist aufgekommen, der an unseren Regenjacken reißt. Aber es bleibt trocken. Die Straße hinauf zum Kap ist eigentlich nicht zum Marschieren ausgelegt. Auf der Straße kann man nicht ohne Gefahr laufen, weil sie sehr stark befahren ist. Jedenfalls ist das heute am Sonntag so. Zwischen der Straße und den Rabatten läßt sich aber auch nicht einfach so wechseln, weil sich dort etwa halbmeterhohe Leitplanken befinden, die verhindern sollen, daß irgendein Depp mit seiner Mühle aus Versehen nach rechts oder links abbiegt und den Hang hinunterstürzt. Soviel Rücksicht wird auf die Fußgänger nicht genommen. Denn der Fußweg unterhalb der Leitplanken verdient diesen Weg kaum, so schlecht ist er. Immer wieder ist er von kleinen Gräben durchbrochen, die das Wasser erzeugt hat. Der Regen hat ihn ausgewaschen bzw. kleine Stufen erzeugt - kurz: wirklich Spaß macht es nicht, ihn zu benutzen. Etwa auf halber Strecke in einer scharfen Kurve erreichen wir einen Steinblock, auf dem sich ein etwa mannshoher Pilger aus Metall gegen den Wind stemmt, um mit letzter Kraft doch noch sein Ziel zu erreichen.

    Von hier hat man einen tollen Ausblick auf die Bucht, in der der Ort Fisterra liegt, ohne diesen allerdings zu sehen, da er hinter der Kurve verborgen liegt. Noch ein Stück voraus lockt das Kap. Auf dem Weg dorthin bleibt mein Blick an einer Reihe weißer Kuben hängen, die ein Stück tiefer, aber noch gut einen halben Kilometer vor uns unterhalb der Straße am Hang mitten in der Landschaft stehen. „Nichos cara o Pindo“ - diesen Name finde ich später im Internet. An einen Friedhof denke ich mit keinem Gedanken. Dafür kommen mir aber die beiden Gestalten, die uns auf der Straße vom Kap her entgegenlaufen, irgendwie bekannt vor. Es sind Colin und Rosie, die wir am Ende unseres ersten Tages in der Herberge bei Negreira kennengelernt haben. Es gibt ein großes Hallo, wir schießen ein Erinnerungsfoto, tauschen Erfahrungen aus. Und machen einen dummen Fehler: statt uns für heute abend zum Essen zu verabreden, verabschieden wir uns mit einem „vielleicht sehen wir uns ja heute abend“. Blöd, dafür ist die Stadt dann dort zu groß. Ich würde ihnen auch gern das Foto schicken, aber außer den Vornamen wissen wir nichts über sie. Tut mir wirklich leid, Ihr beiden.

    Je näher wir dem Kap kommen, desto voller wird es. Die Straße ist dicht gepackt mit Autos und Touristen, die wenigsten davon auf Schusters Rappen unterwegs. Kurz davor treffen wir den alten und den jungen Mann wieder, die gestern morgen kurz vor uns in Logoso aufgebrochen sind. Sie winken uns zu und machen sich auf den Rückweg. Auch hier oben - so wie schon im Ort unten - habe ich das unangenehme Gefühl, daß einer hier nicht hingehört, die Touristen oder wir. Sie haben das Gefühl wohl nicht - oder vielleicht bin ich auch zu empfindlich (geworden?). Wir passieren zwei Andenkenläden und erreichen kurz vor dem Leuchtturmgebäude den letzten Muschelpfeiler am Wegesrand. Ein einfacher Pfeiler, knapp einen Meter hoch, oben mit der obligatorischen gelben Muschel auf weißem Grund verziert, darunter eingelassen die Entfernungsangabe bis zum Ziel: „0,00 K.M.“. Wir sind da. De jure. De facto gehts noch ein paar hundert Meter weiter am Leuchtturm entlang und dahinter die Küste hinab bis zum Meer. Der Null-Stein ist ein heiß begehrtes Fotomotiv. Wir besetzen ihn gut zwei Minuten lang und schießen Fotos in allen Variatationen und Personenkombinationen (allein, zu zweit, zu dritt nicht, einer muß ja knipsen).

    Anne und Gudrun haben ihren Pilgerausweis mitgenommen, meiner liegt im Hotel. Deshalb holen sie sich ihren letzten Stempel im Leuchtturm ab. Dort hat man auf die rege Nachfrage reagiert und nimmt eine Gebühr für den Stempel. Seitlich am Leuchtturm steigt man ein paar Stufen hinab und gelangt auf den zerklüfteten, stark zur See abfallenden Landvorsprung hinter dem Leuchtturm. Spätestens seit Hape Kerkeling - aber vermutlich auch schon früher - ist es Usus geworden, daß man sich am Ende der Reise von einem Reiseutensil trennt, um den symbolischen Abschluß des alten und den Beginn eines neuen Lebensabschnittes darzustellen.

    Der eine verbrennt seine Reiseschuhe, der andere seinen Wanderstock, andere geben ihr Eigentüm einfach auf. Das hat dazu geführt, daß das Kap hinterm Leuchtturm zu einer Mülldeponie verkommen ist. Überall sieht man Brandflecken, verkohlte Überreste von irgendwas.

Da steht ein hoher Gittermast, dessen untere Lagen mit Sammelsurium aller Art dekoriert ist. Da liegen Schuhe einzeln oder paarweise, da hängen Strümpfe aller Farben und Formen dran, und irgendso ein Dirmel hat sogar ein Stofftier dran gehängt. Etwas unterhalb steht ein Steinpodest mit einem Kreuz vorne drauf. Daneben liegen Steine und Muscheln und ein altes Paar Socken. Dicht daneben liegen ein paar halbverbrannte Schuhe.

    Der Wind von See bläst heftig, pfeift über die Steine und durch die niedrigen Büsche, kämmt unsere Haare und zerzaust die Windjacken der Besucher. Anne will ihren Wanderstock opfern, den sie irgendwo aufgelesen hat. Da wir nicht bis hinunter ans Meer steigen wollen, nehme ich das lange Stück Holz und steige an der Westseite des Vorsprungs ein paar Meter hinunter in Richtung Meer. Da stolpere ich fast über einen einzelnen hochhackigen Damenschuh, der da rumliegt. Fehlen eigentlich nur noch ein paar vollgeschissene Unterhosen und benutzte Pariser. Gefunden habe ich keine (nein, ich habe nicht danach gesucht), aber gewundert hätte es mich nicht. Ich schleudere den Stock so weit es geht in Richung See, aber die Entfernung und auch der auflandende Wind geben mir keine Chance. Der Stock fliegt weit und fällt tief, landet aber zwischen den riesigen Steinbrocken ein gut Stück vom Wasser entfernt. Aber uns gehts wie den Vandalen oben am Mast: Der Gedanke zählt.

    Wir verlassen die Stätte, schauen uns oberhalb des Leuchtturms noch etwas um und steigen eine Rampe zu einem Restaurant hinauf, das dem Leuchtturm vorgelagert auf einem Hügel liegt. Vor dem Restaurant liegt ein große, rechteckige Terrasse, von einer hohen Mauer gegen den ewigen Wind gut geschützt. Jetzt bricht die Sonne hervor, wir finden auf der Terrasse einen leeren Tisch und nehmen Platz. Ich besorge Getränke und ein Sandwich aus dem Restaurant, dann machen wir es uns gemütlich. Noch drei Stühle hinzu, die Füße hochgelegt, dann lassen wir den lieben Gott einen guten Mann sein und faulenzen. Eine gute Stunde oder zwei. Das haben wir uns redlich verdient.

Auf dem Rückweg nach Fisterra suchen wir noch die beiden Souvenirshops heim. Ich kriege ein Tshirt, Mama kauft was Teureres (als Geschenk oder zum Selberbehalten, da ist sie sich noch nicht sicher), dazu kommen die obligatorischen Postkarten. Dann wandern wir gemutlich wieder in die Bucht hinunter, jetzt bergab, was erheblich leichter vonstatten geht. Nach einer guten Stunde sind wir wieder unten.

    Jetzt kriegen wir langsam, aber sicher Hunger. Mama weiß ein Restaurant direkt gegenüber des Busbahnhofs, das von einer Deutschen geführt wird. Dort wollen wir zu Abend essen. Wir sind - wie immer - noch ein bißchen früh dran, also setzen wir uns unten nicht weit vom Meer auf eine Bank und warten … und warten … und warten. Nach einer gefühlten Hungerstunde überquere ich die Straße, um nachzuschauen, wann das Restaurant öffnet - um zu erfahren, daß sie heute Ruhetag haben. Mist. Wir wollen aber auch nicht irgendwo rein, schon gar nicht an unserem letzten Reisetag. Da fällt Anne ein, daß ein Ehepaar, das sie im Mai traf, ihr in Fisterra ein Restaurant nannte, das unter Einheimischen als Geheimtip gilt. Es heißt „Tres Golpes“, das heißt auf deutsch „drei Treffer“. Ähm, okay. Hört sich das jetzt gut an?

    Aber wo liegt es? Annes Freunde haben geschrieben, es läge etwas versteckt. Dieser Eindruck verstärkt sich, als wir in der Herberge nachfragen, wo wir die Urkunden erhalten haben. Die eine Dame kennt es gar nicht, die andere weiß: „Ja, diese Straße entlang bis zu dem und dem Platz - dann müssen Sie noch mal fragen“. Wir gehen die Straße lang, erreichen den und den Platz. Das war’s. Nix zu essen gibt es hier und schon gar kein „Tres Golpes“. Wieder werden die Einheimischen zu Rate gezogen. „Tres Golpes aqui?“ frage ich. Eine Frau schaut mich an, grinst und deutet mir, ihr zu folgen. Zwischen zwei Häusern geht es in eine enge Gasse. Dort am Ende liegt unser Restaurant. Sehr vertrauenserweckend sieht es von außen nicht aus, und an dem Tisch vor der Tür, an dem wir Platz nehmen, riecht es etwas nach Gully. Die Dame des Hauses kommt heraus, lange Gummihandschuhe an den Händen. Wir deuten an, daß wir zu Abend essen wollen. Hier oder oben, fragt sie. Oben? Sie zeigt auf eine Treppe. Wir durchqueren einen großen Schankraum, steigen eine Treppe hoch und erreichen einen großen Speisesaal im ersten Stock. Ja, das sieht nach einer anderen Klasse aus. Ein großer Raum mit vielen kleinen Vierertischen, rote Tischdecken, weißes Geschirr mit aufgesteckten Servietten. Wir finden einen Platz nahe der Fensterfront und lassen uns nieder. Aus dem Fenster gibt es nicht viel zu sehen, das Haus gegenüber ist höchstens vier Meter entfernt. „Gut versteckt“, ja, das trifft es.

    Die Menükarten sind auf Spanisch, das mir aber jetzt nach fast fünf Tagen nicht mehr so vorkommt, ähm, also spanisch. Mama und ich nehmen als Vorspeise je einen Salat, dann gehts ans Hauptgericht. Mama nimmt ihre üblichen Tortilla Francesas, Anne ihren Tintenfisch („calamares“), der aber lange nicht so … hm … „unappetitlich“ aussieht wie der von gestern (dafür sagt sie, habe der erste besser geschmeckt). Ich ende wieder bei einem Kotelett „chuleta cerdo“, das mir aber wesentlich besser schmeckt als das gestrige. Vor allem funktioniert das Messer, und die große Scheibe läßt sich viel besser kleinschnippeln. Zu trinken be-stellen wir Rotwein. Im Glas oder größer - so verstehen wir. Wir sind zu dritt, also: „größer“. Das hätten wir spezifizieren sollen - sie kommt mit einem großen Coca-Cola-Litermaßkrug aus Glas. Dagegen ist ja nix einzuwenden, aber haben Sie mal versucht, mit so einem Ding - gut voll - irgendwo einzuschenken? Das gibt eine mittelprächtige Sauerei, weil vorsichtig einschenken einfach nicht drin ist. Entweder tropft das sonstwohin oder der Wein läuft über den Rand und dann unter dem Rand entlang kopfüber das Glas hinunter auf die Tischdecke. Wir waren sicher nicht tòòbisch - jedenfalls nicht zu sehr - aber gut ein Viertel des Inhalts landet nicht in den Gläsern, sondern auf der Tischdecke. Bei uns heute abend hat sich die rote Farbe der Unterdecke rentiert und zwar völlig. Am Schluß gibt’s dann noch drei Espressi, die auf der Rechnung als „cafes“ erscheinen.

    Mittlerweile sind auch andere Gäste gekommen. Zwei Männer und eine Frau haben Hummer bestellt. Der kommt auf einer großen Platte, die roten Fühler schauen oben raus. Gottseidank sitzen sie ein paar Meter weit weg, deshalb kommen die Geräusche, mit denen sie sich ans Werk machen, nicht wirklich zu uns rüber. Ja, ich weiß, Hummer wird mit Brachialgewalt verzehrt, das ist nun mal so. Aber mögen muß ich es ja trotzdem nicht. Ich bewundere meine Mutter, die nichts anrührt, was aus dem Wasser kommt und trotzdem die Geräusche mit Seelenruhe ignoriert.

    Schräg gegenüber nicht weit von der Treppe haben sich vier Leute niedergelassen. Die Wirtschafterin, die den ganzen Abend ihre langen Gummihandschuhe nicht abgelegt hat, nimmt die Bestellung entgegen. Nach ein paar Minuten ist sie zurück und bringt eine Art Seihschüssel mit, einen metallenen Topf mit hohen Wänden, dessen Inhalt sie den Gästen am Tisch zeigt. Die werfen nacheinander einen Blick in den Topf und nicken beifällig mit den Köpfen. Eine gute Viertelstunde später ist sie wieder da, diesmal trägt sie etwas in der rechten Hand, das aussieht wie ein schwarzer Ball mit mindestens sechs langen … Tentakeln-Beinen-Extremitäten, die nach oben ragen und sich zur Mitte krümmen. Ich habe sie voll im Blick, als sie die Treppe heraufsteigt und zu ihren Gästen geht und ihnen dieses Ding zeigt. Nennen Sie mich einen Banausen, eine Zimperliese, einen was-auch-immer. Aber mir dreht sich der Magen rum, als ich das Teil auf ihrer ausgestreckten Hand sehe. Ich werde bleich um die Nasenspitze. Anne hat es nicht gesehen, aber meine Reaktion bemerkt. „Was ist denn?“ fragt sie, aber ich kann nicht sprechen, sondern zeige nur mit dem Kopf in die Richtung. Die Gäste am Tisch sind wieder sehr zufrieden, die Wirtschafterin geht an der Treppe vorbei zu einer Art Anrichte und läßt den Ball von ihrer Handfläche auf die Anrichte rutschen. Dabei beginnen die Beine an zu wackeln, sich zu bewegen. Ich muß einen Ton von mir gegeben haben. Nur mühsam kriege ich meine Beine unter Kontrolle, die am liebsten weglaufen würden, so versetzt mich dieses Ding in Panik. Der Ball verschwindet wieder die Treppe hinunter, wohl um aufgeschnitten zu werden. Als ich ein paar Minuten später zur Toilette ins Erdgeschoß hinuntersteige, kommt mir die Wirtschafterin mit zwei Tellern entgegen, auf dem flache runde Fleischscheiben liegen, umgeben von einer braunen Kruste. Sie sehen sehr appetitlich aus, und ich betrachte sie eingehend, bis mir klar wird, daß sie von dem Ball stammen müssen, der unten in der Küche auseinandergeschnitten wurde. Ich vermute, daß ich sie so sogar hätte essen können, aber die Erinnerung … oje, aus mir wird nie ein Feinschmecker. Zu guter Letzt gibt es noch etwas Schnappsartiges in gelber Farbe auf Kosten des Hauses - hm, lecker!

    Wir bezahlen unten an der Theke im Erdgeschoß und verabschieden uns. Als wir zur Tür hinausspazieren, kommt die Wirtschafterin aus einem Nachbargebäude, zwei Hummer in ihren behandschuhten Händen, weitere Todeskandidaten auf dem Weg in den Kochtopf.

    Durch das nächtliche Fisterra schlendern wir zu unserem Hotel zurück. Morgen früh geht es mit dem Bus nach Santiago zurück.

    Oben im Zimmer sortieren wir unser Gepäck und bereiten uns auf die Abreise vor, da der Bus am nächsten Morgen zeitig um 8 Uhr fahren wird. Anne nimmt schweren Herzens Abschied von ihren Wandersandalen, die schon im Mai arg mitgenommen wurden und jetzt in den letzten fünf Tagen den Rest bekommen haben. In den Mülleimer will sie sie aber nicht werfen, deshalb öffnet sie das Fenster unseres Zimmers und gibt den Schuhen auf der Außenfensterbank ihre Freiheit wieder. So, wie sie sie dort abgestellt hat, sollte es mich nicht wundern, wenn sie immer noch dort stehen.

 

Epilog

 

    Damit endet unsere Wanderung auf dem Jakobsweg von

Santiago de Compostela nach Fisterra am Atlantischen Ozean.

    Am nächsten Morgen räumen wir unsere Zimmer und wandern mit vollem Gepäck im Dunkeln zu dem Restaurant auf der anderen Straßenseite, das am Abend zuvor geschlossen war. Hier nehmen wir ein herzhaftes Frühstück - der obligatorische Kaffee und die übergroßen Croissants - ein. Um 8 Uhr warten wir am Busbahnhof auf den Überlandbus nach Santiago und steigen prompt in den falschen ein. Nun gut, der falsche in dem Sinn ist es nicht, nur fährt er nicht direkt nach Santiago, sondern macht einen Umweg und läßt uns auf halber Strecke umsteigen in einen Anschlußbus. Die Fahrt verläuft ereignislos. Die Mädels schlafen ein, aber ich betrachte die Landschaft und versuche, eine Landmarke, irgendetwas, wieder zu erkennen. Aber wir müssen eine völlig andere Route zurückgenommen haben, und selbst die Ankunft in Santiago erkenne ich erst, als die Stadt, die wir durchfahren, kein Ende nehmen will. Wir halten im großen Busbahnhof von Santiago an, wo wir vor einer guten Woche schon durchgekommen sind. Unser Gepäck schließen wir in große Fächer ein, besorgen uns unsere Fahrkarten für die Weiterfahrt heute nachmittag nach Porto und steigen in die Stadt hinunter. Santiago gefällt mir nicht wirklich besser als beim ersten Mal. Während die Damen auf Einkaufstour durch die Stadt laufen, bleibe ich eine Weile in einem Cafe sitzen, schaue mir nochmal die Kathedrale an und gehe dann zum Hotel Horeo zurück, um unsere dort deponierten Sachen abzuholen. Das geht problemlos. Dann setze ich mich eine gute Stunde auf den großen Platz vor der Kirche und schaue den Besuchern zu, die geschäftig hin und her eilen. Hier finden mich die Damen wieder, und wir machen uns auf den Rückweg.

    Nicht weit vom Zentrum kaufen wir für die lange Fahrt nach Porto ein und begeben uns dann zum Busbahnhof, wo wir unser Gepäck abholen und den Reisebus suchen.

    Die Fahrt nach Süden verläuft ereignislos, zieht sich aber erwartungsgemäß in die Länge. Der Bus ist wieder Erwarten sehr bequem und die Aussicht nach rechts und links durchaus interessant. Der Fahrer kennt die Route wie aus dem eff-eff. Das merkt man besonders, wenn er sich einer Mautstation nähert. Er mindert die Geschwindigkeit nur unmerklich und brettert auf die geschlossene Schranke zu, wohl wissend oder wild darauf spekulierend, daß sie sich im letzten Moment öffnen wird. Was sie auch jedes Mal tut. Exakt getimed (sprich: geteimt).

    Als wir in Porto ankommen und an einem Busbahnhof aussteigen, macht es sich bezahlt, daß wir uns auf diesen Teil unserer Reise überhaupt nicht vorbereitet haben L. Wir wissen nämlich weder, wo wir uns befinden, noch wo wir genau hinmüssen. Einer älteren, etwas anhänglichen deutschen Dame mit griesgrämigen Blick geht es ebenso, weshalb sie sich uns kurzerhand anschließt, als wir in die Ubahn hinuntersteigen. Ein freundlicher Beamter überzeugt seinen griesgrämigen Kollegen, uns auf Englisch Auskunft zu geben, und so fahren wir in die einbrechende Dunkelheit hinein. Irgendwann überqueren wir die hohe Brücke (Ponte Luis II) über den Rio Douro und verlassen unterhalb der alten Festung am Jardim do Morro die Bahn. Hier kennt sich Anne aus - meint sie jedenfalls. Hier muß unser Hotel irgendwo sein. Irgendwo, aber wo? In einem Schnellimbiß fragen wir um Hilfe. Die junge Dame ist hilfsbereit und ruft uns ein Taxi, das uns dann zum Novotel bringt. Die Fahrt dauert eine gute Viertelstunde und geht über mindestens fünf Kilometer. Später finden wir heraus, daß wir gleich hätten ein Taxi nehmen sollen, denn wir waren bei unserer Ankunft höchstens zwei Kilometer vom Hotel entfernt. So sind wir erst noch mit dem Zug ne halbe Stunde rumgereist. …

    Das Hotel ist groß und unpersönlich, gleichwohl das Personal sehr freundlich ist. Die Zimmer sind groß und luxuriös und passen so gar nicht zu diesem Urlaub. Wir nehmen ein spätes Abendessen zu uns und gehen früh schlafen. Meine Überraschung ist groß, als ich meine Schuhe abstreife und an der Ferse eine dicke Blase entdecke. Was der Camino nicht geschafft hat, das hat Santiago hingekriegt. Naturlich war weder der eine noch das andere daran schuld, sondern die Strümpfe, die ich heute trug. Das heißt: ich selbst. Da beide Paar Wanderstrümpfe noch feucht waren, habe ich heute morgen „normale“ Strümpfe angezogen. Und in den Wanderschuhen prompt eine Blase gelaufen.

    Den nächsten Morgen verbringen wir im Hotel resp. am Pool dahinter. Das Wetter lädt zwar nicht unbedingt zum Baden ein, aber es ist warm genug, sich die Füße naßzumachen und einfach am Pool im Liegestuhl zu entspannen. Anne fühlt sich nicht so sonderlich wohl, und das wird nicht besser, als wir am Nachmittag in die Stadt hinunterwollen. Sie beschließt, im Hotel zu bleiben, während Mama und ich die langen Strassen und Stufen zum Fluß hinabsteigen. Wir erwischen die Fähre über den Rio Douro. Jetzt ist es gut, daß Anne nicht dabei ist, denn Fähren und Boote mag sie nicht und schon gar nicht, wenn sie so schön schaukeln wie diese hier auf der kurzen Fahrt über den Fluß. Wir steigen auf der anderen Seite nach einigem Warten in die elektrische Strassenbahn, ein Relikt aus der Zeit um die Wende vom 19ten ins 20te Jahrhundert, das von den Touristen gern genutzt wird. Darin fahren wir den Fluß hinauf bis ins Stadtzentrum unweit der hohen Brücke, die wir gestern überquert haben. Und wen treffen wir in der Strassenbahn? Die ältere Dame vom Vortag. Ihr Gesicht spricht Bände, ihre Laune hat sich nicht wirklich gebessert. An der Endstation der Linie verabschieden wir uns von ihr. Diesmal endgültig.

Anne hat uns ein paar Tips gegeben, was wir uns unbedingt anschauen sollen. Wir sehen viel, aber nichts davon. Wir steigen am Nordufer durch die Straßenschluchten den Berg hinan. Rechts und links stehen vielstöckige Häuser älteren und neueren Datums, manche in gutem, viele in marodem Zustand, einige offensichtlich aufgegeben und im Verfallen begriffen. Viel alten Glanz vergangener Herrlichkeit erkennen wir, während wir langsam die steilen Straßen hinaufschlendern, bis wir die hohe Brücke erreichen und überqueren. Auf der anderen Flußseite kehren wir in dem Schnell-imbiß ein, wo wir am Abend zuvor das Taxi gerufen hatten. Ich weiß nicht mehr, wie das Zeug heißt, das wir bestellen, aber als es kommt, packt Mama so der Ekel vor dieser ziemlich fett-

triefenden Sache, daß sie sie nicht anrührt, während ich mich mit Todesverachtung darauf stürze. Später erfahre ich, daß es sich um eine regionale Spezialität handelt. Wieder nehmen wir ein Taxi, um zurückzufahren. Anne geht es besser, sie hat irgendetwas gegessen, was sie nicht vertragen hat, und sich während des Tages auf natürliche Art wieder davon getrennt.

    Am nächsten Morgen checken wir aus und begeben uns per Taxi in die Innenstadt, diesmal am Südufer entlang. Der Tag verspricht schön zu werden. Am Bahnhof Sao Bento nicht weit von der Hochbrücke verstauen wir unser Gepäck wieder in einem Schließfach und schlendern eine der langen Straßen zum Fluß hinab. Die Häuserzeilen, denen ich am Tag zuvor nichts abgewinnen konnte, haben doch ihren Reiz. Da gehen von dem Platz unterhalb des Bahnhofs zwei Straßen nach unten, die eine, die wir

gestern heraufkamen (Rua Mouzinho da Silveira), und nahezu parallel dazu eine andere, gerade einen Häuserblock entfernt (Rua das Flores). Dieser Block ist am oberen Ende gerade mal ein Zimmer dick, und wir können von uns aus durch dieses Zimmer - meist ein kleines Geschäft - hindurch auf die andere Straße schauen.

    Während Anne und Mama eine Kirche besuchen (Igreja da Misericórdia), schaue ich mich in einem Buchantiquariat um (Hausnummern 26-30). Die meisten Bücher vorn im Fenster sind in Portugiesisch, aber es sind auch deutsche Titel darunter, die jüngsten aus dem frühen 20ten Jahrhundert. Drinnen sieht es so aus, wie ich es nur aus Filmen kenne. Gediegene Möbel und Regale, ein Herr in feinem Anzug, leicht der Geruch von altem Papier in der Luft, ein schmaler Durchlaß in den hinteren Teil des Geschäftes, durch eine schmale Kette gesperrt. Hier hat alles Stil und Ordnung, und ich könnte mir gut vorstellen, daß dieses Geschäft in einschlägigen Kreisen gut bekannt ist.

    Weiter geht es - und immer steiler - zum Fluß hinab, den wir schließlich entlangschlendern, am Fuß die hohe Brücke überschreiten und am anderen Ufer die steilen Straßen wieder hinaufsteigen. Das Wetter hat sich verschlechtert, aber der Regen bleibt aus. Wir steigen hinauf zur Festung, allein mir fehlt das Interesse an der Geschichte dieser Stadt, und die Damen legen auch keinen Wert auf eine Besichtigung. Immerhin hat man von hier einen tollen Blick über die Stadt und fast bis zum Meer in einigen Kilometern Entfernung. Wieder überqueren wir die Brücke, diesmal in die andere Richtung. Und wie schon gestern fällt unser Blick auf eigenartige Formen am anderen Ende, dort wo der Hang - vom Flusse aufsteigend - sich mit der Brücke trifft. Dort sieht man wogendes Grün, irgendeine Kletterpflanze, die die darunterliegenden Gebäude einfach verschluckt hat. Die Formen lassen Mauern von Hütten erkennen, deren Dächer längst eingestürzt sind. Wie mag es darunter aussehen, was mag darin noch vorhanden sein, wie mögen sie in zehn Jahren aussehen? Die Pflanzen wandern den Hang hinauf, haben das Territorium der verfallen Hütten schon verlassen und erste Fühler auf benachbarte Gebäude ausgestreckt, die durchaus noch bewohnt aussehen.

    Es wird Zeit. Wir kehren zum Bahnhof zurück, nehmen unser Gepäck auf und machen uns auf den Weg zum Flughafen. Dazu nehmen wir die Ubahn, die uns direkt zum Flughafen bringen wird. Eine Frau auf dem Bahnsteig bewundert Annes Jakobsmuschel am Rucksack, und ein Gespräch beginnt. Ihre Freundin und sie sind Amerikanerinnen, die morgen mit zwei Begleiterinnen, die sie am Flugplatz abholen wollen, den Jakobsweg von Porto nach Santiago und dann weiter zum Meer antreten wollen. Wir fahren im gleichen Abteil, und kurzerhand schenken wir den beiden unsere ausgedruckten, laminierten Wanderkarten, die wir für unsere Reise vorbereitet, aber nie in Gebrauch hatten. Sie bedanken sich sehr und sind gleich darin vertieft.

    Das Einchecken am Flughafen verläuft problemlos. Bald schon ist die Maschine gestartet. Erst in der Luft erkenne ich, wie groß Porto wirklich ist, als wir fast die ganze Strecke bis zum Fluß zurückfliegen und erst kurz davor nach Nordosten drehen. Über Spanien verschwindet der Boden in den Wolken, die reißen erst über Frankreichs Küste für kurze Zeit wieder auf. Wir sitzen wieder vorne auf den ersten beiden Plätzen, neben uns meine Mutter. Irgendwo über Frankreich wird es draußen dunkel, die Wolken verschwinden, nur die Lichter vom Boden dringen nach oben. Wir erreichen Hahn, und wieder kommt es zu den üblichen Situationen, wenn bestimmte Typen unbedingt als erste aus der Mühle rausmüssen, um ihre Handys ausprobieren zu können. Da sind wir es, die mitten auf dem Gang stehen bleiben, unser Handgepäck aufnehmen und den auf der Stelle tribbelnden Herrn auf seinen Platz verweisen. Blödmann.

    Papa wartet schon im Flughafen auf uns. Wir bekommen unsere Rucksäcke zurück, steigen ins Auto und fahren zurück in die Stadt des Heiligen Wendalinus, von wo wir aufgebrochen sind.

    Und damit ist unser Weg wirklich zu Ende.

 

 

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In der Ferne das Meer - das Buch.

 

Wenn Sie das Büchlein mit 108 Seiten und zahlreichen Farbfotos unserer Tour erwerben möchten, schreiben Sie mir eine Email. Es kostet 10 Euro plus 1,20 Euro für den Versand: „alsfassen@web.de“, Betreff „In der Ferne das Meer via Website“.

 

Danke

 

Roland Geiger

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
E-Mail: rolgeiger(at)aol.com · (c)2009 hfrg.de

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