Schriftzug
Kapellen in St. Wendel -> Die St. Annenkapelle in St. Wendel -> Weiterhin Messen in der leeren Capelle St. Annen?

Brief des Pastors zu St. Wendel an den Erzbischof in Trier,

ob weiterhin Messen in der leeren Capelle St. Annen zu halten           

 

Hochwürdigster Erzbischof

Durchlauchtigster Kurfürst

Gnädigster Herr

 

Durch die Dismembration der Pfarrey Furschweiler ist die St. Anna Capelle in hiesiger Pfarrey zum behuf der zu führenden Gebäulichkeiten dahin bestimmt, wie auch die Glocke daselbst: Die Glocke ist wirklich zu Furschweiler, und die Anna Capelle hat also keine. Theils aus dieser Ursache, theils aus andern glaube ich sie nicht mehr als eine Capellem publicam ansehen zu können, und also als Pastor mit Ehre keinen öffentlichen Gottesdienst mehr halten zu dörfen. Es sind aber in dieser Capelle jährlich einige Messen Ein Amt, nebsten eine Prozession in der Kreuzwoche mit dem Stationsamt gestiftet.

 

Ich habe also unterthänigst anfragen wollen, ob ich ferner in dieser sehr kleinen Capelle, darin kaum 100 Personen stehen können mitten in einer Fluhr, eine starke halbe Stund von hier entlegen, da sie mehr ein gemeines Heiligenhauß ist, und ohne Glocke, die gestiftete Messen und und Aemter halten solle, oder ob ich nicht vielmehr die Paar allda gehaltene Messen, und Aemter in der hiesigen Pfarrkirche halten könne, wodurch wenigstens der Pfarrgottesdienst in seiner Ordnung bleibt, und das weitere Auslaufen verhinderter

 

2tens. Ob ich die in der Kreuzwoche, sonsten dahin gewöhnlich einmal geführete Procession nebst dem Stationsamt, nicht schicklicher nach der eine Viertelstund von hier entlegenen, mehr frequentirten, und mehrere Leute fassenden in aller Ordnung, und Reinlichkeit noch bestehende St. Wendels Capelle führen, und das Amt allda ferner halten solle.

 

3tens. Ist auf St. Anna Tag in der quotierten Capelle allda eine Ablaß, wo wir Morgends alhir in der Pfarrkirche die concurrierende beicht hören, und Communicirend dann von hier dahin mit Kelch und nötigen Sachen gehen, durch Wind, und Wetter, ein Amt halten, wodurch die Andacht in sich nicht gemehret, ja nicht einmal unterhalten wird, vielmehr wenn es regnet, wie verflossenes Jahr, so kann es einen unter dem freien HimmelSstehenden wenig Andacht fördern.

 

Wennoch nun die vorhergehenden Fragen gnädigst entschieden würden, bitte ich auch den auf St. Anna Tag ertheilten Ablaß auf hiesige Pfarrkirche zu transferiren, besonders da das beiliegende Ablaßbreve ohnehin diesen Ablaß ebensogut für hiesige Pfarrkirche als auch für die Capelle zu geben scheint. Wo man gewiß den Pönitenten besser abwarten, und die Andacht feierlicher unterhalten kann.

 

4tens. Seit vielen Jahren ist es hier gewohnlich gewesen, daß täglich Nachmittags 2 Uhr die Vesper gesungen wurde, wie in den Dörffern. Die Ursache dieser Vesper war, weil ehemals die Altaristen sich nicht zum erbaulichsten aufführten, Ihnen dardurch eine Beschäftigung zugeben. Pastor hat schon in der voriges Jahr von Kirchenvorstand eingegebenen Vorstellung seine Meinung darüber geäußert. Aber es waren auch damals 5 Altaristen hier, und jezt mit dem Pastor auch drey. Obschon nun damalen diese Ursachen aufhöret, indem die beiden anderen Altaristen sich sehr auf erbaulich aufführen, und auch andere Beschäftigungen haben, z.b. der eine im Beichtstuhl, und auch wenn ich Ihn anspreche, jährlich bei der Concurrenz der Festtage mit Predigen, so ist jezt noch zu bedenken, daß unserer nur 3 sind, wovon der eine Altarist einen Fehler an der Lunge dermalen hat. 2tens daß der Küster eine sehr schwache Stimme hat.

 

3tens. Das kein Mensch, als nur 2 alte Weiber darein kommen, welche sich während unserem lateinischen Gesang die Langeweile auf eine halbe Stund zu vertreiben suchen.

 

4tens. Daß wenn der Pastor mit Pfarrpflichten beschäftiget oder nur welches gewiß nützlicher und zweckmäßiger seines Amtes ist, mit Besuchung der Kranken, alsdann uns 2 dahin die der die Vesper singen mußten. So hab ich hiermit unterthänigst anzeigen wollen:

 

1mo daß wir auf Anrathen selbst des herrn Hofrathen dahier bei diesen Kriegszeiten wegen bestehender Gefahr einer Verunehrung der Kirche die Vesper eine Zeitlang ausgelassen haben. Hingegen da die Altaristen von der Gegenwart im Hohen Amte frey waren, so halfen sie darin singen, und den Dienst, andacht gewißung (?) genutzet, weil sonsten der Küster manchmal ganz allein die Chor singen mußte.

 

2o Auch hiermit untherthänigst anfragen wie nicht wenigstens bis zur hergestellten Ruhe und Sicherheit in hiesiger Gegend denselben auslassen könnten, doch so das wir in Vigilich fest und Domini, et Beata Virginii die Vesper halten, besonders da wir hier gewiß genug zu thun haben, wenn wir bey der immerwährenden Furcht und Schrecken, den Kopf so viel in Ordnung halten können, daß wir die übrigen uns obliegende Pfarrpflichten gehörig verrichten können.

 

Der in Erwartung der gnädigsten Antwort erstirbt in tiefester Ehrfurcht

 

Euro Churfürstlichen Durchlauchst

 

St. Wendel den 4ten May 1793

unterthänigster u. gehorsamster

M.J. Castello Pastor zu St. Wendel

  

Quelle: Pfarrarchiv St. Wendel, B 28, S. 466-471       

 

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