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Geschichte(n) -> 2015 Gepflegte Konversation am Dom

    Wissen Sie, was ein scheißbehinderter Wichser ist? Nein? Nun, das ist ganz einfach, das ist jemand, der einem sagt, man dürfe nicht gegen die Wand der Kirche pinkeln. Bis vergangenen Freitag wußte ich das auch nicht - also zum einen, was das ist, und zum anderen, daß ich so einer bin. Bis mich am Freitagabend so gegen elf Uhr vor dem Gasthaus „El Corazon“ ein junger Mann eines besseren belehrte. Man lernt nie aus.

    Ich hatte meinen Stadtrundgang als Nachtwächter mit zwei Gästen aus Oberlinxweiler beendet und war mit recht trockener Kehle eingekehrt, um selbige - die Kehle - mit einem kalten bleifreien Weizenbier zu befeuchten. Ich hatte an dem großen Tisch vor dem Eingang platzgenommen - es hatte zwar gegenüber dem Vortag abgekühlt, aber es war immer noch angenehm warm - und saß mit dem Rücken zur Balduinstraße und genoß mein Bier. Plötzlich sagte der Gast rechts von mir mit einem Ton von Entrüstung in der Stimme: „Na, der wird doch nicht … oh, dieses Schwein.“ Ich drehte mich zu ihm hin, folgte seinem Blick und gewahrte oben schon kurz vorgestellten jungen Mann, der schnurstracks aus dem Spinnrad kommend in die Nische rechts des Südturms der Basilika maschiert war und schon im Gehen an seinem Latz herumgefummelt hatte. Jetzt stand er breitbeinig in der Ecke zwischen Turm und Mauer und wollte gerade loslegen, als mir der Kragen platzte.

    Nun muß man wissen, daß ich normalerweise eher zweimal nachdenke, statt mich auf solch ein Abenteuer ungewissen Ausgangs festzulegen, will sagen, an sich bin ich ein ausgemachter Feigling, der seit über 40 Jahren jeder Schlägerei aus dem Weg gegangen ist. Aber es gibt Grenzen. Für den Typen mag das große Gebäude nur eine Mauer gewesen sein, die praktischerweise dort stand, wo er den Druck auf seiner Blase loswerden wollte. Für mich war es ein bißchen mehr. Ich bin nicht der übermäßig große Kirchgänger, das ist es nicht. Gleichwohl ist die Kirche ein Gebäude, an dem ich sehr hänge, vor allem, da ich in den letzten Jahren viele Stunden darin verbracht habe und lange Zeit darauf verbracht habe, ihre Geschichte zu erforschen. Sie steht dort seit über 500 Jahren und hat schon einiges gesehen und einiges erlebt. Es hätte ihr sicher nichts ausgemacht, wenn gegen ihren unteren Rand gepinkelt worden wäre. Aber mir machte es etwas aus. Wie gesagt - es gibt Grenzen. Ich bin oft am Freitagabend in dieser Gegend, vor, während und nach dem Nachtwächterrundgang. Ich habe mir dort schon einiges anhören müssen - von gutmütigen Frotzeleien bis zu höhnischen und verletztenden Äußerungen.

    Und im letzten Winter habe ich schon mal einen jungen Mann angesprochen, der aus dem Spinnrad kam und schnurstracks auf die Mauer zulief, damals auf der anderen Seite des Turms. Der hatte mich verdutzt angeschaut, als ich fragte, was das soll. Und dann verschämt den Kopf gesenkt, seinen Schwanz wieder eingepackt und war wieder ins Spinnrad verschwunden, mit einem gemurmelten „Entschuldigung“ auf den Lippen, als er an mir vorbeischlich.

    Der junge Herr am Freitagabend war anderen Kalibers. Vielleicht lag es daran, daß er sternhagelgranatenvoll war. Als ich aus dem Stuhl auf- und herumfuhr, ihn anbrüllte, was der Scheiß denn bitte soll, und dann ein paar Schritte auf ihn zumachte, schnellte er herum, sprang auf mich los und begann sofort mit wüsten Beschimpfungen. Er begann mit dem üblichen „Arschloch“, was in gewissen Kreisen noch zum guten Ton gehört, und obwohl wir uns uns nicht kannten und sicher nicht auf gleicher gesellschaftlicher Ebene verkehrten, fiel er sofort ins kleingeschriebene „Du“ und fragte lautstark, was denn los sei, was ich denn wolle, ich solle nur herkommen. Da wurde mir klar, auf was ich mich eingelassen hatte, aber zum Zittern hatte ich keine Zeit, das kam erst später. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm entgegnete, aber klein beigeben wollte ich auch nicht. Er kam bis auf Armeslänge auf mich zu und schlug mir mit der flachen Hand auf die Brust, als er plötzlich von einem Begleiter weggerissen und fortgezerrt wurde. Jetzt endlich erfuhr ich, daß ich ein scheißbehinderter Wichser sei. Ich hätte gern mehr gehört, aber er verbiß sich an dieser Bezeichnung und wiederholte sie ein ums andere Mal. Ich wartete noch einen Moment, drehte mich um und ging zum Tisch zurück, wo ich mich niederließ und so tat, als wenn nichts gewesen sei. Meine Hände verbarg ich unterm Tisch und in meinem Umhang. Ich hätte gern etwas getrunken, aber das ging nicht. Aus dem Lokal kam ein junger Mann und fragte die anderen an meinem Tisch, warum sie nicht mal auf die Idee gekommen seien, aufzu- und mir beizustehen. Ich konnte sie nicht dafür tadeln, da ich nicht weiß, wie ich an ihrer Stelle reagiert hätte.

    Die anderen Gäste hatten währenddessen den Abgang des verhinderten Mauerbefeuchters beobachtet, den ich im Hintergrund immer noch schreien hörte. Und plötzlich rief jemand: „Der kommt zurück!“ Seine Stimme wurde lauter, er war immer noch bei seinem Lieblingsspruch vom scheißbehinderten Wichser und kam inhaltlich mit diesem Text nicht voran. Kurz darauf stand er dicht hinter mir, und ich drehte mich nicht um. Jemand vom Tisch sprach ihn an und fragte, was er wollte. Keine Ahnung, was er als Antwort gab. Plötzlich kam die Wirtin nach vorne und sagte ihm in halbwegs ruhigem Ton, er solle verschwinden und ihre Gäste nicht belästigen. Ich fand das sehr mutig von ihr, aber sagte, „“Laß ihn, er ist es nicht wert.“ Was er zu ihr sagte, kriege ich nicht mehr zusammen, aber es war so tiefste Schublade, daß ich fast froh war, daß ihr Mann, der Wirt, es nicht mitbekam, denn der hätte wohl nicht viel Federlesens mit jemanden gemacht, der seine Frau so widerwärtig beleidigte. Wieder zog ihn sein Bekannter weg, und wieder hatten sie den Dom passiert, als er schon wieder zurückkam. Wieder stellte sich ihm jemand von unserem Tisch in den Weg, redete auf ihn ein, obwohl das ziemlich fruchtlos war, denn ich nehme an, daß er gar nichts mehr mitbekam. Er hatte jetzt sein Repertoire gewechselt und erging sich in Spekulationen über die Mutter seines Kontrahenten. Der blieb erstaunlich ruhig, und als den anderen der Bekannte und jetzt auch eine junge Frau wegzerrten, da atmete das ganze Lokal auf. Er kam nicht wieder. Aber als ich eine halbe Stunde später aufbrach und mich mit Hellebarde und Lampe bewaffnete, riet man mir, „unten rum“ zu meinem Auto zu gehen, der Weg durch die Oberstadt sei momentan nicht ratsam.

    Das war wirklich ein interessanter Abend gewesen. Zwei Gäste, eine nette Konversation und einen neuen Begriff gelernt.

    Aus dem Sommer kann noch etwas werden.

 

© Alsfassen, 17ter August 2015

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