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II. Die Wallfahrt zum heiligen Wendelin von Hohengoeft

 

Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in der Gegend von Marmoutier einen zweiten Wallfahrtsort des hl. Wendelin: eine kleine Kapelle auf der Spitze des Goeftberges.

 

Diese Kapelle, die dem heiligen Kreuz geweiht ist, wurde 15 Jahre vor der franz. Revolution errichtet, 1796 verkauft und 1803 der Kirche zurückerstattet. Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Verehrung des hl. Wendelin hinzu.

 

Die "enquete" des Jahres 12 (=1804) erwähnt, daß die Wallfahrt zum hl. Kreuz nur von der Kapelle auf dem Goeftberg aus durchgeführt wird. Jeden Freitag und Samstag fanden Wallfahrten zum hl. Kreuz statt. Statistische Erhebungen im Jahre 1883 zeigen deutlich, daß "die Wallfahrt zum hl. Kreuz zur Anteilnahme, zur Erkundung und zur Verehrung des hl. Kreuzes stattfindet und daß die Wallfahrt zu Ehren des hl. Wendelins für Krankheiten des Viehs jeden Freitag in der Kapelle stattfindet".

 

Diese Erhebungen von 1883 sind das erste offizielle, für die Führungskräfte der Diözesan-Kirche bestimmte Dokument, in dem die Existenz einer Wallfahrt zu Ehren des hl. Wendelins zur Kapelle des Goeftberges erwähnt wird.

 

Geht man nach den offiziellen Kirchendokumenten, begann diese Wallfahrt zwischen 1804 (damals wurden die Ermittlungen des Jahres 12 durchgeführt, in dem die Wallfahrt zu Ehren des hl. Kreuzes erwähnt wird) und 1883 (Ersterwähnung der Wallfahrt in den Statistischen Erhebungen). Oder es gab sie schon vorher, wurde aber von der örtlichen Kirche geheimgehalten aus Furcht vor der Mutterkirche.

 

Auf jeden Fall kam eine neue Wallfahrt zu einer viel älteren dazu, zumal die Pilger, die zum hl. Kreuz zogen, ausdrücklich um Heilung des Viehs beteten - und das schon ab 1666, denn in diesem Jahr grassierte in der Region die Rinderpest. In einer 2. Phase kamen die Pilger dann zu dem hl. Wendelin direkt, dem "Tierspezialisten".

 

Heutzutage noch glauben die Bauern an die Legende des hl. Wendelin, die früher an seinem Gedenktag während der Messe vorgelesen wurde und die angeblich sein Leben beschreibt.

 

Aber wie so oft sind die darin genannten Fakten reine Erfindung; das ist bei dem hl. Wendelin der Fall, wo die historische Realität durch volkstümliche Phantasien verändert und verschönert wird. Vom historischen Teil wissen wir nur wenig, die Legende dagegen birgt viele Details (Quellen: Alois SELZER: Sankt Wendelin - Leben und Verehrung eines alemannisch fränkischen Volksheiligen, Saarbrücken 1936; Louis REAU: Iconograhie de l'art chrètien, T. III, 3e vol, p. 1 341; Alphonse WOLLBRETT: Remarques historiques sur le culte de Saint Wendelin, in BSHASE, "Pays d'Alsace", No 110, I 1980, p. 1-12).

 

Eberwein, Abt des St.-Martinsklosters in Trier, schrieb die Geschichte des im Jahre 596 verstorbenen Erzbischofs Magnerich. Dort wird Wendelin zum ersten Mal erwähnt: wir erfahren, daß er zur Zeit des Erzbischofes Magnerich gelebt hat und daß er in seiner Diözese lebte. Eberwein erwähnt ihn zusammen mit anderen Heiligen dieser Epoche, Heiligen, die Klöstergründer, Bischöfe und Missionare sind, wie z.B. Colomban (530-610) und St. Gall (550-645).

 

Die Legende, die ihn entweder als Mönch, Hirt oder als Bauer beschreibt, spielt eine wichtige Rolle für das Volk, von dem die Legende teilweise ausgeht, aber auch für das Volk bestimmt ist - im Sinne einer Belehrung.

 

Die erste Legende, aus der hervorgeht, daß der hl. Wendelin in Schottland geboren sei, stammt aus dem 12. Jahrhundert. Von adeliger Herkunft habe er auf sein Erbe verzichtet und sei Mönch geworden, habe das Leben eines Einsiedlers geführt und viele Wunder vollbracht. Es gibt etwa 10 Geschichten, eine von ihnen besagt, daß - nachdem der Heilige mit seinem Stock auf einen Felsen schlug - Quellwasser heraussprang.

 

Eine andere Legende stellt ihn als Hirt eines Klosters und als Kellermeister dar. Die deutsche Legende, 1472 in Augsburg gedruckt, beschreibt ihn so, wie er noch heute in unserer Region und anderen deutschsprachigen Ländern verehrt wird. Er soll Ende des 6. Jahrhunderts in der Gegend von Trier gelebt haben und 617 gestorben sein.

 

Vom Königssohn sei er zum Pilger und dann zum Einsiedler geworden, um seine Seele zu retten. Dennach wurde er Abt von Tholey, wo er starb. Am Morgen nach seiner Beerdigung fand man ihn neben seinem Grab. Das wurde sofort als Wunsch des Heiligen gesehen, an einem anderen Ort begraben zu werden. Man legte seinen Leichnam auf einen Karren, der von Ochsen gezogen wurde, und ließ sie einfach loziehen. Die Prozession hielt an dem Ort, der später St. Wendel genannt wurde.

 

Am Kochersberg und im Mourmoutierer Land wird der hl. Wendelin nie als Mönch oder Hirt dargestellt, so wie es die Legende aus dem 13. Jahrhundert will. Aber die Statuen auf dem Hohengoeft und Ottersviller und die Ex-voto von Hohengoeft zeigen ihn als Hirten.

 

Die Darstellung des hl. Wendelin als Mönch - so wie sie in der Legende des 13. Jahrhunderts und in der deutschen Legende am Ende des 15. Jahrhunderts erscheint - ist nun einer Darstellung gewichen, die den Bedürfnissen des Landvolkes angepaßt ist, nämlich die eines Hirten, "der die Herde eines Adligen weiden läßt, und so weit er sie auch wegbrachte zum Weiden, er brachte sie wohlbehalten und pünktlich zum Bauernhof zurück, und wegen seiner Lebensart vollbringt er heute noch viele Wunder. "

 

Die Legende erfüllt einen doppelten Zweck: der Heilige dient als Vorbild, und die, die ihn anbeten, können ihn um um Hilfe bitten, auf die man sich verlassen kann.

 

Wenn die Gebete erhört wurden, schenkten die Pilger "ex-voto" als Zeichen ihres Dankes.

 

"Ex-voto" bedeutet "folgend dem erfüllten Wunsch". Dies war ein sehr oft ausgeübter Brauch des Christentums und bestand darin, eine Gabe auf dem Altare eines Heiligtums darzubieten, um eine Gunst zu erlangen oder um sich bei einem Wohltäter zu bedanken, weil von diesem eine Gunst erwiesen wurde.

 

Man unterscheidet zwischen den "ex-voto", die "dankend" sind, d.h. sie werden als Zeichen des Dankes geschenkt, und denen, die "versöhnend" sind, also um eine Gunst zu erlangen (Quelle: M. MOLLAT: Ex-votos marins du Ponant: catalogue de L'exposition Nantes, Caen, Dunkerque, 1975).

 

Das gilt für Geldspenden, Kerzen, deren Gebrauch in den meisten Wallfahrtsorten üblich ist, oder zerstückelten Gliedmaßen aus Holz (Arme, Beine, Finger), die zu Ehren des heiligen Léger in Reinhardsmünster geschenkt werden, zerschnittene Kröten aus Blech in Bettbur, Holzherzen und Haare in Fessenheim und Kuttolsheim.

 

Diese Gegenstände stellen das Leid des Bittstellers dar, und ihre ständige Anwesenheit am Fuße der Statue des Heiligen sollen ihn an die dringende Notwendigkeit erinnern, sich für die Kranken einzusetzen.

 

Die gemalten Ex-Votos hingegen sowie die Krücken und Gehstöcke, die überflüssig wurden, nachdem der Kranke geheilt wurde, gehören zu den "dankenden" ex-votos.

 

Aus den Zeugenaussagen erfährt man, daß man Darstellungen menschlicher Gliedmaßen und der meisten Organe auf den Altären vieler Kapellen an Wallfahrtsorten findet (Körper von Erwachsenen, Köpfe, Beine, Arme, Hände, Augen, Ohren, Herzen), und man findet auch viele ex-votos.

 

Von den gemalten ex-votos gibt es einige seltene Exemplare in der Region, die den hl. Wohltäter und seine Bittsteller darstellen.

 

Die himmlische Figur, umgeben von einem Heiligenschein, sieht man im oberen Teil des Bildes, nach unten abgegrenzt durch Wolken. Die Menschen und die Tiere befinden sich im unteren Teil des Bildes.

 

In der Kapelle von Hohengoeft gibt es zwei gemalte ex-votos, die erhalten blieben: eines aus dem 19. Jahrhundert, das andere vom Beginn des 20. Jahrhunderts, sowie drei Lithographien. Das ex-voto aus dem 19. Jahrhundert stellt im oberen Teil den hl. Wendelin als Hirten dar, den Hirtenstab in der linken Hand, während er mit der rechten Hand segnet. Der untere Teil des Bildes zeigt eine lichtdurchflutete Landschaft, wo Pferde, Kühe und Schweine weiden, die sehr wahrscheinlich vom wundersamen Eingriff des Heiligen profitiert haben.

 

Auf dem ex-voto von 1912 ist der Heilige nicht mehr auf dem oberen Teil dargestellt getrennt von der irdischen Welt durch Wolken oder eine Lichtaura. Dieses Bild, das ein Bauer aus Saessolsheim schenkte, zeigt uns einen betenden Hirten inmitten seiner Herde. Wer ist dieser Hirte? Der heilige Wendelin oder der Bauer von Saessolsheim?

 

Es ist wahrscheinlich der hl. Wendelin, da in der unteren Hälfte auf der rechten Seite ein Engel die Attribute eines Abtes oder Bischofes trägt: Stab und Mitra. Dies zeigt, daß es in der Volksmentalität zwei Darstellungen des hl. Wendelin gibt: den Hirten und den Abt, und daß sich die Figur des Hirtes durchgesetzt hat. Die anderen ex-votos in der Kapelle des Kreuzes vom Goeftberg sind Lithographien. Diese Bilder des Heiligen zeigen uns nicht die individuelle Absicht und Botschaft des Pilgers. Da sie nur eine stereotypische Illustrationen sind, schildern sie nicht die Notsituationen, die ursprünglich auf den ex-votos dargestellt wurden.

 

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