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Auswanderungen -> 1844 Auswandererbrief aus Amerika

Auswanderung.

 

Den nachstehenden Brief hat Nikolaus Bettendorf, ein Zimmermann aus Crettnach, im Landkreise Trier, der nach Nordamerika ausgewandert war, an seinen Vater Heinrich Bettendorf in Crettnach geschrieben, bei welchem diejenigen, welche die Echtheit des Briefes in Zweifel ziehen sollten, selbst das Original einsehen können. Man hält es für Pflicht, diesen Brief zu veröffentlichen, um diejenigen zu enttäuschen und zu warnen, welche beabsichtigen, ihre Heimath zu verlassen und in Amerika ein Glück zu suchen, welches dort nicht zu finden ist. Der Brief ist wörtlich vom Original abgeschrieben und selbst die Schreibfehler sind nicht abgeändert worden.

 

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Newyork, den 21. Novbr. 1843.

Herzich geliebster Eltern und geschwister

und Schwager.

 

Mit betrübtem Augen und verzagtem Herzen bin ich genöthigt die Feder zu Ergreifen und meinen Geliebte Eltern und familge in Kenntnis zu setzen wie es mit meiner Gesundheit steth, was mich Anbelangt so bin ich Gott sei Dank noch so Gesund wie ein Fisch im Wasser, so wie es auch mein kindlicher Wunsch ist das es auch mit meiner familje sein Möge. bis jetzt kann ich durch Aus nicht Sagen dass es mir gefällt hier

 

Erstlich weil mein Geschäft hier gar nicht geth, diesen verflossenen Sommer habe ich bei einem Herrn gearbeitet welche Backsteine gemacht hat, wo ich den Monadt 20 Gulden verdiente und Arbeitet drei Monatt, weil dieses Geschäft aber nicht länger geth bis Spätjahr, bin ich Genöthigt gewesen, um mich nach nur New-York zuwenden weil die Landarbeit im Winter nicht geth und habe deswegen weil ich nicht Augenblicklich Arbeit bekam 1 Monatd mit Gezwungener weise im Wirzhauße gelegen, welches mich 25 Gulden nach deutschem Gelde gekostet hat und jetzt habe ich freilich Arbeit auf meiner Proveßion, wo ich Aber nicht mehr wie das Leben durch bringen, wofür ich noch meinen lieben Gott dafür Danken dass ich dieses Glück gehabt habe, denn in diesem Land ist es so voller Deutscher wie die Hölle voller Deufel, die keine Arbeit haben es ist so schlecht hier das gewiss in ganz Europa keine Stelle so ist wo es so schlecht ist.

 

Arbeitet man bei jemand so muss man sich noch Gefallen lassen, dass man sein Geld nicht bekommt, denn die Spitzbuberey ist zehnmal größer wie in Deutschland

 

 

offenherzig Gestanden ein jeder deutscher wo über See macht hat mehr Reihe (?Reue?) als wie Hahre auf sein Haupt, die Leute Ach unsre Geliebte Unglückliche Landsleute hat mich Zu mancher zeit Bejammert und bedauert,

 

was die Leute beschissen und betrogen werden Ehe Sie hier her kommen, kann ich gar nicht Beschreiben und kommen Sie hier, so geht das Ehlend erst so guts an, so steth es so voller Mäckler und Spitzbuben, welches aber auch lauter Deutsche sind, dass beynahe kein Mensch über seine Eugen Sache Herr ist und so werden die Leute in die deutschen Wirzhäuser gebracht und werden von einem Tag zum andern verleith, bis das ihr Geld halt alles auf ist,

 

was haben die für antre Wahl, sie können nicht in der Stadt bleiben, Sie machen weiter fort ins Wilte Land wo nichts ist in die Wildniß und des sie auf Orth und stelle ist ihr Geld alle und sind nicht im Stande ihr Wildes Land auf zu Arbeiten und haben kein Aufenthalt und nichts wo sie sich Erst einen Hütgen von Wasen machen um Ihre Nachts Herberge abzustatten so sitze mehr Tausend in Amerika und schreiben nach Deutschland wo vermögente Leute wehren und ist aber nicht und Locken ihre Freunde auch heirher ins Unglück welches ich alles durch Eugen erfahrniß weis und gesehen habe.

 

ich Rathe meinen geliebten Landsleute dass Sie bleiben möchten wo Sie sind

 

ach wie manches Unschuldig Blut sind im Wald und Wildniß wo sie kein Mensch höhren noch Sehen und Wünsten gerne wieder in Deutschland zu sein, wenn sie wieder hinaus konnten.

 

am 3. May bin ich von Barbach abgereisset und kam am 19. May in Havre an und gelegen bis den 10. Juny bis wir Gelegenheit gehabt haben Abzufahren. unsere Reise dauerte es den 18. July bis hier in Newyork angekommen sind. Die Seefahrt ist sehr Gefährlich geweßen, unßer ganzes Schiff ist mit Wasser gegossen gewessen, so das sich keinen Mensch auf der Decker dem Schiffe halten konnte, die Leute mußten alle sehr viel aushalten durch Seekrankheit

 

man kan keinen Menschen das Elend beschreiben was die Leute aushalten glaube ja keiner seine Eugen Leute was Sie schreiben wenn Sie gut Schreiben und Spiegele sich ein jeder an diesem Brief, über See bin ich nicht krank gewesen was aber unter 100 nicht einer aushält wie ich

verflossenen Sommer Gearbeitet hab ist 45 Meilen von Newyork Entfernt im Land aber künftig im Sommer setze ich meine Reise fort Hundert Meilen ins Land um zu sehen wie es in antre städte ist mit meinem Geschäft.

 

Es grüßet Euch meine familje Vatter und Mutter vieltausendmahl und auch alle meine gute Kamerathen und besonders Peter Dewes und Nicolaus Schmidt

 

                        Nicolaus Bettendorf

gebohren in Krettnach 1813 den 15. März.

Attresse Herren Gastwirth Karl Büttner, Washington Nr. 87. abzugeben an Nicolaus Betendorf in New York in Nordamerika, recht bald Antwort.

 

Quelle:

Wochen=Blatt für die Kreise St. Wendel und Ottweiler.

No 8. St. Wendel den 24. Februar. 1844.

 

Gefunden im Landesarchiv Saarbrücken, Notar Ackermann, Nr. 4871 vom 12.03.1844 (die Notariatsakte hat keinen Bezug zu diesem Brief).

 

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Nun, es scheint nur so, dass dieser Brief an seine Eltern nicht das Resultat hervorrief, dass er erreichen wollte. Nikolaus Bettendorf war der zweitälteste Sohn von Heinrich Bettendorf und Angela Schmitt, die beide aus Krettnach nach stammten. Seine Mutter starb 1820, als Nikolaus sieben Jahre alt war; das geschah drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes Heinrich, dem jüngsten von sechs Kindern. Sein Vater heiratete wieder - im Jahre 1822 geht 22-jährige Susanna Franzen aus Krettnach. Aus der zweiten Ehe entstanden 12 Kinder, das jüngste wurde 1844 in Krettnach geboren.

 

Im Jahre 1854 wanderte Heinrich mit den meisten seiner Kinder aus zweiter Ehe nach Amerika aus. Ich vermute, dass seine zweite Frau Susanna zuvor gestorben war. Vermutlich starb sie bei der Geburt ihres jüngsten Sohnes 1844, der tot zur Welt kam.

 

Die ?Andrew Forster? legte am 8. Mai 1854 im Hafen von New York an. An Bord waren:

 

Heinrich             59                           Bauer

Peter                 29                           Bauer

Margarethe         28                           Dienstmagd

Bernhard            24                           Bauer

Johann               22                           Bauer

Josef Jacob         21                           Arbeiter

Maria Catharina   18                           Dienstmagd

Helena               17                           Dienstmagd

Michael              14                           Arbeiter

Angela               12                           Dienstmagd

 

Zwei weitere Kinder waren in Deutschland geblieben

Johann                 geboren 1823

Magdalena           geboren 1836

entweder waren sie schon vorher gestorben oder blieben in Deutschland, weil sie zum Beispiel vor 1854 heirateten

 

Die Familie ließ sich in Milwaukee, Wisconsin, nieder, wo Heinrich 1857 gestorben ist.

 

Mindestens drei der sieben Kinder aus seiner ersten Heirat sind ebenfalls ausgewandert:

 

Matthias, geboren 1815, wohnte in Lockport, Illinois,

Heinrich, geboren 1820, ließ sich in Belle Plainte, Benton, Iowa, nieder.

Ja, und dann natürlich Nikolaus, der den Brief geschrieben hat.

Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

 

In der Volkszählung von 1850 wird in der Stadt Indiana, Allegheny County, Pennsylvania, einen Farmer namens Nicholas Bettendorf genannt. Er ist 37 Jahre und und wohnt hier mit seiner Ehefrau Cibilla, 39 Jahre alt. Beide stammen aus Deutschland.

Bei ihnen wohnt die vierjährige Mary Hoffmann, die in Pennsylvania geboren wurde. In welcher Beziehung sie zu dem Ehepaar steht, weiß ich nicht.

 

Nicholas findet man auch in den Listen der amerikanischen Einbürgerungsakten:

 

Nicholas Bettendorf, Pennsylvania:

Absicht Erklärungen vom 13. Oktober 1851

eingebürgert am 29. Dezember 1854

 

Ganz sicher war sich nicht, ob etwas ist. Aber zumindest passt das Geburtsjahr bei der Volkszählung.

 

Roland Geiger

 

 

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