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Geschichte(n) -> 1860 Über die Eysen baahn in St: Wendel

Über die Eysen baahn in St: Wendel 1860

 

Am 23. Juni 1860 schreibt Anna Maria Steininger (1789-1879) einen Brief an „Herrn Professor J. Steininger Wohlgeboren in Trier“. Sie ist 71 Jahre alt. Ihr Elternhaus steht am Fruchtmarkt, es ist das linke der drei Häuser, die heute das Hotel „Angel’s“ beinhalten. Im Jahre 1809 hat sie den Bierbrauer Peter Keller geheiratet, den Eigentümer des Anwesens, der heute im Volksmund „das rote Haus“ genannt wird und in dem sich heute das „Spinnrad“ befindet. Peter Keller, geb. 1788, ist „heute“ schon seit fast zwölf Jahren tot.

 

Der Briefempfänger ist ihr Bruder Johann Steininger, Lehrer am Königlichen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier. Neben seiner beruflichen Tätigkeit war er aktiver Hobby-Historiker und Hobby-Geologe. Er hat die Gesteinsart bestimmt, die auf der Welt am meisten vorkommt, das Tholeyit. Johann Steininger ist im Laufe der Zeit mehr und mehr erblindet, weshalb er seinen Beruf vor der Zeit aufgeben mußte. Auf die Augenprobleme bezieht sich seine Schwester am Anfang des Briefes.

 

Der Originalbrief befindet sich in meinem Besitz. Ich habe die Orthographie fast originalgetreu gelassen, aber Frau Keller hatte eine Art Komma-Wut, sie setzte bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ein solches. Davon habe ich ein paar weggelassen. In eckiger Klammer habe ich zum besseren Verständnis drei Wörter eingesetzt.

 

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„St. Wendel den 23ten Juny 1860

 

Viel geliebter Bruder!

Ich und alle die Meinigen, die ganze Familie Wünschen Dir Viel

Glück zu Deinem Namens Tage, die Edle Gesündheit, Viel Besserung

für Dein Auge, und daß Du noch Viele Jahre, diesen Tag, in Zufriedenheit

und Vergnügen, möchtest zu bringen, Geschäften wegen, kann jetzt Niemand von uns hier ab kommen, so soll, und will ich Dir, im Namen der Familie,

von uns Allen Viel Glück Heil und Seegen, und alles Gute, was Du Dir

selbsten Wünschest, für Leib, und Seele, das wolle der liebe Gott! Dir zu

Theil werden lassen, und geben.

 

Noch ein besondere Gruß vom Notar, Er sagte mir, das Geld von der Eysen baahn wäre noch nicht bezahlt worden, wenn Er sich etwas herum gearbeitet hätte, dann wollte Er nach Trier reißen, und wollte die Oncklen besuchen,

Jetzt könne Er noch nicht.

 

Was ist Eysen baahn betrifft, Sie wird ziemlich starck befahren, von Fremden, und allerley etc. Ich kann nichts anders als was ich davon höre sagen, denn ich war seit im Herbst nicht mehr vor der Stadt. Ich will mich doch, wie die Luft nicht mehr so rauh und Windig ist, mit jemand von den Meinigen hin gehen, es wäre an das Schlößchen, für den Baahnhoff an gebaut, und ettliche Gebäude für die Waaren auf zu bewahren, und die Werckstädten, seyen so groß angefangen, daß sich bestimmt 300. Mann darinn beschäftigen könnten, die Gebäulichkeiten fiengen an der Tholeyer Straße, wo jetzt von Thomes Haus oder her geht, nächst bey der Johannes Brück, da fiengen die Gebäulichkeiten an bis wo man sich zur Fausen Mühl dreht oder wo man vom Schose [Chaussee] herunter zu der Wies ins Höfgen, und bis auf den Tholeyer Berg, es würde wie ein klein Dörfchen, weil unser Haus höher liegt als die Unter Gaß, wenn sie dann im Kelzweiler bey Weisgerbers durch fahren, so höhren wir sie wenn es still ist, schon Morgens um 5. Uhr schon Pfeifen und fahren, und auch noch Abends um 10. Uhr. es wird Täglich 7. mahl von Neunkirchen bis nach Creutznacht, und wieder zurück nach Neunkirchen gefahren, es ist auch ein Telegraf hier, er geht neben der Eysenbahn von Neunkirchen bey der Bahn hier durch bis nach Creutznach, seit dem die Eysenbahn befahren wird, ist es hier lebhafter wie vor heer, denn weil man in einem Tage weit fahren kann, so kommen Viele Fremden.

 

Wir freueten uns, wenn Sie auch ein mahl wieder zu uns kämen,

Sie könnten ja die Jungfer Theres mit bringen, und so Wünschten wir auch,

daß unser Herr Bruder Canonikus, wo schon so lange nicht mehr hier war,

auch wieder zu uns käme, wir würden uns gewiß darüber sehr freuen,

wenn Sie Vielleicht kommen wollen, so bitten wir Sie, daß Sie uns vorher schreiben, dann könnt ihr einer von meinen Söhnen, oder Kockler Sie abnehmen.

 

Viele Herzlichen Grüße von uns Allen, an Dich, und an Herrn Canonikus,

an die Fräulein M: Hildt, und an die Jungfer Theres.

 

Anne Maria Steininger M.L.

 

Als ich diesen Brief geschrieben hatte, bis zum zumachen,

so gieng zum Notar, weil auch Morgen seyn Namenstag ist,

und heute so warm, und schön ist,

wo wir hier noch nicht Viel so schön Wetter dieses Frühjahr hatten,

und ich nicht immer heraus gehen kann

 

als Notar hörrete daß ich die Eysen noch nicht gesehen hätte,

sagte Er, er hätte so eben ein wenig Zeit, Er gienge mit mir,

es käme so eben ein Zug, so giengen wir mit einander, da sah ich

daß die Gebäude und alles noch größer und Schöner ist,

wie ich im Briefe geschrieben habe, ich konnte mich nicht genug darüber wundern, denn ich hatte mir es nicht so schön gesehen, wie es ist,

man erkennt sich nicht mehr.

 

Ein Gruß von Weisgerber, Sie haben sich recht sehr gefreut,

daß Sie so Freundschafftlich gegen den Karl waren,

Er könnte nicht genug loben.

 

Viele Grüße von uns Allen

A.M. Steininger.“

 

 

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Frau Keller geb. Steininger bezieht sich in ihrem Schreiben u.a. auf ihren „Herrn Bruder Canonikus“ – das war Richard Maria Steininger (1792-1861). Er gehörte bis zu seinem Tod zum Trierer Domkapitel.

Der „Notar“ war ihr eigener Sohn, Johann Nikolaus Keller (1816-1875). Er hatte 1848 Laura Margarethe Jochem (1823-1885) aus dem linken der beiden sog. "Colbus-Häuser" geheiratet (Schloßstraße 2, der Mittelbau des jetzigen „Rathauses am Dom“; hier fand sich dieser Brief beim Ausräumen vor dem Umbau). Keller war zwischen 1849 und 1875 Notar in St. Wendel.

 

Jungfer Theres ist Professor Steiningers Hausmädchen und das Fräulein Hildt seine Köchin und Haushälterin. Sie wohnen bei ihm in Trier bis zu seinem Tod 1874.

 

„Thomes Haus“ ist das heutige Anwesen „Brühlstraße 24“, das zwischen 1839 und 1868 dem Zimmermeister Nikolaus Thome und seiner Ehefrau Katharina Dörr gehörte.

 

Bei der Familie Weisgerber aus dem letzten Absatz könnte es sich um den St. Wendeler Untersuchungsrichter Johann Weisgerber (geb. 1793), später Landgerichtsrat in Saarbrücken, und seine Ehefrau Elisabeth Winterberg (geb. 1808) handeln, die wie ihre drei Kinder Heinrich August, Emilie Catharina Christina und Franz Karl in St. Wendel geboren wurden. Sie sind die einzigen, die ein Familienmitglied namens Karl im für 1860 passenden Alter haben.

 

„Weisgerber in der Kelsweilerstraße“ ist die Familie des Büchsenmachers Anton Weisgerber (1791-1881) und seiner Ehefrau Katharina Steininger (1799-1871)

 

Das „Schlößchen“, das zum Bahnhof umgebaut wurde, war die Sommerresidenz der Herzogin Luise in ihrer Zeit in St. Wendel. Erbaut wurde es während der Regierungszeit von Emil von Coburg (1816-1824). Nach dem Abzug der Coburger 1834 wurde „der Niederweiler Garten mit Pavillon“ im Dezember gleichen Jahres an Johann Balthasar Kirsch verkauft, der aber erklärte, er haben den Kauf für seinen Schwagern, den Herrn Doctor Nikolaus Steininger (1799-1838), praktischer Arzt, und der Ehefrau desselben Helena geb. Kirsch (1809-1838), getätigt. Nikolaus war ein jüngerer Bruder von Johann und Richard Maria Steininger. Das Ehepaar Steininger verstarb im Jahre 1838 binnen zweier Monate und hinterließ keine Nachkommen. Ihr Nachlaß ging an ihre Geschwister. Der Übergang des Geländes von Steiningers an die Eisenbahn läßt sich in den Akten des Notars Keller im Landesarchiv Saarbrücken nicht ausfindig machen; aber es dürfte diese Transaktion sein, weshalb die Brüder Steininger von der Eisenbahn Geld zu bekommen hatten. Das Schlößchen fiel im Sommer 1890 der Spitzhacke zum Opfer.

 

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