Schriftzug

Sr. Wohlgeboren

dem Herrn Professor Steininger

am Gymnasium in Trier

 

Poststempel: Essen 12.8.

 

Lieber Bruder!

 

 

 

 

Ich freue mich sehr, daß dir die Bäder wohl bekommen sind, und daß sich deine Gesundheit immer mehr und mehr befestigt. Es sind auch mehrere Essender in Wisbaden gewesen. Obgleich ich mit allen sehr bekannt und selbst befreundet bin, so habe ich es doch unterlassen dich auf dieselben aufmerksam zu machen, weil es formelle Weltleute sind deren Bekanntschaft für dich wohl schwerlich von Interesse würde gewesen sein. – Wenn unser Bruder Richard bald eine Domherrenstelle bekommen sollte, so würde dies mir das Liebste sein was cih hören könnte. Er würde dadurch auf einmal allen den Unannehmlichkeiten entrissen, die ihm so das Leben verbittern.

Meine Gesundheit ist in diesem Jahr nicht zum Besten. Ich hatte im Winter eine starke Erkältung. Ich suchte den Husten mir durch isländisches Moos zu vertreiben, was mir auch vollkommen gelang, so daß nicht einmal mehr eine Spur von dem Hüsteln übrig geblieben ist, was ich sonst immer hatte. Indessen stellt sich später einiges Blutspeien ein, was sich bis hierhin von Zeit zu Zeit wiederholt, jedoch ohne von Husten oder sonst etwas begleitet zu sein. Ich ließ mich daher für diesen Sommer von einem Drittel meiner Stunden dispensiren. Ich fing an, jeden Abend früh zu Bette zu gehen, im Tage viel zu spaziren, genoß nicht das Geringste von geistigen Getränken, brauchte den ganzen Sommer hindurch Medizin, selbst 2 Monat lang die Molkenkur, und arbeitet nebenher nur das Nothwendigste. So ist denn meine Gesundheit wieder ziemlich hergestellt, und bedarf nur der Zeit und der Ruhe um sich wieder zu befestigen. Ich bin deshalb um Urlaub eingekommen, um vom 1. Sept. bis 1. November ganz frei zu sein. Ich hoffe während dieser Zeit so weit zu kommen, daß ich keine Spur von der früheren Schwäche mehr fühle, und meine volle Stundenzahl ist mir deshalb auf dem neuen Betriebsplan wieder zugetheilt worden.

 

Der Arzt hat mir eine Ferienreise nach Hause untersagt, und zwar aus dem Grunde, weil ich durch die Reise zu viel angegriffen würde und besonders weil ich zu Hause zu viele Veranlassung zum Sprechen, also für die Lunge nicht Ruhe genug hätte. Ich theile ganz seine Ansicht, und werde mich daher in einiger Entfernung von der Stadt auf einem Dorfe einmiethen, um zugleich ungestört zu sein. Ich werde vorzüglich um Milchspeisen zu genießen suchen, und Ende dieses Monats für immer die Medizin daran geben. Meiner Mutter werde ich als Ursache meines Hierbleibens das Arbeiten angeben, und wünsche ich auch, daß du sei sowhl wie auch meine Schwester in diesem Wahne unterhältest, weil sie sonst ohne Nutzen nur in Sorgen und Kummer sein würden. Ebenso bitte ich dich meinetwegen unbesorgt zu sein, weil ich selbst die Gefährlichkeit eines solchen Uebels viel zu deutlich einsehe und viel zu viele traurige Beispiele vor mir habe, um aus eigenem Antrieb nicht alles zur vollkommenen Beseitigung desselben zu thun. Wenn ich mich jetzt nicht schon so ziemlich gesund hielt, würde ich selbst dir nicht das Mindeste geschrieben haben, um dich nicht unnöthiger Weise zu beängstigen, wie es bei solcher Entfernung gewöhnlich der Fall zu sein pflegt. Nun so wünsche ich dir und meinem Bruder dann von Herzen recht angenehme Ferien. Ich hoffe, daß diese deiner Gesundheit wieder sehr förderlich sein werden. Wie es mit mir aussehe, werde ich gleich zu Allerheiligen sehen.

 

 

 

 

Ich grüße euch alle herzlich.

Dein ergebenster Bruder

P.J. Steininger

Essen am 11. August 33

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