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Geschichte(n) -> 1936 Sturm auf das Bliesener Pfarrhaus -> Katharina Weiler als Opfer des Nationalsozialismus

Katharina Weiler als Opfer des Nationalsozialismus Quelle: Landesarchiv Saarbrücken. Antrag auf Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus gemäß Gesetz um 31 Juli 1948 I. Personalien Name und Vorname: Weiler Katharina Geburtsdatum und Ort: 6. Dezember 1889 Ensdorf Beruf am 30. 1. 1933: Pfarrhaushälterin Wohnort 1958: Ensdorf, Stöckenweg 75 Nachweis der saarländischen Staatsangehörigkeit gemäß Paragraph 1 Abs. 4 und 5 des Gesetzes über die saarländische Staatsangehörigkeit von 15. Juli 1948: durch Geburt Name und Vorname der Familienangehörigen: Weiler, Nikolaus, Pfarrer, gestorben 12. Januar 1949, geboren 17. Dezember 1884 Ensdorf Gutachten: Pfarrer Weiler war gegen den Nationalsozialismus eingestellt und ist schwer geschädigt worden. Die beiliegenden Unterlagen weisen dies einwandfrei nach. Die Antragstellerin, eine Schwester des Pfarrers, hat unter diesen Schädigungen und Verfolgungen schwer leiden müssen. Der Antrag wird befürwortet. II. Grund der Schädigung Durch die Ausweisung meines Bruders aus Bliesen im Januar 1939 hatten wir durch die seelsorgerischen Vertretungen für meinen Bruder und seinen Aufenthalt in Trier ohne Einkommen sowie durch den notwendigen Umzug nach Meckel im Juni 1939 eine Einbuße von mindestens 3000 Reichsmark. Durch die Gehaltssperre von 4000 Reichsmark jährlich (April 49 bis Mai 45) eine weitere Einbuße von 20.000 Reichsmark. Als Generalerbin ist deshalb nicht zu verwundern, dass für mich nichts vorhanden ist. Es wäre für mich gesorgt, wenn mein Bruder nicht infolge seiner Zuckerkrankheit, die die Verfolgungen ihm einbrachten, gestorben wäre. Zeitpunkt und Ort der Verhaftung meines Bruders in Bliesen am 3. April 1936 Schutzhaft 3. bis 5. 4. 1936 Meinem Bruder wurde das Gehalt entzogen und die Unterrichtung im Religionsunterricht verboten. Da ich mein Leben lang auf seine Hilfe angewiesen war und bis zum Zeitpunkt dieser Verfolgungen und Schädigungen gut leben konnte, wirkten sich diese Maßnahmen gegen meinen Bruder direkt auch auf mich aus. Wir wussten beide oft nicht, wie wir das Leben überhaupt fristen könnten. Hunger, Not und Entbehrungen wurden unsere stetigen Begleiter. Laut Testament war ich von meinem Bruder als Alleinerbin wegen der Pflege und Sorge, die ich ihm angedeihen ließ, eingesetzt. Durch die Schädigungen im Dritten Reich war mein Bruder gezwungen, sein Vermögen fast restlos zu veräußern, was er mir als Entgelt für die Pflege eingesetzt hatte. Nach seinem Tod hätte ich hiervon leben können, so aber habe ich nichts. Durch die zweimalige Ausweisung meines Bruders sind auch erhebliche Transportkosten entstanden, besonders bei meiner Rückkehr ins Saarland nach dem Tod meines Bruders, die mir nicht entstanden wären, hätte er in seiner Heimat bleiben dürfen. Dabei will ich nicht einmal erwähnen, wie sehr meine Möbel durch diese Transporte gelitten haben. Katharina Weiler. Ensdorf, den 20. Dezember 1949 Stöckerweg 75. Herrn Landrat, Abteilung politisch Geschädigte, Saarlouis. Ich bin geboren am 6. Dezember 1889 in Ensdorf. Ab 1919 führte ich meinem in diesem Jahr verstorbenen Bruder, dem Pastor Nikolaus Weiler, den Haushalt. Von 1919-1930 in Grosskampen, Kreis Prüm, von Februar 1930 bis Mai 1939 in Bliesen, Kreis St. Wendel, und von Juni 1939 bis Juni 1949 in Meckel, Kreis Bitburg. Es ist im ganzen Saargebiet bekannt, wie mein Bruder nach Einzug der Nazis an der Saar 1935 sofort von diesen verfolgt wurde. Am 3. April 1936 wurde das Pfarrhaus von einem SA Trupp nachts gestürmt, Türen, Fenster und ein Teil der Möbel zertrümmert. Mein Bruder wurde verhaftet, aber nach 3 Tagen Untersuchungshaft in der Anstalt Lerchesflur, Saarbrücken, wieder freigelassen. Die Verfolgungen von seiten der Kreisleitung kam nicht zur Ruhe und am 7. Januar 1939 wurde mein Bruder aus dem Saargebiet ausgewiesen. Nach weiteren 5 Monaten erhielt er dann die Pfarrei Meckel, wo er im Anfang dieses Jahres gestorben ist. Infolge der nicht aufhörenden Aufregungen zog mein Bruder sich ein Zuckerleiden zu, an dem er vorzeitig gestorben ist. Im April 1940 wurde ihm das Gehalt gesperrt, was uns damals hart getroffen hat, da der Umzug von Bliesen nach Meckel und der 5 monatliche Aufenthalt meines Bruders in Trier nach der Ausweisung ohne Einkommen die Barmittel bald verzehrt hatten. Ich bin als Generalserbin eingesetzt, was für mich praktisch nicht viel bedeutet. Ich habe einige bescheidene Möbel geerbt, die ich nach und nach zu verkaufen suche, um dadurch zu etwas Geld zu kommen, damit ich nicht verhungere. Das wenige Geld, das wir hatten, ist durch die Umstellung von Reichsmark in den Markt vollends in ein Nichts zusammengeschrumpft. So stehe ich jetzt da als die Leidtragende des Kampfes der Nazis gegen meinen Bruder, dem ich mein ganzes Leben gewidmet hatte und bei dem ich ohne die Verfolgungen eine gesicherte Existenz gehabt hätte Ich stelle hiermit den Antrag, mir die Anerkennung einer politisch im Sinne des Gesetzes verbindlich Geschädigte zu verleihen. Ich bin erst im Juni 1949 im Saarland zurückgekehrt. Katharina Weiler ------------------------------------- Bliesen 21. Dezember 1949. Bescheinigung. Pfarrer Nikolaus Weiler, bis 7. Januar 1939 Pastor in Bliesen, hatte sich in den Jahren 1935 bis 1939 in seinem ganzen Wirken mit aller Macht gegen das Naziregime gestellt, was zur Folge hatte, dass die Gestapo des Öfteren das ganze Pfarrhaus durchstöberte, und schließlich ein SA Trupp am 3. April 1936 nachts das Pfarrhaus zerstörte, die Fenster einschlug und durch die zertrümmerte Haustüre eindrang. Pfarrer Weiler wurde verhaftet und nach der Lerchesflur in Saarbrücken gebracht, von wo aus er am 5. April morgens um 4 Uhr durch einen Gestapo über die Grenze nach Trier befördert und seinem Schicksal überlassen wurde. Wenn er auch am 30. April wieder freigelassen und in seine Pfarrei zurückkehren konnte, so hat man ihn doch dauernd überwacht, bis er am 7. Januar 1939 zum 2. Mal für immer ausgewiesen wurde. Wie allekannt ist ihm im April 1940 das Gehalt gesperrt worden.

 

Durch diese harten Maßnahmen waren Pfarrer Weiler und seine Angehörigen von seiten des Naziregimes schwer geschädigt, und es sind die Voraussetzungen zur Anerkennung im Sinne des Gesetzes für "politisch Geschädigte" in diesem Falle gegeben. Die Richtigkeit obiger Angaben entsprechen der Wahrheit und wird von mir hiermit bestätigt. Der Bürgermeister: Wagner [Dienstsiegel: der Bürgermeister von Bliesen. Kreis St. Wendel] Die oben angeführten, wahrheitsgetreuen Ausführungen werden hiermit von uns bestätigt: Ehemaliger Vorsitzender der CVP Bliesen, Schüler (?) Organist und Küster - Bliesen. JMaurer. ------------------------------------- Der Bürgermeister als Ortspolizeibehörde, Abteilung IV. Ensdorf, den 13. März 1951. [...] Der Verstorbene hat sich von Januar bis Juni 1939 im Kloster der Benediktinerrinnen in Trier - Kürenz aufgehalten und dort ein monatliches Kostgeld von 90 Reichsmark entrichtet. -------------------------------- Bischöfliches Generalvikariat, J. Nr. 2294          Trier, 5. April 1940. Hochwürden Herrn Pfarrer Nikolaus Weiler, Meckel, Kreis Bitburg Unter Bezugnahme auf die Erlasse des Herrn Reichsministers für die kirchlichen Angelegenheiten vom 24.09.1938 - vergleiche KAA 1938 Nummer 286 - und vom 06.01.1940 - I.1833/39, II, III - betrifft Verwendung bzw. Sperre staatlicher Pfarrbesoldungsbeihilfen - hat uns der Herr Regierungspräsident in Trier unter dem 16. 03.1940 U IV mitgeteilt, dass die Bewilligung von Pfarrbesoldungsbeihilfen aus dem staatlichen Besoldungfonds an Sie mit sofortiger Wirkung einzustellen ist. Zu unserem Bedauern sind wir deshalb nicht in der Lage, Ihnen die Besoldungsbeihilfe ab 01.04.1940 weiter zu überweisen. Der bischöfliche Generalvikar I.V. Domkapitular (Unterschrift) ----------------------------- Bischöfliches Generalvikariat          Trier, den 4. März 1939 Herrn Pfarrer Weiler, Hochwürden, Trier-Kürenz Unsere bisherigen Bemühungen, Ihre Rückkehr auf die Pfarrstelle zu erreichen, sind erfolglos geblieben. Das Staatspolizeiamt in Berlin hat mitgeteilt, dass Ihre Ausweisung nicht zurückgenommen werden könne. Wir haben darauf eine neue Eingabe an den Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten gemacht, glauben aber, dass ein Erfolg nicht zu erwarten ist. Unter diesen Umständen sind wir damit einverstanden, dass Sie sich nunmehr um eine andere Pfarrstelle bewerben. Ohne jede Verbindlichkeit geben wir Ihnen an, welche Pfarrstellen zur Zeit frei sind: Nittel, Kues, Merzig-St. Peter, Bundenbach, Kapellen-Stolzenfels, Irrel, Laufersweiler, Wolmmerath, Schillingen, Ayl. i.V. (Unterschrift) -------------------------------- Der Bürgermeister Ensdorf-Saar, den 5. Februar 1954 an das Versorgungsamt in Saarlouis. Fräulein Katharina Weiler wohnt zusammen mit ihrer Schwester im elterlichen Wohnhaus in Ensdorf, Stöckerweg 75. Im Wohnhaus befinden sich insgesamt 6 Räume, von denen jedoch nur 4 benutzt werden. Die übrigen 2 Räume sind mit Möbeln zugestellt, so daß diese Räume dem Wohnungsmarkt entzogen sind. Würde Fräulein Weiler diese Möbel verkaufen oder sonst wo unterstellen, so könnte sie 2 Räume an Wohnungssuchende vermieten. Weil sie dies nicht tut, bleibt es bei 1500 Francs Mietwert der eigenen Wohnung. (Unterschrift) ------------------ Betrifft Sterbefall Möchte der Verwaltung mitteilen, dass Fräulein Katharina Weiler, geboren 06.12.1889, wohnhaft in Ensdorf, Stöckerweg 75, am 6. April 1979 verstorben ist. Mit freundlichen Grüßen Der Bevollmächtigte der Verstorbenen

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