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Geschichte(n) -> 2008 Montagabend in St. Wendel.

Montagabend in St. Wendel.

 

Gesehen und geschehen in St. Wendel

am Montag, 17. März 2008, um 21:23 Uhr.

 

Der Beobachter kommt aus dem evangelischen Gemeindesaal, wo gerade die Probe des Posaunenchors zu Ende gegangen ist, und schlendert - mit Posaunenkoffer, Notentasche und Posaunenständer bewaffnet - zu seinem Auto, um alles auf dem Rücksitz zu verstauen. So wie jeden Montagabend in etwa um die gleiche Zeit, plus-minus ne halbe Stunde. Grad hat er sein Auto erreicht, das auf dem Parkplatz vor dem Gemeindesaal parkiert ist, als ihn laute Rufe, will nicht schreiben: lautes Geschrei, innehalten läßt. Sein Blick wendet sich in Richtung des Rathauses Eins gegenüber, wo die Quelle des Lärms zu suchen zu sein scheint. Sein Blickfeld ist begrenzt, eine scharfe Linie entlang der Vorderseite des Turms der Kirche hinüber zum Vorplatz des Rathauses.

 

Wie ein Rudel wilder Wölfe brechen vier dunkle Gestalten durch diese Linie. Sie rennen torkelnd auf den Platz. Einer von ihnen hat das Kinderkarussel - vom Ostermarkt übriggeblieben - entdeckt, das dort verloren herumsteht und auf seine Demontage wartet. Die kleinen Pferdchen haben es ihm besonders angetan. Er springt rittlings auf das eine drauf und versucht, es durch rhytmische Bewegungen seiner Körpermitte zum Losspringen zu animieren. So erscheint es dem Betrachter auf den ersten Blick. Obwohl, das sieht aus, als wollte er mit dem Vieh …

 

"Jaaa", ertönt es mit dunkler Stimme in gutturalem Tone, und spätestens jetzt wird auch dem letzten nichtsahnenden Beobachter klar, daß der, der diesen Urschrei gerade fliegen ließ, sternhagelgranatenvoll ist. "F…" und der Rest des Wortes macht klar, daß es sich um eben jenes Wort handelt, das jeder kennt, viele - gedankenlos oder auch nicht - durchaus im Munde führen, das aber offiziell so verpönt ist, daß es bewußt nur ungern verwendet wird. Es kommt eigentlich von "hin- und herfahren", und das Grimmsche Wörterbuch läßt sich in fünf oder sechs Spalten darüber aus, davon drei Zeilen über die vulgäre Bedeutung, die übrigens bis ins Mittelalter zurückreicht.

 

Mittlerweile sind die Begleiter des Zureiters auf den Schloßplatz gelangt, haben ihren Weg laut brüllend (Worte sind nicht dabei, jedenfalls keine ins Deutsche übersetzbaren) zwischen den Buden gesucht und wohl auch gefunden, tauchen ab und zu zwischen denselben auf und verschwinden dann vorm Cafe Manin, wo sie innehalten. Und dann erschallen die anderen beiden identifizierbaren Worte während dieser kurzen Zeit der Weltgeschichte, die unserer Betrachtung unterliegen. "Sämmie, kumm!" Könnte auch "komm" gewesen sein, aber das "u" ist gutturaler und damit wahrscheinlicher.

 

Sämmie, der stolze Reiter, hat mittlerweile eingesehen, daß das Hartplastik-Hottehü seiner Libido nicht gewachsen ist. Er springt herunter, landet auf den Stufen des Karussels, kommt ins Stolpern und damit in Fahrt, d.h. er gewinnt an Geschwindigkeit. Diese gedenkt er wohl zu nutzen. Er schnellt los in Richtung Schloßplatz, um seinen Kumpels zu folgen. Da zwischen den Buden hindurch und dann …

 

Rumms.

 

Der Beobachter, der sich wieder seinem Auto zugewandt hat, hört den dumpfen Schlag und dreht sich wieder in Richtung des Geschehens, weil er annimmt, daß Sämmie mit der flachen Hand eine der Buden malträtiert hat. Der Beobachter wartet darauf, Sämmie zwischen den Buden wieder auftauchen und verschwinden zu sehen. Aber da ist nur erhellte Dunkelheit zwischen den Buden - kein Sämmie. Der Blick wandert zurück vor die Buden - oha. Ein körperlicher Kontakt ist tatsächlich eingetreten, aber nicht mit der flachen Hand. Es war wohl eher ein Ganzkörperkontakt.

 

Sämmie liegt flach auf dem Rücken vor der vordersten Bude. Die Arme und Beine weit ausgebreitet, im wahrsten Sinne des Wortes platt. Die Geschwindigkeit war gut, die grobe Richtung auch, aber die hat wohl nicht ausgereicht. Es fehlten wohl auch nicht ein paar Grad, deren Abweichung auf weite Strecken oft zur Katastrophe führt. Hier fehlten richtig viele Winkelgrade, vielleicht auch weil die Strecke so kurz war.

 

Wieder rufen die Kameraden, und Sämmie hebt den Kopf. "Üöh-ääh", eindeutig keine zuordenbaren Wörter. Der Beobachter will schon alles stehen und fallen lassen, um zu Hilfe zu eilen, als Sämmie taumelnd auf die Beine kommt. Er ruft nach seinen Kumpeln, aber die verstehen ihn wohl nicht.

 

Kunststück. Sämmies Feinmotorik ist jetzt völlig ausgefallen, er dreht sich ein paar mal im Kreise, lokalisiert erst mal oben und unten, macht ein paar Schritte - und steht wieder an der Bude. Der Aufprall hat ihm nicht den Alkohol aus dem Blut, aber wohl das Harn aus der Blase getrieben. Er lehnt sich mit dem Kopf an die Budenwand, fummelt am Hosenschlitz herum und läßt dann einfach laufen. Macht wohl jetzt eh keinen Unterschied mehr. Dann findet er den Weg um die Budenecke und torkelt seinen Kumpels hinterher. An der Ecke Schloßplatz-Bahnhofstraße verschwinden sie in der Dunkelheit und aus dieser Geschichte, die auch bald zu Ende sein wird. Versprochen.

 

Der Beobachter - breit grinsend angesichts der unerwarteten Showeinlage - sieht einen Kleinbus der Polizei, der leise auf den Schloßplatz rollt, unten am Brunnen vorm Manin wendet und dann durch die Schloßstraße Richtung Oberstadt preschend in der Nacht verschwindet.

 

Damit ist der Spuk vorbei.

 

Montagabend in St. Wendel.

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