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Krieg in der Luft -> B-17-Absturz am 5. April 1945 nahe Kirn -> Ein Brief aus Amerika

Glenn Killius, Clawson, MI, am 26.12.1996:

 

vielen, vielen Dank für Ihren Brief und die Kopien, die Sie geschickt haben. Mir wurde vor langer Zeit gesagt, es gäbe keine Aufzeichnungen über den Verlust unseres Flugzeuges, deshalb sind dies großartige Neuigkeiten. Ich wußte bisher noch nicht einmal die Nummer des Flugzeuges, das wir an jenem Tag flogen.

 

Ich füge einen Teil eines Briefes bei, den ich für einen Mann vorbereitet habe, der sich in unserer Gruppen-Geschichte engagiert. Es war ein Tag, den ich niemals vergessen werde. Ich hatte die Gelegenheit, mich am 50. Jahrestag mit anderen Betroffenen zu unterhalten, und es war in meinem Gedächtnis, als ob es gestern gewesen wäre. Es gab Jahre, in denen hatte ich immer wieder schlechte Träume, sogar Alpträume, davon ...

 

Es ist sehr interessant zu erfahren, welches Interesse Ihr Leute zeigt. Ich wollte immer mal nach Kirn zurückkehren und vielleicht jemanden finden, der sich an diesen Tag erinnert, aber ich spreche eure Sprache nicht, so daß ich es niemals versuchte. Wenn Sie mich mit jemanden in Kontakt bringen könnten, würde mich das sehr freuen.

 

Ich stellte Fragen, wo die Leichen meiner Crew-Kameraden begraben sind, aber ich habe nichts erfahren. Ich besuchte den Militärfriedhof von Luxemburg, aber dort liegen sie nicht, deshalb vermute ich, daß man ihre Überreste nach dem Krieg nach hause brachte.

 

Es interessiert Sie vielleicht, daß meine Großeltern väterlicherseits aus Baden stammen. Mein Großvater war von Wagenstadt, meine Großmutter von Heinshein. Sie wanderten 1865 in die Staaten aus.

 

Noch einmal danke für Ihren Anruf, den Brief und die Informationen. Wenn ich Ihnen noch weiter helfen kann, schreiben Sie mir bitte. Ich habe diesen Brief auch an William Herwig, unseren Tail-Gunner, weitergeleitet.

 

 

Briefauszug:

 

Doch jetzt zum 5. April. Unser Ziel war der Flugplatz für Jets außerhalb von Nürnberg. Beigefügt ist eine Empfehlung, die wir gemeinsam für Sgt. Garbiero ausgestellt haben. Ich glaube aber nicht, daß darauf etwas folgen wird.

 

Wir stiegen bei dichter Wolkendecke auf und sahen nichts außer Wolken, bis wir über Frankreich die Höhe von 20.000 Fuß erreicht hatten. Wir gehörten zur Low Squadron. Wir fanden die Führungsmaschine durch die Signalraketen, aber als wir um das Funkfeuer #6 unsere Kreise zogen, begannen sich die Kondensstreifen zu formen, und schließlich waren wir völlig von Wolken umgeben. Der Pilot zögerte damit, irgendwelche Manöver durchzuführen, und Funkstille wurde gewahrt. Das dauerte ein paar Minuten an, bis wir uns entschieden zu steigen. Als wir uns schließlich von den Wolken gelöst hatten, war kein anderes Flugzeug in Sicht. Wir flogen ein paar Minuten im Kreis, bis schließlich Lt. Martinson entschied, bis zum Ziel weiterzufliegen. Der Navigator gab ihm einen Kurs, und wir flogen nach Osten, obwohl es keine visuellen Richtungspunkte gab. Gegen 11.00 Uhr morgens schließlich fragte der Pilot nach einem Rückkehrkurs nach England, was uns wirklich erleichterte. Wir waren auf 27.000 Fuß Höhe gestiegen, um aus den Wolken herauszukommen, aber wir flogen immer noch durch hohe Wolkenberge. Wir wollten nahe bei den Wolken bleiben für den Fall eines feindlichen Jägerangriffs. Als wir aus einer dieser Wolkenschichten herauskamen, sah ich die B-17-Formation direkt vor uns, als Dan auch schon ausrief "Flugzeuge auf 12-Uhr". Der Pilot machte einen scharfen Dreh nach links und brachte das Flugzeug in einen steilen Sinkflug (Tauchflug). Ich konnte die Zentrifugalkraft spüren, als wir in den Sinkflug gingen, deshalb stieg ich vorsichtig aus meinem Geschützturm. Ich sah, wie sich Teile der linken Tragfläche abschälten, als Hank verzweifelt versuchte, aus dem Sinkflug wieder herauszukommen, und wußte, daß wir das Schiff aufgeben mußten.

 

Ich konnte meinen Brustfallschirm an einem Haken befestigen, dann blockierte meine Sauerstoffmaske den Blick auf den anderen Haken, so daß ich die Maske auszog mit der Absicht, den anderen Haken einzuhaken und mich zum nächsten Ausstieg zu begeben (ich glaube, ich wollte nicht den Bombenschacht benutzen, da wir noch unsere volle Bombenlast hatten). Ich wurde sofort bewußtlos, und das nächste, woran ich mich undeutlich erinnere, war, daß ich auf der Leiste stand, wo ich vorher gesessen hatte und sofort bemerkte, daß über meiner linken Schulter Tageslicht zu sehen war. Dann war ich draußen, und es herrschte Totenstille. Ich versuchte immer wieder, auch den anderen Haken einzuhängen, während ich nach unten fiel, aber er wollte nicht halten. Schließlich konnte ich ihn doch sichern und zog die Reißleine.

 

Ungefähr zu dieser Zeit war ich aus den Wolken heraus und sah einen Fluß, der wie der Rhein aus 20.000 Fuß Höhe aussah. Ich sah drei andere Fallschirme. Ich dachte, wir wären doch mit der anderen Formation kollidiert, und war sicher, die anderen Schirme gehörten zu einem anderen Flugzeug.

 

Ich schien dort ein Leben lang zu hängen, aber plötzlich traf ich den Boden mit einer peinlichen Drei-Punkt-Landung (in sitzender Position). Ich befand ich oben auf einem kleinen Hügel, ohne daß eine Deckungsmöglichkeit in Sicht war. Ich sprang aus meinem Schirm, und plötzlich rannte ein deutscher Junge den Hügel hinauf und rief: "Amerikaner!" Dann - ein Gewehrschuß zischte über meinen Kopf, und eine Abteilung GIs rannte auf mich zu (sie dachten, wir wären deutsche Fallschirmjäger - wegen unserer grünen Fliegerkombis). Man brachte ich mit dem Jeep in die Stadt Kirn, wo ich den Co-Piloten traf. Man sagte uns, daß Herwig und Gentzle verletzt waren und direkt ins Hospital gebracht wurden. Der Co-Pilot (Jones) und ich erhielten ein Mittagessen (ich hatte überhaupt keinen Appetit).

 

Der Offizier vom Dienst schlug vor, wir sollten nach Trier fahren, wo es einen kleinen Flugplatz gab, und dort auf einen Rückflug nach Trier warten. Als wir jedoch Trier erreichten, war diese Einheit schon weitergezogen. Wir wurden bei einer rückwärtigen Infantrie-Wacheinheit untergebracht, die am nächsten Morgen ebenfalls weiterzog. Sie nahmen uns bis zu einer großen Straßenkreuzung mit, von wo wir per Anhalter auf einem Waffentransport nach Luxemburg-Stadt fuhren. Niemand machte sich viel Mühe, uns zu helfen, da wir keine Papiere hatten (wir sagten ihnen, wir hätten nicht genug Zeit gehabt, um unsere Marschpapiere auszufüllen, bevor wir das Flugzeug verlassen mußten). Schließlich stimmte ein Nachschub-Mann zu, uns mit Fliegerjacken, Schuhen und einer Eisenbahnfahrkarte nach Paris auszustatten (wir bekamen das nur, weil Jones Offizier war und den Aushändigungsnachweis unterzeichnete).

In Paris liefen wir uns die Hacken wund, bis irgendein Offizier sich an einen Ort für im Einsatz vermißte Flieger erinnerte. Er fand heraus, wo das war, und brachte uns mit der Metro zum Hotel Francia in der Rue Lafayette Nr. 100, wo wir ein Zimmer mit einem richtigen Bett und Badezimmer erhielten! Es war Samstag, 7. April, und da das Verbindungsflugzeug am Sonntag nicht flog, blieben wir dort bis Montag, dem 9., als man uns zum Flughafen brachte, in einer C-47 für den Rückflug über den Kanal unterbrachte und uns eine Rückflugkarte gab.

 

Als ich zurückkehrte, stellte ich fest, daß Lt. Druhots Crew, mit der wir unser Quonset-Hütte geteilt hatten, am 7. April abgeschossen wurde. Sie sprangen alle sicher ab und wurden gefangengenommen, aber kurz danach durch alliierte Streitkräfte wieder befreit. Ich verbrachte eine Woche "Flak-Urlaub" in Henley-on-Thames und flog dann einige Übungsmissionen mit anderen Reservebesatzungen, aber der Krieg ging zu Ende, bevor ich wieder an einem Kampfeinsatz teilnehmen konnte.

 

Ich flog im Flugzeug #5984, das den Namen "The Bad Penny" (der falsche Penny, der immer wieder zurückkehrt) trug, in die Staaten zurück. Wir verließen Station # 134 am 6. August, flogen über Prestwick in Schottland, Meeks Field auf Island und Goose Bay auf Labrador zurück und landeten am 10. August in Bradley Field in Connecticut.

 

Über meine Crew: Martinson, Beletzky, Lockstead, Price und Garbiero waren im Einsatz gefallen (KIA). Das letzte, das Jones von Martinson sah, war, daß er versuchte, seinen Fallschirm unter dem Sitz hervorzubekommen. Helen Martinson sagte mir später, daß seine Eheringe schlimm verbogen waren, als sie sie zurückerhalten hatte. Gentzle kehrte nach Chicago zurück, heiratete und kaufte eine Tankstelle. Ich besuchte ihn einmal in den Fünfzigern, und er starb kurz darauf. Herwig lebt heute in Aurora, NC 27806, Route #1, Box 50. Jones heiratete und hat ein Kind, aber ich habe schon über 20 Jahre lang nichts mehr von ihm gehört.

 

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
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