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Krieg in der Luft -> Der Mut, den man braucht

Der Mut, den man braucht

(Need of Courage)

 

von Gene Carson

 

Die Umstände sprachen gegen das Überleben. Die Unterlagen zeigen, daß während des Krieges bei der 388th Bomb Group 450 Flugzeugbesatzungen (zu je zehn Mann) nacheinander im Einsatz waren. Von diesen kehrten 141 Besatzungen nicht mehr vom Feindflug zurück. Nicht alle starben, einige wurden Kriegsgefangene, und - aber das sind Ausnahmen - einige wenige entgingen der Gefangennahme. Die Unterlagen zeigen außerdem, daß die 388th Bomb Group während der ersten 100 Einsätze 83 Besatzungen verlor. Bei den nächsten 206 Einsätzen lag der Verlust bei 58 Besatzungen.

 

Vom 8. bis zum 14. Oktober 1943 - also innerhalb von 6 Tagen - verlor die gesamte 8. US-Luftflotte etwa 140 schwere Bomber (B-17 und B-24). Diese Statistiken sind ein guter Anlaß, einmal über die Überlebenschancen nachzudenken.

 

Jeder Einsatz wird am besten als "intensiv" beschrieben. Stellen Sie sich vor, wie Sie einen dunklen, engen Geländestreifen entlang rollen, bevor Sie mit voller Bombenlast abheben und vorsichtig der Maschine unmittelbar vor Ihnen folgen. Es geht nur im Schrittempo voran, bis Sie die Rollbahn selbst erreichen. Dort werden die Motoren kurz hochgejagt. Der Pilot reiht sich auf der Rollbahn ein. Das Heckrad wird fest eingerastet, und langsam wird Vollgas gegeben. Genauso langsam nimmt der schwerfällige Vogel Fahrt auf, während die Propeller von einem Dutzend anderer Flugzeuge vor Ihnen starke Turbulenzen hervorrufen, die die Stabilität Ihrer Maschine beinträchtigen. Der Tag ist noch nicht angebrochen, und dicker Nebel liegt über dem Platz. Die Augen des Piloten sind starr auf seine Instrumente gerichtet. Der Copilot richtet seine volle Aufmerksamkeit auf die Leistung aller vier Motoren. Er ist darauf vorbereitet, sofort und bei der kleinsten Unregelmäßigkeit zu reagieren. Der Bordingenieur (der hinter den Pilotensitzen steht) ruft die Geschwindigkeit aus. Nachdem drei Viertel des Weges auf der Rollbahn zurückgelegt sind, ruft er "100", dann "105" und "110". Jetzt muß der Vogel in die Luft. Der Co-Pilot fährt das Fahrwerk ein, um den Luftwiderstand zu reduzieren. Die Geschwindigkeit steigt langsam, die Klappen werden eingefahren. Bei 145 steigen wir konstant und beständig bis zu einem Minimum von 500 Fuß (165 Meter).

 

Zu unserer Rechten steigt ein helles orangenes Glühen vom Boden auf. Jemand hat es nicht geschafft. Die Sicht ist gleich Null, man sieht nur einen weißen, undurchdringlichen Vorhang. Dann - immer noch streng nach den Instrumenten - beginnt der Pilot eine Kurve.

 

Meistens werden die Starts bei minimaler Sicht in den Stunden kurz vorm Sonnenaufgang durchgeführt. Es gibt keine Radarüberwachung durch den Kontrollturm. Während des blinden Steigens durch diesen weißen Vorhang schaut jedes Besatzungsmitglied  suchend ins Leere, sucht nach dem schreckenverkündenden Schatten irgendeines der vielen anderen Flugzeuge, die sich mit uns den Himmel teilen und tun, was wir jetzt auch tun. Jeder ist bis aufs Äußerste angespannt und wartet darauf, den oberen Rand dieses riesigen weißen Vorhanges zu durchbrechen in den klaren blauen Himmel hinein, um sich dann zu einer Formation zu versammeln. Einige schaffen das nicht immer. Sie verirren sich hoffnungslos und finden nie die Formation. Andere finden einen anderen Bomber, was den Totalverlust von 20 Männern zur Folge hat, zehn in jedem Flugzeug.

 

Abstürze beim Start passierten oft, Kollisionen mitten in der Luft wurden erwartet, und bei Fortschreiten des Einsatzes in feindliches Territorium hinein fanden sowohl die deutsche Luftwaffe als auch die Flak-Batterien auf dem Boden ihre Ziele, und Flugzeuge stürzten unkontrolliert ab oder explodierten in der Luft. Diese furchtbaren Jägerangriffe und das treffsichere Flak-Feuer dünnten unsere Formationen aus, bevor wir noch das Ziel erreichten. Was einmal ein Bomber mit einer Besatzung von zehn Mann gewesen war, wurde blitzartig zu einem Feuerball und schwarzem Rauch, mit Körpern und Trümmern, die in alle Richtungen davonstoben.

 

Erfahrene und furchtlose Jägerpiloten der Luftwaffe stürzten sich aus allen Richtungen auf uns und demonstrierten ihre hervorragenden Fähigkeiten und ihre Verbissenheit, um uns kurz vor dem Ziel aufzuhalten. Es gab damals noch keinen Jägerbegleitschutz über große Entfernungen hinweg. Wir waren dort, und die Luftwaffe war dort, und viel zu oft blieben viele von uns für immer dort.

 

Für diejenigen von uns, die gegen die Piloten der Luftwaffe und die fabelhaften Flak-Kanoniere des Dritten Reiches flogen, tickten die Uhren schon, als unsere letzten Tage immer näher rückten. Aber wir haben Erinnerungen, Erinnerungen, mit denen wir Tausende von Geschichten erzählen könnten. Erzählungen ähnlich der, die Sie jetzt hier lesen. Es sind Erinnerungen an Fähigkeiten, Mut und Wagnisse; Erinnerungen an den Versuch zu überleben und auch Erinnerungen an schöne Zeiten zwischen dem Fliegen und dem Sterben. Flugzeugbesatzungen lebten und starben in wesentlich sauberer Umgebung als die Soldaten auf dem Boden.

 

Wenn wir Glück hatten, kehrten wir abends zu sauberen Betten und zu einer heißen Mahlzeit zurück. Andererseits hatten wir keine Unterstände oder Bunker, in denen wir Schutz suchen konnten. Wir hatten nur die Haut unserer Flugzeuge als Schutz, eine Haut, die man mit einem Büchsenöffner hätte aufreißen können. Wenn unser dünnhäutiges Flugzeug durch einen Treffer beschädigt wurde, konnte eine Besatzung Glück haben und genügend Zeit, um mit dem Fallschirm über feindlichem Gebiet abzuspringen. Aber ein solcher Sprung bedeutete fast immer Gefangenenlager und möglicherweise den Tod. Hatten wir einen erfolgreichen Einsatz beendet, erwartete uns, wie der Hund in Pavlovs Experiment, ein großer Schluck Whisky im Besprechungsraum. Manchmal brauchten wir auch mehr als nur einen Drink, und unser verständnisvolles Personal vom Nachrichtendienst verstieß stillschweigend gegen die Vorschriften..

 

Wir benannten unsere Flugzeuge nach Frauen, Plätzen, Tieren, Menschen und Dingen. Wir tranken viel warmes Bier, lernten Tee zu trinken, Hokey-Pokey zu tanzen und den Damen unseres Gastlandes den Hof zu machen. Wir erfuhren die Warmherzigkeit und Freundschaft der Briten, genossen die Wunder, die das Land zu bieten hatte, und erfanden ein paar neue Wunder eigener Art, als wir schönen Sehenswürdigkeiten und Nächte des Picadilly Circus als Zuschauer und Mitwirkende genossen. Da gab es das Windmill Theater, das niemals zumachte, und das nette Rainbow Corners der USO nahe dem  Picadilly Circus, wo Fred Astaires Schwester Adele unermüdlich als Freiwillige arbeitete.

 

Zwischen den Einsätzen hatten wir ein gutes Leben, aber an Einsatztagen wachten wir in der Feuchtigkeit des Morgengrauens auf im vollen Bewußtsein, daß wir im Begriff waren, einem mächtigen Feind gegenüberzutreten. Wenn ich mich zurückerinnere, weiß ich, daß ich Angst hatte und das mit gutem Grund. Wir traten gegen die besten Jägerpiloten der Welt und gegen extrem treffsicheres Flakfeuer an. Jeden Einsatz flogen wir in dem Bewußtsein, daß es der letzte sein könnte. Es gab keine Sicherheit, daß wir das Morgen erleben würden, wir lebten nur für das Heute.

 

 

Die Menschen sprechen von Mut. Ich bin mir da nicht so sicher, was Mut betrifft. In Streßsituationen, wenn es so aussieht, als ob man nur noch ein paar Minuten zu leben hat, geschehen seltsame Dinge. Wer kann einem den Mut geben oder einen dafür trainieren, was zu tun ist, wenn eine 20-mm-Granate ein faustgroßes Loch in die Windschutzscheibe stanzt und den Cockpitbereich mit Splittern übersäht?

Wer kann einen darauf vorbereiten, was zu tun ist, wenn abgetrennte Sauerstoff- und Hydraulikleitungen mit unvorstellbarer Intensität zu brennen beginnen direkt neben einer Kiste mit Leuchtmunition?

 

Und ich bin mir nicht sicher, ob das Mut ist, wenn du trotz unbeschreiblicher Schmerzen durch deine Verletzungen weiter um dein Überleben kämpfst.

 

Solche Augenblicke verlangen keinen Mut, sie erfordern Handeln.

 

Da ist keine Zeit für Mut.

 

Der nächste Tag verlangt Mut.

 

Es kommt der Tag, nachdem du in dein Quartier zurückgekehrt bist und dort vierundzwanzig leere Betten vorgefunden hast und den Zahlmeister, der die persönlichen Sachen deiner Freunde einsammelt. Die Nacht ist lange und einsam, schlechte Träume und Gedanken reißen dich aus dem Schlaf.

 

Du weißt: du wirst im Morgengrauen wieder fliegen.

 

Und wieder dort hinauszugehen am nächsten Morgen - das erfordert Mut.

 

 

(Auszug aus "Bandits on twelve o'clock" von Gene Carson, Hawaii, USA; eigene Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Verfassers)

 

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