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Familie Eugen Berl in St. Wendel

von Dr. Margarete Stitz, St. Wendel

 

 

 

Die Erinnerung an den jüdischen Kaufmann Eugen Berl (1870-1936) lebte in St. Wendel seit etwa 1980 wieder auf. Er stand seinerzeit der Synagogengemeinde vor, engagierte sich als Kommunalpolitiker und bereicherte das Musikleben der Stadt. Inzwischen ist ihm ein Gedenkort gewidmet, und der „Eugen-Berl-Preis für Menschen mit besonderer demokratischer und toleranter Gesinnung“ wurde schon mehrfach verliehen. Am 26. Februar dieses Jahres erhielt ihn eine Projektgruppe des Gymnasium Wendalinum, die das Schicksal von Eugens Sohn Fritz (1925-2000) zu intensiven Forschungen angeregt hatte. Mein Vater Dr. Peter Stitz war Fritz Berls Lehrer, als dieser 1938 unter widrigsten Umständen die Schule verlassen musste, und hatte mir davon erzählt, so dass ich 1981 dessen Besuch in St. Wendel aufmerksam verfolgte und die Erinnerungskultur seit 2014 mit eigenen Untersuchungen begleitete. Dabei beeindruckt mich besonders, wie man bei jüdischen Familien immer wieder auf erstaunliche überregionale Vernetzungen stößt.

 

Die Geschichte der Familie Berl im Saarland ist dank neuerer Arbeiten leicht zu übersehen, vor allem durch das Familienbuch der Stadt Merzig (Verburg und Webers 2013) und eine Untersuchung von Frank Hirsch über die dortigen Juden (2014).

 

Im Jahr 1759 wurde dem „Handelsmann“ Abraham Berl und seiner Ehefrau Beillé Kahn in Ponten, dem damals lothringischen nördlichen Teil des heutigen Besseringen, ein Sohn Mathias geboren. Wie sein elf Jahre älterer Bruder Abraham war er 1809 in der Steuerliste der 17 jüdischen Familien in Merzig als Viehhändler aufgeführt, der wahrscheinlich auch mit auch mit anderen Waren hausierte. Beide Berls zählten zum Kern der israelitischen Gemeinde. Zusammen mit den vermögenderen Händlern Isaak Levy und Moyse Hanau beschwerten sie sich damals über den Bürgermeister, weil er Juden schikanierte.

Mathias Berl scheint später ein eher bescheidenes Leben geführt zu haben: Nach 1830 wohnte er, ohne noch Steuern zu zahlen, mit seiner Frau Baierle Wolf und seinem 1814 geborenen jüngsten Sohn Israel Isaak zur Miete in einem christlichen Haus. Israel, der 1848 nur mit einem Taler zur Steuer veranlagt war, ist als „Musiker“ ausgewiesen. Mit Fogel Cahn hatte er acht Kinder.

 

Dessen ältester Sohn Bernard, 1841 geboren, schaffte den sozialen Aufstieg und heiratete in das Manufakturwarengeschäft von Jacob Herz ein. Seine Schwester Sara ehelichte 1870 Mendel Schoemann, der bis zu seinem Tod im Jahr 1893 in St. Wendel als Händler tätig war und sich am Grundstückskauf für die Synagoge beteiligt hatte. Auch noch später förderten Sara und ihre Kinder deren Bau, obwohl sie nicht mehr am Ort wohnten.

 

Bernard Berl hatte aus seiner ersten Ehe mit Julia Herz den Sohn Eugen und die Tochter Ida Julia („Jula“, *1875), aus der zweiten mit Rosalia Herz die Tochter Bella (*1888). Eugen, geboren am 8.11.1870, wurde ebenfalls Kaufmann und gelangte über Köln im Jahre 1898 nach St. Wendel. Hier betrieb er in dem 1901 durch die Eigentümerfamilie Bruch ansehnlich vergrößerten Gebäude Schlossstraße 6/8 ein „Kaufhaus“ mit Kurz-, Weiß-und Wollwaren, später auch mit Damen- und Kinderkonfektion und Damenhüten, das fünf bis sechs Angestellte hatte.

 

Er betätigte sich vielseitig in der Kommunalpolitik: Als Gründungsmitglied der Ortsgruppe der SPD war er von 1920 bis 1932 Stadtverordneter und gehörte von 1927 bis 1934 dem Kreistag an, wirkte als Schiedsmann in St. Wendel und als Schöffe am Gericht in Saarbrücken. Der St. Wendeler jüdischen Gemeinde wurden auf seinen Antrag hin im Jahr 1921 endlich die Korporationsrechte verliehen, und er war noch 1933 ihr Vorsitzender. Mit 143 Personen hatte sie 1923 ihre höchste Mitgliederzahl erreicht. Da Berl auch über ganz besondere musikalische Kompetenz verfügte, spielte er in der Synagoge das Harmonium und initiierte schon 1902 den Musik- und Gesangverein „Orphea 1902“, den er fast dreißig Jahre leitete (der Verein wurde auch „Orphea Berl“ genannt, denn es existierte am Ort bereits eine „Orphea 1867“). Er dirigierte außerdem den Arbeitergesangverein „Bruderbund“ und gehörte seit 1903 viele Jahre lang dem Vorstand des Saar-Sängerbundes an. Sogar die Komposition einer Oper hatte er begonnen. Die Neigung zur Musik lag spätestens seit Großvater Israel in der Familie: Eugens Halbschwester Bella war Modistin und Klavierlehrerin in Merzig, seine Tochter Irma hatte „Musik studiert“ (so heißt es in den Entschädigungsakten Fritz Berls), auch sein Sohn Max gab vor dem Abitur Musik als Studienziel an, wie es aus einem alten Schüleralbum des Gymnasiums St. Wendel hervorgeht.

 

Im Jahr 1899 heiratete Eugen Berl in Merzig die 1878 in Zeltingen geborene Marianne Ermann, deren Bruder Dr. Daniel Ermann Arzt in Saarbrücken war. Mit Marianne Ermann hatte Eugen Berl die Kinder Irma (*1900) und Max (*1902). Irma wurde 1920 die Ehefrau des Kaufmanns Paul Rosenberg aus Cleve, der damals in St. Wendel wohnte und später mit ihr nach Aachen zog. Max machte 1920 in St. Wendel Abitur, studierte in seinem ersten Semester in Bonn Musik und Medizin, dann aber in Würzburg und Frankfurt Chemie und promovierte 1924 in Gießen. 1925 heiratete er in Bingen Helene Oster aus Gronau bei Münster (Westfalen). Er besaß in Dortmund ein eigenes Labor, musste jedoch im Juli 1933 mit seiner Frau und dem fünfjährigen Sohn Benny von Gronau nach Palästina auswandern. Dort konnte er als Chemiker weiter arbeiten: u.a. war er für das Zentrallabor des israelischen Verteidigungsministeriums tätig.

 

 

Marianne Berl starb 1919. Eugen heiratete die Modistin Erna Herz (*20.1.1888 in Mainz), die 1921 von Oberstein nach St. Wendel umzog und das Geschäftsangebot um Hüte bereicherte.

 

 

Der am 23. August 1925 zur großen Freude seiner Eltern geborene Friedrich Bernhard, genannt Fritz, genoss eine behütete und glückliche Kindheit. Das bezeugen zahlreiche erhaltene Fotos und Fotopostkarten.

 

 

 

 

Nach der am 1. März 1935 vollzogenen Rückgliederung des Saarlandes an das Deutsche Reich wurde Juden noch eine einjährige Schutzfrist eingeräumt. Über hundert St. Wendeler, darunter fast alle Geschäftsleute, wanderten aus. Die Berls blieben, aber der Boykott des Ladengeschäfts und ihre persönliche Ausgrenzung begann und nahm zu. Am 3. Juli 1936 wurden Eugen und Erna Berl vor dem Amtsgericht St. Wendel angeklagt, weil sie entgegen dem „Gesetz zum Schutz des Deutschen Blutes und der Deutschen Ehre“ vom 15.9.1935 (§§ 3 und 5 Abs.3) die in ihrem Geschäft angestellte Modistin Helene Kramer (29 Jahre) und das Lehrmädchen Anneliese Jung (15 Jahre) zusätzlich zu Haushaltsarbeit herangezogen hatten. Das Gesetz verlangte, dass der Reichsjustizminister über den Verlauf aller Prozesse zu informieren war, und der Saarbrücker Oberstaatsanwalt Keller reichte die Anklageschrift durch die Zweigstelle Saarlautern des Oberlandesgerichts Köln nach Berlin weiter.

 

Eugen Berl wurde durch diese Anklage hart getroffen und in den Tod getrieben: er starb am 1. August 1936. Sein Begräbnis war das letzte, das auf dem St. Wendeler Judenfriedhof stattfand, ohne offizielle Vertreter der Stadt, aber unter lebhafter Anteilnahme seines Musik- und Gesangvereins – trotz angedrohter Repressalien. Sein Name wurde ganz schlicht auf dem Grabstein seiner ersten Frau hinzugefügt.

 

 

Der Prozess war keinesfalls eingestellt. Amtsrichter Dr. Klein sprach am 8. September das Urteil: Erna Berl als Beschäftigerin (das könne nämlich jeder sein) wurde zu 30 RM (ersatzweise 1 Tag Haft) und den Kosten des Verfahrens verurteilt. Das Gericht rechtfertigte die milde Strafe damit, dass die beiden Angestellten überwiegend im Laden tätig waren – eine Beteiligung an Haushaltsarbeit „in geschäftsstillen Zeiten“ sei „bei kleineren Läden keine Seltenheit“ –, bei dem 65jährigen Eugen Berl wenig Gefahr für deutschblütige Frauen bestand, Erna Berl unterleibsleidend war und sich in „nicht günstigen Vermögens- und Einkommensverhältnissen“ befand. Das Urteil war noch nicht rechtskräftig, weil die Anklage gegen Eugen Berl erloschen war, und seine Witwe Erna beantragte Revision.

 

Obwohl man in Berlin die Strafe für zu gering hielt, hatte die Revision überraschenderweise Erfolg: Die Zweigstelle des Oberlandesgerichts Köln in Saarlautern hob unter Senatspräsident Oster am 3.12.1936 das Urteil auf mit der Begründung, dass eine Beschäftigung einen Arbeitsvertrag voraussetze. Im weiteren Sinne sei die Bestrafung der Ehefrau Berl zwar geboten (weil sie „tätig werden lässt“), über ihre Beihilfe müsste aber erst noch ermittelt werden. Dennoch entschied der Senat, dass nur der Haushaltsvorstand Eugen Berl strafbar war. Über diesen formaljuristischen Sieg informierte Oberstaatsanwalt Keller umgehend den Reichsjustizminister.

 

Am 16.2.1937 sprach das Amtsgericht St. Wendel, an das die Sache zurückverwiesen war, unter Amtsgerichtsrat Strauß (der übrigens 1945 von den Amerikanern als Landrat eingesetzt wurde) Erna Berl vom Vorwurf einer Beihilfe frei, weil man die Täterschaft ihres Ehemannes als nur „fiktiv“ einstufte. Noch an demselben Tag schrieb Keller seine Anfechtung des Urteils nieder und berichtete über Saarlautern/Köln nach Berlin. Eine „Berufungsrechtfertigung“ schob er am 2. März nach und bezog sich auf das vom Oberlandesgericht am 3.12.1936 erwähnte Argument der Beihilfe.

 

Dadurch erreichte er, dass das Landgericht Saarbrücken unter Landgerichtsrat Woltering sich mit dem Fall befasste. Es hob am 10.5.1937 das Urteil des Amtsgerichts vom 16.2. wieder auf und verhängte fast genau dieselbe geringe Strafe, die in St. Wendel am 8.9.1936 ausgesprochen worden war, nur waren es jetzt für die 30 RM ersatzweise statt einem drei Tage Gefängnis. Nun hieß es, Eugen Berl habe eine „Dauerstraftat in Form der Unterlassung“ begangen (er hätte die Beschäftigung im Haushalt verhindern müssen), zu der sehr wohl eine strafbare Beihilfe geleistet werden konnte. Die Gründe für die Strafmilderung wiederholten sich ebenfalls.

 

Erna Berl musste einen guten Anwalt gehabt haben, denn nochmals beantragte sie eine Revision. Sie hatte keinen Erfolg. Das Oberlandesgericht Saarlautern/Köln bestätigte das Urteil am 2.9.1937.

 

Schon in seinem Urteil vom September 1936 hatte das Gericht festgestellt, dass Erna Berls Vermögensverhältnisse „nicht günstig“ waren. Seit November 1936 verkaufte sie nur noch Damenhüte und -wäsche, und am 1. Juli 1937 musste der kleine Laden schließen. 1941 wurde sein Inventar ebenso wie die Wohnungseinrichtung versteigert.

 

Der junge Fritz Berl besuchte seit 1935 das humanistische Gymnasium in St. Wendel.

 

 

Ein Jahr später war er dort der letzte jüdische Schüler. Er gehörte einer Klasse an, die zwar noch Griechisch lernte, aber das Gymnasium befand sich seit Ostern 1938 „im Abbau“, weil es in eine nurmehr achtjährige „Oberschule für Jungen“ umgewandelt wurde. Auf den Stundentafeln und Zeugnissen stand nun das Fach Leibeserziehung – als Wehrertüchtigung, u.a. durch Boxen – an erster Stelle. Da der Schulleiter, Oberstudiendirektor Dr. Franz Arens, ein Gegner des Nationalsozialismus war, wollten die Kreisleitung und die Ortsgruppe der NSDAP St. Wendel nur allzu gerne 1937 den Studienrat Dr. August Schulz als dessen Nachfolger durchsetzen. Dr. Arens konnte jedoch seine Stelle behalten und gleichzeitig ideologische Einflüsse einschränken, weil er in die Partei eintrat. Er nahm den Schüler Berl unter seinen persönlichen Schutz, nachdem Klassenkameraden gegen ihn handgreiflich geworden waren und Frau Berl sich darüber beschwert hatte.

 

Schulz, der Fritz Berls Geschichts- und Klassenlehrer war, sollte bei diesem Schüler aber ein lebenslängliches Trauma hinterlassen.

 

Zu seiner Person: 1899 in Schiffweiler geboren, verließ er 1915 als Obersekundaner das Gymnasium St. Wendel und wurde Kriegsfreiwilliger. Im Dezember 1917 verlor er durch eine schwere Verwundung den linken Arm. Als Kriegsinvalide machte er im Juli 1918 in St. Wendel Abitur und legte 1924 die wissenschaftliche Prüfung in den Fächern Deutsch, Geschichte und Erdkunde ab. Als er im Juli desselben Jahres als Referendar an seine frühere Schule zurückkehrte, hatte er auch den Doktortitel erworben. Er blieb in St. Wendel, seit 1931 war er Studienrat. Während er vorher als eifriger Katholik praktiziert hatte, entwickelte er sich nach seinem Eintritt in die NSDAP 1933 zum fanatischsten Nationalsozialisten der Schule, vielleicht sogar der Stadt. Er war Leiter der Ortsgruppe des NS-Lehrerbundes, SA-Rottenführer, Schulungsleiter und -redner der Partei (trotz eines Sprachfehlers: er lispelte!) und in dieser Eigenschaft 1944 bei der Wehrmacht in Norwegen und Griechenland tätig. Sein Kirchenaustritt Ende 1936 entsprach diesem politischen Engagement. 1941-1944 unterrichtete er in St. Avold. Als er 1947 aus dem Zwangsarbeitslager entlassen und aus dem Saarland ausgewiesen war, begab er sich in die Gegend von Sigmaringen.

 

Der Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 15. November 1938, der alle jüdischen Schüler von deutschen Schulen ausschloss, hätte auch Fritz Berl betroffen, wenn Schulz dem nicht zuvorgekommen wäre. Dieser begab sich nämlich am frühen Morgen des 10. November mit dem Ortsgruppenleiter Wirth zur Schule und verlangte von Dr. Arens, dass Fritz Berl umgehend von der Anstalt entfernt werde.

 

Dr. Arens konnte als Hausherr ein Auftreten des Ortsgruppenleiters verhindern, aber gegen Schulz, der wohl auf einen großen Appell gehofft hatte, nur passiven Widerstand leisten, wenn er nicht seine eigene Absetzung riskieren wollte. Schulz hatte die Aktion, die nun auf dem Schulhof folgte, längst vorbereitet. Er inszenierte mit einer Gruppe ihm ergebener Schüler vor anderen, die sich eher im Hintergrund befanden, einen kleinen Appell, stieg auf den Rand des dortigen Brunnens und hielt eine Hetzrede, in der er die Vertreibung des „dreckigen Judenjungen“ forderte. Schüler in HJ-Uniform griffen Fritz an, er konnte aber entkommen.

 

Der Bildhauer Otto Hauser hatte 1928 als Saarbrücker Kunststudent diesen Brunnen geschaffen. Sechs wasserspeiende Krokodile bedrohen vergeblich eine Gruppe von Reihern, die auf der Säulenspitze vor ihnen sicher sind. Hauser konnte nicht ahnen, dass vor dieser Szene zehn Jahre später die brutale Vertreibung eines Schülers stattfinden sollte.

 

 

Doch sollte dieser schwarze Tag für Fritz Berl noch schlimmer enden. Während die anderen Synagogen im Umkreis am Abend des 9. November 1938 zerstört worden waren, entschlossen sich die St. Wendeler Parteiaktivisten erst am Nachmittag des 10. November dazu. Die wenigen noch verbliebenen jüdischen Männer, darunter auch Fritz, wurden gezwungen zuzusehen. Die Feuerwehr löschte nicht, sondern soll mit der Spritze auf die Juden losgegangen sein. In derselben Nacht wurden sie inhaftiert, um nach Dachau verbracht zu werden. Fritz durfte aber wegen seines jugendlichen Alters am nächsten Tag von der Zwischenstation Saarbrücken aus wieder nach Hause.

 

In St. Wendel hatte er jedoch keine Zukunft mehr, und der Plan der Auswanderung nahm Gestalt an. Fritz suchte daher am 14. November 1939 – also ein Jahr später –zum letzten Mal „seine“ Schule wegen eines Abgangszeugnisses auf. Das durfte aber nicht ausgestellt werden. Er erhielt statt dessen von Dr. Arens folgende Bescheinigung:

 

 

Fritz Berl war demach ein Schüler, von dem man erwarten durfte, dass er das Abitur erreichte.

 

Seine Flucht nach Palästina wurde laut eidesstattlicher Erklärung von Max Berl mit Hilfe der Jugend-Alijah möglich, weil Max seinen Bruder anforderte und sich gleichzeitig verpflichtete, dessen Unterhalt in Palästina zu gewährleisten. Auch Irma Rosenberg half bei der Vorbereitung der Reise.

 

Am 27. November 1939 ließ Erna Berl ein Abschiedsfoto mit ihrem Sohn machen, der dann mit der Bahn über München und den Brenner nach Triest fuhr.

 

 

Dort bestieg er ein Schiff nach Haifa, wo er – laut Max – im Dezember ankam Zu den Einzelheiten der Überfahrt liegen widersprüchliche Aussagen vor. Ich möchte annehmen, dass Max von Haifa aus die Schiffsreise organisiert und eine problemlose Einreisekontrolle durch die Engländer vorbereitet hatte. Wie er sich mit Fritz darüber verständigte, wissen wir nicht. Der Junge lernte nun Hebräisch und Englisch und begann in Haifa eine Lehre als Automechaniker. Sein Zimmer teilte er mit seinem nur zwei Jahre jüngeren Neffen Benny.

Erna Berls weitere Tage „im Städtchen“ waren aber gezählt. Am 22. Oktober 1940 wurde sie morgens um sieben Uhr, während vor dem Haus der Wendelsmarkt seinen Anfang nahm, verhaftet und in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Seit dem 22. Juni 1942 fuhren die Züge mit den internierten Juden vom Sammellager Drancy (bei Paris) in die Vernichtungslager. Erna Berl war bei dem ersten Transport, der am 6. August von Gurs nach Drancy abging. Von dort kamen 1006 namentlich bekannte Personen mit Convoi 17 am 10. August nach Auschwitz, 766 wurden sofort vergast. Deren Namen liegen nicht vor. Die „gesetzliche Todesvermutung“ wurde daher amtlich erst auf den 8. Mai 1945 datiert. Ernas gleichzeitig mit ihr aus Merzig deportierte Schwägerin Bella, die von Gurs nach dem Lager Rivesaltes gelangt war, trat von dort am 11. August über Drancy den gleichen Weg in den Tod an. Irma Rosenberg, mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen deportiert, wurde ebenfalls 1942 in Majdanek ermordet. Auch ihre Tanten mütterlicherseits, Rosa Herz und Sophie Loeb, mit denen sie immer in enger Verbindung stand, starben in diesem und im folgenden Jahr als Opfer des Holocaust.

An Erna Berl erinnert in St. Wendel ein 2011 verlegter Stolperstein vor dem Haus Schlossstraße 6/8.

 

In Israel stieg Fritz Berl bei der gewerkschaftseigenen Transportgesellschaft EGGED vom Busfahrer zum Chefeinkäufer auf. Er heiratete 1950 Yeheskela Aharonas, die 1929 in Haifa als Tochter litauischer Einwanderer geboren war.

 

Von 1956 bis 1967 lief sein Entschädigungsverfahren: Anerkannt wurde sein „Ausbildungsschaden“, nicht aber seine Unterhaltsansprüche als Vollwaise, weil seine Mutter amtlich erst 1945 gestorben war. Jedoch erhielt er als ihr Alleinerbe Zahlungen für ihre Schäden an Freiheit und beruflichem Fortkommen.

 

1958 konnte er erstmals wieder St. Wendel besuchen. Damals hielt es ihn nicht lange dort, weil er viele ehemalige Nazis in Ämtern und Behörden wiedererkannte und schreckliche Erinnerungen ihn quälten. Als die Stadt aber 1981 ihre ehemaligen jüdischen Bürger zu einem Besuch einlud, war er bei der Vorarbeit beteiligt. Im Fernsehprogramm des Saarländischen Rundfunks erschien am 8. 9. 1981 ein Beitrag, in dem er mit seiner Frau durch die Stadt wandelt und auf dem Schulhof des Gymnasiums das traumatische Erlebnis vom Morgen des 10. November 1938 beschreibt. Ich habe damals mit ihm telefoniert, um ihm mitzuteilen, dass mein Vater mir davon erzählt hatte.

 

Seit 1985 erinnert in St. Wendel das nach einem in Konzentrationslagern inhaftierten Maler benannte Adolf-Bender-Zentrum, eine „Einrichtung zur demokratischen Bildung und interkulturellen Verständigung im Jugendbereich“, an die Opfer des Nationalsozialismus. Fritz Berl war auf dessen Einladung 1991 in St. Wendel. Ein letztes Mal kam er 1997, als der von der SPD gestiftete „Eugen-Berl-Preis für Menschen mit besonderer demokratischer und toleranter Gesinnung“ erstmals verliehen wurde. Die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern beobachtete er mit großer Sorge.

 

Nach seinem Tod im Jahr 2000 war Yecheskela Berl daran interessiert, dass der Kontakt zu St. Wendel nicht abriss. Als Fünfundachtzigjährige kam sie im April 2014 mit ihrer Tochter Orna (= Erna) Gold und ihrem Enkel Adi zur Einweihung des kleinen Gedenkortes für Eugen Berl bei der evangelischen Kirche. Vom 10. Februar bis 4. März hatte das Adolf-Bender-Zentrum im Landratsamt eine Ausstellung „Die Familie Berl aus St. Wendel“ gezeigt, für die Frau Gold zahlreiche Fotos zur Verfügung gestellt hatte. Bereits seit 2013 unterstützte es ein Projekt des Gymnasium Wendalinum „Wendalinum wider das Vergessen“. Dabei entwickelte sich ein freundschaftlicher Kontakt zu Adi Gold, den die Projektgruppe Anfang November 2015 in Yokne’am in Israel (Galiläa) besuchte. Er hatte auch vermittelt, dass die St. Wendeler gleichaltrige Schülerinnen und Schüler der traditionsreichen Hebrew Reali School in Haifa kennen lernten.

 

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