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Geschichte(n) -> 1891 das alte Schlößchen wird abgerissen

 

Nahe-Blies-Zeitung, 23ter Mai 1891

 

St. Wendel, 23. Mai.

Ein Stück des alten St. Wendels sinkt nach dem andern nieder und machte den Erfordernissen der Neuzeit Platz. Von den Gebäuden, welcher auf das innigste mit der Geschichte unsrer Vaterstadt verwachsen waren, gehörte unstreitig das Schlösschen, das lange Jahre als Stationshaus diente. Das von dem Barone von Koburg errichtete Gebäude benutzte die Herzogin Louise Paulina Charlotte Friederike Auguste von Sachsen=Koburg=Gotha, während ihres hiesigen Aufenthaltes als Wähler. Damals sah das Schlösschen fror, glanzvolle Tage, welche die hiesige Bürgerschaft heute noch die goldene Zeit nennt. Als die hohe Frau im Jahre 1832 in Paris ihrem Leiden erlegen war, wurde ihre Leiche nach St. Wendel gebracht, wo sie, im Schlösschen aufgestellt, bis zu ihrer Überführung nach Pfeffelbach bewacht wurde. Mit dem Tode der edlen Dame schwand der Zauber, der den Bewohnern die koburgische Regierung verklärte. Das Fürstenthum Lichtenberg wardt bald zum preußischen Kreise St. Wendel. Auch das Schlösschen wechselte den Besitzer und kam in die Hände des Dr. Steininger, eines hoffnungsvollen jungen Arztes. Der unerbittliche Tod aber machte dem viel versprechenden Leben ein allzu frühes Ende und schließlich wurde aus dem Schlösschen, der Lieblingsruhe der Großmutter unserer Kaiserin Friedrich, ein Stationshaus der Rhein=Nahebahn, und durch die Parkanlagen zog das feuerschnaubende Dampfross seine Bahnen. Staunend stand ein alter Bauer aus Roschberg im Schlösschen, lugte zum Fenster hinaus und schüttelte zweifelnd den Kopf, als der Zug heranbrauste, um dann gelassen den Ausspruch zu thun: "Und ich glaube es doch nicht, daß das Ding ohne Pferde läuft."

Der Bahnbau und die wachsende Industrie des Saarbeckens brachten unserer Gegend einen gewaltigen Aufschwung und Verkehr. Bald erwies sich das Schlösschen zu klein, ja unpassend, und man bespöttelte das mit architektonischen Auswüchsen behaftete Gebäude nun hat die Pfingstwochenende der einstigen Zierde und dem Stolz des anspruchsloseren St. Wendel den Tod gebracht und Alt und Jung freut sich des Neuen. So geht es, das Bessere ist des Guten Feind. Das eherne Wappen aber, welches in dem Giebelfelde die koburgischen Farben zeigte, ist dem allgemeinen Untergange entronnen, um von nun ab am Amtshaus angebracht, als Wahrzeichen und Erinnerung zu dienen.

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