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Ein altes deutsches Wort

 

Haben Sie schon mal Mühle gespielt? Blöde Frage, ich weiß. Wer hat das nicht? Nun, dann kennen Sie doch bestimmt auch die eine Figur, die man möglichst schnell erreichen sollte, um ziemlich sicher zu gewinnen.

 

Sie sieht wie folgt aus: Zwei Mühlen stehen ganz nahe beieinander und werden durch einen Stein bedient, der durch Hin- und Herfahren jedesmal eine der beiden Mühlen schließt, was normalerweise die Steine des Gegners rapide schwinden läßt. Wenn Sie jetzt noch eine normale Mühle offen haben, ist das Spiel schnell vorbei.

 

Wie nennen Sie diese Figur? Zwickmühle? Na, kommen Sie, überlegen Sie nochmal. Es hört sich so ähnlich an, aber es heißt anders. Ja, ich weiß, in den heutigen Spieleanleitungen heißt es Zwickmühle, aber ist das tatsächlich das, was Sie früher als kleines Kind lernten? Meine Uroma Cilla hat das Ding anders genannt. Na? Nur keine falsche Scham. Genau - das ist eine Fickmühle. Mit "F".

 

Als ich vor kurzem mit meiner Nichte Mühle spielte, zeigte ich ihr diese Figur und nannte sie auch beim Namen, worauf mir ihre Mutter einen ziemlich bösen Blick zuwarf. Wie konnte ich es wagen, dem Kind solche Wörter vorzusagen? Solche Wörter? - oh, hoppla.

 

Nun, eigentlich war ich es von den Älteren nicht gewöhnt, daß sie mir solche Wörter beibrachten, auch nicht beim Spielen. Ich weiß noch, was sich abspielte, als ich meiner Mutter einmal in voller Wut das Äquivalent zu "Afteröffnung" an den Kopf warf. Au weia ...

 

Aber - wo kommt denn dieses Wort nun her, das heutzutage - außer im Mühlespiel - nur noch vulgär für Geschlechtsverkehr benutzt wird?

 

Wie immer, wenn ich mit einem Wort nicht weiterkomme, schaue ich ins Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm, das in seiner vollständigen Ausgabe von 33 Bänden in der Stadt- und Kreisbibliothek St. Wendel im Mia-Münster-Haus eingesehen werden kann.

 

Im Buch Nr. 3 fand ich auf den Seiten 1616 bis 1619 jede Menge Beispiele und Erläuterungen für das Wort "ficken". Das fängt an mit "Fick" aus dem lateinischen Wort "frictus, us", bedeutet "das Reiben, Hin und Herrutschen", geht über "Fickchen" aus dem lateinischen "foculus" = "Beutelchen, Säckchen" über "Fickeisen", was "Brenneisen" bedeutet, bis zum Verb "ficken" in seinen verwandten Bedeutungen von "reiben" und "kratzen".

 

"dies pulfer heilt die geschwär, item wo einen die schuch geficket" oder "mit den augen ficken, die augenlider schnell auf und ab bewegen (=zwicken =zwinken=zwinkern)". Einem, der vor Aufregung ganz hektisch wird, sagt man mahnend: "Sei nicht so fickerisch!". Die Gebrüder Grimm wunderten sich, daß sie weder im Alt- noch im Mittelhochdeutschen eine Spur des Wortes entdecken können, obwohl "die allgemein bestehende obscene bedeutung von ficken schon Michael Lindeners Rast-büchlein von 1558 bezeugt." Tatsächlich muß es noch eine viel ältere Quelle geben. Vor ein paar Jahren besuchten wir eine Burg am Rhein, wo Geschichtsstudenten eine Woche lang das Leben zur Zeit der Ritter nachstellten und den Besuchern Auskunft über das Leben damals gaben. Da gab es auch einen Raum, in dem damals wie Leute die Menschen übernachteten, und dort hielt sich ein junger Bursche auf, in seltsame Klamotten gekleidet, und erzählte uns, womit sich die Herren Ritter damals die Zeit vertrieben. Aus einem älteren Buch zitierte er eine Passage, in der es um das hormonelle Gleichgewicht ging: "und ficket die Hur'."

 

Grimm schreibt weiter: "Noch besser denkt man aber an fegen, schön reiben, oder auch hin und her fahren oder wischen".

 

Von "fegen" ist es dann wohl auch nicht mehr weit bis zu einer Frucht, die kaum jemandem gut gefällt, der "Ohrfeige". Und weiter geht der Reigen über "fechten" bis zum englischen Wort "fight", das "feit" gesprochen wird und "kämpfen" bedeutet, wo es ja auch beim Kampf zweier Personen mit Hieb- und Stichwaffen hin- und hergeht, wenn auf einen Angriff ein Gegenangriff erfolgt.

 

Und "ficken = hin und her fahren" - das ergibt Sinn, wenn ich an die Figur im Mühlespiel denke. Denn auch dort entsteht das "Mühle-Zu" durch das "hin und her fahren" des einzelnen Steines.

 

Die Geschichtswerkstatt Köllertal hat 1994 eine Dokumentation mit dem Titel "Mühlen im Köllertal" herausgebracht. Aus dem Kapitel "Die Fickmühle in Püttlingen", Seite 23, stammt folgende Erklärung ihres Namens: "Der Name "Fickmühle", manchmal auch "Vickmühle" oder "Vicmühle" geschrieben, leitet sich, entgegen landläufiger Meinung, nicht von dem Erbauer der Mühle ab, der aus Vic in Lothringen gestammt haben soll, sondern bezieht sich auf ein technisches Detail. Das Wort "ficken" bezeichnete bis ins 18. Jahrhundert lediglich eine Vor- und Zurückbewegung, woraus wir schließen können, daß an der Fickmühle ein Gestänge angebracht war, das die kreisende Bewegung des Wasserrades auf eine vor- und zurückstoßende Stange übertrug, mit der sich beispielsweise eine Säge antreiben ließ".

 

Somit hat meine Uroma Cilla doch nur zu meiner Erziehung beigetragen, als sie mir das Mühlespiel und seine Trickzüge beibrachte - und die zugehörigen Bezeichnungen. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, auch nur ein einziges Mal gewonnen zu haben (was dran lag, das sie beschissen hat), aber was ne Fickmühle ist, das hab ich schnell begriffen.

 

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
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