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Kapellen in St. Wendel -> Die Magdalenenkapelle in St. Wendel -> Finanzamt, Parteizentrale und Bücherei

 

1921 wird das Finanzamt St. Wendel ins Leben gerufen.

 

Sitz ist die Magdalenenkapelle. Unten links gibt es eine Schalterhalle mit separatem Eingang. Darüber befindet sich der Vorstandstrakt mit dem Büro, zwei Sekretären sowie einem Sitzungszimmer, die restlichen Räume sind Angestelltenbüros. Das Finanzamt bleibt in der Kapelle bis März 1935. D dann wird es auf den Tholeyerberg verlegt, um dort am 6. Dezember 1944 ausgebombt zu werden.Es findet Unterschlupf in der Balduinstraße 43 in der Gastwirtschaft von Victor Kockler (heute Brauhaus). Dort bleibt es bis zum Einmarsch der Amerikaner am 19. März 1945.

 

Im Januar 1935 kommen infolge der ersten Saarabstimmung die Nationalsozialisten ganz offiziell ins Saargebiet und damit auch nach St. Wendel. In der Magdalenenkapelle richten sie unter dem Gewerbelehrer Peter Zewen die Kreiszentrale der NSDAP ein.

 

Über ihre Zeit als Parteizentrale gibt es wenig über die Magdalenenkapelle zu berichten, oder sagen wir es so: es ist wenig schriftlich überliefert. Ob das daran liegt, daß nichts geschehen ist oder ob danach gründlich aufgeräumt wurde, stelle ich dahin.

 

Als die Amerikaner am 19. März 1945 St. Wendel besetzen und an diesem Tag und im Nachhinein noch alle Häuser durchsuchen, gelangen sie relativ schnell auch an die Magdalenenkapelle. Auf ihre Standardfrage ?Wo sind die Nazis?? wird man ihnen gesagt haben, wo die Kreisleitung ihren Sitz hat. Sie stöbern durch das Gebäude und finden irgendwo da drin ein großes Schild, daß sie in die Eingangstür zur Balduinstraße hängen. ?Panzerwarnstelle? steht dort in großen weißen Lettern auf schwarzem Grund.

 

Neben dem genannten Schild sieht man darauf drei weitere Plaketten, die Dienststellen der NSDAP in St. Wendel: ?Kreisverwaltung St. Wendel? ist da zu lesen, und ?Hitlerjugend Stadt St. Wendel?, gefolgt von einer dreistelligen Ziffer, möglicherweise ?321? oder ?721?.

 

Von März bis Juli 1945 übernimmt die amerikanische Militärverwaltung unter Captain Stanley R. Jacobs das Kommando in der Stadt. Ende April ergeht seitens der G-2 Section (Aufklärung) ein ?Aufräumungsbefehl für das Parteihaus Balduinstraße?. Sicherzustellen sind alle beschriebenen Schriftstücke, Akten, Listen, Katalogkarten, Mitglieds- und Beitragskarten und allgemeine Korrespondenz. Zur Vernichtung freigegeben sind Leerformulare, Zeitungen, Aktendeckel, allgemeine Literatur, Flugzettel, Zeitschriften mit Ausnahme von kompletten Serien. Nach Beendigung der Aufräumungsarbeiten ist das Aufbewahrungszimmer zu schließen und der Schlüssel mit Adressenschild versehen bei der Militärregierung abzugeben. Diese Maßnahme wird von Deutschen durchgeführt und von den Amerikanern abgenommen. Leider gibt es keinen Vermerk, was aus den Papieren geworden ist. Vielleicht lohnt es sich, im amerikanischen Nationalarchiv in Washington nachzufragen ?

 

Als die NSDAP das Gebäude ? nein, Moment, ich kann ja schlecht schreiben, sie habe das Gebäude geräumt. Als die Amis kommen, hört die Partei im Prinzip auf zu existieren, vermutlich so, als hätte es sie nie gegeben. Das wäre einigen Leuten sicherlich auch ganz recht so gewesen.

 

Zehn Jahre lang war die Magdalenenkapelle in den Händen der braunen Gesellen und wird deshalb im Volksmund oft ?das Braune Haus? genannt. Ich persönlich finde es schade, daß die Geschichte des nunmehr fast 700 Jahre alten Gebäudes auf diese verfluchten zehn Jahre heruntergebrochen wird.

 

Das St. Wendeler Finanzamt kehrt schon im März 1945 in die Magdalenenkapelle zurück und bleibt hier, bis im August 1953 der Neubau in der Marienstraße fertiggestellt ist und man es sich dort gemütlich machen kann (aAlle Informationen über das Finanzamt St. Wendel habe ich von dessen Geschäftsstellenleiter, Herrn Thomas Klein, erfahren.).

 

Zwei Jahre zu Gast in der Magdalenenkapelle ist die St. Wendeler Stadt- und Kreisbücherei, aus der später die Stadt- und Kreisbibliothek wird. Gegründet 1936 im Alten Rathaus am Fruchtmarkt, im Sommer 1945 ins Gymnasium Wendalinum, verlegt dann 1950 ins Erdgeschoß der Magdalenenkapelle. Trotz des relativ geringen Buchbestandes war bei den beengten Raumverhältnissen nur eine Thekenausleihe möglich, die Entleiher hatten also keinen Zugang zu den Bücherregalen. Am 1. Januar 1952 umfasste die Bücherei 2696 Bände; es waren 285 Leser registriert. Von dort kam sie über die Berufsschule am Kappesbord in der Wendalinusstraße ins Schmollsche Haus und schließlich ins Mia-Münster-Haus in der Mott.

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