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Der Gedanke ist geblieben.

 

Kennen Sie das Gefühl, wenns in den Fingern juckt, etwas zu tun, was nicht ganz gesetzlich oder gar wirklich ungesetzlich ist, nur weil sich die Gelegenheit bietet? Was – wenn wir dem einfach nachgeben … und es tun?

 

So spazierte ich vergangenen Mittwoch – vom Bahnhof kommend – in St. Wendel die Bahnhofstraße entlang auf dem Weg zur Buchhandlung Klein. Ich war in Höhe der Linie,, an der die Autos halten sollten, wenn die Fußgängerampel vor der Kreissparkasse auf Rot schaltet – da kann man oft gut rauskriegen, ob jemand aus St. Wendel ist oder ein „Främer“, letztere sehen die Linie selten und halten erst an dem dicken Strich, der den Überweg markiert.

 

Da plötzlich hielt ein Auto neben mir am Straßenrand. Das erstaunte mich doch etwas, herrscht dort doch eigentlich absolutes Halteverbot. D.h. nicht das rote runde Schild mit dem Querbalken, sondern das rote runde Schild mit dem dicken X drauf. Das dicke X, das keine Wünsche übrig läßt und auch keine Interpretationen zu. Hier darf eigentlich keiner halten. D.h., das stimmt nicht ganz; das Wort „eigentlich“ gehört erst in den nächsten Satz: es muß heißen „Hier darf keiner halten; hier hält eigentlich auch niemand“. Ja, so stimmts – denn wenn auch eigentlich keiner hier hält, dann halten doch immer wieder Autos hier. Wie ja jetzt gerade auch.

 

Es ist ein mittelgroßer Pkw, gemessen an meinem Agila, den ich zu den kleingroßen Pkw zähle, also größer als ein Kleinwagen, aber kleiner als ein mittelgroßer - eben kleingroß. Das Auto war weiß, aber nicht knallweiß, sondern eher dieses „ich will weiß sein, aber ich weiß nicht genau, wie die Farbe aussieht“-weiß. Der Typ, der drin saß, war auch ein Weißer, d.h. darf ich das überhaupt schreiben? Nachdem „Neger“ verpönt und „Schwarzer“ noch verpönter, dürfte „Weißer“ politisch auch nicht korrekt sein. Es ist ein Begriff, der eine Hauptfarbe definiert, und wenn nicht negativ, nun, dann ist das ja noch schlimmer. Denn wenn „Weißer“ positiv gemeint ist, muß etwas anderes negativ gemeint sein, sonst gäbe es das Positiv ja nicht. Wenn etwas schön ist, muß etwas anderes, vergleichbares, häßlich sein, sondern ergäbe das Wort „schön“ keinen Sinn. Wie schreib ichs nun: der Fahrer war ein normal aussehender Mitteleuropäer? Oje, das geht gar nicht. Denn das bedeutet, daß alle Mitteleuropäer, die nicht so aussehen wie er, nicht normal aussehen, von ihrer Hautfarbe mal ganz zu schweigen. Verflixt, ich hoffe, Sie wissen, was ich meine, ich weiß nämlich grad nicht, wie ich’s beschreiben soll. Wobei, so ganz normal sah er nicht aus, durch seine Haarmähne, die nicht wirklich eine bestimmte Stilart finden wollte, sah er ziemlich verzottelt aus; er hätte vermutlich „kuul“ dazu gesagt, aber ich fragte ihn nicht. Er stellte den Wagen, murkste den Motor und zog den Schlüssel ab (haben Sie gemerkt, wie ich hier Buchstaben sparte, in dem ich 3mal auf das „ab“ zusteuerte, es aber nur einmal verwandte?), dann sprang er aus demselben (dem Wagen) und steuerte (zu Fuß) durch die Drehtür in die Sparkasse rein. Hm, wär das so gewesen, würde ich Sie hier nicht so mit Buchstaben vollknallen. Okay, zweiter Versuch: Er ließ den Motor laufen, damit den Schlüssel im Schloß, das Licht an, die Tür auf(geschlossen) und steuerte (zu Fuß) durch die Drehtür in die Sparkasse rein.

 

Und ich stand da, schaute ihm nach und war sprachlos ob solch einer Unverfrorenheit. Und ärgerte mich ob dieses entweder unbekümmerten oder arroganten Benehmens. Und beschloß, ihm eine Lektion zu erteilen. Ich schaute erst hinter ihm her und sah, daß er den hinteren Bereich des Schalterraums ansteuerte. Sonst war niemand in der Nähe, die Straße auch relativ leer. Kurzerhand umrundete ich das Auto hinten, öffnete die Tür und stieg ein. Der Sitz war ein gut Stück tiefer als der in meinem Opel, und es stank furchtbar nach Zigaretten. Dazu lief im Radio eine barbarische Musik auf gut ein Stück zu hoher Lautstärke. Ohne viel Federlesens und bevor ein körperliche Reaktion auf den Adrenalinschub einsetzen konnte – ich wußte, wenn er jetzt zurückkommt und mich hier erwischte, würde ich mindestens eine aufs Maul bekommen, nun, so würde ich vermutlich reagieren, wobei ich nicht so toll-dummdreist wäre, mitten in der Stadt mein Auto mit laufendem Motor rumstehen zu lassen – schob ich den ersten Gang rein, setzte den Blinker nach links und gab Gas. Die Straße war ziemlich leer, weshalb ich gleich nach links auf die linke Spur setzte und Fersengeld gab. Ein Blick in den Rückspiegel – nichts. Da rannte keiner hinter mir her oder winkte hektisch. Hähä, der ist immer noch drin, der weiß noch von gar nichts. Schade, ich hätte gern sein dummes Gesicht gesehen.

 

Jetzt mußte ich den Wagen natürlich loswerden, und zwar am besten irgendwo, wo mich keiner sieht oder wo es so aussieht, als sollte es so sein. Ich hatte den Schloßplatz passiert und steuerte die Wendalinusstraße entlang in Richtung Kappesbord. Rechts vorm Sozialpflegerischen war alles voll, also zog ich nach links in Richtung Saalbau. Hier hatte ich wieder Glück, denn in der Reihe mit Parkplätzen vorm alten Trier’schen Hof war einer frei, in den ich kurzerhand hineinbog. Motor aus, Licht aus, Schlüssel stecken lassen, mit dem Schal einmal übers Lenkrad und den Schaltknüppel, dann schnell raus aus der Siffkiste. Die Tür zugeworfen und mit dem Schal über den Griff gezogen. Und dann ab die Post.

 

Ja, so ist das gelaufen, auch wenn ich nicht sicher bin, was ich da überhaupt gemacht habe. War das Diebstahl? Raub wars keiner, dazu fehlte die körperliche Bedrohung, und ein Einbruch wars natürlich auch nicht. Die Karre war ja offen gewesen. Hm, ich würde ja einen Polizisten fragen, aber … ich weiß nicht, ob das so sinnvoll wäre.

 

Na gut – so ist es nicht gelaufen. Ich kam zwar vom Bahnhof die Bahnhofstraße entlang, und dieser Depp hat wirklich seine laufende Mühle vor der Sparkasse abgestellt und ist da reinmarschiert, dabei den lieben Gott einen guten Mann sein lassend und sein Auto ihm voll anvertrauend. Aber ich hatte meinen schwarzen Rucksack mit dem Laptop dabei und kam zwar auf den Gedanken, aber …. Ich bin einfach weitergegangen.

Der Gedanke … ist geblieben.

 

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
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