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Geschichte(n) -> 1932-1933 Links und rechts der Saarbahnen

Links und rechts der Saarbahnen

Ein Reisebuch mit Bildern.

von Hugo Han

 

Ausgabe 1932/33, Seite 122 bis 142

 

Hin und wieder tropft eine Ziegelei neben den Schienenstrang. Barbar, wenn Sie jetzt sagen, das sei langweilig, und holen Ihren Kriminalroman vor, werden Sie erschlagen. Das ist Notwehr, ausgeübt für diese liebenswürdige Landschaft, die sich nicht wehren kann und die allerbeste Behandlung verdient. Ganz warm sei sie dem Reisenden ans pochende Herz gedrückt. Eine richtige Erholungslandschaft. Steigen wir mal gleich aus in

 

Niederlinxweiler

Man hat die Industrielandschaft ganz und gar vergessen. Der Friede eines Dorfes. Rauch aus den Kaminen der Häuser, schön weiß und wolkig, der sich gleich verflüchtigt. Tuck, tuck, tuck ?die Hühner, muhmuh aus den Ställen. Und etwas Besonderes, was Sie, Herr Reisender, auf keinen Fall erwartet haben: eine Kirche, die Friedrich Joachim Stengel erbaut. Mir ist so, als ob ich einen ähnlichen Turm auf meiner Saarreise schon gesehen hätte! Mir auch.

 

Wenn wirs nicht zu Fuße machen wollen wie die Apostel, die Bahn hört ja nicht auf, setzen wir uns wieder rein, zur Schwester von Niederlinxweiler. Wieder Felder, die Infanterie, hinter denen sich Wälder als Artillerie aufgebaut haben. Links geht die Stellung auf zu einem Wiesental. Rechts? Jawohl, immer noch die Blies.

 

Ordentlich nehmen uns jetzt die Hügel in die Klemme; die Blies muß sich ebenfalls durch diese Porta zwischen Steinberg und Spiemont quälen. Steinberg ? einen besseren Namen gibts gar nicht. Aus dem Steinberg wird Diorit gebrochen, harte Wacken, die zu Schotter verarztet werden. Das Werk hier links ist also keine Munitionsfabrik für politische Auseinandersetzungen.

 

? Uebrigens, hier die Schwester:

 

Oberlinxweiler

Eine Schwester ist so hübsch wie die andere. Mäkelei wäre uns gerecht. Man darf ruhig auch da aussteigen. Ein uraltes Dorf, viel älter als die Schwester und vor allem Ausgangspunkt einer kleinen, ratsamen Bergbesteigung. Vorhin hat uns der Spiemont quetschen wollen, jetzt wollen wir ihm dafür aufs 406 Meter hohe Dach steigen. Rentiert sich, wie R. R. Rehanek schreibt: ?Der Spiemont wurde schon von den Römern als wichtiger Punkt zur Sicherung ihres Straßennetzes benutzt und ausgebaut. Hier unterhielten sie einen ständigen Wachtposten, welcher durch Lichtsignale mit der Kastellbesatzung auf dem Schaumberge bei Tholey in Verbindung stand. Auf dem Berggrat an der Westseite findet man noch Reste der ehemaligen Befestigung." ... man hat die Industrielandschaft ganz und gar vergessen ...

 

Nein, keine Wiederholungen ? die typische Blieslandschaft wiederholt sich nur einmal. Dann ? schon wieder eine Ziegelei; der Reisende findet, daß diese Art von Industrie das Gegebene ist für diese Landschaft. Rechts: die Eisenbahnwerkstätte. Eine Eisenbahnwerkstätte gehört zu einem größeren Bahnhof. Stimmt:

 

St. Wendel

Einen Wunsch hat der Führer für den Tag, da er mit dem Reisenden den St. Wendeler Bahnhof verläßt. Diesen einen Wunsch: daß die Sonne scheint und daß es gegen Abend zugeht. Und noch einen Wunsch hat der Führer, der für seinen Reisenden das Beste will: er sei gut zu Fuß. Aber noch wichtiger dünkt ihm: er braucht einen Reisenden, der sich von einer Stimmung hinreißen lassen kann, dem ein rauschender Brunnen unter einem Dach von grünen Ästen ein großes Erlebnis scheint. Der Führer kann den Mund nicht halten ? er nimmt schon wieder etwas vorweg, was ordnungsgemäß erst später kommen soll.

 

Was kann man dagegen machen? Wem das Herz voll ist ....

 

Er bezwingt sich, der Führer, er wird schön der Reihe nach verfahren. Jedoch: nach welchem System ordnet er seine Reihe? Soll er vielleicht die Punkte aufzählen und dazusetzen: 1., 2., 3.? Mit dem System sind dann sicherlich einige nicht zufrieden und halten das für Geschmackssache, und in Wirklichkeit ist es auch so.

 

Soll er einen Rundgang beginnen: Meine Damen und Herren, wir betreten jetzt die Sowiesostraße, in der zu sehen ist ..., stammt aus demsoundsovieltem Jahrhundert ... Und mit der Schlußbemerkung: Der Führer darf Trinkgeld annehmen. Der Reisende kraust die Stirne. Das mag er nicht, und der Führer verübelt es ihm keinesfalls. Er liebt selbst diese Führungen nicht. Er geht auch gern auf Abenteuer aus, er mag sich auch nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit stoßen lassen. Er möchte sich nicht geraden Weges zum Dom ? o nein, das ist wirklich keine Uebertreibung! ? stoßen lassen: Das müssen Sie sich ansehen.

 

Zum Beispiel gefällt ihm gleich in der Nähe des Bahnhofs eine Brückenstatue, unter der in goldenen Lettern der Name: St. Wendalinus ausgemeißelt ist. Sie gefällt ihm ... und ein Kunstgelehrter kommt gerannt und will feststellen, daß ... der Führer schiebt den Kunstgelehrten beiseite. Wozu denn schon wieder? Der Führer denkt darüber nach, daß eine Stadt heißt wie ein Heiliger. Kommt noch einer in Eile gelaufen: er wolle nichts von Heiligen wissen. Aber einer der Führer kanzelt ihn ab: daß die Geschichte einer Stadt nicht erledigt sei mit Nicht-wissen-wollen. Er kanzelt ihn ab: daß dieser heilige Schäfer unbedingt zu diesem Land um den Dom gehöre. Er kanzelt ihn ab: ob ein solcher Mensch dem in Eile Gelaufenen wirklich ganz und gar nichts zu sagen habe.

 

Ein solcher Mensch: ?Wenn ein Jüngling, dem nach Herkunft und Erziehung alle Freuden des irdischen Lebens erschlossen scheinen, diesem Leben nach reiflicher Erwägung um seiner Mitmenschen willen entsagt, und wenn dieser Jüngling, gar ein Königssohn, Krone und Purpur eintauscht gegen die denkbar größte Armut, so ist das eine Tat, die nur eine ganz seltene Persönlichkeit vollbringen kann." Der Führer betrachtet seinen Gegner und fährt weiter: ?Er wurde ein Pilger und Fremdling auf Erden, der ein neues Vaterland sucht ... Es war eine Einöde des Bliestales, die sich Wendelin zum Aufenthalt erkor. Hier wurde ihm die unwegsame Einsamkeit zur Schule des Geistes und der Weisheit Gottes, zur Vorbereitung auf sein eigentliches Wirken unter den Bewohnern des Landes ... Wendelin jedoch besaß nicht einmal Grund und Boden, auf dem seine bescheidene Klause stand, und verfiel deshalb der Leibeigenschaft. So ward er Knecht eines rauhen und gewalttätigen Herrn, der ihn zum Hirten einer Viehherde machte. Aber gerade dieser freiwilligen Erniedrigung verdankt Wendelin die innige Verehrung, die er alle Jahrhunderte hindurch beim Landvolk genossen hatte. Sein Leben war eine ergreifende Predigt für die damaligen Herren wie für die Leibeigenen ..."

 

Herr Führer, Sie haben wohl die Absicht, politisch zu werden? Ach woher denn, aber dieser Wendelin scheint ihm wichtig zu sein und er hielt eine Verteidigung notwendig, weil er, der Führer, vor einer Brückenstatue stehen blieb. Abgesehen davon, daß den anderen Menschen gleichgültig sein kann, wo einer stehen bleibt. Abgesehen davon ? vor dem Denkmal eines guten Menschen, meint er, könnte man immer stehen bleiben. Abgesehen davon ? es muß etwas an einem Menschen gewesen sein, dem zu Ehren man einer Stadt den Namen gibt, dem zu Lob eine solche Kirche ihren Turm zum Himmel streckt.

 

Fast verliert der Führer über diesem Plaidoyer seinen Faden. Von Herzen freut er sich nun, daß er sich St. Wendel gleich zum Anfang unsystematisch vorgenommen hat. Und deshalb darf er auch lustige Sprünge machen. Gleich macht er einen Sprung. Vorhin hat er noch einen Wunsch für den Tag des Besuches vergessen, den will er nachholen. Bevor der Reisende zum Dom kommt, wünscht er ihm noch, daß an diesem Tag in St. Wendel Markt sei. Markt rund um den Dom, Markt mit Bretterständen, mit Bändeln und Litzen, mit Geschirr und Ausrufern, Markt mit recht buntem Allerlei. Markt interessiert mich nicht, ich kaufe meinen gesamten Bedarf im Kaufhaus XYZ, ich brauche überhaupt nichts ...

 

Wissen wir alles, Herr Reisender. Dieser Markt soll für Sie auch nicht zum Handeln da sein, nur zum Ansehen, nur als Staffage des Domes, diese Buntheit in den engen Straßen, an dem Hügel zum Domportal sollen Ranken und Zierwerk des Besuches einer alten Kirche sein. Sagen wir also, es sei nun zufällig Markt, der Reisende ist baff. Jetzt weiß er und weiß doch nicht. Ist das von heute, oder ist nur ihm zuliebe ein lebendes Bild aus dem Mittelalter arrangiert worden. Der Platz um den Dom .. .

 

Und nachdem der Reisende sich entschieden hat dafür, daß ihm das restlos gefällt, wird der Führer nun doch ein wenig systematisch. Denn er empfiehlt einem Mann, systematisch um diesen Dom herumzugehen, systematisch alle zwei Schritte stehen zu bleiben und bei jedem Halt die neue ? schlagt ihn, wenn er Perspektive sagt! ? die neue Perspektive sich zu Gemüte zu führen.

 

Er sagt doch Perspektive, trotzdem das ein dummes Wort ist, mit dem man wenig anfangen kann, das farblos aussieht und klanglos sich anhört. Aber die Leute wissen schon, was der Führer meint, und er braucht schließlich auch keinem Empfindungen einzuimpfen. Ach, wissen Sie, von wegen Dom ... ich war in Straßburg, in Köln, in Freiburg ... Der Führer: Das macht gar nichts, deswegen kann sich St. Wendel immer noch sehen lassen, und der Reisende kann mehr als zufrieden sein, ja ... "Er ist überwältigt von den Ausmaßen der Turmfassade ...

 

Das Auge haftet an der in schwindelnder Höhe querziehenden Galerie, am herrlich gegliederten, die massige Front belebenden Portal. Bis unter die Galerie reichende Strebepfeiler flankieren die in spätgotischem Stile ausgeführte Eingangspforte, über der schlank und kühn der krabbengeschmüdkte Wimperg zur Kreuzblume emporstrebt."

 

Sie lesen vor? Der Führer: Ich lese vor aus 0bertreis' ?St. Wendalin". Sie lesen vor aus dem Buch eines, der seine Heimat liebt. Ja, und trotzdem stimmt da jedes Wort. Sie ist unerhört schön, diese Fassade. Loben ist das Geschäft jeden Führers! ? So! Wenn nur hier jeder Führer für sein Lob so unbedenklich die Hand ins Feuer legen könnte wie der Ihrige, Herr Reisender.

 

Leises Räuspern des Reisenden und Anfrage: Steht in dem Buch etwas von den Türmen, von dem Turm, oder wie sagt man eigentlich zu diesem Gebilde? Natürlich steht darin, aber über diesen Turm freut sich der Führer so, daß er selbst reden möchte. Schon wieder kommt der Kunstgelehrte angerannt, benutzt die Ellenbogen und will sich zwischen Führer und Reisenden drängen: ?Ja, wissen Sie überhaupt, daß dieser Turm ... Jawohl, wir wissen, daß er nicht zum Stil der Kirche paßt. Und wenn Sie sich auch nur den leisen Hauch einer Silbe des Wortes: Stilvermanschung erlauben, dann gibt es Krach! Die Freude an diesem Turm lassen wir uns keinesfalls rauben: das ist so überraschend und ist so Wahrzeichen einer Stadt geworden, daß es schade gewesen wäre, wenn man im Jahre 1721 den Stil nicht ?vermanscht" hätte. Eine große Zwiebel, ein Stück, das man ? nun Herr Kunstgelehrter, jetzt rücken Sie heraus mit Ihrer Weisheit! ? Laterne nennt, eine kleinere Zwiebel, und mit dieser kleinen Zwiebel liebäugeln die kleinen Turmspitzchen, lehnen sich hilfesuchend an die große Zwiebel an und bitten sie, einen schönen Gruß an die kleine Schwester da droben auszurichten. Der Führer amüsiert sich jetzt selber über seine unsystematische Behandlung des Themas St. Wendel. Aber gleich wird er wieder ernst.

 

Denn nun hat er eine Aufgabe zu erfüllen, bei der man ernst bleiben muß: das Innere dieser Kirche zu zeigen. ?Ein überraschender Anblick!" meint Obertreis in seinem ?Stadt und Land des hl. Wendalin" und er zitiert gleich .einen, der wohl Bescheid gewußt hat: Kugler mit seiner ?Geschichte der Baukunst": Die inneren Durchblicke sind von großem Reiz, die Höhenverhältnisse entschieden vorwiegend, aber bei der überall freien und offenen Räumlichkeit von unbegrenzter Wirkung." Das sollte, wenn man sich knapp halten müßte, eigentlich genügen. Und der Führer könnte seinem Reisenden das weitere überlassen. Nein, er läßt es nicht genügen. Bei dieser Kirche nicht. ?Der weite Raum erscheint verkürzt, die großen Chorfenster rücken das Ostende dem Auge täuschend näher. Das durch die bunte Verglasung der Fenster einfallende Licht verleiht dem Innern eine ehrfürchtige, weihevolle Stimmung. Die schlanken, hohen Säulen ziehen den Blick mächtig nach oben, der, unbehindert durch Kapitäle, der Auflösung in die Gewölberippen folgt, die sich zu einem kunstvollen Netzwerk ineinander schlingen. Die zwölf Säulen, von denen vier als Halbsäulen aus den Stirnwänden des Schiffes heraustreten, teilen letzteres in drei Langschiffe von fast gleicher Höhe, wodurch die Kirche zur ?Hallenkirche" wird."

 

Was denn? Wortlos zeigt der Reisende auf den Sarkophag des Heiligen, dem diese Kirche gehört. Ja, ist mir recht, nickt der Führer, stellt seinen Begleiter vor dieses steinerne Kunstwerk und sagt ihm nur noch, was Obertreis gesagt hat: ?Die Ausführung der Spitzbogen über den Feldern, der Krabben und Kreuzblumen, der schlanken Figuren mit den nicht proportionierten Köpfen gehört der Hochgotik an und wird von Kunstkennern in die Zeit um das Jahr 1400 gesetzt." Das weitere kann er seinem Freunde überlassen. Mag er sich auseinandersetzen mit dem bronzenen Gesicht des Wendalinus, um den sich seine trauernden Schafe drängen. Man kann es dabei belassen. Nur das muß man hinzufügen, daß diese Bronzeplatte unserer Zeit entstammt und trotzdem hierher paßt und nicht im geringsten diese Gotik stört ... Das sehe ich selber, weist uns der Reisende hinter unseren Zaun zurück. Da haben wir es schon. Er sieht das selbst, man soll ihn schweigend sehen lassen .. .

 

Vorwärts, weiter, nicht träumen! Schwierige Angelegenheit. Jetzt wäre der Führer herzlich froh um einen Feldzugsplan. Er hat keinen, er muß sich so durchschlagen und versuchen, zu einem guten Ende zu kommen, bei dem beide Parteien ein Haben aufs Konto schreiben können. Armer Führer!

 

Man braucht ihn nicht zu bedauern, er ist heimtückisch genug, sich immer noch einiges aufzusparen. Zum Beispiel ein altes Haus, das er sich von Max Müller zeigen ließ: ?Schwer und kantig drängt sich das Amtshaus an den St. Wendeler Schloßplatz. Dem Hause ist kein Schicksal erspart geblieben. Vom grauenhaften Elende eines durch Typhus und Brand verseuchten Feldlazarettes bis zum sprühenden Glanze eines lustigen Hofes und dann wieder zur nüchternen Langweile städtischer Verwaltungsräume. Fast 200 Jahre steht das trutzige Gebäude da."

 

Oder zum Beispiel ... aber da sattle in Eile deines Schuhlieferanten Rappen, Reisender. Keine Angst, es brauchen keine Nägel darauf zu sein. Aber um Himmelswillen nicht schon wieder ... Doch, schon wieder eine Kirche. Sonderbarer Kauz, dieser Führer, will mir immer Kirchen zeigen. Der Führer wird, wie in Ottweiler, plumpvertraulich, er meint nämlich, ein kameradschaftliches Du sei da am Platze: Reisender, du mußt dir diese Kirchen ansehen, weil in ihnen ein großer Teil der Geschichte dieser Landschaft aufgezeichnet ist.

 

Reisender, du willst die Vergangenheit kennen lernen, ja, und empfindsam reisen und nicht ständig schimpfen: Diese verdammte Bahnfahrerei. Und ... doch dem Führer gefällt dieser Ton nicht für das, hätten wir uns auf dem Wege über Matthäus Schiestl meinetwegen unterhalten. Aha, erwischt, freut sich der Reisende dann, diese Kapelle ist eine Illustration zu dem Gespräch, so ... ?liegt in einem anmutigen Wiesentale die St. Wendelskapelle, beschattet von alten Linden, Eschen und knorrigen Akazien". Siehst du, Reisender, jetzt bis du voll einer freudigen Heiterkeit und vorhin hast du noch murren wollen. Noch einen Blick in dieses Kirchlein, das sieht man ihm von außen gar nicht an, das feine Barock, das innen seinen Meister lobt.

 

Nun, Herr Führer, höre ich ihnen schon seitenlang zu und weiß immer noch nicht, warum ich gegen Abend auch in St. Wendel sein soll. Das kann ich nicht sagen, Herr Reisender, dazu müßten Sie die Augen aufmachen, nachher, wenn wir am Kloster der Steyler Missionare vorbeigekommen sind und beim Rückweg das Bild der Stadt vor uns haben. Alles? Nein, dazu kommen die Hügel des Hinterlandes, die Kuppe des Schaumberges, die Berge des Hochwaldes ...., ?die Stadt in ihrer Anmut und reizvollen Umgebung". Und wenn der Reisende die Arme ausbreitet, ist der Führer anständig genug, das Gefühl zu ehren und wegzugucken. Er könnte eine Unbeherrschtheit in dem Falle keinem übel nehmen.

 

Müde? Na, so wollen wir denn in einer stillen Klause einen heben und uns Geschichten erzählen. Ich wüßte schon gleich eine, eine hübsche Geschichte mit einem traurigen Ende. In ein Buch gehörte sie: auf dem Vorsatzpapier müßten Vergißmeinnichte und Levkojen blühen, ein Maier müßte mit ganz feiner Feder Bildchen dazu zeichnen und sie mit blassen Farben kolorieren ... Werden Sie nicht süßlich, lieber Freund, patscht uns der Reisende auf die Schulter. Zu jeder Geschichte gehört der richtige Rahmen, meine Geschichte braucht ein Biedermeierkleidchen, daran ist nichts zu ändern. Aber daraufhin bin ich verstimmt und erzähle die Geschichte von der Koburger Herzogin Luise und dem Stallmeister Max von Hanstein nicht und nicht die Idylle von einer kleinen Residenz und nicht von dem Tierarzt Stoll, und wie der die zwei Bologneser Hunde zu heilen pflegte, und nicht vom Kammerherr Graf zu Solms-Tecklenburg, der die Färbertochter Nanni Simon heiratete. Und wie aus dem Idyll eine Geschichte wird, die vom Gespenster-Hoffmann erzählt sein könnte: die Gendarmen, die vor dem Schloß die Totenwacht halten, während sechs Handwerksleute hinter ihrem Rücken einen Sarg mit einer toten Herzogin stehlen ?das erzähle ich nicht. Das ist eine Geschichte, an der kann man eine ganze Nacht knabbern. Und dann schläft mein Herr Reisender schlecht, welchselbes ich nicht verantworten kann. Ueberhaupt kann sich der Führer beleidigt fühlen; er schmollt ob der Glosse gegen seinen Biedermeierton. Er weiß nur zu genau: wenn er richtig anfängt von St. Wendel, gibts keine Ende, er bleibt mit seinem Reisenden über die Polizeistunde sitzen. Na, wollen wir's so nahe wie möglich trotz allem an die Gefahr eines Protokolls herankommen lassen. Denn da kommen noch ein paar St. Wendeler Bürgersleute, und die freuen sich in dem Jahr noch mehr als in anderen, alte Geschichten auskramen zu können. Denn dieses Jahr sind sie bannig stolz auf ihre Stadt, mit Recht: sie feiert ihren sechshundertsten Geburtstag. Bei manchen Leuten wird ein Riesentheater gemacht, so sie ihr fünfzigstes Lebensjahr mit Anstand hinter sich gebracht haben. Und da darf doch hoffentlich eine Stadt auch feiern, ohne sich vor einer Kritik fürchten zu müssen, die von den schlechten Zeiten redet. Jetzt aber schnell. Außer der Dame aus Koburg gibt es noch manches, was eine Stadt in Jahrhunderten erlebt. Und so wollen wir zwei, Reisender und Führer, eiligst ein bißchen in der Geschichte herumblättern. Einen Augenblick widmen wir dem Dreißigjährigen Krieg. Da war St. Wendel klug und machte den Laden zu, will heißen die Tore der Stadt, egal, wer kam. Und das war gut so. Die Schweden wollten einmal, aber ihre Kanonen genügten nicht, und so zogen sie denn betrübt ab. Holländischer Krieg, Reunionszeit, Spanischer Erbfolgekrieg - der Führer wird dem Reisenden heute nacht Max Müllers "Geschichte der Stadt St. Wendel" aufs Nachtkästel legen. Sonst wird er wirklich nicht mehr vor der Polizeistunde fertig. Und wenn er gar mit der französischen Revolution anfängt, kommt er keinesfalls zu einem Schluß. Revolution und St. Wendel ? Stoff genug für einen wohlgenährten Roman. Einquartierung, französische, dann wieder Truppen der Verbündeten. Die Befreiungskriege erlebt St. Wendel: der tolle Feldmarschall Blücher nahm hier Quartier. Und so weiter. Und da müßte noch die Rede sein von ein paar klugen Bürgermeistern, die das Schiff ihrer Stadt durch alle Not und alle Politik gescheit und bewunderswert lavierten... Und da ist der Schutzmann; wir wollen austrinken und Schluß machen... .

 

Sie müssen weiter, die Zwei, Führer und Reisender. Sie wollen noch den Rest dieser Saarbahnstrecke sehen. Sie blicken noch einmal aus ihrem Zugfenster in die Stadt. Ja, Scheiden tut weh. Auf Wiedersehen! Wir haben uns einen Graben in die Erde gewühlt, und über die Dämme können wir nicht hinwegsehen. Aber die Grabenzeit hört wieder auf. Es beginnt die Zeit der Sicht auf die Hügellandschaft. Zuerst hat der Führer noch die Pflicht, auf Urweiler aufmerksam zu machen. ? Drehen Sie Ihre Augen nach rechts, Reisender! Worauf er sich mit seinen Reisenden ganz und gar diesem Spiel der Bodenwellen hingibt. Hin und wieder drehen sie uns ein paar Nasen, die Tannen darauf sind die Finger zu diesem Nasendrehen. Ein beruhigendes Spiel spielen die Hügel, bei weitem nicht so aufregend wie Skat oder Schafskopf. Das rechts unten ist die Dörrwiesmühle, die sich ein Stück des Todbaches weggefangen hat.

 

Hügel, Hügel ... Es hügelt sich so lange, bis es in

 

Baltersweiler

für ein Weilchen aufhört. Links unten liegt das Dorf, zeigt seine Häuser von der besten Dächerseite und bittet um regen Besuch. Und wieder Hügel. Dämme links, Dämme rechts, das ist gar nicht schön von denen. Hei, jetzt ist wieder was los, ein Dorf

 

Hofeld

Bittet ebenfalls, und mit gutem Recht, um unseren Besuch, verweist auf seinen Schloßberg mit seiner Ruine: ?Hier auf dem verbreiterten Bergkegel mit seinen steilen Hängen ließ der Bischof Albertus de Hirgis für seinen Lehnsmann, den Grafen Volmar von Blieskastel, als Grenzfeste der umliegenden Verdunschen Besitzungen und zum Schutze der Schirmvogtei des Klosters Tholey 1192 eine feste Burg erbauen, die 1635 durch schwedische Truppen arg beschädigt und 1677 von den Franzosen unter Führung des Grafen Bussy zerstört wurde."

 

Sie sind Geologe, Herr Reisender? Der Schloßberg ist Melaphyr, Herr Reisender! Und die Aussicht von diesem Berge aus ist nicht von Pappe. Man genieße sie!

 

Von der Station aus genießen wir auch noch: die Straße rechts mit den Hügeln, die sich so schwupp, schwupp, schwupp dahinier setzen. Der Schloßberg kommt ganz nahe heran an die Geleise, die ihm sogar ein bißchen heftig an die Rippen kitzeln mußten, damit er sie vorbeiläßt. Was ihn veranlaßte, seinen Melaphyr vorzuweisen. Kurzer Blick in ein Tal: der Todbach sieht sich den Schloßberg von hinten an. Sie werden staunen, Herr Reisender, in der Gegend heißt der Bach noch Großbach. So ist es im Leben. Dann Tannen links. Wenn sie eine Blöße offen lassen, lassen sie auch einen Blick offen auf den Schaumberg mit seinem Denkmalsturm. Hügel, Hügel , . Eine Station. Da drunten in dem Tale, da geht kein Mühlenrad, aber wir wollen hingehen:

 

Namborn

Empfiehlt sich von selbst, braucht keinen Reklamechef. Empfiehlt sich schon mit dem Blick vom Bahnhof aus. Empfiehlt sich mit seinem Wald und seinen Hügeln. Liegt schön still da unten. Liegt bereit zum Weekend ohne Kurtaxe, Smoking und Jazzkapelle. Dies Wochenend kann man ausfüllen mit der Besteigung einiger ganz anständiger Berge in der Nähe. Der Reisende sagt: Ja! Er ist auch der Ansicht.

 

Nun sitzen wir da und überdenken noch einmal: das Sulzbach-Industrietal, Neunkirchen, das sanfte Bliestal, St. Wendel, der Beginn des Hochwaldes. Ob der Zufriedenheit seines Reisenden ist der Führer zufrieden.

 

St. Wendel - Bliesen ?Oberthal ? Tholey

Nein, sagt der Reisende in St. Wendel, und betrachtet ganz intensiv seine Uebersichtskarte der Saarbahnen, wobei er feststellt, daß die Linie, die da nach links abzweigt von dem Gebüsch, plötzlich aufhört. Wo es aufhört, steht Tholey. Nein, denkt er sich, da fahre ich schon gar nicht hin, da muß man wieder umkehren. Im übrigen weiß ich nicht, was Tholey ist, ist vielleicht ein weltverlorenes Nest. Aber das kommt daher: sein Führer hat auf der Forschungsreise durch St. Wendel vergessen ihm mitzuteilen, daß jener Schaumberg zu Tholey gehört. Nun überlegt sich der Reisende, dann fährt er. Wenn er es nicht getan hätte, wäre ihm ein Verlust entstanden.

 

Der Turmhelm des Wendeldomes sagt ihm von rechts her für seinen Entschluß auch einige freundliche Zeilen. Und links sieht der Reisende einen Gegensatz: eine seltsame Kirche, St. Annen, ein Bauwerk unserer Tage, ein einsames Kreuz über den dachlosen Kuben. Gebaut hat sie Herkommer, dessen Schaffen der Reisende schon in Saarbrücken begegnet ist. Wo sie steht, ist Alsfassen, und das gehört noch zu St. Wendel.

 

Was dann? Dann fliegt eine zarte Landschaft, ein liebliches Landschäftlein neben den Schienenstrang, nicht im geringsten aufregend, eher beruhigend. Und wenn das Tacktack der Räder auf den Schienen nicht klänge, würde man wahrscheinlich die Flöte eines Hirten hören. Weil wir von Bildern das so gewohnt sind, suchen wir auf diesen Hügelwellen, in diesem Tal immer nach der Staffage: einer großen Schafherde, um die ein Bello hetzt und einer auf die Hirtenschaufel gestützt den Wolken nachsinniert.

 

Mein lieber Führer, Sie werden poetisch, Sie werden lyrisch, und das scheint mir nicht ganz zum Saarrevier zu passen. Paßt sonderbarer Weise aber doch, paßt zu dem Land des Hirten Wendalinus.

 

Was ist vom Fenster aus zu sehen? Eigentlich nichts. Felder, die die Hügelwellen karieren, Obstbäume, die gegen die Regelmäßigkeit der Ackerfurchen mit ihrem Aestegewirr kämpfen. Links unten schlängelt sich ein Wässerlein durch die Wiese. Und so man schnell davon ein paar Aufnahmen knipste und sie mit: Aus dem Frankenlande irgendwo zwischen Neckar und Tauber unterschriebe, würden viele Leute sagen: Das merkt man natürlich gleich.

 

Sonst ist nichts zu sehen. Die Hügelrücken, die zwischen sich und den Himmel einen Waldstreifen setzen zur sauberen Abgrenzung von oben und unten. Die Landschaft fährt Wellenlinien und findet sich mit Recht schön dabei. Uns tut es in der Seele wohl. Das Wässerlein kurvt sich auch so sanft durch die Gegend. Damit es nicht vergessen wird: das Wässerlein nennt sich Blies. Sonst nichts ..

 

Sonst doch. Nämlich der überragende Schaumberg mit dem Denkmal, der unzufrieden mit der Abgrenzung der Hügel gegen den Himmel den Waldstreifen da links hinten durchstößt, aufstrebt und als mahnender Finger von jetzt ab die Landschaft beherrscht, durch die der Zug rattert. Bitte, nur einen kurzen Moment die Augen davon weg, links unten ruht sich ein Dorf aus:

 

Bliesen

Warum heißt wohl Bliesen Bliesen, wenn es an der Blies liegt? Sie merken doch auch alles! Und die Bliesener sind stolz auf ihre Kirche, die hoch oben steht. Und wir sind stolz, weil wir annehmen, daß diese Perspektive: oben Kirche, die Dorfgassen unten extra für uns so angefertigt ist. Weil wir gerade an dem Blick ins Tal sind, bieten sich zwei Dörfchen gleich mit an: Linden und Osenbach. Fast findet der Reisende es etwas anstrengend in dieser Ecke, denn er muß gleich wieder eine Station notieren:

 

Oberthal

Auf der Karte steht daneben: Imweiler. Was auf der Karte steht, steht selbstverständlich auch in der Landschaft. Das liegt unten im Tal. Unser Zug durchschneidet, was eigentlich zusammengehört, und deshalb sehen wir mit dem rechten Auge die Kirche und den Friedhof. Es gibt noch mehr zu sehen ? der Schaumberg hat sich verändert, vielmehr die Sicht auf ihn hat sich verändert: er zeigt auch seine rechte Schulter. Alles ausgestiegen in Oberthal, was aussteigen mußte, dann fahren wir weiter. Kurz nach der Station rechts unten Gronig, eingebettet in eine Bügelfalte der Hügel.

 

Ginsterhügel zu beiden Seiten, und nach diesen trockenen Feststellungen ist man verpflichtet, den poetischen Faden von vorhin wieder zu suchen und ein Stück weiter daran zu spinnen. Beim Suchen hat man zum linken Fenster hinauszusehen, worauf man ihn sofort findet. Es tut sich ein Panorama auf, das in Anführungszeichen gehört, das ins Quadrat erhoben werden muß, das man hochachtungsvoll per Sie anzureden hat. Wir fahren so hoch, daß wir ins Hügelland hineinschauen können. Eine zarte Hügelwellenlinie malt sich an den Horizont. Grün die Wiesen, braun die Aecker ? Herr Führer, Sie haben das im Frühling abgezeichnet, im Sommer ... ? im Sommer golden, blauschwarz die Wälder. Hier vorne gleich wie ein saftiges Oelgemälde, dort hinten wie ein zartes Pastell. Wenn es nicht bestraft würde, sollte man hier die Notbremse ziehen.

 

Jedoch: die bahnamtlichen Vorschriften berücksichtigen nicht die Landschaft. Und sie durchschneidet heftig unseren lyrischen Faden. Aber das muß sie uns schon noch erlauben: dem Reisenden mitzuteilen, daß in dieser hinreißenden Landschaft Alsweiler liegt, das man nicht nebenan in den Eisschrank stellen darf, so man hier Streifzüge unternimmt. Ein Schuß Tannenwald, hineingemischt in diese Mischung der Landschaft, sucht uns über die Heftigkeit der Bahn hinwegzutrösten. Ein Ausblick rechts versucht mit halbem Erfolg, die uns entrissene linke Seite zu imitieren. Dämme steigen an und machen alledem Schluß. Die Lokomotive pfeift sich einen Tunnel heran, der die nötige Disziplin im Leibe hat und sofort da ist und aus dem hellen Tag ohne Dämmerung schwarze Nacht macht. Dann sagen wir uns: Guten Morgen!, uns und dem Hügelrücken zu unserer Linken und dem verlorenen Hof zu unserer Rechten. Jetzt geschieht dem ?armen" Reisenden, daß er zu den Allen gerechnet wird, die hier aussteigen müssen, in

 

Tholey

Er fühlt sich wirklich arm, der Reisende. Der Bahnhof, die paar Schuppen da, die Rangiergeleise, die vor dem Buckel da aufhören, das hat nicht rentiert. Wenn er das gewußt hätte, wäre er vor dem Hügelpanorama doch lieber mit den amtlichen Vorschriften betreffs Notbremse zusammengeraten.

 

Leise schimpft er vor sich hin, schimpft eine Straße hinter sich. Vor den ersten Häusern Tholeys wird er ruhiger, der Schaumberg bäumt sich vor ihm zum höchsten Berg der Saarlandschaft ? 572 Meter ? hoch und sagt ihm seinen geologischen Steckbrief: ?Der Schaumberg, eine mächtige Vulkankuppe aus Porphyrit, entstammt der Nachkohlenzeit, die charakterisiert ist durch heftige Erdbewegungen, als deren Folgen an mehreren Stellen dieser Landschaft feuerflüssige Massen aus dem Erdinnern quollen und sich zu Kuppen auftürmten." Das Dorf macht ihm Spaß, unserem Reisenden. Der Schweinehirt, der im Augenblick mit seiner Messingtrompete seine Quietscher zum Gefolge ruft, wurde von uns für diesen Tag bestellt. Wenn er nicht da ist, hat er Ferien, oder der Reisende kommt zur ungelegenen Zeit. Zu Hause, in der Großstadi, hat die Polizei ihm diese Idyllen geraubt, dem Reisenden. Eine Ideenassoziation bedeutet ihm, es sei an der Zeit für ein ländliches, größeres Schinkenbrot. Die hierfür nötigen Lokale findet der Mann ohne Wegweiser.

 

Einen Tipp muß er sich gefallen lassen von uns. Einen Tipp im Stile des Werbeprospektes: Wer Tholey besucht, versäume nicht ...

 

Er versäume nicht, das hier gebrannte Feuerwasser ? genannt Wacholder, Spezialität wie die Nürnberger Lebkuchen und die Frankfurter Würstchen ? zu versuchen. Aber für die Folgen ist er selbst verantwortlich... .

 

Und deswegen Tholey? Nein, diese kleine Feststellung war nur an den Rand geschrieben, war ein kleines Fußnötchen. Tholey ist mehr als ein ixbeliebiges Dorf mit einer Speziatität. Tholey besitzt ... .

 

Na, eben sind wir auf dem Marktplatz und dort ist das Rathaus und daneben ein Gäßlein. Stellen wir das Steuer darauf, steuern wir durch die Häuserenge. Jetzt sehen wir, was Tholey besitzt: eine Klosterkirche, die man gesehen haben muß, wenn man im Saargebiet war. Die paar Treppen abwärts, an dem Schiff entlang.

 

Das Portal.

 

Aus dem Bücherranzen findet der Reisende nicht gleich das Richtige. Wir haben schon in ?Stadt und Land des hl. Wendalin" von Nikolaus Obertreis das Richtige gefunden: ?Zwischen zwei Strebepfeilern eingebaut, rückt das Portal aus der Wand hervor. Unbeschädigt, muß die Anlage einst von unvergleichlicher Schönheit gewesen sein. Einigermaßen erhalten ist die Skulptur im Tympanon, ein Bild der Auferstehung Jesu. Der triumphierende Heiland entsteigt dem Grabe, dessen Deckstein die Engel wegwälzen. Ihr Erscheinen hat die Wächter zu Boden gestreckt. Die Leibung ist von fünf Kehlen durchzogen, von denen zwei mit gebuckeltem Blatt und Blumengerank gefüllt sind; die Deutung der in die übrigen Kehlen eingereihten Figuren ist wegen der starken Verwitterung und Zerstörung unsicher." Für das nächste holen wir den Bleistift her und unterstreichen: ?Im Portal der Pf arrkirche zu Tholey besitzt unsere Heimat eines der ältesten und unzweifelhaft hervorragendsten Baudenkmäler frühgotischer, rheinischer Kunst, dem nur das Portat der Liebfrauenkirche in Trier zur Seite steht."

 

Und dann die Kühle einer alten Kirche. Und wir blättern in unserem Buch nur eine Seite weiter: ?Die Kirche ist dreischiffig. Der innere Gewölbeseitendruck wird von den durchbrochenen Strebepfeilern an den niederen Seitenschiffen aufgenommen. Mehrfach gebündelte Säulen, denen die einfachen Kreuzgewölberippen aufsitzen, trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Der massige Turm ist in das Schiff hineingerückt, so daß die von Säulenbündeln getragene Turmhalle als Teil des Mittelschiffes erscheint."

 

Es wird gebeten, über die folgenden Zeilen nicht hinwegzulesen, man muß sich detektieren an der Kunst, die dieses Barock eingefügt hat in die Gotik: ?Zwischen die Säulen ist die 0rgelbühne eingebaut, auf der sich der in gleichem Stile gehaltene Prospekt der 0rgel erhebt. Kunstkenner bezeichnen denselben als eines der schönsten Werke dieser Art in Deutschland. ? Die Kapitäle der gotischen Säulen haben einfache Kelchform, nur jene unter der Orgelbühne zeigen die Anfänge des in der Gotik sich entwickelnden Blattwerks."

 

Führer haben die Pflicht, aufmerksam zu machen. Also: das Kreuz im rechten Seitenschiff und das geschnitzte Chorgestühl. Für jetzt genug der Theorie. Man fühle sich klein in diesem Raum ? die Tholeyer Reise hat schon gelohnt.. Es gibt Kirchen, die kennt man, wenn man den Innenraum kennt; diese nicht... .

 

Der Himmel unserer Tage und nicht mehr der geformte einer gotischen Bauhütte ist über uns. Die Schuhe stellen sich Richtung Treppe ? halt, nicht vergessen darf der Führer: neben der Kirche ist ein kleines Museum eingerichtet.

 

Reste der einstigen Abtei. Nichts dazu zu bemerken, man sieht schon, was zu sehen ist. Also, sagt der Reisende, dann spare ich mir's. Es gibt andere Gelegenheiten zum Sparen. Nur ein Wort, aus ist es mit der Sparerei: ?Mona Lisa des Nordens". Aha, neugierig! Die Mona Lisa lächelt in dem Museum, früher begrüßte sie am Portal den Kirchgänger. ?Die Figur stellt den Verkündigungsengel dar. Der rechte Arm hält einen Faltenbüschel des hochgerafften Gewandes; der linke Arm, welcher fehlt, deutet anscheinend auf das über das Gewand laufende Spruchband. Es spricht aus der edlen Haltung, den langherabfallenden Falten der Schönheitskanon der gotischen Plastik. Die liebenswürdige Naivität und Freundlichkeit des Antlitzes verraten gefühlsleichte, fast kokette französische Zierlichkeit." Ein weltfremdes überlegenes Lächeln von einem steinernen Gesicht, dem die Zeit zugesetzt hat. Ein fernes Lächeln. Der Reisende bedauert, daß das Modell der Mona Lisa ihn jetzt nicht begleiten kann. Die Tholeyer würden schauen und dann würden sie ihren Scherznamen nachrufen: Brühlliese! Der ?an die Kirche anstoßende Flurteil" heißt nämlich Brühl...

 

Und schon kommen die Mäkler mit dem Meterstab angesaust und messen nach und finden: Herr Führer, bei Inbetrachtziehung der Bevölkerungszahl von Tholey (knapp was über 1400) finden wir, daß sie zuviel Platz verbraucht haben. Wir werden für Tholey noch mehr verbrauchen. Denn dieses Dorf besitzt noch den Schaumberg; mit dem geologischen Steckbrief ist es für ihn nicht getan. Auch nicht damit getan, daß man die Wucht des Berges bewundert....

 

?Was mehr aber noch als die bloß natürliche Schönheit in den Bann des Schaumberges zieht, das ist die reiche geheimnisvolle Vergangenheit des Berges, der selbst wie ein unerschütterliches geschichtliches Denkmal dasteht." Dafür braucht es Platz, ihr Herren Mäkler. Und der Führer muß sich sowieso schon hüten, daß er nicht ganze Kapitel abdruckt aus einem Buch, das die Inschriften setzt auf dieses geschichtliche Denkmal, aus ?Der Schaumberg. Von denkwürdigen Begebenheiten auf Berg und Feste Schauenburg, von Burgvögten, Rittern und andern Leuten" von Hermann Joseph Becker. Ins Notizbuch und in die nächste Buchhandlung.

 

Erzähle einer in zehn Zeilen das Schicksal dieses Berges, wenn er es fertig bringt. Erzähle von dem römischen Stützpunkt ... ?innerhalb des Bereiches unseres heutigen Saargebietes eine bedeutende, wenn nicht gar die wichtigste Stellung als frührömische Kulturstätte" ... von dem siebenten Jahrhundert, da Tholey Kloster geworden, der Berg Schirm und Schutz bot, als die Schirmvögte da oben wohnten; von Franz von Sickingen, der in seiner Fehde gegen Herzog Anton von Lothringen mit seinen Landsknechten Feste Schauenburg berannte und eroberte; von den Jahren vor der Reformation, da die Bauern vor die Burg zogen. Erzähle weiter von der wüsten Zeit des Dreißigjährigen Krieges, vielleicht auch noch von der französischen Revolution.

 

Schon wieder erheben die Beckmesser Einwände. Lassen wir sie unten stehen und warten. Wir schlagen uns seitwärts in die Büsche und atmen etwas heftiger den Berg hinauf. Die Burg wollen wir sehen. Ein paar Brocken ja, die Burg ist nicht mehr. Wir sind um hundert Jahre zu spät geboren. ?Noch in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erhoben sich auf stolzem Bergesgipfel die hohen Mauern der einstigen Schauenburg... . Im Jahre 1871 wurde leider auch dieser ehrwürdige Ueberrest einer reichen und großen Vergangenheit abgetragen."

 

Die Leute mit dem Meterstab stehen unten. Wir stehen vor dem Turm der Kriegergedächtniskapelle. Das Riesenkreuz des Erlösers. Die Treppe zur Kapelle, die Kapelle selbst ... . die Beckmesser sollen Recht haben: das überläßt der Führer jedem.

 

Aber auf den Turm muß jeder steigen, von da aus soll jeder das Land sehen, das sich zu seinen Füßen breitet, die Hügel und Dörfer, die Wälder und Felder. Das Saargebiet, der Hochwald, die Pfalz... .

 

Nein, wenn der Führer richtig beginnt, trifft die Beckmesser der Schlag.

 

Eine Bitte noch sei dem Führer gewährt. Er bittet darum, sich die Abteikirche zu betrachten, wenn im Hintergrund der Schaumberg steht, den Turm und das Dach, und er bittet darum, daß ein richtiger Sommernachmittag für den Reisenden eingelegt wird.

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