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Opa Wendelin und seine Ziegen

 

 

 

 

Erinnerung eines Schweiz-Auswanderers

an seine Kindheit in Alsfassen und Breiten

 

von

Günter Kloos, Schweiz

 

 

Vorwort

 

Vor ein paar Jahren kam meine Schwiegermutter Rita John von einem Klassentreffen nach Hause und sagte mir, ich müsse unbedingt jemanden kennenlernen. Dieser "jemand" war ihr Cousin Günter Kloos, dessen Mutter Angelika eine Schwester von Ritas Mutter Agnes gewesen war. Günter ist 1959 mit dem Fahrrad alleine in die Schweiz in Urlaub gefahren. Dort gefiel es ihm so gut, daß er bis heute - außer zu Besuchen - nicht mehr zurückgekommen ist. und hat dort eine Familie gegründet. Seine Brötchen verdient er seit 30 Jahren als Betreiber eines mittlerweile sehr renomierten Briefmarkenhandels in Olten im Schweizer Kanton Solothurn. Das folgende Treffen dauerte ziemlich lange und war für uns beide mehr als angenehm. Als Günter merkte, daß ich mich mit Heimatkunde befasse, erwachte auch bei ihm der Vergangenheitsbazillus, und er erzählte mir ein paar seiner Erinnerungen aus seiner Kindheit in St. Wendel-Breiten am Gudesberg und später in der Bungertstraße. Ich regte an, die Geschichten niederzuschreiben, was er im Laufe der folgenden Jahre auch tat. Hier sind sie nun, mal heiter, mal traurig, mal lang, mal kurz, aber immer, wenn ich sie selber lese, kann ich Günter hören, wie er sie mit seinem Schweizer Dialekt erzählt und muß schmunzeln, wenn er Worte gebraucht wie "retour" mit Betonung auf der ersten Silbe, wo wir "zurück" sagen würden, oder auch "Balkon" - wieder mit der Betonung auf der ersten Silbe. Ich hab sie alle abgeschrieben und nur gelegentlich - hie und da - unterstützend in die Orthographie eingegriffen, wenn ich dachte, so liest es sich besser. Mittlerweile ist eine der Geschichten vor kurzem auch in der Saarbrücker Zeitung erschienen, nämlich die über das Fräulein Klees aus Breiten.

 

Ich beginne diesen Erinnerungsbogen mit ein paar Anekdoten aus Günters jungen Jahren, wobei auf chronologische Reihenfolge nicht unbedingt geachtet wurde. Ihre Abwesenheit stört auch nicht. Irgendwann wird es dann ernst, und auch das werden Sie gleich merken.

 

Opa Wendelin und seine Ziegen

 

Bungertstraße 44, das Haus meiner Großeltern Anna und Wendelin Langendörfer, die Eltern meiner Mutter Angelika. Opa mit dem Namen des heiligen Stadtpatrons wurde von Oma Anna immer "Wennel" gerufen. Mit meinen Großeltern hatten wir Enkel alle ein gutes Verhältnis. Gerne erinnere ich mich an damalige Episoden. So war es zu jener Zeit Mode, daß die "gudd Stubb" nur an Familienfesten oder an der Annenkirmes betreten werden durfte. Oma Anna und Opa Wendelin wachten mit Argusaugen darüber, daß niemand von uns Enkeln dieses ungeschriebene Gesetz missachtete. Und wenn jemand starb, wurde die verstorbene Person zuerst für etwa 2 Tage in der "gudd Stubb" aufgebahrt vor der Beerdigung. So konnten die Verwandten und Nachbarn Abschied nehmen. Ich selbst habe dies in Nachbarhäusern drei mal als Kind auch so erlebt, was sehr ergreifend war.

 

Auf dem Balkon hinterm Haus in einem riesigen Schrank hortete Opa Wendelin sein abonniertes Wochenheft "Nach der Schicht". Für mich ein unerschöpfliches Eldorado zur Befriedigung meines beginnenden Wissensdurstes. Ich konnte noch nicht lesen, aber die Bilder anschauen. Was wurde wohl aus diesen vielen Stapeln "Nach der Schicht"?

 

Die Bungertstraße war in meiner Kindheit keine asphaltierte Straße, sondern ein von Fuhrwerken noch recht lädierter breiter Weg. Im Sommer saßen in der ganzen Bungertstraße und Breitener Straße die Leute auf Stühlen und Bänken vor ihren Häusern und tauschten Neuigkeiten aus. Heute unvorstellbar, da sitzt man vorm Internet oder TV und verblödet (Hallo, Günter, für diese Bemerkung ist Dir mein ewiger Dank gewiß! Ich nutze das Internet nämlich regelmäßig J. Anmerk. d. Herausgebers).

 

Wenn unten an der Kurve der Bungertstraße ein oder mehrere Fußgänger erschienen, so war dies für den oder die Betroffenen fast eine Art Spießrutenlauf. Dieser zog sich bis zum Hollerstock oder der Pitschwies hin. Wenn Oma Anna auf die andere Straßenseite ging, so war dies zum "Maien" bei ihrer langjährigen Nachbarin, Frau Jochem. Und diese alten Leute sprachen noch einen ganz anderen Dialekt, als man es heute hört. Also auch die Sprache änderte sich.

 

Alle zwei Jahre hat Opa damals seine Haustüre gestrichen. Jedesmal knallrot. Immer knallrot. Das gefiel ihm. Wendelin war ein total unpolitischer, einfacher Mann. Er interessierte sich für alles. Täglich hing er mit dem Ohr an seinem uralten "Volksempfänger", um stets auf dem laufenden zu sein. Im Keller hatte er seine großen Gefäße für Sauerkraut und anderes. Vor, neben oder hinter den Häusern war damals praktisch bei allen Familien ein Misthaufen. Die meisten waren "Selbstversorger", da fast alle neben ihrem Beruf auf Hütte oder Grube noch Landwirtschaft betrieben.

 

So hatte auch Opa Wendelin seine Ziegen. Drei an der Zahl. Opa hatte meinem von der Westfront heimgekommenen Vater Josef seine große Scheune vermietet. Dort richtete mein Vater dann unsere Schreinerei ein. Diese lief sehr gut, und mein Vater hatte einen sehr guten Ruf als äußerst exakter Berufsmann. Viele Geschäfte bestellten ihre kompletten Ladeneinrichtungen bei uns. Spontan fallen mir Hutgeschäft Ehrhard in der Luisenstraße (Freund meines Vaters), die Metzgerei Neumer in Alsfassen mit ihrer großen Filiale in der Bahnhofstraße, die Filiale der Bäckerei Wagner aus Breiten am Bahnhof und die Bäckerei neben dem Dom ein. Dies waren nur einige Geschäfte von vielen, welche jahrelang in "Kloos"-Ladeneinrichtungen ihre Kunden bedienten. Papa war auch noch Gewerbelehrer an der Schreiner-Gewerbeschule hinter der evangelischen Kirche.

 

Zurück zu Opas Ziegen.

 

Deren "Zuhause" war hinter der Schreinerei. Opa mußte zum Füttern und Melken stets durch die Schreinerei. Und dies war ein sich täglich wiederholendes Zeremoniell. So bald die Ziegen merkten, daß sich Opa näherte, ging es los. Ein markerschütterndes Gemecker kreuz und quer. Dieses Gemecker war für Opas Ohren die reinste Symphonie. Um dies noch mehr zu provozieren, beschimpfte er die Ziegen lauthals mit für Ziegen untypischen Schimpfwörtern. So schrie er schon von weitem: "Ihr Sozialdemokraten! Ihr Vaterlandsverräter! Ihr Ehebrecher!" und ähnliches. Er meinte dies aber nicht im Ernst, sondern er freute sich dann am sich bis zur Ekstase steigernden Gemecker seiner Ziegen. Er liebte, hegte und pflegte sie. Trotzdem endete der "Vaterlandsverräter" in der Bratpfanne. Er wurde aber nicht hingerichtet, sondern wie üblich ins Jenseits befördert. Um solche Vorgänge, auch bei kleinen Zicklein, machte ich stets einen großen Bogen. Und so habe ich in meinem ganzen Leben nie Ziegenfleisch gegessen.

 

Böcke und Zigaretten

 

Gleich um die Ecke vis-à-vis Haus Breitener Straße 39 (meine Tante Agnes) - heute steht ein großes Haus dort - war damals der Bockstall. Die zahlreichen Kleinlandwirte gingen mit ihren Ziegen dorthin zu dem "Freudenspender". Dies war so etwa zwischen 1946 und 1952. Wenn es windstill war, dann hing ein grausam strenger Geruch im ganzen Quartier. Der Bockstall wurde später umgebaut, und der Karl-Joseph Zeyer führte dort ein Tabakgeschäft. Zeyer war blind aus dem 2. Weltkrieg zurückgekehrt. Er war ein lieber Mann, der trotz Vollblindheit alle Zigaretten, Tabak, Geld usw. sofort identifizieren konnte und allen Kunden ihren Namen sagte, weil er sie schon am Schritt erkannte. Eines Tages wurde er überfallen und ausgeraubt. Der Täter wurde noch während des Überfalls von Nachbarsleuten überwältigt und festgehalten, bis die Polizei eintraf. Es gab auch damals schon böse Menschen.

 

Die Fräuleins Klees

 

Im vor vielen Jahren abgerissenen Eckhhaus Breitener Straße /Bungertstraße wohnten zwei alte Schwestern, die Schwestern Klees. Beide legten Wert darauf, daß man sie mit "Fräulein" ansprach. Andere Zeiten, andere Sitten!!

 

Wie bei allen Häusern damals üblich hatten sie ihr WC nicht im Haus, sondern neben dem Miststock ein sog. "Plumpsklo" - oder vornehm ausgedrückt: eine "Freiluft-WC-Außenstation". Eines Morgens ritt mich der Teufel. Zufällig sah ich eine der Klees-Schwestern mit dem "Nachthafen" in der Hand mit wehenden Röcken in das "Plumpsklo" verschwinden. Da sie mich nicht gesehen hatte, wartete ich etwa eine Minute. Dann klopfte ich mit einer langen Bohnenstange zwei- oder dreimal heftig auf das niedrige Ziegeldach. Ging dann sofort auf "Tauchstation" hinter einem Holzstapel, wo ich durch die Ritzen blicken konnte. Das Echo im Inneren war offenbar gewaltig, denn mit zeternden Schreien verließ sie ihre "unterbrochene Sitzung".

 

Sorry, Fräulein Klees, diesen brutalen Scherz habe ich nie im Leben erzählt. Deshalb gestehe ich heute diese Schandtat und muß trotzdem darüber schmunzeln.

 

Anmerkung des Herausgebers:

Mit dieser Geschichte gewann Günter Kloos im Oktober 2001 beim Lausbuben-Geschichten-Wettbewerb der Saarbrücker Zeitung einen Preis.

 

Der Hase und der Igel

 

Opa Wendelin hatte verschiedene Felder. Wenn er sagte: "Eich gehn in die Wies", nahm er die Geißen mit zum Grasen auf ein Grundstück am Ende der Lindenstraße beim heutigen Hallenbadgelände, genau dort war Opas "Wies" mit ganz tollen Zwetschgen-Bäumen.

 

Sagte er: "Eich gehn ins Stick", meinte er seinen großen Kartoffelacker. Dieser war genau an der heutigen Dillinger Straße bis zur Kreuzung mit der Saarbrücker Straße. Ich kann mich noch erinnern, daß mir dort Opa die Geschichte vom Hasen und Igel erzählt hat - am Beispiel der vielen Furchen.

Die Radtour

 

Es war - glaube ich - an Pfingsten 1953, als mein Freund Günter Saar aus der Breitener Straße, Hoppstädter aus der Werschweilerstraße, mein Cousin Eberhardt Schunath (+) und ich eine Fahrradtour nach Luxemburg machten. Alles toll. Lebach, Saarschleife, Luxemburg. Tip-top. Und dann in Luxemburg hatte Cousin Eberhardt Pech. Seine Fahrradkette riß. Trotz aller Mühe von uns war nirgends Ersatz aufzutreiben. War ja alles geschlossen wegen Pfingsten. Was tun? Allein lassen konnten wir den armen Teufel ja nicht. Wir hatten aber Seile dabei. Und als Leithammel zog ich Cousin Eberhardt am Seil von Luxemburg bis nach St. Wendel, gut 100 Kilometer weit. Die andern haben tatkräftig geholfen an Hügeln zu stoßen und bergab mittels Seil am Lenker zu bremsen. Der liebe Eberhardt, er genoß diese Reise. Ihr alten Helden, wißt ihr es noch ?

 

Eine harte Landung

 

15. August 2000. Ich hatte mal wieder einen meiner "Vergangenheitsbewältigungs-Nostalgieanfälle" (welch schönes Wort). Nach vier Stunden Autofahrt aus meiner jetzigen Heimat Schweiz kehrte ich spät nachts noch schnell zu einem "Inspirations-Bier" bei Wirt Ortwin in der Felsenmühle ein. Die Einkehr endete in fataler Bruchlandung. Da ich nicht achtete, daß eine Stufe mehr in die Wirtschaft führt, landete ich direkt der Länge nach vor Ortwins Theke. Weil ich verhältnismässig rund und wohlgenährt bin, hielt sich der Aufprall vor der Theke in schmerzhaften Grenzen. Jedenfalls ... ich ertrug es mit Fassung und Würde.

 

Prosit, Ortwin, bis bald mal.

Die Olga von der Wolga

 

Mit der Felsenmühle sind für mich sehr viele schöne Kindheitserinnerungen verbunden. Meine Mutter war "Milchkundin" dort. Kannte auch gut Frau Hinsberger, die heute in der Schulstraße wohnt. Die Freundschaft mit Familie Hinsberger dauerte übrigens Jahrzehnte.

 

Frau Dräger war eine arbeitsame Frau. Mit ihrem Sohn Josef führte sie das Regiment auf dem doch großen Hof. Es galt viele Tiere zu versorgen, Pferde, Kühe, Schweine, Ziegen etc. etc., Felder zu bestellen, Ernte einzufahren, usw. usw. Manchmal rief Frau Dräger mir zu, wenn sie mich sah: "Ei Ginter, komm doch schnell un trink ebbes". Tatsächlich sagte sie "Ginter", nicht "Günter".

 

Auch heute wird dort noch getrunken. Wo Ziegen meckerten und Schweine schmatzten, ist es heute gemütlich. Anderes Ambiente als damals. Der Josef spannt auf dem holprigen steilen Pflaster keine Kühe oder Pferde mehr an ... alles Erinnerung ...

 

Genau wie Olga ... Ich war ihr Liebling. Vermutlich war sie eine zugeteilte Arbeitssklavin aus der Ukraine. Eine liebe Frau. Hatte eigentlich im Vergleich mit andern Leidensgenossen ein schönes Leben. Genug zu essen und bei Drägers und dem ledigen Josef sicher sowas wie Familienanschluß. Immer, wenn sie mich sah, rannte sie auf mich zu, hob mich hoch und herzte und küßte mich kleinen Stinker ...

 

Nach dem Krieg war sie plötzlich verschwunden. In meinem Leben mußte ich oft an Dich denken, Olga!! Hattest du im fernen Russland selbst einen kleinen Buben, welcher mir ähnlich war? Habe ich Dich stets an diesen Buben erinnert?? Olga, warum bist Du damals aus meinem Kinderleben verschwunden?? Hoffentlich hast du alles gut überstanden! Wer weiß von den älteren Leuten aus Alsfassen etwas über Olga? Mit heute 65 Jahren bin ich immer noch neugierig.

 

Opa Wendelin muß schanzen

 

Ich glaube, daß es Herbst 1944 war. Mein Opa Wendelin Langendörfer aus Breiten mußte antreten. Zusammen mit andern älteren Männern mußte er Schützengräben ausheben. Und zwar direkt auf der Höhe des Gudesberges gleich bei Beginn des Flachstückes nach Baltersweiler auf linker Straßenseite. Meine Mama und ich als Knirps brachten dem Opa Wendelin einige Male Essen und moralische Unterstützung. Wir wohnten ja in der Nähe, am Gudesberg Haus Nummer 4. Er war immer hocherfreut, wenn wir kamen. Weniger erfreut waren die "Vorarbeiter", die mit den braunen oder schwarzen Hemden und Armbinden. Mit ihren satten und prallen Bäuchen standen sie ständig neben den Schützengräben und trieben Opa Wendelin und die andern Männer zur Eile an. Schließlich stand der "Endsieg" auf dem Spiel, und das Werk sollte vorher fertig werden. Es wurde auch fertig, nur mit dem "Endsieg" war nix mehr.

 

Von meinen ehemaligen Spielkameraden und mir wurde das "Werk" später als idealer Spielplatz zweckentfremdet. Au weia, wenn der große Feldherr gesehen hätte, wie wir Kinder uns in "seinen" Schützengräben aufführten ... Winnetou läßt grüßen ...

 

Eines Tages war der ganze Gudesberg voller Panzer und anderer militärischer Fahrzeuge. Diese standen Rohr an Rohr von der Wirtschaft bis ganz vorne, wo heute der Symphosium-Stein steht. Die deutschen Soldaten waren sehr lieb zu uns Kindern. Sie zeigten uns auch die "Eingeweide ihrer Panzer". Wie sie gekommen, so waren sie noch einigen Tagen verschwunden. Sie verließen die gute Tarnung der Gudesbergbäume Richtung Baltersweiler. Wohin???

 

Gudesberg in Flammen

 

Dieser "Scherz" wäre fast böse ausgegangen. Als Kinder hatten wir Blätter und dürre Äste angezündet. Das Feuer und der Rauch entwickelten sich sehr schnell nach allen Seiten. Wir machten uns auf dem schnellsten Weg aus dem Staub und Rauch nach Hause, sahen und hörten aber noch die Feuerwehr mit "tatü-tata" den Gudesberg hochfahren. In den nächsten Tagen mieden wir die Stätte unserer Schandtat. Sahen später aber an der verbrannten Stätte, daß der Feuerwehr-Einsatz nötig gewesen war.

Opa Josefs Äpfel

 

Der Gudesberg ...

 

Das war schon mein Lieblingsspielplatz. Als Knirps kannte ich dort jeden Baum und Strauch. Auch das Loch im Zaun, welches uns Kindern Durchlaß verschaffte in den Obstgarten meines Großvaters väterlicherseits, Josef Kloos. Er war dort in der Reifezeit seiner Früchte immer sehr wachsam auf sein Obst.

 

Trotzdem konnten wir hie und da von seiner Abwesenheit profitieren und uns den "Ranzen" vollhauen. Es war auch weniger das dadurch provozierte Bauchweh, sondern es war der Kick, daß wir Opa Josef durch Delegieren einer "Kinderwache" austricksen konnten. So waren wir vor seinem Erscheinen gut vorgewarnt und machten uns durch das Loch im Maschendrahtzaun auf und davon.

 

Die Paque-Brauerei am Gudesberg

 

Es gab ja noch andere Plätze, wo wir als Kinder gerne spielten oder auch Blödsinn machten. Bierbrauerei Paqué, ein reines Eldorado zum Spielen. Tolle Gartenwirtschaft am Bahngeleise, Tische unter Kastanienbäumen, bei schönem Wetter fast kein Sitzplatz mehr zu kriegen. Dort verdiente ich auch mein allererstes Taschengeld. Der Mehlhändler Emil Sertel, dessen großes Geschäft genau auf der heutigen Kreuzung Kelsweilerstraße/Mommstraße an der Bahnüberführung stand, der Kohlenhändler August Balthasar sowie andere Größen vom Ende der Vierziger Jahre waren regelmäßige Kegler in der uralten Kegelbahn. Und dort verdiente ich meine ersten Gagen als Kegelaufsteller in der Kegelbahn. Durfte auch die zahmen Brauereigäule streicheln, welche das Bier auf speziellen Wagen in die damals 26 !!!!! Wirtschaften der Stadt und Alsfassen-Breiten ausfuhren. Bei einem kürzlichen Wochenendtrip aus meiner heutigen Heimat Schweiz stand ich vis-à-vis der Brauerei Paqué am Wingertweg. Nicht traurig ist der Anblick, nein, himmeltraurig. Ein Schandfleck für Bahnreisende und meine Heimatstadt, nach deren Slogan "sich was tut" in St. Wendel. Und trotzdem, die Erinnerung an diese schöne dort am "Echo" verlebte Zeit ist noch heute in meinem Kopf.

 

Der neue Matrosenanzug

 

Diese Erinnerungen schweifen von der Paqué-Brauerei an die noch heutigen Bahnschranken in der Kelsweilerstraße. Damals alles Kopfsteinpflaster. Ich kam mit Mama aus der Stadt, die Barrieren senkten sich. War damals ein Knirps von sechs Jahren. Mächtig stolz auf meinen neuen Matrosenanzug mit den glänzenden Messingknöpfen. Auf der anderen Seite der sich senkenden Barrieren sah ich meine Tante Agnes Schunath, die Schwester meiner Mutter. Kurz vor der Überführung riß ich mich los und wollte die paar Meter rennen, um den Zug zu sehen. Fatal, fatal, mein Kinderspurt mißlang, und infolge Kopfsteinpflaster machte ich eine Bauchlandung. Landete aber weich, weil kurz vorher die Brauerei Paqué-Gäule denselben Weg hatten und sich dort "erleichterten". Und eben diese weiche Landung war in den "hinterlassenen" dampfenden "Pferdeäpfeln".

 

Nicht zu betonen, daß sowohl Mama als auch Tante Agnes beide hell begeistert waren ...

 

Der neue Matrosenanzug ... So wurde er damals eingeweiht ...

 

Das Gefängnis in der Kelsweilerstraße

 

Meine Gedanken wandern dreißig Meter weiter. Dort, wo sich heute das Sanitärgeschäft befindet, stand früher das Gefängnis. Die Mauern reichten bis zum Trottoir. Neben dem schweren eisernen Gefängnistor hing ein schöner alter Briefkasten. Manchmal sah ich, wenn ein Kastenwagen "Nachschub" ins Gefängnis brachte. Beim Öffnen des Tores konnte ich dann hie und da einen Blick vom kleinen Innenhof erhaschen. Im Gefängnis selbst ging es oft "zur Sache". Aber nur nachts. Wir wohnten ja im dritten Stock am Gudesberg 4 und hörten oft Schreie von geschlagenen Menschen. Man hörte es, aber niemand sprach darüber. Ob es politische oder kriminelle Insassen waren, weiß ich nicht mehr.

 

Die Gefangenen an der Blies

 

Unterhalb des Neumühlenweges steht eine Brücken-Unterführung. Darüber verläuft der Eisenbahnschienenstrang nach Bliesen. Parallel dazu verläuft die Blies. Auf der andern Seite gegen die St. Annenstraße war eine große, mit Stacheldraht umgrenzte Wiese. Es stand eine Baracke darauf mit kahlgeschorenen Gefangenen. Ob dies Arbeitssklaven aus dem Osten waren, weiß ich nicht. Auf alle Fälle sprachen sie nicht deutsch. Vielleicht mußten diese in dem Sägewerk arbeiten, welches ganz in der Nähe war. Wir Kinder brachten diesen Gefangenen Brot, welches wir über die Blies ihnen zuwarfen. Zum Dank - und vermutlich auch um die florierende "Brotlieferantenquelle" aufrecht zu erhalten, machten diese Gefangenen aus Holz kleine, farbig bemalte Spielsachen, welche sie uns über die Blies zurückwarfen. Dieser "Tauschhandel" dauerte nicht lange. Einmal stritten sie um das Brot, ihre "Bewacher" kamen hinzu, richteten Gewehre auf uns und schrieen uns Kinder an, wir sollten uns hier nicht mehr blicken lassen. Da hatten wir große Angst, rannten über die Bahngleise nach Hause und trauten uns nie mehr dort in die Nähe. Wer weiß heute noch etwas über diese Leute???

 

Ein spektakulärer Unfall

 

Unglaublich, aber wahr. Ein spektakulärer Unfall sorgte während des Krieges für Gesprächsstoff. Von Baltersweiler her kam ein Lastwagen im Gefälle des Gudesberges infolge hohen Tempos nicht durch die Kurve. Der Fahrer konnte - glaube ich - abspringen. Der Wagen wurde über die Kurve katapultiert und landete nach diversen Überschlägen ... auf den Rädern unten in der Kelsweilerstraße.

 

Pardon, Frau Jakobs

 

Frau Jakobs, meine liebe Lehrerin vom Hügel ... Was würde sie wohl sagen, wenn sie heute meine erlebten Kindheitserinnerungen lesen würde ... Pardon, Frau Jakobs, ich war ein fauler Sack, ich weiß es ja. Und wie Sie lesen können, ja heute noch ein Kind ... Aber inzwischen ein paar Jahre älter geworden.

 

Bessy

 

Wir nannten ihn "Bessy". Plötzlich war er da. Beim Spielen lief er meinem Freund Hans Dumont und mir irgendwo nach. Er war ein streunender Hund, eine richtige Straßenmischung. Sehr, sehr anhänglich. Er war unser neuer Spielgefährte. Was machen mit ihm?? In die Wohnung nehmen? Nein, das ging nicht, er hatte Flöhe. Aber da war ja noch die ausgebombte "Thiel"-Ruine, Gudesberg 2, ehemaliges Nachbarhaus. Im Keller der notdürftig aufgeräumten "Thiel"-Ruine richteten wir unserm neuen Spielkameraden "Bessy" mit alten Decken und Lumpen einen provisorischen Verschlag ein, so gut wir konnten. Tags über begleitete er uns auf unseren Streifzügen über Gudesberg oder Alsfassen-Breiten. Nachts schlief er in diesem Verschlag. Wir brachten ihm zu fressen, so gut wir "organisieren" konnten. Eines Tages war "Bessy" weg. Hatte er ein besseres "Zuhause" gefunden? Hans und ich sprachen in späteren Jahren noch oft über "Bessy".

 

Erntezeit 1945

 

Beim "alten Hof" oberhalb des Missionshauses lagen Getreidefelder. Als diese abgeerntet waren, durfte die Bevölkerung zur "Nachernte" auf die Felder. Genau wie hunderte andere Leute war auch ich damals mit Mama bei diesen "Körner-Suchern". Sowas glaubt heute niemand, wer nicht Hunger erlebt hat ... Und der Hunger trieb mich 7½-jährigen damals nach Urweiler zum Betteln. Bei vier Häusern hatte ich keinen Erfolg. So ging ich doch tatsächlich bis Leitersweiler, wo ich gleich in einem der ersten Häuser am Ortseingang fündig wurde. Ich erhielt von einem Bauern ein schönes Stück Brot. Voller Stolz ging ich über Urweiler "querbeet" zur Wohnung am Gudesberg. Meine Mama hatte sich große Sorgen gemacht, weil ich stundenlang weg war. Aber wenigstens hatte ich mein Erfolgserlebnis. Hatte bis zuhause nicht mal etwas vom Brot abgebissen. Mama war erleichtert und gerührt.

 

Der Eisbär

 

Wer kannte ihn nicht in den 50-60-er Jahren? Herr Ruffing, von allen Leuten nur "Eisbär" gerufen. Damals war er das Stadt-Original. Er hatte ein Holzbein und daher einen wiegenden Gang, vermutlich deshalb der Spitzname "Eisbär". Irgendwie war er im Kopf nicht ganz richtig oder verstellte sich nur.

 

Einmal saß er in seinem Stammlokal "Hansa Gret" in der Mommstraße. Alle Wirtschaften waren "sein Stammlokal". Das Fenster war offen. Den Spitznamen "Eisbär" konnte er nicht hören. Wurde dann sehr böse.

 

Durch das offene Fenster foppte ihn jemand: "Eisbär, guck emol, däi Holzbään brennt." Eisbär wurde böse und schmiß das volle Bierglas dem Übeltäter nach. Ohne zu treffen.

 

Ein anderes Mal, ein Umzug an der Fasnacht. Der Karnevalsverein "Mr genn us net" hatte eine "originelle" Idee. Einer der Faschingswagen hatte sinnigerweise das Thema: "St. Wendeler Zoo". Ziege, Schaf, Hund sowie diverses andere Getier war auf diesem Wagen, der laut beklatscht wurde. Zuoberst natürlich Johann Ruffing, genannt "Eisbär". Er genoß die Ovationen des Faschingsvolkes! Ob er wußte, warum die Leute applaudierten?

 

Maler Bender und die Glasscheibe

 

Irgendwann um 1950 rum in der Stadt. Zufällig traf mein Vater Josef den Maler Bender beim Bahnhof. Herr Bender klagte ihm sein Leid. Eine Fensterscheibe in seiner Wohnung sei kaputt. Wir hatten unsere Schreinerei in der Bungertstraße. Mein Vater versprach, mich vorbeizuschicken, um den Fensterflügel abzuholen. Auftragsgemäß ging ich also zum "Schmollsche Haus", wo Herr Bender damals wohnte. Mit dem defekten Fensterflügel ging ich quer durch die Stadt und alsbald mit der reparierten Scheibe denselben Weg zurück. Vater hatte mir den Preis gesagt, den ich gleich kassieren könne. Herr Bender, damals sicher kein Millionär, war von der Idee, Bargeld locker zu machen, NICHT begeistert. Er sagte mir, mein Vater könne bei ihm im Tausch ein Bild aussuchen. Mit dieser Botschaft kehrte ich nach Hause zurück. Vater wurde böse und sagte: "Was soll ich mit so einem farbigen 'Schinken' anfangen, den können wir nicht essen." Also hat Herr Bender dann die Scheibe doch noch bar bezahlt. Heute wäre mir persönlich ein getauschtes "Bender"-Bild von 1950 doch lieber.

 

Die Moral von der Geschichte: Irren ist menschlich.

 

Paul Reh, der Saubermann

 

Er wohnte zuhinderst rechts auf dem Hollerstock. Von kleinerer Statur war er. Ein fleißiger Mann. Angestellt bei der Stadt, um für saubere Straßen zu sorgen. Man traf ihn fast täglich mit seinem Besen irgendwo in der Stadt. Da er einen sehr staubigen Job hatte, war sein Durst manchmal ziemlich groß. Einmal torkelte er die Bungertstraße hoch, um irgendwie nach Hause zu kommen auf den Hollerstock, und kam dabei natürlich auch an unserem Haus vorbei. Der Teufel ritt mich, wie manchmal, wenn ich einen Schabernack machte. Im Vorbeitorkeln sagte ich: "Gunn Dach, Herr Reh, huppse Sie mal in die Heh."

 

Es reimte sich grad so schön und paßte irgendwie zur Situation. Herr Reh wurde böse. Er holte aus und wollte mir eine "schmieren". Er holte zu weit aus und verpaßte mich, weil ich wegsprang. Aber der Schwung war zu groß, und durch seinen Zustand verlor er das Gleichgewicht und fiel auf die Nase. Er blutete. Am nächsten Tag beschwerte sich Paul Reh bitterlich bei meinem Vater. Mein Vater hielt mir eine rechte Gardinenpredigt. Sprach mir ins Gewissen.

 

Sorry, Herr Reh!

 

Udo, der Nuschler

 

Seinen Zigarettenladen beim Bahnhof kannte jeder. Ihn auch. Er war ein liebenswürdiger Mensch, bei dem auch ich gerne meine "Lungenbrötchen", genannt Zigaretten, einkaufte. Udo Hoppe hatte einen markanten Sprachfehler. Er nuschelte extrem durch die Nase.

 

Eines Tages kam ein Kunde in den Laden. Udo Hoppe nuschelte ihn an: "Was hätten Sie denn gern?" Der Kunde nuschelte zurück: "Ein Päckchen Füchsel, bitte." Udo wurde böse und nuschelte zu dem Kunden: "Ich glaube, Sie wollen mich verarschen." Daraufhin nuschelte der Kunde retour: "Nein, ich rede auch so."

 

Diese Episode machte gleichen Tags die Runde durch die Stadt, und manch einer mußte schmunzeln.

 

Kinderkriege

 

Wir vom Gudesberg waren früher viel nach Alsfassen orientiert gewesen. So wurden damals unsere "Kinderkriege" oft auf dem Gudesberg zwischen "Städtern" und "Alsfassen-Breitenern" ausgetragen. Wir Kleineren wurden als "Spione" missbraucht, und wenn es dann zur Sache ging, brachten wir "Spione" uns immer als erste in Sicherheit. Man brauchte uns ja noch für die nächste Schlacht!!!

 

Der Symposion-Bunker

 

Er ist noch da. Versteckt sich aber am Rande des Symposions, der Straße der Skulpturen. In Richtung St. Wendel hat er über 55 Jahre viel Gebüsch, Dickicht, ja sogar ein kleines Wäldchen um sich wachsen lassen. Achtlos rasen die Autos zwischen Baltersweiler und St. Wendel an ihm vorbei. Sie würdigen ihn keines Blickes, er ist es auch nicht wert. Sein gesprengtes Gerippe fristet dort ein trostloses Darsein, so als ob er sich schämen würde, wenn man ihn ansieht.

 

Damals, ja damals schämte er sich nicht. Stolz, nackt und trutzig stand er in voller Größe in der hügeligen Landschaft. Was sollte auch ihm passieren? Er hatte ja meterweise Beton und erst noch einige Schritte entfernt 5 eingegrabene Flakstellungen sowie eine 6te größere in der Nähe, welche ihn verteidigten. Auch auf der anderen Seite der Hauptstraße waren oberhalb des Judenfriedhofes nochmals ähnliche Flakstellungen.

 

Wir wohnten während der Kriegszeit am Gudesberg 4 im obersten Stock. Meine Mutter Angela, meine Schwester Gisela und ich waren zwischen Gudesberg und Bunker unterwegs. Plötzlich hörten wir Fliegeralarm aus der Stadt. Da der Bunker nicht mehr weit war, rannten wir in seine Richtung. Wir rannten und rannten um unser Leben. Wir kamen bis zur Abzweigung zum Judenfriedhof. Wir sahen ihn in 200 Meter Entfernung. Grimmig und abweisend starrte er uns an. So, als wollte er mit ausgestreckter Zunge sagen: "Ätsch, wäret ihr schneller gelaufen, wäret ihr jetzt bei mir in Sicherheit."

 

Dann sahen wir sie auch.

 

Sie, das waren diverse Flugzeuge, welche von Hofeld-Baltersweiler in ganz knapper Höhe über die Hügellandschaft auf uns zu donnerten. Damals war dort ein Straßengraben. Wir warfen uns in den Straßengraben, so als ob wir damit das auf uns zukommende verhindern könnten. In einer Linie hintereinander lagen wir. Über uns begann der Weltuntergang. Ein Inferno, welches wie ein Orkan über uns hinwegfegte. Immer wieder kamen sie zurück, rasten über den Boden. Gaben keine Ruhe. Unendlich. Ewig dauerte dies. Von der Flak beim Bunker und der Flak oberhalb des Judenfriedhofs wurde aus allen Rohren geschossen. Endlich konnte man mal so richtig Munition brauchen. Den Kopf in die Arme gedrückt, lagen wir so da. Erde von den Einschlägen rechts und links spritzte uns an den Kopf. Warum wurden wir nicht getroffen??

 

Plötzlich war es still. Unheimlich still. Wir rannten zum Bunker. Ich selber konnte nicht mehr rennen. Meine Hosen waren schwer und voll. War mein Magen schuld oder hatte ich zu viel nach den Fliegern geschaut? Es gab einen Sieger und zwei Verlierer.

 

Sieger war der Bunker, welcher sich tapfer gewehrt hatte. Verlierer war ein Flieger, welcher angeblich abgeschossen wurde und bei einem Steinbruch Nähe Oberlinxweiler zerschellt sei. Hieß es.

 

Verlierer 2 war ich, Sie wissen, mein "Hosenunfall".

 

Jetzt, am 22. Mai 1998, stand ich wieder dort. 53 Jahre später. Lebe seit 40 Jahren in der Schweiz. Hatte Klassentreffen der 60jährigen auf dem Gudesberg.

 

Ich stand da. Spürte, daß das kleine Wäldchen und das Dickicht mich abweisend anstarrten. Es war heiß. Sehr heiß. Ich schwitzte. Sah gegen den Himmel. Plötzlich sah ich sie. Immer wieder stürzten sie herab, wechselten die Richtung. Sie gaben keine Ruhe. Ein traumhaft schöner Anblick. Faszinierend. Fast so wie damals. Nur dieses Mal anders. Es war still. Die Sonne brannte. Eine Schweißperle rann mir ins Auge. Aber wieso verursacht eine Schweißperle denn sooooo nasse Augen? Ihm, dem Bunker, machte ich eine Faust. Sie, die am Himmel, konnte ich auch jetzt nicht von ihrem Tun abhalten. Denn dieses Mal waren es ein Bussard und ein Rabe. Spielerisch drehten sie zwischen dem Bunker und dem Symposion ihre Kapriolen.

 

Wie ich schon sagte: Es war diesmals anders ...

es war still ...

nicht wie damals ...

 

Der Omnisbus am Gudesberg

 

Die Bergleute waren müde. Sie kamen von der Schicht und wollten nach Hause zu ihren Familien. Heute würde es länger dauern. Sie verließen den Bahnhof St. Wendel und bestiegen den Omnibus, der via Bahnhofstraße-Schloßstraße-Luisenstraße durch die Kelsweilerstraße über den Gudesberg nach Baltersweiler, Furschweiler und Freisen fuhr. Wir wohnten im obersten Stock am Gudesberg 4. Vom Wohnzimmerfenster aus konnten wir die ganze Stadt überblicken, der Blick reichte vom Missionshaus bis gegen Linxweiler. Die Kelsweilerstraße war damals - genau wie die Gudesbergstraße - Kopfsteinpflaster. Der Bus näherte sich dem Bahnübergang, als Mama ihn zufällig vom Fenster aus sah. Und noch etwas, was ihr das Blut in den Adern frieren ließ. Am Horizont aus Richtung Werschweiler sah sie Flieger (ich glaube, es waren zwei) im Tiefflug in der Fahrtrichtung des Omnibusses herandonnern. Alles ging blitzschnell. Mama rief mir zu "Günter, spring in den Keller, ich komme sofort." Sie selber rannte mehrere Stufen aufs Mal nehmend die drei Stockwerke hinunter. Sie war damals 37 Jahre alt.

 

Unmittelbar vor dem Omnibus konnte sie die Haustüre aufreißen und wild gestikulierend gegen den Himmel zeigen. Der Chauffeur des Busses reagierte blitzschnell. Zwischen dem Nachbarhaus Gudesberg 6 und vor der Rechtskurve konnte er sein schweres Gefährt zum Stillstand bringen. Die Bergleute sprangen raus und gingen neben dem Haus Nummer 6 und hinter Bäumen in Deckung. Im gleichen Moment wurde der Omnibus unter Beschuß genommen und geriet in Brand. Das ganze dauerte nur einen Moment. Als wir uns aus dem Keller wagten, wurde Mama vom Chauffeur und den Bergleuten fest umarmt zum Dank. Ich kann mich gut daran erinnern und weiß, daß Mama durch ihren Blitzeinsatz ganz sicherlich einigen Leuten das Leben rettete. Der Bus selber brannte aus und sah durch die zahlreichen Einschüsse aus wie ein Sieb. Etwa ein, zwei Monate rostete er an diesem Platz vor sich hin, bevor er weggeschafft wurde. Damalige Spielkameraden können sich sicher noch erinnern, wie wir damals die leeren Geschoßhülsen zusammensuchten. Es waren viele ... Und Mama? Ich bin sicher, sie würde sich darüber freuen, nach rund 57 Jahren ihre Geschichte, die Geschichte vom Omnibus, hier zu lesen.

 

Bombenangriff am 28. Februar 1945

 

Ich spielte vor unserem Haus Gudesberg 4 an der Abbiegung der Kelsweilerstraße. Diese Ecke war gewissermaßen Treffpunkt gleichaltriger Kinder. Plötzlich Flieger-Alarm, heulende Sirenen.

 

Ab in den Keller. Unser Kellerabteil reichte bis unter die steinerne Kellertreppe. Dort kauerten wir im Kohlendreck. Meine Mutter, meine Schwester Gisela und ich. Auch andere Hausbewohner waren in ihren Kellerabteilen. Von draußen hörten wir das Pfeifen der fallenden Bomben und die Explosionen der Einschläge. Es war schlimm, regelrecht grauenhaft. Angst herrschte, wir beteten und hofften, das Grauen zu überleben. In mehreren Wellen hörten wir die Flugzeuge.

 

Plötzlich schien es vorbei zu sein. Meine Mutter ging durch die Waschküche und öffnete die Tür. In der gleichen Sekunde erhielt das Nachbarhaus Gudesberg 2 des Studienrats Thiel einen Volltreffer. Durch den Explosionsdruck des getroffenen Hauses wurde Mama mit Türrahmen und Türe durch die Waschküche bis an die Wand geschleudert, und am Kopf hatte sie eine blutende Wunde. Im Keller herrschte danach Panik. Durch den Staub des explodierten Hauses konnten wir praktisch nichts mehr sehen. Außerdem versperrten die Trümmer des Thiel-Hauses den seitlichen Fluchtweg durch die Waschküche. So krochen wir irgendwann auf Hände und Füßen ins Freie. Und im Freien, da sah es wirklich schrecklich aus.

 

Von der Kreuzung Gudesberg-Kelsweilerstraße war nichts mehr zu sehen. Meterweise war die Kreuzung bedeckt mit Balken, Ziegeln, Brettern, Büchern, Kleidern, Geschirr. Einfach mit allem, was normalerweise in einem Haus oder Wohnung so drin ist. So gut es eben ging krochen wir über den Trümmerberg. In der Nähe des Bahnübergangs waren Krankenautos, welche die Verletzten laufend ins Marienkrankenhaus fuhren. Auch Mama mit ihrer blutenden Kopfwunde. Für meine Schwester Gisela und mich war kein Platz mehr im Auto. Wir sollten zu Fuß nachkommen. Ich heulte offenbar soviel, daß Mama wieder ausstieg und wir alle drei zu Fuß ins Krankenhaus gingen. Dies sollte für Tage unser neues "Zuhause" sein. Dieses Zuhause sah dann so aus: In den Krankenhausgängen lagen die Leute rechts und links auf dem Boden mit ihren wenigen Habseligkeiten. In der Mitte war eine schmale Gasse. Dort wurden dann Verletzte und Tote auf Bahren zwischen den Leuten hindurchgefahren. Es war schon schlimm, was man da zu sehen und zu hören bekam.

 

Und trotzdem ... das Erlebnis vom Kriegsende im Stollen von Bliesen, dieses Erlebnis stand uns noch bevor.

Ein Stück Brot

 

Albina Knop stammte aus Geisfeld bei Hermeskeil (sie heißt heute Albina Heib und wohnt in Hermeskeil.). Da sie die Woche über in St. Wendel die Handelsschule besuchte, wohnte sie bei uns am Gudesberg. In Geisfeld wohnte sie im damals allerersten Hause am Ortseingang, unmittelbar neben dem Fußballplatz. Einige Male waren meine Mutter und ich dort zu Besuch, wobei wir die Strecke Hermeskeil-Geisfeld hin und zurück zu Fuß gingen, einmal sogar von Geisfeld bis Nonnweiler. Hinter Hermeskeil bog von der Hauptstraße der Weg links nach Geisfeld ab. Einige Kilometer ging es durch einen großen, dichten Wald. Unheimlich, da die Bäume so hoch und dicht standen, daß man fast keinen Himmel sah. Dieser Naturweg war teilweise durch Fuhrwerke der Bauern ziemlich ausgefahren. Ein einzelnes einsames Haus war das einzige zwischen Hermeskeil und Geisfeld. Es stand (oder steht noch) an der Weggabelung, welche rechts nach Geisfeld führte. Dort hatten wir eines Tages ein schreckliches Erlebnis.

 

Mama und ich kommen aus Geisfeld. Als wir bei besagtem Hause um die Ecke biegen, sehen wir etwas Unfaßbares. Aus Richtung Hermeskeil kommt uns eine Gruppe Leute entgegen. Nein, es ist keine Gruppe. Es sind Gestalten aus einer anderen Welt. Erbärmlich sehen sie aus in ihren gestreiften Sträflingskleidern. Verängstigt und ausgemergelt trauen sie sich nicht, uns anzuschauen. Es sind ungefähr 20 lebende Wracks, die sich an uns vorbeischleppen. Ringsum alle paar Meter werden sie von schwer bewaffneten deutschen Soldaten eskortiert.

 

Da der Weg sehr schmal ist, müssen wir auf der Seite stehen, um diese armen Kreaturen passieren zu lassen. Mama will im Bruchteil einer Sekunde einem Häftling ein Stück Brot zu stecken. Dies hat sehr fatale Folgen. Es geht alles so schnell, nie werde ich es vergessen können. Der Häftling kriegt das Brot im Vorbeigehen nicht zu fassen. Es fällt zu Boden. Er und seine Leidensgenossen bückten sich, alle wollten gleichzeitig das Stück Brot. Hektik entsteht.

 

Die Soldaten zielen mit ihren Gewehren auf die Häftlinge. Ein Soldat schlägt einem Häftling das eben aufgehobene schmutzige Stück Brot aus der Hand. Mit dem Gewehrkolben prügelt er dann brutal auf den Wehrlosen ein. Dessen Schreie höre ich heute noch. Mit seinen schweren Stiefeln zertrampelt der Soldat das Stück Brot im Waldboden.

 

Ein anderer Soldat hält meiner Mutter sein Gewehr vor die Stirn. Ein anderer zielt auf mich. Fürchtet er sich vor einem Sechsjährigen?

 

Der Soldat brüllt meine Mutter an: "Wenn Sie sowas wieder machen, können Sie hier mit marschieren." Die Kreaturen gehen weiter, werden kleiner, verschwinden langsam im dichten Wald. Auf dem Boden liegen von einem satten Soldaten zertrampelte Brotkrumen. Zurück bleibt auch eine zitternde und fassungslos weinende Frau mit ihrem verängstigten Bub. Der Bub bin ich. Damals - vor 56 Jahren bei dem einsamen Haus im großen Wald zwischen Hermeskeil und Geisfeld.

 

Als Mama und ich weitergehen, ist es wieder ruhig und friedlich im Wald. Die Häftlinge und ihre Schergen sind verschwunden. Der Wald hat sie verschluckt. Ich sah sie nie mehr, aber vergessen habe ich sie nie. Bis heute nicht.

 

Als dann endlich der Krieg vorbei war, herrschte in den Tagen "danach" teilweise ein ungeregeltes Chaos. Und so gelangten wir auf der Suche nach Eßbarem (als Städter hatten wir es schwerer als die Landbevölkerung) wieder nach Geisfeld. Auf dem Waldweg sprang ich voraus. An einem dicken Baum lag ein komisches "Etwas" auf dem Boden und ein Plakat hing an dem Baum. Lesen konnte ich ja noch nicht, stellte mich aber aus Neugier auf dieses komische "Etwas", um das Plakat näher zu sehen. Mama war inzwischen auch näher gekommen. "Günter, bleib genau so stehen und beweg Dich nicht", rief sie mir zu. Dann griff sie mir unter beide Arme, hob mich hoch und stellte mich behutsam auf den Waldboden. Auf dem Plakat standen zwei Worte: "Vorsicht Mine", und ich hatte mich auf die Mine gestellt.

 

Warum ich damals keine Fahrkarte "Himmel einfach" löste, weiß ich nicht. Auf alle Fälle hatte ich einen guten Schutzengel. Zeit ihres Lebens erzählte Mama immer wieder bei jeder Gelegenheit: "Ich vergess nie, wie der Bub off der Mien geschtande is und das Plakat aan geguckt hat...".

 

 

Anmerkung des Herausgebers: Das einsame Haus war das Forsthaus "Hohe Wurzel" bei Reinsfeld, das aber inzwischen abgerissen wurde. Für die Information danke ich Hans-Jürgen und Marled Mader, Naurath/Wald.

 

Der Stollen von Bliesen

 

Aufs Land - nach Bliesen. Raus aus der gefährdeten Stadt. Das dachte unsere Mutter sicher, als wir - Mama, Schwester Gisela und ich - uns zu Fuß nach Bliesen aufmachten. Es war Mitte März 1945. Bereits hinter Alsfassen kamen uns deutsche Truppen entgegen. Nicht nur auf der Hauptstraße, sondern auch quer durch das Wiesengelände befanden sie sich mit allen möglichen Fahrzeugen und auch zu Fuß auf dem Rückzug. Damals gab es neben der Hauptstraße auch noch einen schmalen Pfad, den wir hinter Alsfassen bis zur Panzersperre benutzten.

 

In der Siedlung in Bahnhofs Nähe in Bliesen kannte Mutter eine Familie. Das war unser Ziel. Von der Höhe bei der Panzersperre gingen wir daher rechts durch das Gelände. Wir hörten schon von weitem die Schießereien. Irgendwie gelangten wir zur Siedlung. Diese war praktisch verlassen. Eine Person zeigte über die Bahngeleise und sagte: "Die senn all do hinne in däm Stolle". Also gingen auch wir zum Stollen und trafen dort auf sehr viele Leute, sicher etwa 80 bis 100 Personen. Der Stollen selber hatte elektrisches Licht. Der Eingang bzw. Vorraum war sehr geräumig, ich denke sicher zehn mal fünf Meter groß. Nach einigen Schritten bog der Stollen nach rechts ab in den Berg und hatte hinten noch einen kleinen Ausgang. Die innere Konstruktion bestand aus Balken und Brettern. Rechts und links an den Wändern gab es aus rohen Brettern durchgehende "Bänke", und da war dann nur noch Platz, daß die Leute dazwischen hin- und hergehen konnten. Die Erwachsenen mußten weitgehend geduckt gehen, da der Stollen nicht überall gleich hoch war. Wir Kinder konnten vorerst vorm Stollen spielen, einmal auch in Begleitung links vom Stollen in den steilen Wald hinauf. Aber dann gleich wieder retour, weil wieder Schießlärm ertönte.

 

Wenn man vor dem Stollen stand, sah man damals im Radius links die Steigung nach St. Wendel, die Winterbacher Abzweigung, das gesamte Dorf bis rechts Oberthal. Also Aussicht total. Es gab auch noch nicht so viele Häuser und Bäume. Viele Leute hatten Taschen, Koffer und andere Sachen bei sich. Irgendwann durfte ich den Stollen nicht mehr verlassen und wurde am Eingang wieder hineingeschickt. Zu recht. Denn das Schießen kam immer näher. Die "Wache" am Eingang informierte die Leute im Stollen ständig über die Lage "draußen". Heute würde man dies als "Live Kriegsschauplatz-Reportage" bezeichnen. Panzer rasselten durchs Gelände. Es wurde geschossen. Wir spürten und hörten auch, was "draußen" los war. Die Leute unterhielten sich leise. Ich saß so, daß ich zum Stolleneingang sehen konnte. Die mutigen Leute, welche am Eingang immer die Lage peilten, zogen sich nun auch in den Stollen zurück. Das Schießen, es wurde lauter, fast unerträglich laut. Wann würde ein Panzer im Gelände sein Rohr auf den Stolleneingang richten und mit einem Schuß ein Blutbad im Stollen einrichten? Die Gespräche der Leute gingen in leises Flüstern über, so als ob jemand draußen dies hören könnte. Plötzlich entstand große Unruhe. Zwei deutsche Soldaten stürzten in den Stollen. Einer war verletzt. Noch heute sehe ich, wie zwei Personen eine Decke hielten. Dahinter zogen sich die beiden blitzschnell um. Die Dorfbewohner gaben ihnen Kleider, und innert kurzer Zeit waren beide Zivilisten. Sie setzten sich getrennt unter die Leute. Ihre Gewehre, Stahlhelm, Uniform, Stiefel usw., alles versteckten diese unter eigenen Effekten und setzten sich darauf. Das Schießen draußen kam immer näher. Das Flüstern hörte auf. Im Stollen war es still. Grabesstille. Das Licht verlöschte. Einzelne Kerzen wurden angezündet. Die Schießerei draußen, fast am Stolleneingang jetzt. Ein kollektives Angstgefühl breitete sich aus. Jeder einzelne, ob jung oder alt, hatte Angst. Todesangst. Irgend jemand begann, laut das "Vater-unser" zu beten. Alle anderen beteten sogleich mit. Wir Kinder spürten am Verhalten der Erwachsenen, daß etwas Gewaltiges im Gange war. Wir begannen aus Solidarität zu weinen. Hemmungslos.

 

Vom Eingang her ertönten laute Kommandos in einer fremden Sprache. Und plötzlich standen sie da. Es waren drei. Im Stolleneingang sah ich sie. Sie verharrten einen Moment. Schienen unschlüssig - was tun. Oder waren sie irritiert durch die flackernden Kerzen und weinenden Kinder. Alle drei hatten sie die Maschinenpistole im Anschlag. Geduckt kamen sie nun in den Stollen. Einer der drei war ein "Mohr", ein Neger. Bis dahin wußte ich nur aus Bilderbüchern, daß es schwarze Menschen gibt. Auch in der Kirche gab es einen kleinen Mohren, welcher zum Dank nickte, wenn man ihm Geld einwarf.

 

Aber dieser Mohr, der nickte nicht, er war auch nicht klein. Er war ein Riese. Mit den andern beiden ging er durch die Reihen der Dorfbevölkerung. Mit einer Taschenlampe wurde den Leuten ins Gesicht geleuchtet. Die zwei "Zivil"-Soldaten wurden nicht entdeckt. Im Schein der Lampe sahen diese drei Ami-Soldaten nur in schreckerstarrte Gesichter.

 

Und dann stand er vor mir. Der Mohr. Riesig wie ein Berg. Seine Waffe hatte er gesenkt. Er starrte mich mit großen Augen an. Ich weinte und brüllte wie am Spieß. Er wollte mich sicher trösten, wußte aber nicht wie. Er murmelte etwas zu mir. Ich verstand ihn nicht. Dann berührte er mich. Mit seiner schwarzen Hand strich er mir sanft über den Kopf. Vielleicht hatter er selbst ein Kind in meinem Alter im fernen Amerika und dachte in dem Moment an dieses.

 

Unbekannter Mohr, ich danke Dir. Nach 55 Jahren denke ich noch viel an Dich ...

 

Der Krieg war zu Ende. Die Leute konnten nach Hause gehen. Sie freuten sich, sie hatten alle überlebt. Dort im Stollen von Bliesen, nach heutigem St. Wendeler Stadtplan "Kupp 341" genannt, am Saarlandrundwanderweg.

 

Zwei Soldaten starben damals doch noch ganz in der Nähe den "Heldentod". Sahen die beiden Soldaten im Stollen ihre Kameraden fallen und beendeten deshalb ob der Übermacht und Aussichtslosigkeit der Lage ihren "Krieg" im Stollen? Man kann darüber nur rätseln!

 

Auf alle Fälle wurden sie nicht enttarnt. Ich erfuhr viel später von einer älteren Frau aus Bliesen, die auch im Stollen war, daß der eine sein ganzes Leben lang in Bliesen lebte. Der andere war verletzt und kam in Zivil auch davon.

 

So wie wir nach Bliesen kamen, gingen wir retour nach St. Wendel. Dieses Mal alles der Hauptstraße entlang. Und dort sah es schlimm aus. Die Spuren der Nahkämpfe waren überall zu sehen. Kreuz und quer im Gelände standen und lagen Fahrzeuge, ausgebrannte Panzer, Geländewagen. Schrecklich auch in der Nähe des eingefriedeten Kreuzes vor der Bliesener Höhe lagen zwei Pferde, aufgedunsen, eingespannt noch an eine Feldküche. Der schrecklichste Anblick war jedoch ein Stiefel, in dem noch ein Stück Bein steckte; er hing nicht weit von den beiden toten Pferden in einer zerrissenen Telefonleitung. Bis heute kann ich das nicht vergessen. Es war grauenhaft.

 

Seit 1958 lebe ich nun in der Schweiz. Trotzdem habe ich nie vergessen, wo meine Wurzeln sind. Und Ende Mai 1998, Klassentreffen der 60-jährigen in St. Wendel. Ich stöbere mal wieder in meiner Vergangenheit, suche den Stollen, finde ihn nicht, da alles verbaut ist. Parke meinen Wagen kurz bei dem eingefriedeten Kreuz. Schaue runter nach Bliesen. Vieles geht mir durch den Kopf. Eine nette, junge Frau hält ihren Wagen an und fragt, ob sie mir helfen könne. Nein, danke, mir kann niemand helfen, ich versuche nur, meine Vergangenheit zu bewältigen ... Ich fahre retour nach Hause - zurück in die Schweiz.

 

Gut zwei Jahre später - am 15. August 2000 - bin ich wieder in St. Wendel. Habe einige Stunden Zeit und will dieses Mal den Stollen finden. Stehe mit einer Luftaufnahme von Bliesen beim früheren Bahnhof. Versuche, mich anhand der alten, nur noch in Fragmenten bestehenden Bahntrasse zu orientieren. War vorher auf der andern Bahnseite - nichts. Wiesen und Sträucher.

 

Eine Frau fragt mich, was ich suche. Einen Stollen. Nein, hier gibt es nirgends Stollen. Hab ich doch selbst darin um mein Leben gezittert. Sie verweist mich an Herrn Hinsberger, den Ortsvorsteher. Er ist nicht zu Hause. Freundlicherweise verweist mich seine Frau zu dem Festplatz, wo die neue Kelteranlage heute eingeweiht wird. Dort auf dem Parkplatz angekommen, frage ich einen Besucher, Lehrer S., ob er mir Herrn Hinsberger zeigen könne. Was sucht denn ein Schweizer auf unserem Fest? Ich treffe Herrn Hinsberger, wir setzen uns an einen Tisch. Der Lehrer S. und zwei ältere Herren sitzen dabei, als ich erzähle, was ich hier suche. Nein, da sieht man von nirgends aus die Kreuzung nach Winterbach.

 

Da sagt einer der der ältern Herren, Herr M., plötzlich: "Eich waas, wat der mänt, dat es doch bei der Kupp." Dann sagt er noch einen Satz, der mich elektrisiert: "Am 18. März 1945 senn die Amis komm om viertel no aans am Nohmittag." (Sorry, mit dem Dialekt hab ich so meine Mühe). Ich bitte ihn, den Satz zu wiederholen, was er auch tut. Und da weiß ich, daß ich meinen 7. Geburtstag im Stollen von Bliesen verbracht hatte (ich bin geboren am 17. März 1938). Nach kurzem Gespräch kommen der Lehrer und Herr M. mit mir, um die Stelle zu suchen. Herr M. sagt aber, der Stollen existiere nicht mehr. Nach dem Krieg sei er wegen spielender Kinder und nachrutschendem Gestein geschlossen worden. Wir fahren zum Bahnhof - Fehlanzeige. Da kommt mir die Idee. Ich fahre irgendwie parallel zum Fragment der Schienen auf einen Wald zu. Von links kommt dort ein Feldweg. Verbotenerweise fahre ich dort im Schrittempo hoch. Ich rieche den Stollen, spüre, jetzt finde ich ihn. Da vorne eine Rechtsbiegung des Weges. Ein schmaler, winziger Weg gleichzeitig nach links Richtung Geleise abwärts. Ich halte an. Hohe Disteln und Brennesseln vor einer Felswand. Ich gehe hindurch. Emotionen haben mich gepackt. Zeige auf die Felswand und sage: "Hier ist der Stollen". Denke an den Mohr, an alle die vielen Menschen, die mit mir zusammen hier schreckliche Momente ihres Lebens erlitten.

 

Ich habe diese meine erlebte Geschichte aufgeschrieben. Es war mir ein persönliches Anliegen, mir dieses schlimme Erlebnis meiner Kindheit von der Seele zu schreiben. Darüber bin ich nun sehr erleichtert.

 

Wanderer, welche den Saarlandrundwanderweg benutzen, gehen hier achtlos an einer steilen Felswand vorbei. Hohe Disteln, Strauchwerk und Brennesseln stehen davor. Sie verbergen das Geheimnis des Schreckens. Eines Schreckens, den ich hier drinnen als siebenjähriger Bub mit möglicherweise Euren Elten oder Großeltern erleben mußte. Vor 55 Jahren am 18. März 1945 im Stollen von Bliesen. Genannt "Kupp 341".

 

Letzter Kriegstag für Bliesen.

 

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