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Stadt und Land des Hl. Wendalin

Ein Heimatbuch für Schule und Haus

von Nikolaus Obertreis

St. Wendel, 1927

 

Nach einem Berichte des Notars Josef Linxweiler, das Haupthelden der Erzählung in der "Börse des Lebens" vom 29. März 1868, mit Ergänzungen, betreffend die Örtlichkeit u.a.

 

Linxweiler, geb. 08.05.1809 in St. Wendel, + 07.08.1889 in Viersen, war preußischer Notar von 1847 bis 1854 zu St. Goar und von 1854 bis 1887 in Viersen, wo man sich seiner noch erinnert, wie er, als Kind der Biedermeierzeit, mit langem, schwarzem Gehrock und Zylinder, im Alter dazu bisweilen mit roten Plüschpantoffeln, ausging.

 

Die Tote aus St. Wendel.

Geschichtlicher Erzählung aus den Tagen des Fürstentums Lichtenberg.

 

Der Novembersturm rüttelte an den Fenstern der Notariatsstube. Klatschend schlugen die Regentropfen an die Scheiben und rieselten in Strähnen herunter. Einige Spritzer drangen durch die Fugen des Fensters, sammelten sich in der Rinne am Fensterbrett und suchten ihren Weg wieder ins Freie. Der Notariatsgehilfe warf einen Blick nach dem Hundewetter draußen, das ihm den Nachhauseweg am Abend recht unangenehm machen konnte. Der Notar durchflog die eben angekommene Post, steckte einen Privatbrief in die Rocktasche, schob die übrigen Sachen seinem Gehilfen zu, der sie eifrig durchzulesen begann. Währenddessen vertiefte sich sein Chef in die Kölnischen Blätter. Hinter dem Zeitungsblatte stieg kräuselnd der Rauch seiner Zigarre auf, in dem er Zug der Zimmerluft zu wunderlichen Streifen und Wirbeln verzerrte.

 

    "Da ist sie wieder nach so langer Zeit des Schweigens!" stieß der Notar hinter seinem Zeitungsblatte hervor. Erstaunt blickte der Gehilfe auf.

    "Von wem sprechen Sie, Herr Notar?"

    "Von der Mutter des Prinzen Albert. Ihrer ist seit Jahrzehnten keine Erwähnung getan worden. Aber in einem Buch über Jugendjahre des Prinzen musste freilich von ihr auch die Rede sein. Lesen Sie selbst hier diese Stelle!"

    Es war eine Besprechung des kürzlich erschienenen Buches: Die Jugendjahre des Prinzen Albert, unter Leitung der Königin von England zusammengestellt und herausgegeben von Generalleutnant Charles Gray.

    Der Gehilfe nahm das Blatt und las die vom Notar bezeichnete Stelle: "Der vom Herzog Ernst von Sachsen-Koburg 1817 geschlossenen Ehe mit der Tochter des letzten Herzogs von Gotha entsproßen zwei Söhne: der Regierende Herzog Ernst 1818 und der am 26. August 1819 geborene Prinz Albrecht. Die Mutter (sie hieß Luise) wird geschildert als sehr schön, obgleich kleiner Gestalt; ihr Sohn Albrecht sollen ihr sehr ähnlich gewesen sein. Sie war eine kluge und talentvolle Frau. Ihre Ehe war leider keine glückliche und wurde 1824 aufgelöst; die junge Herzogin verließ Koburg und sah ihre Kinder nie wieder. Ihr Tod erfolgte 1831 in St. Wendel nach langer, schmerzhafter Krankheit."

    Sinnend hatte der Notar zugehört. Ein heftiger Windstoß, der an das Fenster fauchte, störte ihn auf, als der Gehilfe geendet.

    "Was Sie da gelesen, ist nicht ganz richtig, " sagte er, "die Herzogin ist in Paris gestorben, und ich habe ein Jahr lang in der Nähe ihrer Leiche geschlafen!"

    "Was, bei ihrer Leiche geschlafen?" - fragte erstaunt der Gehilfe.

    "Nun ja, ein ganzes Jahr lang hat der Sarg in meinem Schlafzimmer gestanden, und ich habe währenddessen mich nicht im geringsten in der Benutzung des Raumes stören lassen."

Ungläubig den Kopf schüttelnd, ließ der Gehilfe das Zeitungsblatt sinken.

    "Daß Sie das nicht ohne weiteres glauben, nehme ich Ihnen nicht übel," sagte der Notar," aber bitte, hören Sie zu!"

    " Der Herzog Ernst I von Koburg hatte die Freuden des Lebens als junger Mann in so reichem Maße genossen, daß er nicht dazu angetan war, plötzlich ein guter Gatte zu werden.

    Der männliche Stamm im Herzogtum Gotha war ausgestorben; die Regierung musste an den Herzog von Koburg übergehen. Es war der Wille des letzten Herzogs von Gotha, daß seine Tochter den Herzog Ernst I. von Koburg zum Gemahl nehmen. Dieser kümmerte sich, wie gesagt, wenig um seine liebenswürdige, kleine Frau, und sie war noch zu jung, um in stiller Zurückgezogenheit ihrer Tage zu verbringen. Es fehlte am Hofe zu Koburg nicht an Männern, die sie durch ihre leutseliges Benehmen und lebensfrohes Wesen zu fesseln wusste. Es war nicht verwunderlich, wenn sie den zahlreichen, ihr dargebrachten Huldigungen gegenüber nicht ganz gleichgültig blieb. Ein Herr von Hanstein, ein schöner Mann mit schwarzem Lockenkopf, hatte sich bald einer besonderen Gunst in den Augen der jugendlichen Herzogin zu erfreuen.

    Und wie es so kam, das Verhältnis des Ritters zur Fürstin wurde ein vertrauteres, und als dies dem Herzoge bekannt wurde, ließ er einen Ehescheidungsprozess gegen seine Gemahlin einleiten, der 1826 entschieden wurde. Doch schon im Jahre 1824 trennten sich die Gatten. Die Herzogin erhielt eine Jahresrente; sie musste aber im Lande wohnen bleiben. Da ihr die Herzogtümer nach dem Vorgefallenen die gewünschte Zurückgezogenheit nicht bieten konnten, siedelte sie 1824 nach St. Wendel, der Hauptstadt des kleinen Fürstentums Lichtenberg, über, das auf dem Wiener Kongress dem Koburger Fürstenhauses zugeteilt worden war. - St. Wendel ist meine Vaterstadt; es hatte damals wohl zweieinhalbtausend nur katholische Einwohner, die nichtsdestoweniger die junge, protestantische Herzogin vertrauensvoll und in geziehemender Ehrfurcht aufnahmen.

    Sie wohnte zunächst im koburgischen Regierungsgebäude, dem großen, nüchternen Bau am Schlossplatz, das die Einwohner nun "das Herzogliche Schloß" nannten.

    "Waren Sie schon einmal in St. Wendel?" unterbrach der Notar seine Erzählung.

    " Ich bin einige Male dort bei Verwandten zu Besuch gewesen und weiß etwas Bescheid, " entgegnete der Gehilfe.

    " Der Regierungspräsident Baron von Koburg," fuhr der Notar in seiner Erzählung fort," hatte wenige Minuten vor der Stadt am Fuße des sanft ansteigenden Tholeyerberges für sich ein hübsches Gartenhaus erbaut und dahinter einen Park anlegen lassen. Das Schlößchen, wie es genannt wurde, dient heute als Bahnhof (bis 1889). Die Herzogin erkor er sich zum Sommeraufenthalt. Ein Jahr lang lebte sie still und einsam in ihrer neuen Residenz; dann kam jedoch ihr für ihr Verehrer auch hierher. Er logierte anfangs im Gasthof „Zum Engel" und machte nur häufiger Besuch im Schlößchen. Bald siedelte er aber dahin um, und was man längst vermutete, traf ein. Die Herzogin heiratete Herrn von Hanstein und erhob ihn Kraft eines Rechtes, daß sie als Herzogin von Gotha besaß, zum Grafen von Pölzig und Beyersdorf, zweier trefflicher Güter, die sie in ihrer Heimat zu eigen besaß. An die Hochzeit, die prunklos gefeiert wurde, schloß sich eine Reise ins Ausland, von der das Paar nach St. Wendel zurückkehrte.

    Das freundliche, herablassende Wesen der Fürstin, ihr einfaches Auftreten und Benehmen, sowie ihre großen Wohltätigkeit gewannen ihr bald aller Herzen. Sie erschien zuweilen auf den Bürgerbällen, unterhielt sich mit den Anwesenden aufs freundlichste und tanzte wohl auch mit diesem oder jenem Bürger, der sich durch besondere Meisterschaft in dieser Kunst empfahl und sich dann lange noch mit Vergnügen der Auszeichnung erinnerte.

    Die jungen Ehegatten pflegten im Sommer und Herbst stets längere Zeit im Auslande zu verweilen. Dabei versäumte die Herzogin nicht, auch Koburg zu berühren, um ihre Kinder zu sehen. Allein der Herzog hatte strengen Befehl gegeben, ihr niemals Zutritt zu denselben zu gestatten. Kleine Bilder, auf deren Rückseite man Haarlocken von den Knaben befestigt hatte, waren alles, was man der armen Mutter gewährte und ihrem heiligsten Rechte einräumte. - Doch einmal soll sie ihre Kinder gesehen haben, wie sie einer St. Wendeler Dame selbst erzählte, und zwar durch die Mitwirkung eines Küchenmädchens. In Bauerntracht verkleidet, gab sie sich als dessen Tante aus, und das Mädchen führte sie nachts in das Schlafzimmer der Prinzen.

    Unter mancherlei Papieren kamen die erwähnten Bildchen in meinen Besitz, und ich verschenkte sie bald; denn wer konnte ahnen, daß der jüngste dieser Prinzen, der blonde Prinz Albrecht, als "Prince Albert" einst für die ganze Welt das Muster eines hochherzigen und edlen Fürsten werden würde?

    Seiner Mutter war es nicht vergönnt, diese Zeit zu erleben. Sie war stets kränklich, und als sie sich nach einer Reise durch Italien in Paris aufhielt, ereilte sie dort der Tod am 30. August 1831.

    Der Graf von Pölzig ließ die Leiche einbalsamieren, in einem doppelten Sarg verschließen und in einem zu dem Zwecke erbauten Leichenwagen nach St. Wendel verbringen.

    Ich war damals Sekretär bei dem Bürgermeister Conrad und dem Notar Bonnet zu St. Wendel. Letztere war ein Schulfreund des Grafen und erhielt als dessen Vertrauter und Bevollmächtigter den Auftrag, die Leiche an der Grenze bei Saarlouis abholen zu lassen. Sie sollte vorläufig an einem passenden Orte aufgestellt werden, wo, war aber nicht gesagt.

    Mein Prinzipal mit einigen Herren des Stadtverordnetenkollegiums übernahmen den Leichenwagen zu Saarlouis und dirigierten ihn über Lebach, Tholey nach der Residenz. Die braven St. Wendeler Bürger ließen es sich nicht nehmen, ihre tote Fürstin in großer Prozession auf der Tholeyerstraße einzuholen und nach dem Schlößchen zu geleiten, das vorläufig von uns zur Aufbahrung bestimmt war. Dort wurde der Sarg im Gartensaale, der mit Palmen und Blumen geschmückt war, auf den Tisch gestellt.

    Die Bürger machten sich eine Ehrenpflicht daraus, die ersten Nächte zu der Leiche eine Ehrenwache zu stellen. Als aber nach mehreren Tagen noch immer keine Nachricht kam, wann und wo die Beisetzung stattfinden sollte, zogen wir es vor, das Schlößchen bis auf weiteres zu verschließen und die Wache aufzuheben.

    Im Amts- und Intelligenzblatt der Stadt erschienen im Auftrage des Grafen nach einigen Tagen eine Danksagung unter den Anzeigen. Ich glaube, ich habe das Blatt noch hier unter alten Papieren.

    Der Notar schloß ein Pult auf und zog ein altes Zeitungsblatt heraus.

    " Da habe ich es", sagte er," es ist vom 25. September 1831. Da steht:

 

    Danksagung

    der Graf von Pölzig und Beyersdorf hat dem Unterzeichneten den Auftrag erteilt, allen Behörden und Bürgern von St. Wendel den herzlichen Dank für die Liebe, Teilnahme und Erkenntlichkeit zu sagen, welche dieselben sowohl durch ihren feierlichen Empfang der teuren Überreste der Frau Herzogin Luise Durchlaucht, als auch die freiwillige Stellung einer Ehrenwache, auf eine so schöne Weise unzweideutig an den Tag gelegt haben.

    Der letzte Wunsch der Seligen war, daß ihr Leichnam in der Nähe des Wohnsitzes ihres Gemahls, an dessen Seite sie sich im Leben glücklich fühlte, holen möchte. Diesen Wunsche aufs vollkommenste zu entsprechen, hat der Graf zu Pölzig die Entschließung gefasst, wenn irgend möglich, hier für die Zukunft seinen Wohnsitz aufzuschlagen und hier die irdische Hülle seiner früh verschiedenen Gemahlin beerdigen zu lassen, damit sie nicht allein in den Nähe seines tieftrauernden Herzens sich befände, sondern auch umgeben wäre von denen, die im treuen Herzen die aufrichtige Liebe als sichersten Beweis vom hohen Werte der früh Verblichenen tragen.

                                               Bonnet

 

    Das Vorhaben des Grafen kam aber nicht zur Ausführung.

    Die Herzogin hatte in ihrem zu Paris ausgefertigten Testamente zuerst ihre beiden Söhne zu Universalerben ernannt, dann aber dem Grafen, ihrem Gemahl, sowohl die beiden Güter Pölzig und Beyersdorf, als auch ihre ihren reichen Brillantschmuck vermacht, der sich noch im Besitz des Herzogs befand. Der Graf ging von Paris nach Koburg, um die sie ihr bedeutenden Pretiosen in Empfang zu nehmen; doch der Herzog betrachtete sich als den rechtmäßigen Eigentümer, und der Graf sah sich genötigt, einen Prozess zu führen, um in den Besitz der Kost abhalten zu gelangen. Es ist immer misslich, gegen seinen Landesherrn zu klagen; die Sache zog sich in die Länge, so eifrig und tätig der Graf auch in seiner Angelegenheit gewesen sein mag. Wir hörten in St. Wendel nichts über die Einzelheiten des Rechtsstreites. Der Winter ging vorüber - die Leiche stand noch immer im Schlößchen - da erhielt mein Prinzipal eines Tages einen Brief vom Grafen Pölzig, in dem dieser dringend bat, dem Sarg sofort aus den Schlößchen an einen sicheren Ort bringen zu lassen, da der Herzog durch Kabinettsorder Befehl gegeben, die Leiche mit Beschlag zu belegen.

    Wir waren ganz verdutzt, denn wir wußten im ersten Augenblick gar nicht, wie wir uns des Auftrags entledigen sollten. Das Schlößchen gehörte dem Herzog; er hatte das Recht, über die darin befindlichen Dinge zu verfügen.

    Und wohin mit dem schweren, doppelten Sarge? Dazu sollte er schnell entfernt werden, sonst kam uns die Regierung zuvor. Wir überlegten hin und her.

    Die Wohnung meines Prinzipals war beschränkt, aber kein anderes Haus in der Stadt konnte die genügende Sicherheit gewähren. Endlich kam ich auf den Gedanken, die Leiche in mein Schlafzimmer zu stellen. Mein Chef lachte mich erst aus, ward aber bald auch meiner Meinung. Während wir noch überlegten, wie die Überführung ins Werk zu setzen sei, hörten wir das gleichmäßige Stampfen militärischer Schritte und sahen sechs Gendarmen mit dem obligaten Gefolge neugieriger Schuljugend die Straße hinab nach dem Schlößchen ziehen. In das Schlößchen konnten freilich die Gendarmen nicht, denn mein Herr besaß die Schlüssel, aber das war auch nicht nötig. Wenn sie das Gebäude bewachten, war die Leiche in Sicherheit, dachte wohl die Regierung, und es genügte, wenn sich die Gendarmen als Schutzwache vor die Front desselben postierten.

    Meinem Prinzipal verdroß es sehr, den Wunsch seines Klienten und Jugendfreundes nun nicht erfüllen zu können. Mir ging aber die Sache noch nicht aus dem Kopfe. Ich legte die Feder hin und spazierte vor die Stadt, am Schlößchen vorbei, um die Situation in Augenschein zu nehmen. Da blitzte mir ein Gedanke auf, den ich mit jugendlichem Eifer auszuführen beschloß. Ich wollte, trotz der Wache, den Sarg aus dem Schlößchen wegbringen und setzte dem Notar sofort meinen Plan auseinander. Er mochte anfangs nichts davon hören; meiner Überredung und meinen übermütigen Versicherungen, daß der Plan mir gelingen müsse, gab er endlich nach und gewährte mir die Erlaubnis, aber ohne irgendwelche Verantwortung übernehmen zu wollen. Das war mir schon recht, ich ging ins Werk.

    Vor dem Schlößchen, zu dem ein Weg über die Blies - die jetzige Bahnhofstraße - führte, war ein Rundplatz, von dem man rechts auf die Tholeyerstraße gelangte. Hinter dem Gebäude lag in gleicher Höhe des ersten Stockwerks der schattige Park, aus dem zu ebener Erde eine Türe in das Schlößchen führte, die ich wohl kannte. Da ich die Schlüssel hatte, konnte es mir nicht schwer fallen, ungesehen da hinein zu gelangen, zumal die Gendarmen auf der Straße viel tiefer standen und von dem hinteren Ausgang des Schlößchens gewiß keine Ahnung hatten. Nachts wollte ich den Sarg durch den Park wegtragen und auf einem weiten Umwege durch Alsfassen und Kelsweile in unsere Wohnung bringen lassen.

    Das war der Plan, den ich ersonnen, dessen Ausführung mir aber noch ungeahnte Schwierigkeiten bereiten sollte.

    Als Sekretär des Bürgermeisters genoß ich in der Stadt ein so allgemeines Vertrauen, daß es mir leicht wurde, sechs starke Handwerker anzuwerben, obgleich ich Ihnen das Vorhaben vorläufig nicht offenbarte. Ich bestellte die Leute auf abends 9 Uhr in die Mott. Sie fanden sich auch pünktlich dort ein, und ich gab ihnen ein Päckchen Tabak, der damals verhältnismäßig teuer war, und wies sie an, einzeln oder zu zweien in gewisser Entfernung, rauchend und plaudernd, wie Spaziergänger, mir zu folgen. Am Tholeyerberg wollte ich sie erwarten. Ich ging an den postierten Gendarmen vorbei, grüßte: "Schön guten Abend, meine Herren, schön Wetter heute" und wartete an der bestimmten Stelle. Meine Leute kamen, und nun offenbarte ich ihnen erst, um was es sich handelte. Einige hatten anfangs Bedenken, die ich aber bald zerstreute. Wir gingen noch etwas die Straße hinauf, bogen links ab und näherten uns der aus dem Park ins Freie führenden Pforte, die ich aufschloß. Nun empfahl ich meinen Leuten ruhig und vorsichtig zu sein. Es war mittlerweile völlig dunkel geworden; nur die Mondsichel spendete schwaches Licht, wenn die am Himmel ziehenden Wolken sie freigaben. Wohl knirschte der Kies unter unseren Tritten und knackte ab und zu ein dürres Reischen, doch das konnte nicht weit gehört werden. So kamen wir ohne Zwischenfall an die hintere Seite des Schlößchens. Wir horchten auf, alles blieb ruhig. Aus meiner Rocktasche zog ich nun eine Blendlaterne hervor, bei deren Schein ich die Türe aufschloß und vorsichtig öffnete. Wir traten in den Gartensaal. Der Sarg stand noch auf dem Tische. Ich wies im Flüstertone die Leute an zuzugreifen. Sie hoben den Sarg auf ihre Schultern und schritten vorsichtig in den Park hinaus, während ich die Türe wieder abschloß. Hinter den Leuten herschreitend horchte ich mit angehaltenem Atem von Zeit zu Zeit auf. Nichts regt sich, nur einen in den Baumkronen aufkreischendes Käuzchen ließ mich zusammen schrecken. Je weiter wir den Park hinaufkamen, desto leichter ward mir ums Herz; die Zuversicht auf Gelingen meines Planes wuchs. Nun waren wir auf freiem Felde; ich schritt vorauf, die Richtung angeben.

    Etwa eine Viertelstunde gingen wir in westlicher Richtung, dann überschritten wir die Landstraße. Einer der Männer schlug vor, den Wiesengrund hinüber, auf dem Wege am Alsfasser Schulhaus vorbeizugehen, um die Brücke an der Felsenmühle zu erreichen.

    Wir hatten den vor uns liegenden Wiesengrund noch nicht erreicht, als eine Hecke uns den Weg versperrte. Umgehen konnten wir das Hindernis nicht, weil das Gelände in der Dunkelheit unübersichtlich war. Es blieb uns nichts anderes übrig, als den schweren Sarg hinüber zu schaffen. Zu dem Zwecke setzten wir ihn auf die Hecke, die zwei der Männer überstiegen, um denselben auf der anderen Seite in Empfang zu nehmen, während ihn die anderen nachschoben. Es ging; doch plötzlich krachte die Hecke, der Sarg entglitt unseren Händen und rutschte mit noch stärkeren Krach auf die andere Seite zwar, aber in eine Vertiefung. War es ein Graben oder ein Baumloch? Ich konnte es nicht erkennen.

    Meiner Leute waren schon beim ersten Knistern der Hecke furchtsam geworden; sie horchten auf und schauten sich nach allen Seiten um. Wirklich schallten Schritte von der Straße her durch die nächtliche Stille, und schwarze Gestalten schienen sich auf derselben uns zu nähern. "Das sind die Gendarmen!" stieß einer der Männer hervor, und ohne sich nach mir umzusehen, ergriffen alle die Flucht.

    Einen Augenblick war auch ich ängstlich; ich streckte mich am Fuße der Hecke hin, um nicht gesehen zu werden, merkte aber bald, daß die schwarzen Schatten auf der Straße harmlose Wanderer waren, die ihre Heimat zustrebten. Ich sprang darum gleich wieder auf und lief den Leuten nach, um sie zurückzurufen. Sie mochten mich aber für einen verfolgenden Gendarmen halten, denn auf mein Haltrufen liefen sie noch toller, sodaß ihre Gestalten bald meinen Augen entschwanden. Mochten sie laufen, die Hasenfüße! Ich war wütend.

    Aber was half's! Da saß ich mit der Leiche mutterseelenallein spät abends auf dem Felde. Bis zur Stadt war mindestens eine Viertelstunde. Ich musste hineingehen, musste versuchen, mir andere Hilfe zu verschaffen, denn auf dem Felde durfte der Sarg unter keinen Umständen am anderen Tage gefunden werden.

    In sehr gedrückter Stimmung trat ich den Weg zur Stadt an; müde und abgespannt kam ich durch den Brühl. Noch war mir nicht klar, wo ich die Hilfe herholen sollte.

    Die Lichter hinter den Fenstern waren schon gelöscht, die Bewohner zur Ruhe gegangen. Mein Mut war aufs tiefste gesunken. Da kam mir beim Anblick eines Handwagens vor dem Hause eines Blaufärbers ein guter Gedanke. Der Wagen sollte mir als Transportmittel dienen. In der Nachbarschaft leuchtete durch den Torweg der Lichtschein aus einer Backstube. Dort traf ich zwei Bäckerburschen, die bereit waren, für ein gutes Trinkgeld mit mir zu gehen. Wir nahmen noch einige Mehlsäcke zum Bedecken des Sarges und einen starken Strick mit. Die Burschen zogen den Wagen, und so ging's hinaus zu der fatalen Hecke. Mit dem Stricke zogen wir den Sarg aus der Vertiefung und hoben ihn über die niedergebrochene Hecke auf unseren Wagen. Die Säcke verhüllten unsere seltsame Ladung so, daß ich es wagen konnte, auf dem nächsten Wege zur Stadt zurückzukehren.

    Ohne besonderes Fährnis kamen wir in der Oberstadt an, wo wir den Sarg in die Wohnung meines Prinzipals trugen. In meinem Schlafzimmer stellten wir ihn auf den Tisch.

    Mein Unternehmen war glücklich beendet. So müde und abgespannt ich auch wahr, konnte ich in jener Nacht doch nicht schlafen. Allein ich hatte die Genugtuung, mein Vorhaben ausgeführt und meinem Prinzipal und seinem Klienten einen großen Gefallen erwiesen zu haben.

    Am anderen Morgen war die Sache doch ruchbar geworden; die furchtsamen Handwerker hatte nicht geschwiegen; ihr Lohn war ja doch dahin, und lustige Vögel machten sich bald ein Vergnügen daraus, die Wache haltenden Gendarmen, die immer noch am Schlößchen stand, ob ihrer Argusaugen auszulachen.

    Weniger heiter war die Stimmung meines Prinzipals, denn jeden Augenblick konnten ja die Regierungsbeamten kommen und die Auslieferung der Leiche verlangen. Dem Umstande versuchte ich vorzubeugen. Mit Bewilligung meines Prinzipals ließ ich mich sofort bei dem Regierungspräsidenten Herrn von Szymborski anmelden, um ihnen noch vor Einleitung irgendwelcher amtlicher Schritte die Anzeige zu machen, daß die Leiche der Herzogin sich in unserer Wohnung befände.

    Als der Präsident mich empfing, wusste er wohl, in welcher Angelegenheit ich kam. Er war sehr mürrisch, fragte aber doch, was sich wünschte. Ich erklärte ihm kurz und bündig, daß wir vom Grafen Pölzig beauftragt gewesen seien, die Leiche seiner Gemahlin an einen sicheren Ort zu bringen und daß dieselbe sich nun in unserem Hause befindet. Über die Art und Weise, wie die Leiche dorthin gelangt, verlor ich kein Wort, bat aber schließlich den Präsidenten, das Verbleiben der Leiche, die ja in einem doppelten Sarge eingeschlossen sei, in unserer Wohnung gnädigst gestatten zu wollen. Er entließ mich ohne eine bestimmte Antwort. Ich faßte nun den Entschluss, den Sarg in meinem Zimmer bis aufs äußerste zu verteidigen. Zwei Schlosser mussten mir sogleich die äußere Türe meines Schlafzimmer verrammeln und mit mir darin bleiben, um allen äußeren Angriffen auf das Schloß sachverständigen Widerstand leisten zu können. Nach einigen Stunden kamen auch schon die Exekutionsbeamten; als sie aber das Zimmer verschlossen fanden, gaben sie sich nicht die Mühe, das Schloß gewaltsam zu öffnen, sondern begnügten sich damit, der Tür ein doppeltes Siegel anzuhängen, wodurch ja die Beschlagnahme der Leiche hinreichend dokumentiert war.

    Der Sarg liegt nun in meinem Zimmer, in das ich, trotz der Siegel, durch die Wohnung meines Prinzipals, mit der es ihnen verbunden war, hinein konnte. Für uns hat er die Sache auch weiter keine Folgen; dagegen soll der Leichenraub nicht ohne Einfluß auf die späteren Entschließungen des Herzogs und auf die Stelle des Herrn von Szymborski gewesen sein, welcher St. Wendel bald darauf verlassen musste."

    Der Notar, von seiner Erzählung sichtlich bewegt, machte eine Pause.

    "Ich bewundere Ihre Entschlossenheit, Herr Notar," sagte der Gehilfe, der mitgespannte Aufmerksamkeit dem alten Herrn bisher zugehört hatte. " Aber, sagen Sie, wie konnten Sie es wagen, den Maßnahmen der Regierung entgegen zu handeln, und warum hat der Regierungspräsident euch weiter später unbehelligt gelassen?"

    " Ja," erwiderte der Notar, "da waren uns die Umstände günstig. Nur wenige Tage später brach in meiner Vaterstadt die Revolution aus, nachdem es lange im Volke gegärt hatte. Andere Ereignisse ließen unsere Sache in den Hintergrund treten.

    Obgleich durch die Anwesenheit so vieler Regierungs- und Gerichtsbeamten, durch die Eröffnung einer höheren Schule und durch die Hofhaltung der Herzogin ein reges, munteres Leben in der Stadt sich entfaltet hatte und der Wohlstand sich sichtlich hob, gab es doch Unzufriedene, welche ihre Gesinnung auch auf andere übertrugen und dem Volke sogenannte liberale Grundsätze beizubringen wußten. Der seit Jahren angehäufte Zündstoff flammte auf am Tage des Hambacher Festes und entfachte eine regelrechte Revolution, die, wenn sie auch unblutig verlief, doch ihre Opfer forderte. Der Oberbürgermeister reichte seine Entlassung ein; der Regierungspräsident wurde abberufen; die Rädelsführer, soweit sie nicht geflüchtet waren, vor Gericht gestellt und schließlich das Fürstentum Lichtenberg auf der Landkarte gelöscht, um als Kreis St. Wendel in das preußische Rheinland aufzugehen.

    Über Jahresfrist stand der Sarg der Herzogin in meinem Schlafzimmer, als sie die Nachricht erhielten, daß der Graf Pölzig die Tochter des koburgischen Ministers von Carlowitz heiraten werde und daß der Herzog, der diese Ehe begünstigte, dem Grafen die Juwelen ausgeliefert habe. Von diesem erhielten wir den Auftrag, die Leiche seiner ersten Gemahlin in einer evangelischen Kirche beisetzen zu lassen.

    Der Pfarrer von Pfeffelbach verstand sich gerne dazu, unter seiner Kanzel den Platz zu dem Zwecke herzugeben.

    Der fromme Mann wusste später aus diesem Stückchen Erde reiche Früchte für seine Kirche zu ziehen. Allen durchreisenden Engländern wurde das Grab der Mutter des Prinzgemahls gezeigt, und eine Büchse neben der Kanzel nahm den klingenden Ausdruck ihrer weichen Gefühle auf.

    1859 ließen die Söhne die sterblichen Überreste ihrer Mutter in der Familiengruft zu Koburg bei setzen. Damit wurde endlich, nach so wechselvollen Schicksalen, dauernde Ruhe ihrer Asche."

 

 

Same story had been re-printed in a local newspaper in about 1928, referring to Mr. Obertreis’ book. It provides additional notes by the publisher of the newspaper.

 

Nachtrag

    Der Originalbericht des Notars Linxweiler in der " Börse des Lebens" vom Jahre 1868 veranlasste vor 2 Jahren den " Verein für das Notariat in Rheinpreußen" zu eingehender Nachforschung über einzelne Umstände aus der Erzählung, weil die Verwahrung einer Leiche durch einen Notar (Linxweiler handelte für seinen Chef) in der Geschichte des rheinischen Notariats ein gewisses sonderbarer Fall war und andererseits auch die Geschichte angezweifelt wurde. Linxweiler sagt in seinem Bericht kurz:" Ich war damals Sekretär bei dem Bürgermeister und Notar in St. Wendel"; Name nennt er nicht. Eine Vereinigung beider Ämter kamen damals wirklich vor. Es handele sich nur darum, festzustellen, welcher Bürgermeister=Notar hier infrage kommt. In St. Wendel waren zu Coburger Zeit drei Bürgermeister=Ämter: die Stadt, St. Wendel Land und ließen. Der Oberbürgermeister der Stadt war damals Conrad, der zugleich auch die Landbürgermeisterwahl verwaltete. Es geht dies daraus hervor, daß die Eintragungen in die Zivilstandsregister dieser Bürgermeister bei von Conrad oder seinem Adjunkten, unterschrieben sind. Conrad war aber nicht Notar, wenigstens amtierte er nicht als solcher. Der Bürgermeister von Bliesen hieß Brückner. Auch dieser war nicht Notar. Es gab deren hier zwei besondere, Bonnet und Hen, von denen aber keiner Bürgermeister war. Der oben angeführte Satz auf dem Originalbericht Linxweilers kann also nicht so verstand werden, daß sein Prinzipal Bürgermeister und Notar in einer Person war. Dann bleibt nur die Annahme übrig, daß Linxweiler Sekretär bei einem der Bürgermeister und bei einem der Notare war, etwa in der Weise, daß er zeitweilig bei dem einen und dann bei dem anderen arbeitete daher weiter in seinem Bericht gesagt: "ich genoß als Sekretär des Bürgermeisters in der Stadt allgemeines Vertrauen ...", so darf man wohl annehmen, daß der Oberbürgermeister Conrad sein Chef war. Der Sachwalter des Grafen von Pölzig war aber, wie die Veröffentlichung der Danksagung bekundet, der Notar Bonnet, und diese somit der Notarprinzipal Linxweilers.

    Joseph Linxweiler, ein Abiturient der hiesigen höheren Schule, bereitete sich als Sekretär auf das Bürgermeister=Notar=Amt vor. Er amtierte als rheinpreußischer Notar in St. Goar von 1847 bis 1854 und Viersen von 1869 bis 1887. -Der eingangs gesprochene Satz: "Ich war damals Sekretär usw." ist von dem alten Herrn in seinem Bericht, der 36 Jahre nach Verlauf der Begebenheit erfolgte, etwas unklar gefasst, und gab dem Verein der Rheinischen Notare darum Anlaß zur Nachforschung, deren Endergebnis das vorliegende wohl sein wird.

                                                                                                       O.R.

 

 

 

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