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Geschichte(n) -> Um 1900 Im "Blauen Stübchen" bei Knolls

Im überaus reichhaltigen Nachlaß des Lehrers Raimund Fuchs fand ich den nachstehenden Artikel, den der Autor Anfang der 1970er für die Saarbrücker Zeitung verfaßte. Dazu gehört ein altes Foto, das 21 mehr oder minder alte, auf jeden Fall "ehrwürdige" Herrschaften in gemütlicher Stammtischrunde zeigt. Fuchs hat damals wohl Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Personen auf diesem Foto zu identifizieren.

 

Ich habe nur jeweils die Vornamen ergänzt und noch die damalige Anschrift der Männer dazugefügt, sofern mir das möglich war.

 

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Im "Blauen Stübchen" bei Knolls

 

von Raimund Fuchs, St. Wendel (+)

 

Aus dem Nachlaß des verstorbenen Fotografen Peter Bahn besitzt der Lehrer der Blindenschule Lebach, Rudolf Hinsberger, ein interessantes Foto, das um die Jahrhundertwende aufgenommen worden sein dürfte. Das Bild zeigt einen Großteil der sogenannten Honoratioren der Stadt St. Wendel im "Blauen Stübchen" des heute nicht mehr existierenden Gasthauses Knoll. Das "Blaue Stübchen" befand sich da, wo die Kleiderhalle Pfeiffer heute ihr Geschäftslokal hat (2010: Cafe Manin am Schloßplatz).

 

Die 21 versammelten Herren, der Zeit entsprechend alle mit Schnurbart oder Vollbart, strahlen einen Hauch jener Stammtischgemütlichkeit aus, die jeden Betrachter an den Ausdruck von der "guten alten Zeit" denken läßt.

 

Sicherlich waren den gesellig versammelten Herren im "Blauen Stübchen" die Begriffe Leistungsdruck, Streßsituation und Wohlstandsgesellschaft noch nicht bekannt.

 

Der Name "Blaues Stübchen" soll vom St. Wendeler Volksmund geprägt worden sein und sich nicht auf den Zustand der Herren nach Ende ihres geselligen Zusammenseins bezogen haben. Vielmehr soll das Eigenschaftswort blau auf das religiöse Bekenntnis hinweisen. Die Gründer des Stammtisches sollen evangelische Mitbürger gewesen sein. Die Evangelischen wurden von der überwiegend katholische Bevölkerung "die Blauen" genannt.

 

Das "Blaue Stübchen" war ursprünglich und hauptsächlich Treffpunkt der evangelischen Prominenz der Stadt. Die katholische Prominenz dagegen traf sich meistens bei Knolle "im Bierstall", dem heutigen Geschenkhaus (Mathilde) Altholz (Bahnhofstraße 25). Daß aber keine strenge Trennung zwischen evangelischen und katholischen Prominenten um die Jahrhundertwende bestand, beweist das alte Foto zur Genüge. Die "oberen Zehntausend" beider Konfessionen sind an einem Stammtisch friedlich versammelt.

 

Da es nur noch wenige 75 bis 80-jährige Mitbürger in St. Wendel gibt, die die fotografierten Herrschaften kennen, ist es besonders erfreulich, daß die Stammtischrunde noch fast vollständig identifiziert werden konnte. Die St. Wendeler Damen Else Back geb. Riotte, Luise Angel geb. Liell und Helene Schaadt geb. Kockler konnten sich noch an die Stammtischfreunde erinnern. Auch Buchhändler Hans Dubreuil und Augenarzt Dr. Emil Riegel, der das Foto auch in seinem umfangreichen heimatkundlichen Archiv hat, datierten die Entstehung des interessanten Bildes in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts.

 

An dem Tisch mit den heute von Antiquitätensammlern sehr geschätzten Deckelgläsern sehen wir auf der rechten Seite, mit Glatze und weißem Schnurrbart, den Bürgermeister Ludwig Gerber vom Amt Alsweiler, später St. Wendel-Land (wohnte in Wilhelmstraße 6). Ihm werden mehrere schöne Töchter nachgerühmt. Rechts neben ihm sitzt der Hüter der Ordnung, der Gendarmerieoberwachtmeister Nikolaus Paul (Wingertstraße 7). Der neben den Gendarmen sitzende Herr mit dem Spitzbart und der brennenden Zigarre in der Hand konnte von den Befragten nicht erkannt werden. Bei der vierten Person der rechten Tischreihe handelt sich um den Zeitungsverleger und Druckereibesitzer Fritz Maurer. Sein Vater, Buchdrucker Karl Maurer, führte seit 1842 eine Druckerei in St. Wendel. Zeitungsverleger Fritz Maurer veröffentlichte dreimal in der Woche die "Nahe-Blies-Zeitung", die Heimatzeitung vieler St. Wendeler Familien. Die Druckerei war in der Bahnhofstraße im Hause Alles, jetzt Spielwarenparadies (Bahnhofstraße 10).

 

Bei der fünften Person der rechten Tischreihe soll es sich um den Eisenbahningenieur Räder handeln. Dr. Emil Riegel hält den Mann mit dem Vollbart für den St. Wendeler Tierarzt Dr. Hermann Rödiger (Viktoriastraße 12, heute Beethovenstraße). Die stehenden Herren in der zweiten Reihe der rechten Bildseite sind (vom Betrachter her gesehen): Rentmeister Nikolaus Johann (Wilhelmstraße 6) und Bahnbeamter Johannes Friede, Leiter der Eisenbahnerwerkstatt.

 

Herr Friede hatte drei stolze Söhne, die alle im I. Weltkrieg ihr junges Leben opfern mußten. Das Wohnhaus Friede besteht nicht mehr. Es war auf der Ecke Gymnasial- und Beethovenstraße, gegenüber der Lindenau (Gymnasialstraße 2). Der dritte Herr in der Reihe der Stehenden, der wohl als einziger kein Deckelglas benutzt, war der St. Wendeler Tabakfabrikant Nikola Kockler (Wendalinusstraße 8). Er trug in der Stadt den Spitznamen "der Senkel". Er hat wesentlich dazu beigetragen, den Ruhm des in früheren Jahrzehnten besonders bei den vielen Saarbergleuten beliebten "St. Wenneler Rolltuwak" zu begründen. Manche Arbeiter, vornehmlich die Bergleute mit Untertagearbeit, sprachen auch vom guten "St. Wenneler Rolles".

 

Am Kopfende des Tisches sitzen von rechts nach links Philip (geb. 1849, wohnt 1911 in Schlachthofstraße 3 = Beethovenstraße zwischen ev. Krankenhaus und Schlachthofstraße) oder Karl Marzen (geb. 1880) , ein Herr (Johann) Sondermann (1911: Pensionär, Alleestraße 33) in der Mitte und der Wegebaumeister Franz Guddat. Er wohnte am Tholeyerberg im heutigen Haus Kiefer (Tholeyer Straße 22). Sein Sohn Ernst ist im I. Weltkrieg gefallen.

 

Die linke Tischreihe zeigt als ersten einen Herrn, der wohl noch aus dem "Alten Testament stammen konnte. Es soll Bürgermeister Sohns sein. Neben ihm sitzt der Bahnbeamte Hirtzel, der damals im traditionsreichen Gasthof "Rotes Haus" neben der Basilika wohnte. Weiterer Gast der Herrenparty war Sparkassenrendant Wilke (mit Kneifer), der seinen Dienst bei der Kreissparkasse aufgeben mußte.

 

Den Kopf mit seiner linken Hand stützt der damalige Bürovorsteher des Amtsgerichtes, der Gerichtssekretär (Hermann) Röder (Wendalinusstraße 8). Er arbeitete nicht nur in trockenen Gerichtsakten, sondern war auch Frau Musica sehr zugetan. In St. Wendel trainierte er ein damals bekanntes Männerquartett, das bei festlichen Anlässen im Casino de St. Wendel (damalige Festräume im Hause Balduinstraße/Ecke Urweilerstraße) schöne Chorgesänge vortrug.

 

Hinter dem Gerichtssekretär Röder sitzt zwischen den beiden Reihen der Kaufmann und Schnapsbrenner Jakob Schulze, der auch eine Weingroßhandlung betrieb. Er ließ am Bahnhof das inzwischen schon mehrmals veränderte Haus bauen, in dem heute noch seine Nachfahren einen Getränkehandel betreiben (Mommstraße 11).

 

Die Reihe der stehenden Herren links beginnt mit dem noch sehr jungen Versicherungskaufmann Hermann Dollhausen (Bahnhofstraße 25). Neben ihm steht der junge katholische Studienrat Franz Breddemann, der den anfangs genannten Damen noch in guter Erinnerung ist, weil er nachmittag und abends oft in der Stadt einen großen Hund, Marke Dobermann, spazieren führte. Doch gab es vor 70 Jahren in St. Wendel auch andere Geschöpfe, die der junge Herr Studienrat hätte spazieren führen können. Dritter in der linken Reihe ist der Kreisbaumeister Hugo Harz (Bahnhofstraße 11). Vor den Gardinen steht der Büchsenmacher Wilhelm Weißgerber (Kelsweilerstraße 44).

 

Zwei Personen auf dem Foto konnten von niemand erkannt werden. Vielleicht handelt es sich um den Postinspektor Erwin Feederle (Gymnasialstraße 13), Leiter des St. Wendeler Postamtes, und um einen Herrn Klingelhöfer. Beide Honoratioren sollen häufig im Kreis der damaligen "oberen Zehntausend" von St. Wendel gesehen worden sein.

 

 

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