Schriftzug

Einleitung

 

?Poesie" - dieses Wort steht auf der Titelseite eines kleinen Büchleins in lilafarbenem Kunstledereinband, das vor mir auf dem Schreibtisch liegt.

 

Als ich vor ein paar Jahren in Ebay unter dem Suchbegriff "St. Wendel" darauf stieß, erinnerte ich mich sofort an mein eigenes Poesie-Album - gleiches Format, grüner Einband -, das mir vor über 30 Jahren anläßlich meiner Erstkommunion geschenkt wurde. Ich ließ es durch unseren Verwandten- und Bekannten- und Freundeskreis wandern und erhielt es irgendwann wieder zurück, gefüllt mit sinnigen Sprüchen und ein paar Schüttelreimen und einigen Ermahnungen.

 

Ich erhielt in Ebay prompt den Zuschlag, las die Einträge, staunte über die Namen und das jeweilige Datum und legte es vorläufig ad acta. Dann und wann fiel es mir wieder in die Hände, und irgendwann beschloß ich, es zu veröffentlichen. Es dauerte ein paar Jahre, aber jetzt liegt es vor Ihnen. Die Einträge sind meist religiös geprägt, teilweise naiv, aber es finden sich auch Zeilen von Schiller, Storm und Uhland darunter. Besonders beindruckt war ich von den Zeilen der Anna "Änne" Meier, engagierte Sozialarbeiterin aus Baltersweiler, die wegen passiven Widerstandes gegen die Nazis ins KZ gesteckt wurde.

 

Angaben über die Verfasser der Einträge zu finden erwies sich als relativ schwierig. Das Standesamt St. Wendel durfte keine Angaben herausgeben, die nach 1900 liegen - gleichgültig, ob die betreffende Person schon länger tot ist oder nicht. So wollte es das Gesetz. Eine große Hilfe waren daher alte Steuerlisten im Stadtarchiv, die diesen gesetzlichen Einschränkungen nicht unterliegen. Das klingt paradox, es ist aber so.

 

Ein Beispiel: Ich stieß auf den Namen "Ilse von Aschoff" und erfuhr von Gerd Schmitt als Alsfassen, daß es sich um die Tochter des Landrats Otto von Aschoff handelte, der 1906 von Düsseldorf nach St. Wendel versetzt wurde. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich bereits, daß die meisten der Verfasser um das Jahr 1900 geboren waren. Das Ehepaar von Aschoff heiratete 1900 und wohnte im darauffolgenden Jahr bereits in Minden. Als ich im Mindener Standesamt anrief, bedauerte man dort, aus gesetzlichen Gründen keine Auskunft geben zu können, da ich nicht in gerade Linie mit Ilse verwandt war. Aber die sehr nette Dame am Telefon verwies mich an das örtliche Kommunalarchiv, dessen Mitarbeiter in den Abmeldekarteien die gewünschte Information fand. Während die Daten des Standesamtes streng geschützt sind, sind die gleichen Daten im Kommunalarchiv nicht geschützt und damit frei zugänglich. Das führte dazu, daß ich Ilses Geburtsdatum kenne, aber nicht sicher weiß, wie die Eltern von Anna Strauß aus St. Wendel heißen.

 

Bereits relativ früh leitete ich aus der Anrede "Mitschülerin" ab, daß es sich größtenteils um Klassenkameraden der Eigentümerin des Poesie-Albums handelte. Ich tippte auf die Nikolaus-Obertreis-Schule, die 1906 eingerichtet wurde, jedoch wies mich die dortige Mitarbeiterin im Sekretariat darauf hin, daß damals die Kinder diese Schule nur bis zu ihrem 10. Lebensjahr besuchten. Das heißt, daß die Verfasser der Einträge mit 12 und mehr Jahren schon zu alt für die Volksschule waren. Mittlerweile hatte ich mit dem "Adressbuch von 1911" eine weitere wichtige Quelle herangezogen. Dort stieß ich auf Elfriede Loss, in der ich erst eine Mitschülerin vermutete, jetzt jedoch feststellte, daß sie in St. Wendel als Lehrerin tätig war. Und zwar in der Städtischen Höheren Mädchenschule, die 1912 im Wohnhaus des Schreinermeisters Franz Heinrich Brachetti in der Mott (Neumarktstraße 13) untergebracht war.

 

Der Unterricht der Schülerinnen - im Schuljahr 1912/1913 immerhin 51 Mädchen - umfaßte neben den normalen Volksschulfächern auch die beiden Fremdsprachen Englisch und Französisch. Es gab zwei Lehrkräfte, beide weiblich. Margarethe Greverath versah das Amt der Schulleiterin und gab außerdem Unterricht in katholischer Religion. Den evangelischen Gegenpart übernahm ihre Kollegin Elfriede Loss am 1. September 1910 als Nachfolgerin von Käthe Bohnsack. Aus der Zusammensetzung der Klassen dieses Schuljahres ist erkennbar, daß sie die Klassenlehrerin der Schulklasse III war: diese bestand aus sieben katholischen, zwei evangelischen und zwei jüdischen Schülerinnen. Die letzteren finden wir im Album wieder - es waren Irma Berl und Selma Eppstein (Stadtarchiv St. Wendel, D-4 Nr. 5 und 6).

 

Der Name der ursprünglichen Eigentümerin des Buches war nicht leicht zu ermitteln. In einer ersten Variante las ich den Namen "Laus" und schloß schon auf "Leist", und tatsächlich gab es eine Elisabeth Luise Leist, geboren 1901 in St. Wendel, deren Vater noch dazu Schuldiener am Progymnasium St. Wendel war. Aber bei den Abschlußarbeiten stieß ich in dem Paket, das ich seinerzeit in Ebay ersteigerte, auf den Personalausweis von Luise Bous, genannt "Lissy", geboren in Rüdesheim. Eine Überraschung erlebte ich bei Lissys Ehemann Heinrich Born, der aus Baltersweiler stammt. Über ein paar Umwege gelangte ich an ihren Schwiegersohn, Franz Ost, und dessen Schwager Heinrich Born, Lissys Sohn. Er fragte mich nach seiner Tante Lisa Geiger aus Baltersweiler, die vier Kinder hatte: Walter, Erich, Johanna und Katharina. Nun ja, Walter Geiger war   m e i n   Großvater.

 

Und so landete ich bei der Suche nach den Lebensdaten einer Frau, deren Poesiealbum ich durch Zufall in Ebay entdeckte, wieder vor meiner eigenen Haustür.   

 

Dazu paßt ein Spruch, der bestimmt in anderen Poesie-Alben zu finden ist: "Warum in der Ferne schweifen ?"

 

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