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Geschichte(n) -> 1902 Die Einweihung der St. Wendeler Synagoge

Die Einweihung der St. Wendeler Synagoge im Jahre 1902

 

Nahe- und Blies-Zeitung, Nr. 153, 27.12.1902

 

Lokales und Vermischtes

 

St. Wendel, 26. Dez.

 

Die Einweihung der neuen Synagoge fand heute Nachmittag in feierlichster Weise statt. Um ½3 Uhr hatte sich vor der alten Synagoge ein Festzug aufgestellt, in dem der Reihe nach die Festordner, die Schuljugend, die Regimentskapelle des 30. Inf.-Rgts, der Synagogenchor, die Schlüsselträgerin mit zwei Begleiterinnen, weißgekleidete Mädchen, der Vorstand der Gemeinde, die Thorarollen, getragen von den ältesten Gemeindemitgliedern, der Rabbiner Lewit aus Birkenfeld, Obercantor Fuchs aus Luxemburg, Cantor Fuchs, die Ehrengäste, unter denen wir die Herren Landrat Dr. Momm, Bürgermeister Friedrich, Pfarrer Back, Direktor Dr. Baar u.a. bemerkten, die Baukommission, Bauunternehmer und Architekt und schließlich die Gemeinderats-mitglieder folgten. Der Zug bewegte sich unter den Klängen eines Chorals bis an den Bahnübergang in der Kelsweilerstraße und dann zurück nach dem neuen Gotteshause. Hier angekommen überreichte die kleine Schülerin Emma Rothschild mit hübsch gewählten Worten dem Rabbiner den Schlüssel; dieser warf einen Rückblick auf die vergangenen Jahre, in denen in der jüdischen Gemeinde immer mehr der Wunsch nach dem Besitze eines eigenen Gotteshauses laut geworden sei. Dieser Wunsch ist heute erfüllt und er übergebe mit Freuden dem Vorstand der Gemeinde den Schlüssel, um nunmehr Besitz zu ergreifen von dem Gotteshause. Herr Moritz Rothschild übernahm den Schlüssel, dankte allen Feststeilnehmern für ihr zahlreiches Erscheinen, insbesondere den Behörden, und überreichte den Schlüssel Herrn Bürgermeister Friedrich, indem er die Synagoge in den Schutz der Stadt stellte. Letzterer versprach dem neuen Gotteshause den Schutz der Stadt und drückte der Gemeinde seine besten Wünsche aus. Hierauf eröffnete er die Pforte der Synagoge, die aufs schönste geschmückt und feierlich erleuchtet war. Nachdem der Rabbiner, der Cantor, der Vorstand und die Thora-Rollenträger vor die heilige Lade getreten waren, begann die Weihe des Gotteshauses durch ein Präludium, dem ein Begrüßungsgesang des Synagogenchores und ein dreimaliger Umzug mit den Thorarollen unter Chorgesang folgte. Hierauf sang der Obercantor Fuchs aus Luxemburg die Verkündigung des Bekenntnisses, nach welchem der Geistliche die Thorarollen in die heilige Lade einsetzte und dann die ewige Lampe anzündete, worauf die heilige Lade geschlossen wurde. Nach einem recht gut vorgetragenen Chorgesang "Ich will den Herrn loben" hielt Herr Landesrabbiner Lewit die Festpredigt, welcher die Versammelten andächtig zuhörten. Als diese beendet war, sang der Synagogenchor das herrliche Lied "Herr, deine Güte reicht soweit", der Geistliche betete für Kaiser und Vaterland und sprach dann noch ein Schlußweihegebet. Die offizielle Einweihungsfeier war damit zu Ende, und es folgte daran anschließend der Sabbatgottesdienst, dem auch die Ehrengäste anwohnten. Wir dürfen wohl sagen, daß die Feier einen außerordentlich guten Eindruck machte und wir möchten auch unsererseits der jüdischen Gemeinde unsere besten Wünsche zu dem Gelingen des gesegneten Werkes ausdrücken.

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
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