Aus der Geschichte der Stadt St. Wendel.
Komponiert von Roland Geiger und vorgetragen an der Westrichtagung 2025 in St. Wendel
Irgendwer hat mal gesagt , daß Geschichte das ist, was passiert ist, und Historie das, was wir daraus machen. Nun denn …
Der Kreis St. Wendel besteht aus fünf Gemeinden. Eine davon heißt St. Wendel und ist eine Stadt, die Kreisstadt St. Wendel. Mit Bürgermeister und Rathaus und Stadtverwaltung und allem drum und dran.
Diese Stadt besteht aus 16 Ortsteilen, alle rechtlich unselbständig. Einer der Ortsteile ist St. Wendel, die Kernstadt, neudeutsch „City“. Obwohl Stadt genannt, ist sie keine Stadt und wird wie die anderen Ortsteile von einem Ortsvorsteher vertreten.
Die Kernstadt ist Kernstadt seit 1974, seit der Gebiets- und Verwaltungsreform.
Davor war sie eine richtige Stadt. Mit Bürgermeister und Rathaus und Stadtverwaltung und allem drum und dran.
Das war sie seit 1859. Damals schlossen sich drei rechtlich selbständige Orte zu der Stadt St. Wendel zusammen. Diese drei Orte waren St. Wendel, Alsfassen und Breiten. Diese drei Orte gibt es seit damals nicht mehr.
Das läßt sich heute gut daran erkennen, daß es in Alsfassen eine Alsfassener und in Breiten eine Breitener Straße gibt, denn normalerweise gibt es in einem existierenden Ort keine nach ihm benannte Straße.
Normalerweise, weil es in der Kreisstadt St. Wendel sehr wohl eine St. Wendeler Straße gibt - sie liegt im Ortsteil Bliesen - aber ihr Name bezieht sich nicht auf die Kreisstadt, sondern den Ortsteil St. Wendel, also die Kernstadt.
Vor 1859 hatte die Stadt St. Wendel einen Bürgermeister, und einen solchen hatten die Orte Alsfassen und Breiten auch, weil sie eigenständig waren.
Das war doch bisher ganz einfach, oder? Keine Angst, das bleibt es auch.
Wir machen jetztr einen etwas größeren Hüpfer zurück in die Vergangenheit und springen in das Jahr 1600. Oder wissen Sie was – legen wir noch einen Hunderter drauf und gehen nach 1500, das gibt uns etwas mehr Spielraum.
Ich will Ihnen nämlich gerne zeigen, wie unsere Stadt damals aussah und dabei gleich noch die beiden anderen Orte vorstellen, die es damals noch gab, aber heute nicht mehr.
Bei meinen Stadtführungen male ich den Leuten anfangs immer einen Plan, wie die Kernstadt St. Wendel aus der Luft aussieht, und das mache ich jetzt bei Ihnen auch.
Wir befinden uns hier im Nordwesten der Kernstadt und zwar ziemlich genau zwischen den beiden ehemaligen Orten Alsfassen und Breiten.
Wenn Sie Alsfassen sehen wollen, nun, beginnt hier an dieser Stelle und liegt genau hinter mir.
Breiten liegt genau in der anderen Richtung, also dort im Süden.
Der Platz, an dem sie ihr Auto geparkt haben, liegt zwischen den beiden ehemaligen Ortslagen und gehört witzigerweise weder zu der einen noch zu der anderen, was auch der Grund ist, warum man 1930 die Sankt Annenkirche hierhin gebaut hat – nämlich um niemanden zu bevorzugen. Hätt nua Knaatsch genn.
Der Berg zu meiner Rechten – zu ihrer linken – , das ist der Tholeyer Berg.
Ihm gegenüber zu meiner linken – zu ihrer Rechten – liegt der Bosenberg.
Das Tal dazwischen wurde von der Blies gegraben, dabei tatkräftig unterstützt von zahlreichen kleineren Bächen – o. k., Rinnsalen passt besser.
Aber Kleinvieh macht halt eben auch Mist.
Ein etwas größerer Bach kommt von Nordosten, das ist der Todbach.
Okay, damit haben wir die Grundlagen für meinen Stadtplan zusammen
Stellen Sie sich bitte vor, Sie stünden dort oben auf dem Bosenberg und schauen auf St. Wendel hinunter. Dann ist das so, als ob Sie auf ihre eigenen Stirn stünden und schauten hinunter auf die Nasenspitze.
Dort steht auf der Nasenspitze heute das St. Wendeler Rathaus.
Ein Stückchen oberhalb davon steht die große Kirche mitten in der Stadt, das ist die katholische Kirche, die wir hier in der Stadt den Dom nennen.
Tatsächlich ist sie kein Dom, denn wir haben hier vor Ort keinen Bischof (wir haben natürlich schon einen Bischof, der sitzt in Trier, hat dort seine eigene Kirche, kommt ab und zu, geht aber auch immer wieder, auch nicht verkehrt). Der richtige Name der Kirche ist Wendalinusbasilika, aber eine Basilika ist sie auch nicht. D. h. sie ist natürlich schon eine, aber nicht wirklich. Also schon wirklich, aber das ist kompliziert. Ich empfehle Ihnen, mal zu einer Stadtführung zu kommen, das läßt sich dort viel besser erklären. Diese Stadtführungen finden jeden Freitagabend und jeden Samstagmorgen statt und werden durchgeführt von mir und meiner Kollegin Anneliese Schumacher, die hier vorne in ihren Reihen sitzt.
Auf meinem Plan geht rechts die Nase runter die Luisenstraße
und links kommt die Schlossstraße die Nase herauf.
Die Schlossstraße hat einen tollen Namen, vor allem wenn man bedenkt, daß wir noch nie ein Schloß hatten. Wir hatten aber mal eine Burg, die stand dort, wo auf meinem Plan das linke Nasenloch ist.
Warum die Schlossstraße Schlossstraße heißt? Na, weil sich Schlossstraße viel besser anhört als Burggasse. Da muß man schon mal 5 grad sein lassen, darin sind wir Saarländer doch Weltklasse, nicht wahr?
Okay, zurück zu den Bächen und ins Jahr 1500.
Wir bleiben bei dem Stadtplan, stehen also immer noch am Bosenberg, schauen ins Tal hinunter auf die Blies und dahinter den Tholeyerberg im Westen.
Von links aus dem Sportzentrum herunter kommt ein kleiner Bach, das ist der Bosenbach.
Von rechts her kommt der schon genannte Todbach, passiert den Ort Urweiler und biegt unterhalb der Nase nach links ab (im Original ist links =Süden), um sich irgendwann irgendwo mit dem Bosenbach zu vereinen. Unter dem linken Nasenloch bildet er den unteren Burggraben.
Heutzutage fließt der Todbach statt abzubiegen geradeaus weiter und trifft
nahe der Tankstelle in der Mommstraße auf die Blies. Das tut er, weil man ihn nach 1700 und dann nochmal 1809 dazu gezwungen hat.
Um 1500 gibt es hier in der Kante noch 2 weitere Orte, an die heute nur noch ein Flurname bzw. eine Straße erinnern.
Breiten hab ich Ihnen schon gezeigt, das liegt hier vorne am Hang des Tholeyerberges rechts (also westlich) der Blies.
Ein paar 100 Meter südlich von Breiten liegt heute der Bahnhof - auch rechts der Blies.
Und vor dem Bahnhof – zwischen der Blies und der Mommstraße, der heutigen Bahnhof – und der heutigen Brühlstraße – lag der Ort Niederweiler. Niederweiler hieß der Ort, weil er von St. Wendel aus gesehen unterhalb am Bach lag; das Pendant dazu war Oberweiler, das heutige Urweiler, von St. Wendel aus oberhalb am Bach gelegen – wenn auch putzigerweise nicht am selben Bach. Kleinigkeiten.
Als die Franzosen am 2. Februar 1677 in St. Wendel eine Art Dorfverschönerungsmaßnahme durchführten - sie brannten die Stadt nieder und ließen die Reste danach durch die St. Wendeler Bürger schleifen - brannte neben unserem Haus in Alsfassen auch Niederweiler und wurde nie wieder aufgebaut.
Der andere Ort, der noch fehlt, ist Kelsweiler, dessen Ortslage durch die heutige Kelsweilerstraße nicht wirklich definiert werden kann. Ich vermute, daß Kelsweiler unmittelbar nördlich der Stadt vor dem unteren Tor lag und spätestens bei der Stadterweiterung nach 1677 - damals kam das untere Tor aus der mittleren Luisenstraße an deren Ende - in die Stadt aufgenommen wurde. Das kann ich leider nicht belegen.
Alle vier Orte - Alsfassen, Breiten, Niederweiler und Kelsweiler - sind älter als der Ort, der sich St. Wendel nennt.
Die Weiler-Orte entstanden im 7. oder 8. Jahrhundert. In dem, was heute Alsfassen ist, stand schon im 3. Jahrhundert eine römische Villa, in deren Ruinen im 10. Jahrhundert Beerdigungen stattfanden (die Datierung hab ich selbst bezahlt). Breiten taucht 1211 in einer Urkunde auf, der Name Alsfassen erst 1304.
Der Name St. Wendel geht auf den Heiligen zurück, der hier verehrt wird und wurde.
Wer das war, wissen wir nicht.
Wie lange er da liegt, wissen wir nicht.
Stellt sich die Frage: Ja, was wisst ihr denn überhaupt?
Eine sehr gute Frage. Was wissen wir?
In der Kirche vorne im Altar ist ein Grab,
und in dem Grab steht ein Sarg,
und in dem Sarg liegt ein Skelett.
Von der Person, die das einmal war, wissen wir drei Dinge:
er war männlich,
er war 1,70 Meter groß,
und er ist tot.
Aber das ist nur die Hälfte der Miete.
Denn in der Kirche in dem Altar in dem Grab in dem Sarg
liegt eine Reliquie
und das ist der heilige Wendelin, und das ist unbestritten.
Stellt sich die Frage:
Wie wird aus den Knochen eine Reliquie? Was braucht man dazu?
Eine schöne Geschichte, nennt sich Legende;
die muß ein Wunder enthalten, eine Heiligenlegende!
Und das ganze muß jemand glauben.
Denn nur mit dem Glauben wird aus den Knochen eine Reliquie.
Einmal im Jahr wird das Grab geöffnet und der Sarg herausgenommen.
Und alle 10 bis 15 Jahre – das letzte Mal 2017 – wird der Sarg geöffnet – da steht ein Glassarg drin, damit da nichts wegkommt.
Und wenn sie dort vorbeigelaufen und schauen rein und glauben, daß es Wendelinus ist, dann sehen Sie die Reliquie.
Das funktioniert natürlich nur, wenn man katholisch ist.
Und selbst das ist keine Garantie.
Wie alt das Skelett ist, wissen wir nicht.
Man könnte es datieren lassen, aber was haben wir dann?
Die Reliquie ist ein Produkt des Glaubens.
Nun, glauben heißt, von etwas überzeugt zu sein - ohne Beweis und trotz Gegenbeweis. Wozu also die Datierung?
Also bleiben uns nur die Legenden. Von denen gibt es heute sieben, eine auf der anderen aufbauend, eine großartiger als die andere, die letzte verfaßt 1704.
Eine Legende von einem Königssohn aus Schottland,
der sein Vaterhaus verließ, um Eremit zu werden.
Der nach Rom reiste und den Papst um Rat bat.
Der bei einem Edelmann in Trier als Schafhirt diente
und später Abt in einem Kloster bei Tholey wurde.
Der in Tholey starb, aber in St. Wendel beerdigt liegt,
weil Gott an ihm ein Wunder vollbrachte,
in dem er sein Grab posthum bestimmte.
Eine einfache Legende, die heute banal klingt,
aber über die Jahrhunderte die Menschen inspirierte.
Die Legende brachte Menschen und ihre Wünsche an diesen Ort.
Viele kamen nur zu Besuch, aber einige sind geblieben, um hier ihr Glück zu finden.
Aus dem Grab wurde eine Kirche, um die sich Häuser ansammelten,
aus denen eine Siedlung wurde.
Je stärker die Wallfahrt zum Grab wurde, desto stärker wuchs auch die Stadt.
Die Kirche wird 1180 erstmalig genannt. In dem Jahr wird in Kaiserslautern eine Schenkung des Grafen Ludwig des Älteren von Saarwerden an das Kloster Werschweiler beurkundet.
Als Zeugen treten „Lambertus et Cono presbiteri de S. Wendelino“ = „Lambert und Cuno, Priester von S. Wendelin“ auf.
Sonst steht da nichts über St. Wendel.
S. Wendelin, das ist 1180 nur die Kirche, von einem Ort erfahren wir nichts.
Im Jahre 1291 – 110 Jahre später - werden in einer Urkunde die Kirche St. Wendelin, ein Friedhof und ein Dorf genannt.
Dieses Dorf erwirbt 1328 Erzbischof Balduin von Trier für das Kurfürstentum Trier. Wie gesagt: das Dorf, nicht die Kirche. Die gehört zum Bistum Metz, und da bleibt sie auch noch bis noch eine ganze Zeitlang.
Im Jahre 1500 sind die Zugehörigkeitsverhältnisse in St. Wendel ziemlich klar:
Weltlicher Herr ist der Kurfürst von Trier.
Geistlicher Herr ist der Erzbischof von Trier.
Kurfürstentum und Erzbistum sind nicht wirklich deckungsgleich, aber doch pi-mal-daumen.
Und da der Kurfürst und der Erzbischof eine Person sind, hat die Reformation in St. Wendel keine Chance.
In unserer Stadtordnung im 17. Jahrhundert heißt es klar und deutlich, daß sich in St. Wendel nur niederlassen darf, wer rechten Glaubens ist.
Sprich: katholisch.
Das betrifft in erster Linie die Protestanten, weniger die Juden.
1358 erlaubt der Trierer Erzbischof einem jüdischen Kaufmann namens Jakob, mit Ehefrau und Hausgesinde auf drei Jahre zu St. Wendel oder anderswo in den erzstiftischen Landen zu wohnen. Natürlich nicht umsonst – für das Privileg muß Jakob 40 Gulden bezahlen. Umsonst ist der Tod …
1419 vertreibt Kurfürst Otto von Ziegenhain die Juden aus dem Kurfürstentum Trier - weniger klassisch aus antisemitischen Gründen, sondern um seine Schulden bei ihnen loszuwerden. So was hat früher funktioniert.
Allerdings lassen sich danach immer wieder jüdische Händler im Bistum Trier und im Amt St. Wendel nieder, werden geduldet oder auch immer wieder mal rausgeworfen.
Die ersten Juden, die sich ganz offiziell und ohne Einschränkungen wieder hier ansiedeln, sind Kaufleute, die den Anschluß St. Wendel an die Eisenbahnstrecke von der Saar die Nahe entlang an den Rhein für ihre Geschäfte nutzen. Das war 1862.
Die Protestanten bleiben per se draußen - bis zum Toleranzedikt von 1784. Dieses besagt, daß ab sofort auch Protestanten sich hier niederlassen dürfen, sofern sie ein Gewerbe betreiben und solange dieses Gewerbe einen Profit abwirft. Tja , und wenn sie bankrott gehen, fliegen sie wieder raus. Evangelische Geistliche dürfen ihre Amtshandlungen vornehmen und dabei ihre geistliche Kleidung tragen, aber wenn sie damit auf der Straße erwischt werden - und Tschüss. Hat mit Toleranz auch nicht viel zu tun.
10 Jahre später kommen im Zuge ihrer Revolution die Franzosen, die selber in der Regel katholisch sind, wenn sie das auch nicht davon abhält, sich an den Gütern von Gottes Bodenpersonal gütlich zu tun – nun ja, so eine Revolution und die ganzen Kriege kosten halt eben Geld.
Mit der französischen Revolution kurz vor 1800 endet die Herrschaft des Trierer Kurfürsten, und seitdem hat St. Wendel etliche Male den Herrscher gewechselt.
Wir gehörten zum Kurfürstentum Trier seit 1328.
1680 kamen die Franzosen zum ersten Mal für längere Zeit, das war bei der Reunion, gegen 1700 waren sie wieder verschwunden, nun ja, mehr oder minder
1794 wurden wir von französischen Revolutionstruppen besetzt
1803 wurden wir annektiert und waren damit de facto und de jure Franzosen.
1814 zogen die Franzosen wieder ab, und hier herrschten ein Jahr lang u.a. die Preußen.
1816 wurde die Stadt Privateigentum des Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg und Gotha.
[Eben sprach ich mit dem Landrat nach vorne auf der Treppe und drückte ihm mit großen Augen mein Unverständnis aus, wie er sich als „Marbinger Mohrde“ einen Coburger nennen konnte.]
1834 vertickte uns der gute Herzog an Preußen - was waren wir froh, daß wir ihn los waren – und ihm ging es vermutlich genauso.
1919 nach dem 1. Weltkrieg gab es kein Preußen mehr, und wir gehörten zum Saargebiet unter Verwaltung des Völkerbunds.
1935 nach der ersten Saarabstimmung kamen wir ins tausendjährige Dritte Reich, das gottlob nach 10 Jahre zu existieren aufhörte.
Im März 1945 wurden wir von amerikanischen Truppen unter General George Patton besetzt, die vier Monate blieben (Patton nicht, der blieb nur der halbe Stunde)
Im Juli 1945 kamen mal wieder die Franzosen, und wir gehörten zur französischen Besatzungszone.
1947 gehörten wir dann ins Saargebiet, das war ein mehr oder minder unabhängiger Staat.
Nicht durch die zweite Saarabstimmung 1955, sondern durch Verhandlungen am grünen Tisch danach wurden aus dem bisherigen Saargebiet und ein paar angrenzenden Gebieten das neue deutsche Bundesland Saarland. Wenn man bedenkt, daß die Bundesrepublik Deutschland die DDR nie anerkannte und somit die sogenannten neuen Bundesländer eigentlich gar keine neuen Bundesländer sind, weil sie immer Deutschland waren, dann ist das Saarland das bisher einzige neue Bundesland. Nun ja.
Dort sind wir jetzt: oben im Nordosten im Kreis St. Wendel
in der Kreisstadt St. Wendel
in der Kernstadt St. Wendel
am südlichen Rand des Vorortes Alsfassen,
da, wo wir angefangen haben.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.