Schriftzug
Carl Nikolaus Riotte -> 1868 Briefe an Friedrich Hassaurek -> 09.04.1868 Washington, DC

Washington, d.C., d. 9. April 1868.

 

Lieber Herr Hasaurek.

 

Als ich gestern eben meine Korrespondenz zur Post gegeben, erhielt ich Ihr Schreiben vom 6. d.M. u. Hn Danzers Expektoration; letztere war mir umso unerwarteter als mir nicht bekannt war, daß mein Artikel über den bewussten Staatsvertrag von Ihnen veröffentlicht worden war, und ich nach Ihrem Briefe gerade das Entgegengesetzte glaubte annehmen zu müssen. Gestatten Sie mir Ihr letztes Schreiben seriatim durchzugehen. Ich weiß, daß die große Masse der Deutschen, wie die jedes anderen Volkes auch des amerikanischen, ungebildet ist: Deutsche, die das uebelhafte Biersaufen zum Kultus erheben, sind mir unerträglich, mögen sie sonst Anspruch auf Bildung haben oder nicht; daß auch unsere gebildeten Deutschen als Regel ihr Wissen (oft aus ihrer Schul - und Universitätenbesuch) zur Grundlage ganz ungerechtfertigter Selbstüberschätzung machen, gebe ich zu, ich habe diese stets bekämpft und mit solcher Entschiedenheit, daß ich oft den Vorwurf eines Apostaten hören musste. Das kann mich aber nicht bestimmen eine gleich engherzige Selbstüberhebung bei Amerikanern ruhig hinzunehmen oder gar (Seite 2) als eine Schmeichelei verdenken. Ich frage Sie nochmals: Würde Agate es gewagt haben so von irgend einem Amerikaner zu sprechen? Was Sie über den politischen Parteistandpunkt der Mehrzahl der Deutschen in den V.St. sagen, war mir nicht neu, und insofern wenigstens, wenn überhaupt, gehöre ich so wenig zu den Radicalissimi, wie Rapp oder Douai. Ein vieljähriges und gewissenhaftes Suchen nach den Gründen diese Erscheinung hat mich reichlich belohnt. Ich halte Ihre Kampfesweise für die richtige, habe sie stets dem großen Publikum gegenüber und noch jüngst in meinen Stumpreden befolgt. Heinzen schreibt für ein ausgewähltes Publikum, und für dieses muss er gerade so schreiben, wie er es thut. Sint ut sunt, aut non sunt.

 

Ad vocem: Stanton. Sie geben selbst zu, daß Stanton's Rolle auf die Rathlosigkeit Anderer berechnet ist; gerade so weit geht, was Sie meine „Bewunderung“ nennen; er hat es eben nicht nöthig eine andere Rolle zu spielen; ich lasse mich nicht darauf ein zu untersuchen, ob er eine andere, größere, spielen könne. Ich konstatiere die Thatsche, und, da ich für ein republikanisches Parteiblatt schreibe, konstatire ich sie im Jnteresse dieser Partei und ihrer Massen. Als ich in den Dienst Ihres Blattes trat, war ich mir bewusst die Verpflichtung übernommen zu haben seine Interessen und die der Partei, (Seite 3) der es angehört, zu fördern und, in dieser Verpflichtung, manchen meiner Ansichten und Ueberzeugungen Schweigen aufzulegen. In diesem Geiste habe ich meine Korrespondenzen zu halten gesucht. Dies führt mich zu der mir zurückgeschickten Korrespondenz vom 29. v.M. und Ihren darüber gemachten Bemerkungen. Ich schicke voraus, daß Sie versichert sein können, daß eine Kritik, wie die von Ihnen geübte, mich nie kränkt. Niemand kann mehr von der relativen Bedeutungslosigkeit meiner schriftstellerischen Produktionen überzeugt sein, als ich selbst; und ich kann mich in der That keiner derselben erinnern, mit der ich nach Anlegung der kritischen Feile zufrieden gewesen. Allein unglücklicher Weise finde ich mich nicht in der Lage Horazens gute Rathschläge in seiner Ars poetica befolgen zu können, denn ich schreibe nicht als Villen-Poet von Insentur, sondern als Lohnschreiber mit einem Washingtoner boardinghouse. Ich habe Sie auch bereits versichert, daß ich Ihre gute Absicht: "to break me in" verstehe, sie dankbar anerkenne und nur bedaure daß Sie ihn mir einen so hard case finden, der Ihnen so viele Last macht. Ihre Bemerkung, daß Sie fürchten, ich würde selbst meine jetzigen günstigen Chancen nicht genügend auszubeuten wissen, hat viel Wahres. Ich besitze zu wenig Wissen zum Gelehrten, und zu wenig Schweigsamkeit zum Welt (seite) mann. Meiner Erziehung getreu, bin ich ein gewissenhafter, etwas pedantischer Büreaukrat, und hätte in Preußen bleiben sollen, wo eine glänzende Zukunft vor mir lag. Zu meinem Unglücke hatte mich ein leidenschaftliches Studium der klassischen Griechen und Römer, verbunden mit einem schon in der Kindheit ernstern grübelnden, streng sittlichen Karakter, zum Republikaner gemacht.

 

Wenn ich Ihre Bemerkungen über die auf den Catalogen gesetzte Korrespondenz richtig auffaße, so komme ich zu dem Schluße, daß wir über das Wesen solcher Korrespondenz wesentlich differiren. Sie scheinen an dieselben die ernste Anforderung der die objektivste Wahrheit erstrebenden Geschichtsforschung zu stellen. Ich gebe ihnen die Aufgabe: ein möglichst getreues und lebendiges Bild der stets wechselnden Phasen im Kaleidoskop des täglichen Lebens zu liefern. Die tiefere Untersuchung, weßhalb die kon- u. die divergirenden Reflexe der Prismen gerade solche Effekte und keine anderen erzeugen müssen, mit anderen Worten, die Frage nach der Wahrheit und den Motiven jener Erscheinungen scheint mir außerhalb des Bereiches meiner jetzigen Aufgabe zu liegen. Ich soll nicht Historienmaler sein, sondern Skizzen hinwerfen. Von diesem Standpunkte betrachtet, kann ich die bewußte Korrespondenz nicht für so ganz werthlos halten. Mit Ihnen auf die einzelnen Punkte derselben übergehen scheint mir zunächst gegen Fremont, ohne es mit so viel Worten zu sagen, der point ausgemacht zu sein, daß er ein gewissenloser, frecher Schwindler ist, dem jedes Mittel recht. Während die Welt weiß, daß er weder Kredit noch Mittel zum Betrage von 5 cts hat, übernimmt er Eisenbahnkontrakte zum Betrage von 100 von Mill., verspricht die Garantie der V. St. zu Anleihen von 50 Mill., sucht eine von den V.St. anerkannte Regierung umzustoßen, kompromittirt den Namen bekannter Staatsmänner und All dieses in Verbindung mit dem Abschaum von Wallstr. Was er mit den beschmutzten Exemplaren, worauf er gar kein Recht hatte, und die upon their fall nur zu Schwindeleien (Seite 5) benutzt werden konnnten, gethan, wird Fremont wohl ebensowenig sagen, als er auf die gegen ihnen erhobene und beschworne Anklage geantwortet hat; aber Jedermann kennt ihn und seine Genossen genügend um zu wissen, daß er versucht haben wird sie zu benutzen. Fälscher und Falschmünzer pflegen nicht dem Publikum mitzutheilen wie, wann und wo sie ihre falschen Dokumente zu benutzen gedenken. Sie werden schon einen Unerfahrenen finden. Die Beschuldigungen wegen des Alaska-Handels habe ich nicht erfunden. Sie zirkulirt hier in den Kreisen des Kongresses, und hat ihren Weg in das ganze Publikum gefunden. In diesem Lichte habe ich sie dargestellt und ausdrücklich als meine Privatmeinung ausgesprochen, da mir der Sachverhalt dunkel erschien. Als Aufklärung des Publikums über die Zögerung u. Weigerung des Hauskomittees die Sache in Berathung zu nehmen, schien mir das Gerücht von hoher Bedeutung.

 

Wenn ich, wie oben gesagt, die Bierbummelei von ganzer Seele haße, so haße ich nicht weniger die Temperanzelei und Sonntagsmuckerei, deren Champion zu sein Wilson sich sogar brüstet, ohne durch das Benehmen seines großen Gelehrten, Yates, sich feiren zu lassen. Die Bierwirthanmaßung zu bekämpfen wird es Zeit sein, wenn sie eine Partei bilden und als solche Einfluß auf (Seite 6) die Gesetzgebung zu gewinnen suchen, wie sie es in N. York gethan, wo ich Ihnen mit meinen geringen Kräften entgegengetreten bin. In Betreff Seymours haben die jüngsten Aufklärungen bewiesen, daß Sie Recht hatten. Unsere Kinder und Enkel werden den Vorzug genießen uns viele Irrthümer nachweisen zu können, ohne deßhalb im Stande zu sein, sich besser als wir vor gleicher zu bewahren!

 

Wade wünschte eine Uebersetzung der p. Korrespondenz; ich habe sie gemacht und auch die Ihres Editorials über den Punkt.

 

Ich habe nichts dagegen einzuwenden, daß Sie meinen Namen unter meine Korrespondenz drucken.

 

Ich bin noch nicht dazu gekommen, Ihr Werk zu lesen. Ich würde es gerne mit nach Hause nehmen, um es zur Hand zu nehmen, wenn ich einen Augenblick Muße finde.

 

Mit freundschaftlichen Gruße Ihr

 

C.N. Riotte

 

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Courtesy of Tutti Jackson, Research Services, Ohio Historical Society, 800 E. 17th Ave. Columbus, Ohio 43211; here: Hassaurek Papers, MSS 113, box 1, folder 5

 

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Erläuterungen fett markierter Wörter:

 

Apostat = eine Person, die sich von einer Religion durch einen förmlichen Akt abwendet (beispielsweise Kirchenaustritt oder Übertritt zu einem anderen Bekenntnis, Konversion). Quelle: wikipedia (Hinw. v. Elmar Peiffer, St. Wendel). Zusammenhang?

 

Carl Daniel Adolph Douai (* 22. Februar 1819 in Altenburg, Herzogtum Sachsen-Altenburg; † 21. Januar 1888 in Brooklyn, New York City, USA) war ein deutsch-amerikanischer Journalist, Autor, Zeitungsverleger, Sozialreformer (Marxist) und Pädagoge, einer der ersten Gründer eines Kindergartens in den USA.

 

Expektoration = das Sichaussprechen, Erklärung (von Gefühlen)

 

John Charles Frémont or Fremont (1813–1890). 1864 gegen Abraham Lincoln als Gegenkandidat aufgestellt, musste aber zurücktreten. F. war bei verschiedenen Eisenbahngesellschaften zur Pazifikküste beteiligt, später von betrogenen französischen Aktionären verklagt und vom Pariser Tribunal in Abwesenheit wegen Escroquerie (Betrug) verurteilt. Quelle: wikipedia.

 

Edwin McMasters Stanton (1815-1869) war ein US-amerikanischer Politiker. Im Sezessionskrieg war er Lincolns Kriegsminister. Seine Entlassung durch Lincolns Nachfolger Andrew Johnson 1868 resultierte im knappsten Impeachment der US-Geschichte, Johnson konnte sich nur mit größter Mühe im Amt halten. Quelle: wikipedia.

 

Karl Peter Heinzen (1809-1880) war deutsch-amerik. Schriftsteller und Publizist. Quelle: wikipedia

 

Sint ut sunt aut non sint“ (Sie seien wie sie sind oder sie seien nicht) ist ein Satz, der dem Historiker Lorenzo Ricci zugesprochen wird. (Hinw. v. Anneliese Schumacher, Oberthal).

 

Wilhelm Georg Rapp (1827–1907), politischer Flüchtling, Schriftsteller, Journalist, Publizist. (Hinw. Priscilla A. Hayden-Roy, USA).

 

seriatim = der Reihe nach

 

Sonntagsmuckerei: „Mucker“ sind extrem bigotte Pietisten (Hinw. v. Dr. Michael Franz, Schiffweiler)

 

Stumpreden = politische Reden, die vor einem Publikum gehalten werden (damals auf einem Baumstumpf), besonders im Zusammenhang mit Wahlkämpfen, aber auch sonst (Hinw. Priscilla A. Hayden, USA).

 

Temperanzelei = das Befürworten einer Mäßigkeits- oder Enthaltsamkeitsbewegung

 

V.St. = Vereinigte Staaten (von Amerika)

 

Benjamin Franklin "Bluff" Wade (* 27. Oktober 1800 in Springfield, Massachusetts; † 2. März 1878 in Jefferson, Ohio) war ein US-amerikanischer Politiker der United States Whig Party und der Republikanischen Partei. Von 1851 bis 1869 saß er für den Bundesstaat Ohio im US-Senat. Dessen Präsident pro tempore war er von 1867 bis 1869. Quelle: wikipedia.

 

Henry Wilson (1812-1875; eigentlich Jeremiah Jones Colbath) war ein US-amerikanischer Politiker und von 1873 bis zu seinem Tode Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Quelle: wikipedia.

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