Schriftzug
Carl Nikolaus Riotte -> 1868 Briefe an Friedrich Hassaurek -> 09.03.1868 Washington, DC

Washington, d.C. d 9 März 1868

 

Freund Hassaurek.

    Ihre werthen zwei Briefe vom 24. und 26. v.M. habe ich erst vorgestern, durch die Postliste aufmerksam gemacht, abgeholt. Lassen Sie mich Ihnen zuerst meinen besten Dank aussprechen für die freundschaftliche Theilnahme an mir, welche die Briefe durchweht. Wenn man seinen Lebensweg so mühsam sich zu bahnen hat wie es mir zur Bestimmung geworden, dann ist uneigennützig entgegengebrachtes Interesse besonders werthvoll! - Als ich die Mittheilungen an Sie schrieb entgieng es mir nicht, daß sie wahrscheinlich durch die von Ihnen hervorgehobenen Umstände fast werthlos gemacht wurden. Allein ich gieng dazu über, weil ich annahm, das manches, von mir persönlich beobachtete Detail nicht ohne Interesse sein dürfte, wenn auch bei den gegenwärtigen Fortschritte unserer Kommunikationsmittel Wiederholungen nicht zu vermeiden wären, wie sie auch die großen N. Yorker Zeitungen täglich aufweisen.

    Ihr freundlicher Wunsch, aus mir einen Korrespondenten, wie der mir wohlbekannte Mack zu machen, ist ein hoffnungsloser, denn einmal hat der Mann Konnexionen, die zu erwerben mir unmöglich, u. dann können wir Deutsche überhaupt nicht so schreiben, wie die Amerikaner. Diese Schreibart ist das Ergebniß ihrer Erziehung, die mit großer Gewandtheit die einzelnen schnell wechselnden Phasen im Kaleidoskop des täglichen Lebens auffaßt, und in der anmuthigsten Form, welche nachzuahmen selbst unsere Sprache nicht gestattet, wiedergiebt. Unsere Erziehung, unsere Bildung, ja unser Nationalkarakter macht uns kontemplativ u. schlüßeziehend. Wir übersehen jene Phasen nicht, allein wir wissen ihnen nur Werth zu geben als Theile von u. mit dem Herzen. Wenn ich mir so die Fähigkeit absprechen muß Ihren, selbst nachsichtig gestellten Anforderungen zu entsprechen, so hält mich noch ein anderer materieller Grund davon ab Ihr gütiges Anerbieten zu acceptiren. Ich muss nämlich nach Ihren Mittheilungen annehmen, daß wir in unseren politischen Anschauungen nicht unerheblich divergiren. Ich achte die Ihrigen, die, bei einem Manne wie Sie, jedenfalls mir das Ergebnis vielseitiger u. tiefer Prüfung sowie scharfen u. objektiven Beurtheilens sein können, allein ich glaube dasselbe von den meinigen sagen zu dürfen, u. ich weiß, daß ich absolut außer Stande bin anders zu sprechen oder zu schreiben als meine innerste Ueberzeugung. Die republikanische Partei u. ihre Politik reicht nicht an meine Ideale, aber sie ist die relativ beste; ich bin ihr Mitglied, mit der gewiß zulässigen reservatio mentalis [ein gedanklicher Vorbehalt] nach meinen Kräften zu ihrer Besserung zu arbeiten.

    Sie wünschen Näheres über mich zu wissen. Durch einen mir bis jetzt unbekannten McCracken denunzirt, wurde ich unter den schmeichelhaftesten Belobungen vor einem Jahre durch Johnson zurückgerufen, u. habe mich seitdem, leider ohne Erfolg, bemüht mir wieder eine Beschäftigung oder Stellung zu verschaffen, ohne mich jedoch an die Administration zuwenden, deren Beamter ich nicht sein konnte. Der Umstand, daß ich während meines Aufenthaltes in K. Rika, bei totalem Mangel an Schulen, fünf Kinder in Deutschland, der Schweiz u. den V.St. erziehen lassen mußte machte es mir, bei der Theurung des Lebens in San José nur möglich einige Tausend Dollars zu ersparen, welche mein einjährige Aufenthalt in den Nordstaaten mit meiner starken Familie aufgezehrt hat.

    Mein Vermögen in Texas ist durch u. während der Sezession durch Freund u. Feind u. durch einen wahrhaft raffinirtes Zusammentreffen von Zufälligkeiten bis auf weniges unverkäufliches Land alle geworden. Seit etwa drei Monaten bin ich hier, meine Familie lebt in Hoboken, u. bemühe mich um irgend einen redlichen Verdienst, wenn auch in untergeordneter Stellung. Allein es will nicht gehen; einem Ex Minister will Niemand eine geringe Stellung zumuthen, u. die hohen sind für andere Leute. In die Gartenlaube schreibe ich nicht aus Wahl, denn meine Befehigung dazu ist mir mindestens zweifelhaft, sondern ich brauche mich nicht zu schämen es zu sagen, - aus Noth. Es ist ein elender Verdienst, allein es ist doch einer. Ich habe gethan was ich thun konnte, u. muß u bin bereit das Schlimmste abzuwarten. Mein größter Kummer ist, daß ich drei meiner Kinder habe jetzt aus den Anstalten zurücknehmen müssen, in denen sie sich befanden.

    Ich wußte nicht, daß Sie ein Buch über Ihren Aufenthalt in Span.=Amerika geschrieben haben, ich will mich bemühen mir es zu verschaffen, da es mich außerordentlich interessiren wird zu erfahren in wie weit unsere Beobachtungen u. Schlüsse übereinstimmen.

 

Mit freundschaftlichem Gruße

Ihr ergebenster C.N. Riotte, (Care of Henry Ulke, Washington, Pensyl(vania) Av(enue) 278)

 

……………………….

 

Courtesy of Tutti Jackson, Research Services, Ohio Historical Society, 800 E. 17th Ave. Columbus, Ohio 43211; here: Hassaurek Papers, MSS 113, box 1, folder 5

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