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Carl Nikolaus Riotte -> Carl Nikolaus Riotte in Texas -> 1860-1862 Der Riotte’sche Erbstreit

 

Die Eheleute Johann Nicolas Riotte und Anna Maria Josefina Cetto haben sich 1801 ohne Ehevertrag in St. Wendel verheiratet. Alle fünf Kinder aus dieser Ehe wurden in St. Wendel geboren:

 

1. Maria Elisabeth Riotte                       * 05.10.1802

2. Karl Josef Riotte                              * 08.09.1804  + 15.07.1812

3. Wilhelmina Regina Riotte                    * 06.04.1806

4. Ferdinand Georg Riotte                     * 23.01.1812

5. Carl Nikolaus Riotte                          * 27.01.1814

 

Der Vater starb am 10.09.1845 im Alter von 76 Jahren. Am 11. April 1850 verkaufte seine Witwe Maria einen Teil eines Gartens am Schießberg an den Kaufmann Carl Mall, der den Betrag von 712 Thaler 15 Silbergroschen bar bezahlte. Den Erlös überwies sie an ihren Sohn Carl Nicolas Riotte und ihre Tochter Wilhelmine Regina Riotte. Für diesen Rechtsakt existiert kein Notariatsvertrag.

 

Einen Tag später ließ sie in einem Namen und denen ihrer vier Kinder sechs weitere Grundstücke auf St. Wendeler Bann öffentlich versteigern. Ihre Tochter Wilhelmina Regina war zur Abgabe ihrer eigenen Willenserklärung von ihrem Ehemann Karl Wilhelm Juch eigens dazu bevollmächtigt worden. Sie war dazu eigens nach St. Wendel gereist und konnte die schriftliche Vollmacht vorlegen. Carl N. Riotte hielt sich zu dem Zeitpunkt schon in Amerika auf („Neu-Braunfels“), ihn vertrat sein Bevollmächtigter Johann Jakob Ackermann, Notar zu St. Wendel.

 

Versteigert wurden:

1. Flur 12 Nr. 167, Ackerland auf der hintersten Berzwies, an Anton Kirsch, Kaufmann in St. Wendel, Übergang bereits im Herbst letzten Jahres, Preis 71 Thaler

2. Flur 12 Nr. 122, 123, 124, 125, theils Acker, theils Wiese, am vordersten Berzberg an Georg Bicking, Gerichtsschreiber in St. Wendel, für 610 Thaler

3. Aus Flur 11 Nr. 51 ein Drittel der Wiese im Brühl an Nicolaus Tholey, Metzger in St. Wendel, für 380 Thaler

4. Aus Flur 11 Nr. 51 das mittlere Drittel an Nikolaus Kockler, Gerber in St. Wendel, für 341 Thaler

5. Aus Flur 11 Nr. 51 das letzte Drittel an Nikolaus Cetto, Posthalter in St. Wendel, für 331 Thaler

6. Aus Nr. 1006 des alten Lagerbuchs, Garten am Heiligenhäuschen, an Nikolaus Arimond, Königlicher Kreisfeldwebel in St. Wendel, für 94 Thaler.

 

Insgesamt ergab sich ein Erlös von 1.855 Thalern; die Beträge wurde nicht bar bezahlt, die Veräußerung erfolgt auf Ziel - zahlbar in jeweils fünf Raten im Jahresrythmus[1].

 

Weitere zwei Tage später schenkte die Mutter ihren Kindern ihr ganzes Vermögen, hielt sich aber den lebenslangen Nießbrauch der Sachen vor:

 

I. ihren ideellen Anteil = die Hälfte

1. der zwei nebeneinander am Kirchenplatz in St. Wendel gelegenen Wohnhäuser nebst Stallungen und Hofraum

2. eines Gartens am Schießberg nebst Vorplatz, ca 30 Ruthen

II. ihr sämtliches gegenwärtiges Vermögen (siehe unten)

III. ihren Anteil = die Hälfte des Erlöses aus der Immobilienversteigerung vom 12.03.1850

 

Liste des Vermögens am 14.04.1850

I. Mobiliar-Gegenstände

1. 30 Tischtücher und 75 Servietten                               27 Thaler 15 Silbergroschen

2. 60 Leintücher                                                          20-0

9. ein Sekretär                                                            10-0

14. 4 Spiegel, 2 kleine und 2 große                                 22-0

(gesamt 16 Positionen)                                                 330-15

 

II. Baares Geld

vom Verkauf des Gartens am Schießberg

von Carl Mall herrührend                                               700-0

 

III. Ausstände von

Michel Prein in Urweiler                                                 18-0

Heinrich Buschauer dort                                                200-0

Nikola Theobald in Gehweiler                                          80-0

Johann Gregorius in Urweiler                                          45-0

Michel Wobito in Grügelborn                                           49-0

(gesamt 41 Positionen)                                                 2311-0

 

Am 13.10.1853 starb die Mutter Anna Maria Josefina geb. Cetto. Am 28. Oktober nahm der Notar Keller ein Inventar ihres Nachlasses auf. Die Kinder verteilten den größten Teil des Mobiliars unter sich, der Rest wurde für 179 Thaler vom Notar versteigert.

 

Unterm 30.10.1854 ließen die Geschwister Riotte durch Notar Keller zwei zum Nachlaß gehörige Eigentumssitze in der katholischen Pfarrkirche zu St. Wendel versteigern, einen an Georg Nicolas Knauer für 51 Thaler, den anderen an Carl Jakob Hohl, Bierbrauer in St. Wendel, für 50 Thaler.

 

Wilhelmina Regina war seit 1827 mit dem Gymnasiallehrer Karl Wilhelm Juch verheiratet und wohnte mit diesem in Gotha. Georg Ferdinand wurde Rechtsanwalt und wohnte mit seiner Ehefrau Sophia Tosetti in Saarbrücken. Carl Nikolaus war schon 1849 nach Amerika geflüchtet und hielt sich in San Antonio in Texas aus. Die älteste Schwester Maria Elisabeth heiratete 1822 den Justizrat Johann Georg Nikolaus Knauer, dem sie zehn Kinder schenkte. Sie starb im Oktober 1855 in St. Wendel.

 

Über die Verteilung des verbleibenden Besitzes in den folgenden Jahren konnte man sich nicht gütlich einigen, und so entstand ein Streit zwischen

 

1. Wilhelmina Regina Riotte, Mutter des in Gotha verlebten Oberlehrers Carl Juch, sie ohne Gewerb in Gotha wohnhaft

2. Ferdinand Georg Riotte, Advokatsanwalt in Saarbrücken

3. Carl Nikolaus Riotte, Gutsbesitzer in St. Antonio, Texas

als Kläger. Ihr Anwalt war Ferdinand Georg Riotte.

 

gegen

1. Georg Nikolaus Knauer, Königlicher Friedensrichter und Justizrath in St. Wendel, Witwer von Maria Elisabeth Riotte (+27.10.1855)

2. Julius Knauer, Gerber und Küfer, ohne bekannten Wohn und Aufenthaltsort

3. Ferdinand Knauer, Kaufmann ohne bekannten Wohn und Aufenthaltsort

4. Rosalie Knauer und Ehemann Wilhelm Lützeler, Königlicher Hypothekenbewahrer in Geilenkirchen

5. Carolina Knauer und Ehemann Edmund Cetto, Mühlenbesitzer zu Göckelmühle

6. Emilie Knauer, großjährig

7. Maria Knauer, großjährig

8. Bertha Knauer, noch minderjährig

als Verklagte. Sie wurden nicht durch einen eigenen Anwalt vertreten.

 

Die schriftlichen Unterlagen zu dieser Klage existieren nicht mehr. Das Resultat läßt sich aber aus den Notariatsunterlagen herleiten.

 

Danach leiteten die Kläger die „Theilungsklage“ ein, d.h. sie erstritten sich das Recht, das Vermögen aufteilen und verteilen zu lassen. Darüber erging am 7. Februar 1860 ein entsprechendes Urteil.

 

Zunächst wurden am 27.09.1860 die Immobilien öffentlich versteigert[2]:

 

Das in der Stadt St. Wendel am Viehmarktplatze neben Michel Eschrich, Ludwig Riegel und Carl Cetto gelegene Wohnhaus nebst Stallung und Hofraum hinter den Wohnhaus und „Trotois“ vor den Häusern, Flur 6 Nr. 497, sowie ein Garten am Schießberg.

 

Das Wohnhaus bestand eigentlich aus zwei Wohnhäusern:

Das Gebäude mit der Hausnummer 82 enthielt im oberen Stocke sechs Fenster in der vorderen Front und war vom anderen Hause durch eine Scheidemauer in sämtlichen Stockwerken getrennt. Das Wohnhaus 84 hatte fünf Fenster im oberen Stockwerk.

Der Gesamtwert wurde auf 3500 Thaler, der Garten auf 150 Thaler geschätzt.

 

Nach umständlicher Klärung der Formalitäten schritt man zur Versteigerung:

Zuerst wurden beide Häuser gemeinsam angesetzt, der Zuschlag ging an Georg Ferdinand Riotte für 4500 Thaler. Damit erklärten sich die Versteigerer nicht einverstanden, der Betrag erschien ihnen wohl zu niedrig. Also wurden die Objekte einzeln versteigert mit dem Ergebnis, daß Georg Ferdinand Riotte zwar wiederum beide Häuser ersteigerte, aber erheblich mehr dafür bezahlte: 3010 Thaler für das untere, 2910 Thaler für das obere Haus. Der Garten für 340 Thaler an Nicola Jochem, Kaufmann in St. Wendel.

 

Der Mitverklagte Georg Nicolaus Knauer hatte seit langen Jahren eins der beiden Häuser bewohnt. Am 24.05.1845 kam zwischen ihm und seinem Schwiegervater eine Abrechnung zu Stande. Danach hatte er von dem Schwiegervater bar vorgeschossenen Geldern 500 Thaler gut, welche von diesem Tage an verzinslich waren. Außerdem hatte derselbe seit längerer Zeit die Reparaturen der Häuser besorgt, dagegen aber auch Mietgelder und nach dem Tode der Mutter auch Ausstände eingegzogen, worüber spezielle Rechnung aufzustellen war.

 

Das Teilungsverfahren zog sich deutlich in die Länge. Erst am 5. August 1861 - acht Jahre nach dem Tod der Mutter und anderthalb Jahre nach dem Urteil zu Gunsten der Klöger - traf man sich bei Notar Keller, um über diese Vermögensposten zu sprechen. Zwei Tage später beauftragte man den Notar mit der Sammlung des Materials. Keller benötigte einen guten Monat, um die Sachen zusammenzustellen. Am 20. September schließlich traf man sich zur sog. „Massebildung“, d.h. die Einzelposten wurden zu einem großen Ganzen zusammengefaßt. Die Abrechnung, bei dem jeder Partei ihre Ansprüche und gegen sie erhobenen Forderungen en detail aufgelistet werden, geht über mehrere Seiten. Ich versuche mich, auf die Positionen zu beschränken, die Carl Nikolaus Riotte betreffen:

 

Die liquide Masse betrug 13.630 Thaler 25 Silbergroschen 11 Pfennig.

 

Carl Nikolaus’ Anteil betrug 3.407-21-53 ½.

Davon abzuziehen war ein Betrag von 100 Thalern, den er im Sommer 1848 von seinen Eltern als Vorschuß auf sein Erbe erhalten hatte. Im April 1850 hatte er außerdem 407 Thaler als Vorschuß auf den Erlös des Gartens erhalten. Nach Abzug dieser Posten verblieben ihm 2886-26-5 ¾ Thaler.

 

Allerdings hatte er noch Schulden in der Familie, nämlich 478-15-0 Thaler an seinen Schwager Georg Knauer und 1179-3-2 Thaler an seinen Bruder Georg Ferdinand Riotte.

 

Diese resultieren aus folgenden Vorgängen:

 

a. Vorschuß am 20.05.1846                                                                220-00-0

b. Zinsen darauf                                                                               169-17-6

c. Zahlung an Verling in Marburg in Kärnthen am 13.09.1856                     143-0-0

d. Zinsen hiervon                                                                              36-10-4

e. Zahlung an Staad in Trier am 03.10.1856                                           286-0-0

f. Zinsen hiervon                                                                               72-2-10

g. Zahlung durch einen Wechsel an den Sohn

Eugen Riotte in New York am 21.08.1861                                               250-00-0

h. Zinsen hiervon                                                                              2-2-6

 

Gutgeschrieben wurde ihm ein Betrag von 88-15-5 Thalern, die er von seinem Onkel Philipp Jakob Riotte, dem Kapellmeister in Wien, geerbt hatte.

 

Nach Abzug und Gutschrift verblieben ihm noch 1317 Thaler 23 Silbergroschen 8 ¾ Pfennig.

 

Ich wüßte gern, auf welchem Wege ihn dieser Betrag erreicht hat - und wann. Denn die Ratifizierung der Liquidation, d.h. die Zustimmung der einzelnen Partei, wurde bei Notar Keller am 28. Februar 1862, also weitere fünf Monate später beurkundet.

 



[1] Landesarchiv Saarbrücken, Notar Keller, Akt 572 vom 12.04.1850

[2] Landesarchiv Saarbrücken, Notar Keller, Nr. 5788 vom 27.09.1860

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