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Carl Nikolaus Riotte -> Carl Nikolaus Riotte in Texas -> 18.01.1856 Brief an Josef Weidtmann

San Antonio den 16. Januar 1856

 

Mein lieber W.

    Deinen lieben Brief vom 23 August vorigen Jahres fand ich hier vor, als ich am 4. des Monats von meiner Reise nach Mexiko zurückkehrte. Ehe ich jedoch auf diesen Gegenstand näher eingehe, laß mich Dir, der guten Gretchen und Mutter einen herzlichen Glückwunsch zum neuen Jahr zu rufen. Ihr wisst welchen innigen Antheil wir an Euch nehmen und ich denke immer, wie wahr des Dichters Worte sind:

 

Das Alte fällt, es ändert sich die Zeit,

und neues Leben blüht aus den Ruinen!

 

    In der Anwendung auf Eure und meine Ehe. Aus den Ruinen meines dortigen Haushalts blühte der Eure auf, und so verfolgen denn auch meine gute Anna und ich dessen Gedeihen mit wahrhaft elterlichen Gefühlen; war ja doch Gretchen so lange bei uns, daß sie gleichsam unsere Tochter geworden war! Aber unser innigster Wunsch, einmal wieder mit Euch vereinigt zu sein, wird wohl unerfüllt bleiben! Möge es deshalb Euch recht wohl gehen, damit uns wenigstens der Gedanke bleibt, daß Ihr glücklich seid!

    Meine Anna hat Euch gesagt, das ich am 12. vorigen Jahres nach den beiden mexikanischen Staaten Conhuila und Neu Leon abreiste. Die ganze Reise - über 1000 Meilen - machte ich zu Pferde, meistens des Nachts im Freien schlafend, den Sattel als Kopfkissen, eine Decke unter und eine über mir, und doch war ich auch nicht eine Viertelstunde nur unwohl, selbst als mein Begleiter und ich die letzten 10 Tage gegen einen schrecklichen Nordsturm (den kältesten, an den sich die ältesten Leute erinnern) reiten und des Nachts im Freien schlafen mussten. Ich schicke Dir mit diesem Briefe zugleich ein Blatt der San Antonio Zeitung, welches den Vertrag mit Gl. Vidaurré[1] und die von uns ihm übergebene Denkschrift enthält, und werde Dir auch die folgenden Blätter, welche meinen Reisebericht enthalten werden, zusenden; Du kannst alles, oder soviel als Dir zweckmäßig scheint, auf jede Dir dienlich scheinende Weise veröffentlichen. Jedenfalls bitte ich Dich alles darauf Bezügliche auch an C.H. gelangen lassen zu wollen. Wenn Du bedenktest, daß Mexiko bis jetzt der Einwanderung ganz verschlossen war, oder dieselbe doch nur den Katholiken gestattete, daß selbst die preußische und englische Gesandtschaft dort keinen protestantischen Gottesdienst feiern dürfen, daß die Idee der Heimstätte, die Rechte der Frau an derselben, der Unveräußerlichkeit, der Unpfändbarkeit derselben den Mexikanern ebenso fremd war, wie die, daß die Kolonisten vom Augenblicke, wo sie den Boden von Mexiko berühren, Staatsbürger sind, so mag Dir allerdings, was wir erreichen, bedeutend erscheinen. So wird es allgemein auch hier angesehen, und schon bereiten sich viele vor, nach Mexiko zu gehen, um selbst sich die Verhältnisse und Land anzusehen und eventuell sich dort anzusiedeln. Ich wurde während der kurzen Zeit meines Aufenthalts in Monterrey mit Gl. Vidaurreé sehr genau bekannt. Er wünschte sehr, daß sich da bleiben solle, in welchem Falle er mir eine Stellung - nur unter ihm - für 3000 $ jährlich anbot. Zum Verständnis dieses muss ich Dir bemerken, daß die kommandierenden Generäle für die einzelnen Staaten in Mexiko zugleich Civil-Gouverneure sind, daß aber Gl. Vidaurreé überdies vom Volke der beiden oben genannten Staaten, als er sich als der erste sich gegen den Präsidenten Santa Anna erklärte, mit quasi diktatorischen Gewalten bekleidet wurde. Mir hat das mexikanische Volk und noch mehr das Land gut gefallen, und unübertrefflich schön ist namentlich die Lage der Stadt Monterrey und das Klima herrlich. Winter ist wenig oder keiner dort, was daraus erhellt, daß die Orangenbäume in den Gärten wie in Trier die Apfelbäume stehen und 50 Apfelsinen - als wir da waren - circa 10 Silbergroschen kosteten, doch soll die Hitze im Sommer nicht größer sein als hier.

    Wenn ich nicht irre, habe ich Dir schon in meinem letzten Brief mitgetheilt, daß ich entschlossen wäre, San Antonio jedenfalls zu verlassen und entweder nach New York, Frankreich oder Mexiko auszuwandern. Nach ruhiger und reiflicher Überlegung halte ich letzteres für das Beste. Die Gründe, welche mich bestimmen, diese Stadt, den Süden insbesondere und womöglich die Vereinigten Staaten zu verlassen, sind vor allem die aller ehrliebenden Deutschen in diesen Staaten; daß dieselben besonders bei mir wirksam sind, liegt wohl teils in dem Umstande, daß ich seit meinem Hiersein als eine Art Führer der Deutschen in ihrem Kampfe gegen die ungerechtfertigten Prätentionen der Amerikaner betrachtet wurde und anderntheils in meinem unvertretbaren Hasse gegen die Sklaverei, noch mehr aber in meinem Hasse gegen den amerikanischen Nationalcharakter; dieses Gemisch von Anmaßung, Heuchelei, Gemeinheit, Rohheit, mit dem äußeren Firnis eines Gentleman überzogen. Nie in der Geschichte hat es eine größere Ironie auf eine demokratische Republik gegeben als diese; weil trotz der demokratischen Verfassung sie eine Oligarchie geworden sind, die Oligarchie der Sklavenhalter und der Ämterschwindler. Bis zu welchem Grade diese beiden Klassen die Vereinigten Staaten zu ihrem Vorteile ausbeuten, ist selbst einem Europäer nicht klarzumachen, weniger noch auf welch unverschämte Weise es geschieht, am wenigsten aber, daß das Volk es duldet und diese Ämterschwindler nicht Mann für Mann hängt. Die Ämterschwindelei ist in ein konsequentes System gebracht, vollständig und allseitig ausgebildet wie der Katholizismus. Wohl mag es im Norden der Vereinigten Staaten etwas besser sein, und habe ich die Bekanntschaft einiger Männer von dort gemacht, die wirklich auf einem europäischen Standpunkt stehen, und mit denen ich auch im Briefverkehr stehe. Doch, wer zählt sie alle, nennt die Namen der Gründe, die einen anständigen Deutschen zwingen, dieses Land zu verlassen? Alles was wir und Ihr in Deutschland über Amerika gelesen, ist absichtliche Entstellung oder aber von Leuten geschrieben, die wegen ihres kurzen Aufenthaltes oder ihrer geistigen Unfähigkeit nicht im Stande waren, den undurchdringlichen Schleier der Heuchelei zu lichten.

    Es würde die notwendigen Grenzen dieses Briefes überschreiten, wollte ich alle die Gründe angeben; ich hoffe, später die Zeit zu finden und in einer kleinen Flugschrift anzugeben: Warum ich die Vereinigten Staaten verließ!

    Alles ist auf Betrug abgesehen, wenn auch im einzelnen Falle die Zeit, um ihn zu spielen, noch nicht gekommen sein mag. Touristen antworten, aber in Deutschland kommen auch Betrügereien vor. Das ist wahr, wenn das Gesetz diese nicht erreichen sollte, brandmarkt sie wenigstens die öffentliche Meinung. Das ist hier nicht so. Da das ganze individuelle und öffentliche Leben auf Betrug und Heuchelei beruht, wird nur der ertappte Betrüger für einen solchen gehalten. Gurgelschneider, Spieler, Diebe, Frauenschänder, Vergifter, Betrüger gehen einfach einige Grade weiter nördlich oder südlich und werden dort wegen ihrer smartness bald die Hauptmänner, denn ein smartman ist, wie mir gestern noch ein redlicher Amerikaner versicherte, ein Mann, der thut, was ein ehrlicher Mann (thut) and a thundering side more.

    Ich war früher immer versichert worden und habe es selbst geglaubt, daß abgesehen von den öffentlichen und sozialen Verhältnissen Jedem, der arbeiten wolle, Gelegenheit geboten wäre, sich eine unabhängige Existenz zu verschaffen und so wenigstens im engen Kreise glücklich zu sein. Aber auch das ist eine Lüge und wahrlich keine der kleinsten. Abgesehen von Ackerbau und Viehzucht kann niemand sein Leben machen, ohne sich bei jedem Schritte der Aufgabe seiner Grundsätze zu unterwerfen, und selbst der Ackerbau muss darunter leiden. Hier im Süden muss man entweder zur hundsföttischen demokratischen, eigentlich Sklavenhalterpartei gehören, oder zu den erbärmlichen Nichtswissern, und es gibt kein größeres Verbrechen als ein freier Mann und Republikaner zu sein. Alle Blätter speien den Geifer ihrer Gemeinheit über ihn und rufen dem Mob zu, den Verruchten zu kreuzigen, der es wagt, Ansichten auszusprechen, die einen Washington, Jefferson etc. unsterblich gemacht haben. Und diese Halbindianer, die nicht soviel wissen als durchschnittlich ein deutscher Quartaner, diese elenden, von denen ein großer Teil in jedem zivilisierten Staat der Welt am Galgen hinge oder doch wenigstens im Zuchthaus sich befände - diese Kerls wagen es, mit der souveränsten Verachtung auf aller Europäer herabzusehen, uns "arme Bettler und Sträflinge" zu nennen, sie wagen es, uns die durch die Constitution garantierten Rechte nehmen zu wollen, und wenn nichts anders mit dem Sixborder in der Hand, wie in Louisville und anderen Orten. Die Erbitterung unter den Deutschen ist allgemein, ja dringt bis in diejenigen Klassen, die sich um ihre Staatsbürgerrechte nie gekümmert haben und froh waren, wenn die Amerikaner regierten.

    Nur jene elenden Germanen, die sich ihres Geburts Landes und ihrer Sprache schämen, die glücklich sind, wenn sie die Arschkriecher irgend eines Amerikaners spielen können, jene Anbieter der Sklaverei, jene Speculanten, deren Aufgabe es seit einer Reihe von Jahren war, den Mainzer Verein um alles Land zu beschwindeln, kurz jene demokratischen Deutschen fühlen sich wohl und paddeln vergnügt wie Schweine im Schlamm ihrer Verworfenheit. Es ist schon mehrere Jahre her, daß ich keinen Anteil mehr an den öffentlichen Angelegenheiten nehme; ebenso thun es die besseren Amerikaner. Am schlimmsten sind auch hier die "Gothaer" daran, eine gerechte Strafe ihrer Nichtswürdigkeit!

    Kannst Du dich wundern, wenn unter solchen Umständen der Wunsch auszuwandern täglich mehr Ausbreitung findet und intensiver wird? Für mich speziell liegen noch andere Gründe vor; eine mehrjährige Erfahrung hat mich gelehrt, daß ein redlicher Mann hier auf keine Weise sein Leben machen kann. Zum Betreiben des Ackerbaus bin ich nicht stark genug, fremde Hülfe ist zu theuer, der Ertrag würde selber nicht decken, überdies kann ich auf dem Lande meine vielen Kinder (7) nicht erziehen, auch ist meine Anna aus manchen Haushaltungsgründen dagegen. Ebenso ist es mit der Viehzucht. Übernahme von Gouvernementscontracten sind nur dem möglich, der stets bereit ist, mit den Beamten Betrügereien auszugeben und den Sündenlohn mit diesen zu teilen; überdies gibt es dazu so viele ausgezeichnet qualifizierte Subjekte unter den Amerikanern, daß es einem dutchmen nur durch einen kaum erreichbaren Grad von Niedertracht möglich wird, die amerikanischen Corpetitoren überwiegen. Du wirst fragen: deshalb praktiziert zu nicht als Advokat? Du weißt es, noch besser aber Gretchen, daß ich schon in Deutschland einen unüberwindlichen Widerwillen gegen diesen Beruf hatte, selbst als ich in Saarbrücken und Trier glänzende Aussichten eröffnet erhielt, ich wollte lieber einen Despoten über mir haben als das Publikum; ich sage, daß auch der beste Mensch nach einigen Jahren Advocatenpraxis zur Aufgabe seiner Grundsätze gezwungen würde. Erinnere Dich (…) alle Einwürfe gegen diesen Stand sind hier in viel stärkerem Maße vorhanden. Es existiert hier keine öffentliche Moral, die den Schuft noch erreicht, und der Arm des Gesetzes zu kurz ist, und mit welchen Mitteln der Advocat seine Zwecke erreicht, ist ganz gleichgültig, wenn er nur gewinnt. Du siehst, daß auf diese Weise auf die Schlechtigkeit gleichsam eine Prämie gesetzt ist, und wo hätte ein amerikanischer Advocat je vor einer Schandtat zurückgebebt, wenn Geld oder Ruf damit zu machen war? Ferner sind die deutschen Advokaten wenigstens gebildete und wissenschaftliche Männer, aber die hiesigen werden Advocaten wie am Rhein die Bauernjungen, aus denen ihre Eltern durchaus nichts anderes machen können, Geistliche werden. Ein Kerl, der kaum lesen und schreiben, aber wie alle Amerikaner sehr gut rechnen kann, hält sich ein halbes oder wenn's hoch kommt ein ganzes Jahr auf dem Bureau eines Advocaten auf, macht ein lächerliches Examen, kauft sich einen Pariser Hut und schwarzen Anzug, und er ist Advocat. Er schreibt Artikel in die Schundparteiblätter, die ihn für ewig lächerlich machen müssten, erhält Reden, wofür er von irgend einem zivilisierten Publikum mit faulen Eiern beworfen würde kurz und gut: he is making money in some way or other! Da wäre wirklich nicht viel dagegen einzuwenden, aber wer so handelt, erhält keine Praxis, wer es sich zum Grundsatz macht, von schlechten Prozessen abzuraten, wird verlacht. Das Unerläßlichste aber, um in irgend einem Berufe etwas zu verdienen, ist, einer der korrupten Parteien und womöglich der herrschenden anzugehören, und da manchmal zweifelhaft ist, welche in einer Wahl die Siegende sein wird, so gehört eine feine Nase dazu, dies herauszufinden, obschon nach Ansicht der Amerikaner auch hierbei nichts verloren werden kann, indem nach der Wahl sie einfach zu siegreichen Partei übergehen.

    Wunderst Du dich noch, daß sich nicht praktiziere? Warum aber suchte ich nicht zu einem Amte gewählt zu werden? Weil Ämter nur an die Parteimänner gegeben werden, und weil man Amt nur mit Aufwand einer Selbsterniedrigung erlangen kann, deren ich unfähig bin, und mit Aufwand von Geld, das kein redlich veraltetes Amt ersetzt, das aber der Amerikaner tausendfach wiedergewinnt, indem für ihn jedes Amt nur das Mittel ist, um auf diese Weise Geld zu machen! Kannst Du glauben, daß Dein alter Gesinnungsfreund einen Augenblick zweifelhaft gewesen, was er zu thun hatte? Gewiß, Du kannst es nicht!

    Seit langem zog ich mich von allem zurück, meine gute Anna und ich beschränken unsere Aufgaben soviel wie möglich, die Zuges, ich zog es vor, als redlicher Tagelöhner in meinem Garten und Feld zu arbeiten, statt mit dem Bewusstsein eines Schuftes in der Welt gefeiert zu werden. Mein Charakter nahm gegen die äußere Welt eine umso größere Härte an, je strenger sich die Grundsätze in ihm ausbildeten, und der Gewinn meines innern Menschen entschädigt mich reichlich für den Verlust der äußern Welt! Gleichwohl sagte ich mir, das ich für etwas anderes in der Welt sei, als nur potätos zu ziehen und dergleichen und der Wunsch, meine Erfahrungen wie meine Grundsätze für die Menschheit nutzbar zu machen, war mein sehnlichster. Überdies sah ich wohl ein, daß bei der außerordentlichen Wertverringerung, welche die Ländereien seit mehreren Jahren erfahren, der der Unmöglichkeit dieselben selbst mit Verlust zu veräußern, ich täglich ärmer wurde, da ich so gut wie nichts mehr verdiente, so unternahm mich in meinem eigenen und im Interesse aller Deutschen die Reise nach Mexiko und bin entschlossen, sobald ich hier meine Angelegenheiten durch Verkauf meiner Farm ordnen kann, nach Monterrey überzusiedeln. Wollte ich dies jetzt erzwingen, so müßte ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen an den beiden Farmen wenigstens 2500 $ von dem, was sie mir selbst kosten, verlieren. Dagegen ist viele Aussicht, daß sich der Grundwert innerhalb eines oder zweier Jahre nicht unerheblich steigern wird.

    In diesem Augenblick besitze ich (…).

 



[1] José Santiago Vidaurri Valdez (12.01.1808–1867) was a controversial governor of the Mexican state of Nuevo León between 1855 and 1864. His tenure was marked by secessionist ambitions and an unparalleled commerce with the Confederate States of America. Originally a supporter of president Benito Juarez until he realized Juarez was supporting his own selfish motives. en.wikipedia.org/wiki/Santiago_Vidaurri, losvidaurri.wordpress.com

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