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Carl Nikolaus Riotte -> Carl Nikolaus Riotte in Preußen -> 30.04.1849 Deputation der 500 in Düsseldorf

Die Deputation der 500 in Düsseldorf

Der kommissarische Regierungspräsident, Oberregierungsrat van Spanleeren, antwortet Innenminister v. Manteu fiel am 1. Mai auf die Anweisung vom 25. April, über die Reaktionen nach der Auflösung der Zweiten Kammer in Berlin zu berichten.

    Zu Elberfeld berief der einer sehr demokratischen Richtung verfallene demokratische Klub unter dem Vorsitz des Advokat-Anwalts Dr. Höchster und des Zeichenlehrers Körner am Sonntag eine angeblich von 3 000 — nach einem landrätlichen Bericht von 1 500 — zum Teil konservativ gesinnten Menschen besuchte Volksversammlung, in der man des andern Tags eine großartige Deputation an das hiesige Regierungspräsidium abzusenden beschloß, die diesem mit der Bitte um weitere direkte Darlegung bei Sr. Majestät, die angeblich ganz allgemein, nicht bloß in Elberfeld und Barmen, sondern durch das ganze Bergische und Märkische herrschende Aufregung vorstellen sollte. Durch die gestern morgen hierhergelangte Elberfelder Zeitung von diesem Beschlusse, dessen Ausführung die landrätliche Behörde zu Elberfeld natürlich nicht hatte verhindern können, zuerst unterrichtet, wurde meinerseits durch Benehmen mit dem Polizeiinspektor v. Falderen und dem Generalmajor Chlebus Vorkehrungen getroffen, um geeignetenfalls mit gebührender Kraft einschreiten zu können. Die gegen vier Uhr nachmittags mit der Eisenbahn eingetroffenen, aus wohl 500 Männern meist der arbeitenden Klasse bestehende Deputation wurde, als sie sich unter Vortragung von deutschen Fahnen und mit Anschluß vieler demokratischer Elemente aus hiesiger Stadt der polizeilichen Eröffnung, daß Aufzüge ohne spezielle Erlaubnis hier verboten seien, nicht fügen wollte, vielmehr in einem förmlich entwickelten Aufzuge gegen das Stadttor zog, an letzterem von einem schnell herbeigezogenen Militärkommando, welches in ihrer Gegenwart scharf lud, aufgehalten, bis der persönlich hinzugekommene General Chlebus bei augenblicklicher Abwesenheit des Polizeiinspektors v. Falderen gegen das Versprechen, nur bis zu dem nahe gelegenen Schwanenmarkte ziehen, von dort eine aus zwanzig Mitgliedern bestehende Deputation an das Regierungspräsidium absenden, sich übrigens vor Exzeß hüten zu wollen, den Eintritt in die Stadt nachzugeben sich veranlaßt fand.

    Vom Schwanenmarkt aus trat dann auch eine solche kleinere Deputation, gefolgt von einer großen Menschenmenge, ihren weiteren Marsch zum Regierungspräsidialgebäude an, wo ich ihr aber erst dann den Zutritt verstattete, nachdem sie - ob in Wahrheit, mag dahingestellt bleiben - die bestimmte Versicherung abgegeben, daß man sich gegen jenes dem Herrn General Chlebus geleistete, mir mittlerweile kundgewordene Versprechen in keiner Weise vergangen und daß auch die tags vorher stattgehabte Volksversammlung zu Elberfeld kein Verbot übertreten habe. Ihre Hauptsprecher und dem äußern Ansehen nach auch gewichtigsten Personen des ganzen Zuges waren die schon genannten Höchster und Körner, der Staatsprokurator Heintzmann und der Landgerichtsassessor Riotte, beide letzteren ebenfalls von Elberfeld und wegen ihres demokratischen Treibens bekannt. Wollte man ihren Angaben glauben, so stünde von der bergischen Grenze an bis nach Iserlohn hinauf - aus Unmut über die nun wieder ganz gestörten Hoffnungen auf endliche Ruhe und Wiederbelebung der Industrie alles an der äußersten Grenze der Revolution, allein, wieweit ihre Behauptungen an Übertreibungen leiden dürften, läßt sich wohl schon nach der einzigen Tatsache bemessen, daß der von ihnen sowohl mündlich als auch in ihrem Aufrufe erwähnte sogenannte Landwehrverein (zur Bildung einer deutschen Landwehr), dessen Mitgliedersduft sie schon bis gegen 300 gestiegen angaben, in der Wirklichkeit sich nicht über die Anzahl von etwa zwanzig Köpfen beläuft.

    Der durch mancherlei Erörterungen etwas lang gewordene Akt der Präsentation endete mit Übergabe der gehorsamst hierbei folgenden Anlage und meiner, wie es schien, vielen ganz genügenden Gegeneröffnung, daß es meine Pflicht sei, von der Stimmung des R egierungsbezirks, soweit ich es nur vermöchte, mir Kenntnis zu verschaffen, daß ich als Beitrag dazu, nicht aber als Ausdruck der allgemeinen Stimmung, allerdings auch ihr Erscheinen und ihre Mitteilungen ansähe und daß ich übrigens alles, was ich in dieser Beziehung nur irgend Erhebliches in Erfahrung brächte, ganz offen und rückhaltlos nach Berlin anzeigen werde.

    Von mir mit der wiederholten Empfehlung entlassen, alles, was die Ordnung stören könne, sorgfältigst zu remunerieren, begab sich alsdann diese kleinere Deputation zu ihren mittlerweile in einem Bierhause) der sogenannten Bockhalle, mit den hiesigen Demokraten fraternisierenden Genossen und mit diesen abends 8.30 Uhr ohne weitere Störung nach Elberfeld zurück. Auch dort ist nach ihrer Rückkehr, außer einigem Straßengesang, keinerlei Unordnung vorgefallen.

     Welchen Eindruck die heute erst kundgewordene Depesche der Regierung an den Herrn v. Camphausen nach Frankfurt hervorbringen wird, werde ich morgen erst erfahren und danach Ew. Exzellenz weiter zu berichten die Ehre haben.

(ZStA Merseburg Rep. 77 Tit. 505 Nr. 3 adh. I, BI. 21) 

 

Körner schildert, wie die Elberfelder Delegation von einem Beamten, dessen Namen er nicht genau verstanden hat, in Empfang genommen wird. Nach der Fränkelschen Denkschrift (5. 19) handelt es sich um den Regierungs- und Schulrat Altgelt.

    Sichtlich waren die Herren da drinnen im Kabinette in Verlegenheit, wie sie uns empfangen sollten, und hatten dem hohen Polizisten die Aufgabe gestellt, nach einem formellen Vorwande zu suchen, um uns ungehört abweisen zu können oder gar uns in Verhall zu nehmen. Als Höchster und ich unsere Namen und unseren Stand und uns als Leiter der Deputation genannt, meinte der Polizeidirektor unter noch bedeutenderem Achselzucken: »Die Herren sind doch nicht offiziell autorisiert, ich meine, haben keine Autorität, wenigstens keine hinreichende Autorität, eine ganze Bürgerschaft zu vertreten.« Als dann aber die andern Mitglieder unserer Deputation ihre Namen nannten — »Staatsprokurator Heintzmann«, »Dachdeckermeister Walter«, »Gerichtsrat und Eisenbahndirektor Riotte«, »Seidendrucker Steffens«, »Handelspräsident und Bankdirektor Hecker« usw. — und dann noch erklärt hatten, daß die übrigen tausend Bürger weniger zwanzig, denen der Zutritt zum Regierungspalast versagt worden sei, ebenfalls, jeder für sich, für die Bürgerschaft Elberfelds einstehe, erst da führte er uns in das Kabinett, nachdem er vorher selbst nochmals darin gewesen. »Herr Präsident von Möller sind abwesend in Berlin«, sagte uns hier unter leiser Verbeugung und mit sauersüßem Lächeln ein langer, dünner Herr mit feinen spitzen Zügen in seinem bleichen Gesichte, blauen Augen und wenigem, dünnem Blondhaar auf dem fast kahlen Kopfe. Hinter ihm stand eine ganze Gruppe Regierungsräte und unter diesen ihm zunächst der große, breitschultrige, finstere Oberregierungsrat van Spankeren und der erdfahle mephistophelische Oberregierungsrat von Mirbach mit einem Buche unter dem Arme, vermutlich dem Gesetzbuche. An einem der grünen Sitzungstische saßen schreibfertig zwei junge Regierungsreferendare als Protokollführer, und hinter diesen wieder standen wartend ein Gendarmerieoffizier und ein Ordonnanzadjutant in Dienstuniform. »Ich habe zwar übernommen«, fuhr der Herr mit bleichem Antlitz fort, »den Herrn Regierungspräsidenten während seiner Abwesenheit zu vertreten, zweifle aber an der Gesetzlichkeit, die Herren aus Elberfeld empfangen zu dürfen.« Und nun suchte der Herr von Mirbach wiederholt und weitläufig nachzuweisen, daß wir zu unserer Sendung nicht autorisiert, überhaupt aber dazu nicht berechtigt seien. Dagegen schilderten abwechselnd Heintzmann, Hecker, Riotte und ich, wenn unsere Entgegnungen an die Reihe kamen, die große Gefahr für die Ruhe Düsseldorfs und Elberfelds, wenn wir unverrichteter Sache wieder heimkehren müßten; und als Riotte fortgefahren, die schmerzensvolle Aufregung des Volkes über die Ablehnung der deutschen Krone durch den König, über das Verbleiben des Ministeriums, das ihm diese Unglückstat angeraten, und über die Auflösung der patriotischen Kammern mit glühenden Worten zu schildern, da waren Herrn von Dalbert — ich glaube, so hatte derselbe sich genannt — unwillkürlich das Blut in die bleichen Wangen und Tränen in die blauen Augen gestiegen. »Seit den dreiundzwanzig Jahren meiner Dienste im Staate ist es mir nie so hart geworden wie heute, den Willen der Höchsten Behörden zu vertreten. Dieser Wille bestimmt, Sie abzuweisen. Doch — ich kann es nicht! — ich kann es wahrhaftig nicht, meine Herren!« sprach er, halb zurückgewendet, zu dem Kollegium der Regierungsräte. »Ich werde«, fuhr er, uns wieder in gefaßterem Tone anredend, fort, »auf meine eigene persönliche Verantwortung die Erklärung der Deputation amtlich entgegennehmen und sie sogleich Höchsten Ortes befördern.« Bei diesen Worten zogen Spankeren und Mirbach sich sogleich, mit zugekniffenen Lippen und noch bleicher als vorher, in den tiefsten Hintergrund des Saales zurück, und ihnen schlichen fast alle übrigen Räte dahin nach, dort besondere »unverantwortliche Beamtengruppen« bildend. Nur zwei der Regierungsräte waren bei Herrn von Dalbert geblieben, und dies waren uns wohlbekannte Männer.

    Als wir das Kabinett und das Haus der Regierung verlassen, fanden wir den ganzen Platz vor demselben »vom Volke gesäubert« und dreifache Soldatenkolonnen die dumpfmurmelnde Menge in drei angrenzenden Straßen zurückhaltend. Im Augenblick, als wir auf der Treppe des Gebäudes erschienen, schallten aus allen diesen drei Straßen donnernde Hochs zu uns herauf. Das Volk hatte schon unsere Verhaftung befürchtet. Ein Piquet Polizisten wollte uns nun durch die Volksmenge hindurchgeleiten; dem führenden Kommissarius bemerkte ich aber: »In der Mitte des Volkes bedürfen wir keines besonderen Schutzes.« das Volk begleitete uns freudejauchzend und singend zum Hauptquartier der Düsseldorfer Demokraten. Als hier engere Verbindung und Verabredung für künftiges gemeinschaftliches Handeln getroffen, kehrten wir, der ganze Zug in Prozession, von grüßendem Volke umschwärmt, ziemlich wohlgemut nach Elberfeld zurück.

(Körner II, S. 58 ff.)

 

Aufstand der Bürger - Revolution 1849 im westdeutschen Industriezentrum

Herausgegeben von Klaus Goebel und Manfred Wichelhaus

3. erweiterte Auflage, Wuppertal 1974

Seite 27-31

 

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