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Das rastlose und ruhelose Leben eines Freiheitskämpfers

Von Dr. Ewald Köhler

 

    Das zunehmend an Bedeutung gewinnende Bestreben, dem Handeln der Männer gerecht zu werden, die an der Erhebung des Jahres 1848 beteiligt waren, gibt Veranlassung, eines Mannes zu gedenken und seine nicht alltägliche Vita einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, der durch seine allerdings zweite Ehe, die er in vorgerücktem Alter mit einer jungen Bürgerstochter aus Landstuhl schloß, in Beziehung auch zu unserer pfälzischen Landschaft gesetzt werden kann: Carl Nicolaus Riotte, permanenter Freiheits- und Barrikadenkämpfer im übertragenen Sinne, den ein bunt bewegtes Leben durch die deutschen Landstriche, durch Nord- und Mittelamerika sowie durch die Schweiz führte und der, aus der Enge und Geborgenheit eines bürgerlichen Lebens hinausdrängend, alle Höhen und Tiefen menschlichen Daseins durchschritten hat, ehe sein ruheloses Leben dennoch erfüllt sein Ende fand.

    Carl Nicolaus Riotte wurde am 27. Januar 1814 im saarländischen St. Wendel geboren, wo sein Vater Generalstaatsprocurator im Dienste des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha, zu dem St. Wendel damals noch gehörte, also oberster Ankläger in der Strafgerichtsbarkeit, etwa unserem heutigen Generalstaatsanwalt vergleichbar, war; der junge Riotte widmete sich, wie sein Vater und wie ein älterer Bruder, der später Landgerichtspräsident in Saarbrücken wurde — es ist dort heute noch eine Straße nach diesem benannt — dem Studium der Rechtswissenschaft, war bei einer Burschenschaft aktiv und wurde nach dem Abschluß seiner juristischen Ausbildung Richter am Landgericht Elberfeld. Am 2. 5. 1842 verehelichte er sich in Trier mit der um zwei Jahre jüngeren Gutsbesitzertochter Anna Maria Wallerath, die ihm in Elberfeld dann vier in den Jahren 1843, 1844, 1846 und 1848 geborene Kinder schenkte. Das Landrichterdasein mochte ihm auf die Dauer zu eintönig erschienen sein; denn er quittierte alsdann den Justizdienst und trat in die Leitung der damals noch auf der Grundlage eines Privatunternehmens betriebenen Bergisch-Markischen Eisenbahngesellschaft ein. Als die Erhebung des Jahres 1848 ausbrach, beteiligte sich Carl Nicolaus Rinne aktiv an den damaligen Ereignissen und mußte, um strafgerichtlicher Verfolgung wegen Hochverrats zu entgehen, mit seiner Frau und seinen vier kleinen Kindern nach Amerika flüchten. Vergegenwärtigt man sich die zur damaligen Zeit zwischen zwei Erdteilen bestehenden Verkehrsverhältnisse, so kann man ermessen, was es hieß, um seiner politischen Überzeugung willen die Heimat verlassen und mit der Familie, womöglich im Zwischendeck eines Auswandererschiffes zusammengepfercht, einer ungewissen Zukunft entgegenfahren zu müssen.

    Die in ihrer Grundhaltung von jeher freiheitlichen Vereinigten Staaten hatten sich politischen Fluchtlingen geöffnet und, damals schon eine Art Vertriebenenfürsorge in der texanischen Stadt San Antonio de Bejahr am Cipolofluß ein Auffanglager errichtet, dem von seinen meist deutschen Insassen der Name Neubraunfeld verliehen wurde. Dort fand Carl Nicolaus Riotte mit seiner Familie ein erstes Unterkommen und schlug sich zunächst kümmerlich als Pferdeknecht durch, bis es ihm gelang, eine kleine Farm zu erwerben und diese zu bewirtschaften. Er nannte sie seiner Gattin zuliebe „Annenruhe“ und verlebte dort über ein Jahrzehnt in Geborgenheit und scheinbarer Ruhe vor dem Sturm, der ihm noch bevorstand. In diese Zeit fällt die Geburt weiterer vier Kinder, von denen eine Tochter nachweislich im Jahre 1853 auf die Welt gekommen ist. Als im Jahre 1861 hauptsächlich um der Abschaffung der damals noch in den Vereinigten Staaten vorherrschenden Sklaverei willen der Sezessionskrieg zwischen den dies erstrebenden Nordstaaten und den eine solche Sklavenbefreiung ablehnenden Südstaaten ausbrach, stellte sich Carl Nicolaus Riotte, obwohl nunmehr in einem der Südstaaten ansässig, auf die Seite der die Sklaverei bekämpfenden Nordstaaten und büßte dadurch zum zweiten Male in seinem Leben sein Eintreten für freiheitliche Zielsetzungen, diesmal damit, daß ihm die Südstaatler seine Farm niederbrannten und ihn mit seiner nunmehr großen Familie zur Flucht in die ihm ideologisch mehr zusagenden Nordstaaten zwangen. Er wandte sich zunächst nach New York und kam dort in Verbindung mit einer von dem deutschstämmigen Generalmajor Sigl befehligten Milizbrigade, in der viele Pfälzer und Saarländer dienten. Er trat als alter preußischer Landwehroffizier in diese Einheit ein und kämpfte in deren Stab in der Dienststellung eines Ordonnanzoffiziers gegen die feindlichen Südstaaten. Da wurde der damalige, ebenfalls deutschstämmige Innenminister der Vereinigten Staaten, Carl Schurz, auf ihn aufmerksam, womit eine grundlegende Wende im Leben Carl Nicolaus Riottes eintrat; Carl Schurz schlug dem zu jener Zeit amtierenden Präsidenten Lincoln die Ernennung des befähigten Juristen und Offiziers zum Ministerresidenten und Gesandten der Vereinigten Staaten in dem mittelamerikanischen Staat Costa Rica vor, die Lincoln dann auch noch kurz vor seiner Ermordung im Jahre 1865 vornahm, ein unerhörtes Ereignis, wenn man bedenkt, daß damit ein deutschstämmiger politischer Flüchtling mit einem hohen Staatsamt im diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten betraut wurde.

    Carl Nicolaus Riotte siedelte alsdann in die costaricanische Hauptstadt San José über und widmete sich mit Eifer der Vertretung der Interessen der Vereinigten Staaten. Später vertauschte er dieses Amt mit dem eines Gesandten im benachbarten Nicaragua. in dessen Hauptstadt Managua er in gleicher Diensteigenschaft bis zum Jahre 1873 residierte. Ehrende Nachrufe, die ihm bei seinem Ausscheiden in den Amtsblättern von Costa Rica und von Nicaragua gewidmet wurden, zeugen von seinem fruchtbaren Wirken auf diplomatischem Gebiet in den beiden mittelamerikanischen, gelegentlich von Bürgerkriegswirren erschütterten Staaten, um deren Schlichtung sich Carl Nicolaus Riotte mehrfach verdient gemacht hatte.

    Seine Ehefrau, seine Töchter und die jüngeren Söhne waren in der Zeit seine Wirkens in San José und in Managua in dem klimatisch günstiger gelegenen San Franzisco zurückgeblieben, die älteren Söhne weilten zeitweise bei ihm zumindest in San Jose, wo auch heute noch deren Nachkommen ansässig sind, wie einige der Söhne sich später in New York seßhaft machten. Eine seiner ersten Amtshandlungen in San José im Jahre 1863 war die Trauung seiner eigenen ältesten Tochter Maria Franziska, wozu er als mit standesamtlichen Befugnissen ausgestatteter Diplomat berechtigt war. Diese heiratete 19jährig einen Diplomatenkollegen ihres Vaters, den aus Tägerwilen im Kanton Thurgau stammenden schweizerischen Generalkonsul Otto Ludwig Baron von Schröter, dessen direkte Nachkommen heute noch in San Jose nachzuweisen sind. Aus dieser Ehe entsproß als ältestes Kind eine im Jahre 1864 in San Jose geborene Tochter Jenitta, die sich im Jahre 1885 in Wiesbaden mit dem Sohn des dort amtierenden Regierungspräsidenten, dem seinerzeitigen Seconde-Lieutenant und späteren, erst im Jahre 1939 in Berlin verstorbenen Generalleutnant von Wurmb, Sproß eines altadeligen Geschlechtes aus der Provinz Sachsen, verehelichte.

    Als zu Beginn der Siebziger Jahre unter der Amtszeit des nicht unumstrittenen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Ulysses Grant, problematische Regierungsmethoden einrissen, wurde dem freiheitsliebenden Carl Nicolaus Riotte der diplomatische Dienst verleidet; er schied im Jahre 1873 aus und begab sich zu seiner Familie nach San Franzisco, wo er einige Zeit als Rechtsanwalt tätig war. Inzwischen war in ihm, namentlich nach der Reichsgründung im Jahre 1871 die alte Sehnsucht nach der Heimat erwacht, in der er nun alles das zu finden hoffte, was er vor einer Emigration im Jahre 1848 vermißt hatte. Er kehrte nach Deutschland zurück und ließ sich zunächst in Zabern im neu dem Reich einverleibten Elsaß als Rechtsanwalt und Notar nieder. Kurze Zeit danach wurde er, der vor seiner Flucht in die Vereinigten Staaten schon einmal im preußischen Justizdienst gestanden hatte, als Friedensrichter mit dem Titel eines kaiserlichen Amtsgerichtsrats in das idyllische Münster im Oberelsaß berufen, nachdem er zuvor auch dort einige Zeit als Rechtsanwalt und Notar gewirkt hatte.

    Aber bald geriet der jeglicher Freiheitsbeschränkung abholde Carl Nicolaus Riotte in Gegensatz zu den zu jener Zeit nicht immer glücklich verfahrenden Machthabern preußischer Provenienz, die in den neu erworbenen Reichslanden ihres Amtes walteten. Mehrfach erhob er seine warnende Stimme, ohne Gehör zu finden, und fiel deshalb in Ungnade bei seinen vorgesetzten Dienstbehörden. Verbittert kehrte er zum dritten Male in seinem Leben dem Staatsdienst den Rücken und übersiedelte in die freier gesonnene Schweiz, wo er sich an der Universität Zürich als Privatdozent für Staatsrecht habilitierte. Dieser Entschluß fiel ihm um so leichter, als im Jahre 1881 seine abgöttisch von ihm geliebte Gattin Anna Maria, geb. Wallerath, starb. Ein Jahr darauf traf ihn ein weiterer Schicksalsschlag; sein Sohn Pedro, in Amerika während der Farmerzeit geboren, erkrankte an einem unheilbaren Leiden und starb in Bozen, wo er Linderung gesucht hatte. Zu jener Zeit entspannen sich die Beziehungen Carl Nicolaus Riottes zur Pfalz; zu den Freundinnen seiner vier Töchter, die mit diesen einen Teil ihrer Jugend in einem Pensionat in Colmar verbracht hatte, gehörte auch die damals 22jährige Tochter Paula des Landstuhler Steinbruchbesitzers Carl Wentzler, die sich dann mit dem bereits erwähnten Sohn Pedro Riotte verlobte, der jedoch kurz vor der schon angesetzten Hochzeit starb. Da fanden das durch diesen Schicksalsschlag schwer getroffene Mädchen und der jäh verwitwete alternde Carl Nicolaus Riotte zueinander; beide heirateten im Jahre 1882 einander ungeachtet des großen Altersunterschiedes von 46 Jahren, so daß der prädestinierte, aber durch das Schicksal verhinderte Schwiegervater nun zum Ehemann der des Bräutigams beraubten Braut und Schwiegertochter wurde; ein Kuriosum war, daß Carl Nicolaus Riottes nunmehriger Schwiegervater Carl Wentzler 22 Jahre jünger war als sein Schwiegersohn.

    Dennoch wurde diese ungleiche Ehe sehr glücklich und noch durch die Geburt einer im Jahre darauf geborenen, erst im Jahre 1960 im hohen Alter in Bern als Witwe eines schweizerischen Verwaltungsoffiziers, Kaufmanns und deutschen Vizekonsuls verstorbenen Tochter gesegnet.

    Nach fünf Jahre währender zweiter Ehe starb Carl Nicolaus Riotte am 24. Mai 1887 in Zürich-Enge; damit hatte dieses rast- und ruhelose, gewiß nicht alltägliche Leben sein Ende gefunden. In einem holographischen Testament hatte der erfahrene Jurist noch sein Haus bestellt und auch die Autopsie seiner Leiche angeordnet, damit man Genaueres über sein jahrelanges Leiden, wahrscheinlich durch ständige Aufregungen verursachte Geschwürbildungen im Magen- und Darmtrakt, erfahre.

    Trotz seiner langjährigen Verwendung im diplomatischen Dienst in streng katholischen Ländern Mittelamerikas scheint er mit seiner Kirche nicht immer auf dein allerbesten Fuße gestanden zu haben; denn gelegentlich pflegte er sich als Atheist zu bezeichnen, der freilich dem Herrn auf seine Weise diente, wie aus einem noch erhaltenen, nahezu rührenden Brief, geschrieben an einem einsamen Weihnachtsabend des Jahres 1870, an seine ferne weilende erste Frau hervorgeht.

    Seine jüngste Tochter Clara Margarethe, die übrigens laut Gotha erst im Jahre 1943 in der Nähe von München verstorben ist, verehelichte sich im Jahre 1878 in Münster im Elsaß mit dem verwitweten Gutsbesitzer Carl Alexander Freiherr von und zu Aufseß aus dem bekannten fränkischen Geschlecht, der in diese Ehe zwei kleine mutterlos gewordene Töchter mitbrachte, an denen Carl Nicolaus Riottes Tochter Mutterstelle vertreten sollte. Die ältere Tochter aus der Ehe des Freiherrn von und zu Aufseß — die zweite Ehe blieb kinderlos — heiratete später in das Geschlecht derer von Lewinski, die jüngere in die Familie der Grafen Spreti, die in der Nähe von München ansässig sind und aus der ein Sohn am 30 6. 1934 im Zusammenhang mit der unglückseligen Röhmaffäre erschossen wurde.

 

Die aus Landstuhl stammende zweite Frau Carl Nicolaus Riottes verehelichte sich im Jahre 1892 in Zürich in beiderseits zweiter Ehe mit dem aus Vorarlberg stammenden, in der Schweiz ansässigen Kunstmaler Johannes Weber und lebte mit diesem längere Zeit in Castagnola im Tessin, wo sie vorübergehend ein nicht unbekanntes Hotel führte, bis sie im Jahre 1931 in Zürich starb; ihre beiden Töchter aus der zweiten Ehe Weber leben heute noch in der Schweiz

 

Mache deine Schuhe zum Wandern bereit!

Öffne die Tore deines Herzens weit, weit, ziehe hinaus

mit hellen Augen und suchender Seele: und

ein Übermaß von Glück wird über dich kommen.

 

(Erschienen im Heimatbuch des Landkreises St. Wendel, 1971-1972)

 

Friedrich Karl Heinrich Ewald Köhler

* 07.06.1909 Kaiserslautern

+ 12.03.1977 Mainz (Universitätsklinik)

 

S.v. Georg Friedrich Köhler, Königl. Reallehrer, Doktor der Philosophie, und Anna Maria Alice Klingel

 

oo 16.12.1937 mit Therese Lieselotte Herzog

 

Köhler wohnte 1977 in Mainz-Gonsenheim, In der Meielache 18

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