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Die Dollartante

Aus dem Leben der Johanna Riefer aus St. Wendel in der amerikanischen High Society

 

Vorwort

 

Dies ist eine Geschichte über das Leben einer Frau aus einfachen Verhältnissen, die in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts aus dem St. Wendeler Vorort Alsfassen in die Welt aufbrach, erst in Frankreich, dann in den USA arbeitete und mit viel Geld in der Tasche wieder nach Hause kam. Die sich zu Hause als sehr großzügig erwies, ihren Lebensabend in Wiesbaden beschloß und in St. Wendel beerdigt wurde.

 

Es ist eine Geschichte mit vielen Daten, Belegen, Fotos, die gut einen halben Abend füllen könnte. Es gibt viel zu sagen und zu zeigen, und vieles, was gesagt und gezeigt werden könnte, habe ich zusammengetragen und kann es deshalb sagen und zeigen.

 

Was mir fehlt, ist etwas …. Persönliches; was mir fehlt, ist Wissen über den Menschen hinter all diesen Begebenheiten, seine Wesensart, seine Wünsche, sein Lebensziel.

 

Es gibt heute noch ein paar Leute, die sie gekannt haben. Aber sie waren alle noch nicht am Leben oder noch sehr jung, als sie aus Amerika wieder nach Hause kam.

 

Mehr als ein paar flüchtige Erinnerungen sind nicht mehr da, jedenfalls nicht bei denen, die mit mir darüber gesprochen haben. Und was die wissen, die nicht mit mir über sie gesprochen haben, aber noch am Leben sind – keine Ahnung.

 

Sie ist weitläufig mit mir verwandt – sie ist meine Großcousine fünften Grades; ihr Vater war ein Bruder meines Ur-ur-ur-ur-Opas mütterlicherseits.

 

Zum ersten Mal bin ich durch einen Notariatsakt aus dem Jahre 1909 auf sie gestoßen. Am 28. August ist sie in St. Wendel und hinterlegt beim Notar Custodis ein Testament, dessen Wert dieser mit der schier unglaublichen Summe von 50.000 Mark angibt.

 

 

Verbleibschein für Testamente und Erbverträge.

Durch Protokoll vom 28. August 1909 hat die zu

New York, Nr. 2 East 57 Street, wohnende

Fräulein Johanna Riefer, Kammerfrau, vor mir durch Uebergabe einer Schrift - ein Testament - errichtet.

Der Wert ist auf 50000 Mk. angegeben.

Es sind 15 Mk. Stempel verwendet.

St. Wendel, den 28ten August 1909

Der Königliche Notar

Custodis

 

 

 

50.000 Mark – was muß ich mir darunter vorstellen? Ist das viel oder wenig?

 

Es hört sich nach viel an. Aber wie rechne ich das um? Geht das überhaupt?

 

Bisher habe ich niemanden gefunden, der einen einfachen Weg dafür kennt. Da ich aus der Versicherungsbranche komme, will ich deshalb eine Metholde verwenden, die ich aus der Wohngebäudeversicherung kenne. Dort gibt es die sog. Gleitende Neuwertversicherung. Dabei wird der Wert des Hauses ermittelt, wie er 1914 ausgesehen haben mag, also kurz vor Ausbruchk des Ersten Weltkrieges, ab dem es mit den Preisen drunter und drüber ging und eine relative Stabilität nicht mehr erreicht wurde. Zur Beitragsermittlung multipliziert man diesen Wert mit dem sog. Gleitenden Neuwertfaktor für das aktuelle Jahr, in dem man sich befindet, und erhält damit den Wert des Gebäudes nach heutigen Baupreisen. Nun ja, plus-minus. Lege ich diesen Wert, der 2009 14,91 beträgt, meiner Ausrechnung zugrunde, dann waren 50.000 Reichsmark in etwa 750.000 Euro. Eine Dreiviertelmillion.

 

Und neben den anderen Fragen, die ich zu Beginn stellte, kommt dann diese noch hinzu: Woher stammt das viele Geld?

 

Ein Wort zu meinen Quellen: Alle amerikanischen Dokumente, die da sind Schiffslisten, Schiffsfotos, Volkszählungsblätter, Einbürgerungsurkunden, stammen von "www.ancestry.com".

 

Nach Frankreich

 

Johanna – eigentlich Johannetta – Riefer wird am 14. Oktober 1855 im St. Wendeler Vorwort Alsfassen geboren. Ihre Eltern sind Johann Riefer aus Alsfassen und seine Ehefrau Maria Barbara Federkeil aus Remmesweiler. Beide entstammen Bauernfamilien, und als Ackerer verdient sich auch Johann Riefer seinen Lebensunterhalt.

 

Johanna ist das Nesthäkchen in ihrer Familie. Sie ist die jüngste von zehn Kindern, ihre älteste noch lebende Schwester Maria Katharina ist 19 Jahre älter als sie. Ihre Eltern sind beide schon hoch in den 40ern (Vater 47, Mutter 45).

 

Über ihre Jugend – ja praktisch bis zu ihrem 35. Lebensjahr – habe ich kaum gesicherte Fakten gefunden. Sie wird die alte Volksschule in Alsfassen besucht haben, eine andere gab es hier nicht. Der Tod ihrer Mutter im Dezember 1866 – da war sie gerade 11 Jahre alt – wird ein tiefer Schock gewesen sein. Ihr Vater als Ackerer mit nicht unbedeutendem Grundbesitz heiratet nicht wieder.

 

Hermann Strässer, Historiker aus Urweiler, jetzt wohnhaft in Saarbrücken, hat mir in den letzten drei Wochen etliche Details aus ihrem Leben genannt, die er selbst aber auch nur vom Hörensagen kennt.

 

In der Familie Riefer gab es viele, z.T. ungeförderte Talente. Sprachbegabung gehörte zum Beispiel dazu.

 

Es wird erzählt, Johanna und sei nach dem Krieg gegen Frankreich 1870/71 auf eine Höhere-Töchter-Schule in Elsaß-Lothringen geschickt worden. Das dortige Gebiet war damals nach kein Ausland. Das erklärt wohl, warum wir keine Unterlagen über ihre Reise ins heutige Frankreich haben.

 

Dort beginnt die Geschichte "ungarischer Graf".

 

Schon früh während meiner Recherchen ist mir gesagt worden, Johanna habe bei einem ungarischen Grafen gearbeitet. Die einen sagen, als Haushälterin, die anderen, als Erzieherin seiner Kinder, eine dritte Verwandte dichtet ihr ein Liebesverhältnis mit dieser nebelhaft bleibenden Figur an.

 

Nichts Genaues weiß ich nicht.

 

Daß sie in Frankreich war, ist sicher. Denn wieder ist es ein Notariatsakt, dem wir diese Information verdanken. Etwas mehr als ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters im Mai 1887 geht man im Oktober 1888 an die Erbauseinandersetzung. Johanna hat im vergangenen April St. Wendel besucht und eine entsprechende Vollmacht für ihren Bruder Johann Riefer abgegeben. Darin wird ihr Beruf mit "Haushälterin in Paris" angegeben. Mehr aber auch nicht. Leider beginnt der Census in Paris erst im Jahre 1926.

 

Einen weiteren Hinweis gibt es im St. Wendeler Stadtarchiv. Am 5. Oktober 1892 läßt sich Johanna Riefer aus Alsfassen, 36 Jahre alt, einen Reisepaß ausstellen, der für ein Jahr gültig ist. Ziel der Reise ist Paris, über den Reisezweck schweigt sie sich aus.

 

Das sind die einzigen belegten Daten zu Johannas Leben für diese Zeit.

 

Da hilft es nichts, länger zu verweilen. Auf geht’s nach Amerika.

 

Die Huntingtons

 

Johanna Riefer trat um 1900 in die Dienste der Familie Huntington.

 

Collis Potter Huntington war zusammen mit Leland Stanford, Mark Hopkins und Charles Crocker einer der "Big Four", der vier Männer, die in den 1860ern die erste transkontinentale Eisenbahn quer durch die USA bauten. Oder besser: bauen ließen. Auch an späteren Eisenbahnprojekten war er maßgeblich beteiligt, wie etwa der Southern Pacific Railroad und der Chesapeake and Ohio Railway. Letztere verband den James River bei Richmond, Virginia, mit dem Tal des Ohio River. Ein kleiner Flecken namens Guyandotte, West Virginia expandierte durch diesen Anschluß derart, daß daraus eine Großstadt wurde, die dem Finanzier zu Ehren Huntington genannt wurde.

 

Collis wurde am 16. April 1821 auf einer Farm nahe Harwinton im U.-S.-amerikanischen Bundesstaat Connecticut geboren. Im Alter von 16 Jahren verließ er die elterliche Farm. Er hatte ein Auge für ungenutzte Möglichkeiten, wenn auch noch nicht das Geld und den Einfluß, diese umzusetzen. 1842 richtete er mit einem seiner Brüder ein gutgehendes Handelsgeschäft im Bundesstaat New York ein. Als in Kalifornien Gold gefunden wurde, sah er seine Chance und etablierte sich in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento als erfolgreicher Händler.

 

In den 1850ern tat er sich mit den drei anderen erfolgreichen Geschäftsmännern zusammen, die den gleichen Traum hatten: eine schnelle und sichere Eisenbahnverbindung zwischen der Ost- und der Westküste einzurichten. 1861 gründeten sie die Central Pacific Railroad Company, die von Westen aus das Problem anging. Acht Jahre später traf die Central Pacific nahe Promontory im Bundesstaat Utah auf die Union Pacific, die den viel schwereren Weg durch die Rocky Mountains hatte zurücklegen müssen. Als der "golden spike", der goldene Eisenbahnnagel, eingeschlagen wurde, hatten die USA ihre erste transkontinentale Eisenbahnverbindung.

 

Die vier Männer hatten Millionen ausgegeben und Millionen eingenommen, und es war in den seltensten Fällen alles mit rechten Dingen zugegangen. Aber die Großkopfeten haben die Tendenz, mit ihren manchmal etwas krummen Geschäften durchzukommen. Und wenn am Ende die Rechnung aufgeht, fragt eh niemand mehr nach dem Dazwischen. Nicht nach dem verschwundenen Geld noch nach den tausenden toter Männern und Frauen, die im wahrsten Sinne des Wortes "auf der Strecke" blieben. Chinesen, Iren, Deutsche, Indianer.

 

Privat engagierte sich Collis Huntington in gemeinnützigen Projekten und das sehr freigiebig.

 

Zum Beispiel richtete er eine öffentliche Schule für Afroamerikaner aus den Südstaaten ein, die bis zum amerikanischen Bürgerkrieg praktisch keine Schulbildung erhalten hatten. Aus dieser Schule, die von einem ehemaligen Südstaatengeneral geleitet wurde, ist die heutige Hampton University entstanden.

 

Collis Huntington war zweimal verheiratet. Seine erste Frau Elizabeth T. Stoddard starb im Jahre 1883. Die Ehe blieb kinderlos. Im Jahre 1860 adoptierten sie Clara Elizabeth Prentice, eine Nichte von Mrs. Huntington, deren Eltern kurz nach ihrer Geburt gestorben waren. Diese heiratete 1889 Prinz Franz Eduard von Hatzfeld und wohnte mit ihm in England.

 

In zweiter Ehe war Collis Huntington mit Catherine Arabella Yarrington (1851-1924) verheiratet.

 

Um diese interessante amerikanische Lady, mit der wir es noch öfters zu tun haben werden, und ihr Umfeld besser zu verstehen, lassen Sie mich bitte einen kleinen Sprung unternehmen, der sich selbst erklären wird.

 

Ein Foto, aufgenommen irgendwann im Sommer 1903, das sich jetzt in der Huntington Library befindet, zeigt die Familie Patton auf der Veranda ihres Hauses in Lake Vineyard. Ihr Sohn George Jr. – der spätere General Patton, der im März 1945 immerhin für eine halbe Stunde auch in St. Wendel "weilte" - lehnt träge an einer Wand und betrachtet seine Eltern und einen walrossbärtigen Henry Edwards Huntington, der es sich in einem Schaukelstuhl gemütlich gemacht hat. Damals war dieser Sproß der Familie Huntington gerade dabei, ein zweites Vermögen als Präsident der Pacific Electric Railway zu machen. Elf Jahre zuvor hatte er während seiner ersten Reise nach Südkalifornien die San- Marino-Ranch von J. de Barth Shorb nahe Pasadena besucht und sich in die Gegend verliebt. Die Ranch lag auf einer Hochebene, begrenzt von einem kleinen Hügel, der einen wunderschönen Ausblick über das San Gabriel-Tal bis nach Los Angeles und den pazifischen Ozean bot. 1903 – im gleichen Jahr, als er mit seinen Freunden, den Pattons, auf der Veranda ihres Hauses saß – kaufte er die Ranch und begann Pläne zu schmieden, wie er sie neu gestalten konnte. Geld war nie ein Problem gewesen. Sein Onkel Collis Huntington, den wir schon kennengelernt haben, hatte ihm bei seinem Tod etwas über 40 Millionen Dollar hinterlassen, zusätzlich zu seinen 30 Millionen aus Immobilienspekulationen und seinen Anteilen an der Pacific Electric. Geld war natürlich auch deshalb kein Problem für Henry, weil der andere Teil des Vermögens seines Onkels ebenfalls zur Verfügung stand. Denn Henry heiratete 1913 Arabella, die Witwe seines Onkels.

 

Nachdem sie nach langer Liaison 1884 Collis Huntington geheiratet hatte, bemühte sich Arabella Huntington, ihr Geld in der Familie zu behalten. Ihre Heirat mit Henry Edwards Huntington im Jahre 1913 erscheint da nur folgerichtig. Arabella war eine strenge, herrische Frau, deren aristokratisches Auftreten ihre ständige Furcht verdecken sollte, irgendwann einmal auffliegen zu können: Sie hatte ihre Herkunft geschickt verborgen – keine Geburtsurkunde, kein Taufeintrag, keine Heiratsurkunde – aber trotzdem wurde bekannt, daß sie während der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges in Richmond, Virginia, lebte – als Geliebte eines Spielers namens John Archer Worsham, der außerdem anderen Glückspielern Darlehen gab. Einer anderen Version nach war sie mit ihm verheiratet. Nach dem Krieg ließ er sie schwanger in New York City sitzen (alternativ: er starb und ließ sie als Witwe zurück). Wie auch immer, Arabella ging es wie Scarlett O'Hara in "Vom Winde verweht". Sie war eine Überlebenskünstlerin. Nach ein paar Jahren tauchte sie wieder auf – als Geliebte und Geschäftsberaterin von Collis Huntington, dem Präsidenten der Central Pacific. Sie wurde schließlich seine zweite Frau. Gerüchten zufolge war ihr Sohn Archer Collis Huntingtons leiblicher Sohn. Bis zum Jahr 1900 hatte Arabella nicht nur überlebt, sondern sie war eine der reichsten Frauen der Welt geworden. Und sie führte sich auch so auf, besonders auf den internationalen Kunstmärkten, wo sie etliche Millionen Dollars ausgab. Südkalifornien mochte sie nie, sie zog es nach Paris.

 

Zusammen mit ihrem Ehemann engagierte sie sich in vielen karitativen Organisationen. 1919 unterzeichneten sie die Überführung ihres Anwesens in San Marino bei Los Angeles und ihrer Sammlungen in eine gemeinnützige Stiftung, wodurch die Huntington Library, Art Collections and Botanical Gardens (Huntington Kunstgalerie) entstand.

 

Die Huntington Gallery enthält eine der umfassendsten Sammlungen der britischen und französischen Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts; darunter Thomas Gainsboroughs „The Blue Boy“ und Thomas Lawrences „Pinkie“. Die „Virginia Steele Scott Gallery of American Art“ im Westflügel umfasst viele amerikanische Gemälde zwischen 1730 und 1930.

 

Nach Europa und zurück

 

Irgendwann zwischen 1890 und 1900 trat Johanna Riefer in Dienst bei Arabella Huntington.

 

Das genaue Datum ihrer ersten Reise nach Amerika konnte ich nicht feststellen. Das heißt, es gibt da mehrere Möglichkeiten, wann das war. Leider sind das nicht die einzigen … ähm … "Unschärfen" in ihrem Leben. Lassen Sie mich dazu einen Sprung von ein paar Jahren in die relative Zukunft machen und dann gleich wieder zurück kommen.

 

Im Jahre 1917 stellte Johanna Riefer einen Antrag auf Einbürgerung. Dieser ganze Vorgang dauerte etwa fünf Jahre – damals jedenfalls; die heutigen Gepflogenheiten mögen anders sein.

 

Zunächst stellte der Einbürgerungswillige seine "Declaration of the Intention", also eine "Erklärung der Absicht", zwei Jahre später gefolgt von der "Petition for Naturalization" (Antrag auf Einbürgerung). Dann wurde dieser Antrag geprüft, und wiederum eine Zeitlang später erfolgte die Einbürgerung selber, die mit dem "Oath of Allegiance" (Treueschwur) endete.

 

Für uns besonders interessant ist das erste Formular, die "Declaration of the Intention", die Absichtserklärung.

 

Am 6. März 1917 beurkundet der Beamte am öffentlichen Gericht des Bundesstaats New York im Süd-Distrikt der Stadt New York im Namen seines Vorgesetzen Alex Gilchrist junior folgende Erklärung:

 

"Ich, Johanna Riefer, 53 Jahre alt, Beruf: Dienstmagd, erkläre meine persönlichen Eigenschaften an Eides statt

 

Hautfarbe weiß

Gesichtsfarbe hell

Größe 5 Fuß 6 Inches (etwa 172 cm)

Gewicht 170 Pfund

Haarfarbe braun

Augenfarbe blau

 

Ich wurde geboren in Saint Wendel, Deutschland, am 5ten Tag des Oktobers im Jahre des Herrn 1863. Ich wohne zur Zeit in der 2nd East 57th Street, New York City, NY.

 

Ich bin in die Vereinigten Staaten von Amerika von Southampton auf dem Schiff St. Louis eingewandert; ich bin nicht verheiratet (…)

 

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„Gesichtsfarbe hell“: Im Original: "complexion fair". Das wird am besten mit "bleiche Haut" übersetzt. Gemeint ist deshalb das Gesicht, weil dieses intensiver der Sonne ausgesetzt ist als der Rest des Körpers. Der Unterschied zwischen "allgemeiner" Hautfarbe und Gesichtsfarbe wird deshalb abgefragt, weil bei Einwanderern aus südlicheren Ländern die Gesichtsfarbe dunkler sein kann (oder ist) als die Farbe der Haut. Freundl. Hinweis von Bob Friedman, Brooklyn, NY.

 

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Es ist meine feste Absicht, jeder Treue und Gefolgschaft zu irgendeinem ausländischen Prinzen, Potentaten, Staat oder Souverän zu widersagen, ganz speziell Wilhelm II, Kaiser von Deutschland, zu dessen Untertanen ich zur Zeit zähle.

 

Ich bin im Hafen von New York im Bundesstaat New York am oder um den 4. November im Jahre des Herrn 1896 angekommen; ich bin keine Anarchistin, ich bin keine Polygamistin und halte auch nichts von der Polygamie; und es ist meine wahre Absicht, eine Bürgerin der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden und dort auf Dauer zu wohnen. So wahr mir Gott helfe. "

 

Eine amerikanische Kollegin hat mir geschrieben, daß die Behörden eigentlich gehalten waren, diese Angaben zu prüfen, dies aber aus Faulheit oft nicht taten. Deshalb konnte jeder so ziemlich das angeben, was er meinte oder für richtig hielt. So etwas sei ihr noch nie vorgekommen, meinte sie, daß eine Frau hinsichtlich ihres Alters falsche Angaben machte J.

 

Ich weiß nicht, wie Johanna Riefer auf das Geburtsdatum gekommen ist. Niemand aus ihrer Familie wurde am 5. Oktober 1863 geboren, sie selbst auch nicht. Sie hat sich einfach nur jünger gemacht, 7 Jahre, 11 Monate und 21 Tage.

 

Auch das Einreisedatum stimmt vermutlich nicht. Jedenfalls habe ich im Oktober 1896 auf der "St. Louis", die in diesem Monat gleich zwei Reisen in Richtung New York unternahm, keine Reisende gefunden, die auch nur ansatzweise "Riefer" oder "Kiefer" oder "Johanna" oder "Jeanne" oder so ähnlich hieß und auf ihr tatsächliches oder angenommenes Geburtsdatum resp. Alter auch nur annähernd paßte.

 

Es ist auch gar nicht sicher, ob Johanna gleich nach ihrer Einreise in die USA bei den Huntingtons anfing. Mein Freund Carl Zimmer, der mir schon etliche Male bei Recherchen in den USA geholfen hat, hat auch mit der Huntington Library in Kalifornien Kontakt aufgenommen. Dort findet sich nach Aussage eines Mitarbeiters der Bibliothek außer einem Zettel, auf dem die Ablieferung einer Ladung Wäsche von Johanna quittiert wird, kein Lebenszeichen von ihr. Das mag daran liegen, daß kurz nach Arabellas Tod deren sämtliche persönlichen Aufzeichnungen, inkl. dem ganzen Schriftverkehr, der mit ihr zu tun hatte, auf testamentarische Order vernichtet wurde. Alles weg. Das hat die Recherche nicht gerade vereinfacht.

In der Volkszählung vom 2. Juni 1900 finden wir Johanna Riefer in der 33th Street West im Herzen von Manhattan, New York City, NY. Sie wohnt in einem "boarder house", also einer Pension. Eigentümer oder Verwalter des Hauses ist eine deutsche Familie mit Namen Walter.

 

Schon jetzt gibt sie ihr Geburtsdatum falsch an: Oktober 1861, noch eine Variante, die sie 39 Jahre alt macht. Als Beruf ist "servant" eingetragen, also "Hausangestellte". Aber bei wem?

 

Collis und Arabella Huntington und ihre elf Hausangestellten wohnen im Haus No 2 in der 57th Street West von Manhattan. Die Distanz beträgt zwei Meilen, also etwa 3,5 Kilometer.

 

In diese Zeit paßt das erste der Fotos, die wir von Johanna Riefer haben. Zur Verfügung gestellt hat es – wie auch die anderen - Hermann Strässer aus Saarbrücken, der einen Teil des Nachlasses von Johanna Riefer besitzt.

 

Obgleich die Dame auf dieser Aufnahme recht jung aussieht, wurde das Foto erst nach 1896 gemacht, d.h. die Frau auf dem Foto ist mindestens 45 Jahre alt.

 

Die Hülle zeigt den Namen des Herstellers "Otto Sarony Co. Studios Golden Miniature". Otto Sarony war ein New Yorker Fotograf im ausgehenden 19ten Jahrhundert. Er hatte nach dem Tode seines viel berühmteren und engagierteren Vaters Napoleon Sarony, einem guten Freund von Samuel L. Clemens (besser bekannt als Mark Twain), im Jahre 1896 dessen Geschäft in New York übernommen und 1898 unter Beibehaltung des Firmennamens verkauft. Das Geschäft wurde mindestens bis 1910 betrieben. Das bedeutet, daß die junge Dame auf diesem Bild, bei der essich definitiv um Johanna Riefer handelt, zwischen 41 und 55 Jahre alt ist.

 

Es scheint, als ob Johanna Riefer Arabella Huntingtons ersten Ehemann Collis Porter nicht mehr kennengelernt hat (er starb im Jahre 1900), sondern in der Zeit vor Arabellas zweiten Ehe eingestellt wurde.

 

"Zusammen" finden wir sie zum ersten Mal auf einer der zahlreichen Schiffsreisen, die Arabella fast in jedem Jahr nach Europa unternahm. Leider sind nur die Rückreisen publiziert, da jedes in den USA anlandende Schiff unaufgefordert eine Liste seiner Passagiere und Mannschaftsmitglieder unaufgefordert abgeben mußte. Die Passagiere wurden beim Betreten des Schiffes im Auslaufhafen oder bei den Zwischenstationen mit allerlei Details registriert.

 

 

Am 20. Januar 1904 trifft der Dampfer Kaiser Wilhelm II aus Cherbourg in der Normandie kommend im Hafen von New York City ein.

 

Unter den zahlreichen Passagieren finden wir:

 

=> Mrs. C.P. Huntington, das ist Collis Porters Witwe Arabella

=> ihre persönliche Assistentin Miss Campbell, eine ständige

     Begleiterin Arabellas auf ihren Reisen,

=> Mr. Archer M. Huntington, ihr Sohn

=> dessen erste Ehefrau, die Schriftstellerin Helen Manchester Gates

     sie wird hier "Mrs. Archer M. Huntington" genannt.

=> Miss Cummings aus New York, 25, ohne Beruf, Amerikanerin

 

Im Gefolge von Mrs. Huntington reisen die folgenden Bediensteten:

=> Dominez Martinez, ein spanischer Diener, 27 Jahre alt,

=> Angus Mc Gilverey, ein schottischer Diener, 30 Jahre alt,

=> Suzanne Gilomene, 27 Jahre, eine Dienstmädchen aus der Schweiz.

 

Und – last but not least – Jane Reifer, 24 Jahre alt (!), Dienstmädchen,

Staatsangehörigkeit "German".

 

Alle haben die letzten paar Monate in Paris zugebracht, jetzt kehren sie nach Hause in die Staaten zurück. Aber nicht für lange, denn schon am 13. Oktober des gleichen Jahres fahren sie auf der Oceanic wiederum von Liverpool in England nach New York zurück.

 

Aus den amerikanischen Schifflisten habe ich entnehmen können, daß Johanna Riefer – vermutlich immer als Begleitung von Arabella Huntington – zwischen 1904 und 1921 insgesamt mindestens 13 mal den Atlantik von Europa aus Richtung Amerika überquert hat. Meine „Augenzeugin“ Edith Kessler aus Sulzbach sagte mir, Johanna habe insgesamt 44 mal den Atlantik überquert. Das ist 18mal mehr als ich nachweisen kann, aber vielleicht habe ich keine weiteren Einträge gefunden, weil der Name in weiteren Listen bis zur Unkenntlichkeit falsch geschrieben oder transkribiert wurde.

 

Auf der dritten Reise im Juni 1906 auf der Baltic, eine der wenigen, die ich in der Gegenrichtung gefunden habe – die Baltic kommt aus New York und fährt nach Liverpool – findet sich in Arabella Gefolge eine Deutsche namens Jeanne Kiefer, die mit ihren 39 Jahren etwa 1867 geboren sein muß. Liverpool war nur eine Zwischenstation – vielleicht der Heimathafen der Baltic. Von hier ging die Reise weiter nach Paris, wo man wie immer fürstlich wohnte.

 

Geld spielte hier ja wirklich keine Rolle, deshalb hatte Mrs. Huntington für sich und ihr Gefolge eine Unterkunft – die sicher nicht so bezeichnet wurde - gebucht. In einem Artikel der Oakland Tribune vom August 1912 steht, „Mrs Huntington has a superb home in Paris, the Elysie Palace“ (Mrs. Huntington hat eine vorzügliche Wohnung in Paris, den Elysee-Palast). Nun, Herr Sarkozy würde das vermutlich nicht so lustig finden.

 

Aber tatsächlich ist damit nicht der Palast gemeint, sondern das Elysée-Palace-Hotel, eine Nobeladresse an der Champs-Elysée Nr. 103.

 

In diesem Hotel wurde übrigens ein paar Jahre später eine weitere Überlebenskünstlerin namens Margaretha Geertruida Zelle verhaftet – die Welt kannte sie mit ihrem Künstlernamen „Mata Hari“. 1919 wurde das Hotel von der französischen Handelsbank „Crédit Commercial de France“ aufgekauft.

 

Auf ihren Reise verbrachte Arabella erhebliche Zeit in den beiden Hauptstädten Paris und London, wo sie mehrere enge Bekanntschaften mit bekannten Kunsthändlern wie Joseph Duveen und Jaques Seligman. Die beiden verhalfen ihr zu dem notwendigen Wissen und Fingerspitzengefühl, um ihre einzigartige Sammlung aufzubauen.

 

Arabella und Gefolge bleiben etwa drei Monate in Paris, quasi den ganzen Sommer. Anfang Oktober gehen sie in Cherbourg an Bord des Dampfers „Kaiser Wilhelm II“ und reisen zurück nach Paris. Versteht sich, daß Mrs. Huntington auch die Tickets ihrer Bediensteten bezahlt.

 

Und versteht sich, daß sie nur mit großem Gepäck reisten. Ein Utensil, das Johanna immer mit sich führte und das die Reise über den Atlantik mindestens so oft gemacht hat wie sie selber, ist ihr Messingbett, das sich heute im Besitz von Hermann Strässer befindet.

 

Das gleiche spielt sich im darauffolgenden Jahr, 1907, ab. Wieder finden wir sie auf der Rückreise, und wieder erreichen sie New York City am 9. Oktober, diesmal an Bord der „Kronprinzessin Cecilie“. Aus Johannas Eintrag erfahren wir mehr Details: sie kann lesen und schreiben, ist Deutsche, aber keine Einwandererin, weil sie für die Huntingtons arbeitet. Sie ist 5 Fuß 7 Zoll groß und hat dunkle Haare und blaue Augen.

 

Die Schiffsmanifeste werden immer detaillierter. Im Jahr 1908 findet wohl keine Reise statt (jedenfalls habe ich keine gefunden). 1909 fahren sie wieder auf der „Kronprinzessin Cecilie“ zurück, allerdings einen Monat später, also erst im November. Miss Johanna Riever (mit „v“) ist seit zwei Jahren 41 Jahre alt, sie ist Deutsche mit letztem Wohnort in Paris, Frankreich. Zum ersten Mal wird ein Verwandter angegeben, quasi als Bezugsperson, falls … vielleicht … mal …

 

Mr. K. Riefer aus St. Wendal, Germany“ heißt mit vollem Namen Karl Michael Riefer und ist einer von Johannas Neffen, ein Sohn ihres ältesten Bruders Johann. Karl wohnt zur Zeit noch in St. Wendel, aber nicht mehr lange. 1913 wird der Obertelegrafeninspekteur in Essen heiraten. Auf dem Weg dorthin werden wir ihn noch einmal treffen.

 

Hier im Eintrag von 1909 erfahren wir ein weiteres potentielles Einreisedatum für Johanna in Amerika. Sie gibt nämlich an, daß ihre erste Reise nach Amerika vor 17 Jahren stattfand, das wäre also 1892. Ob ich da etwas gefunden habe? Schön wärs.

 

Von 1909 wissen wir aber auch, daß sie in St. Wendel gewesen ist und ihre Familie besucht hat. Am 28. August hinterlegt sie ihr erstes Testament bei Notar Custodis. Das mit den 50.000 Reichsmark Wert.

 

Aus dem gleichen Jahr gibt es ein m.E. bezeichnendes Interview, das zeigt, daß Arabella Huntington sich um die sozialen Angelegenheiten ihrer Zeit keine Gedanken machte. Als der Dampfer am 2. November in New York City anlegt, wird sie hinsichtlich des Frauenwahlrechts interviewt, dessen Einführung damals heiß diskutiert wurde. Auf die Frage, ob sie an diesem Wahlrecht interessiert sei, gibt sie mit einem Lächeln zur Antwort:

 

"Nicht sehr. Obwohl ich glaube, daß in Grundstücks- und Erziehungsangelegenheiten Frauen selbst entscheiden können sollten. Ich selbst besitze große Landflächen und verwalte sie ganz alleine, aber auch wenn ich wählen gehen dürfte, würde ich es vermutlich nicht tun!"

 

Am 26. April 1910 reist man auf einem richtig berühmten Schiff nach Liverpool, auf dem großen Ozeandampfer Lusitania, benannt nach der alten römischen Provinz Lusitanien im Gebiet des heutigen Portugal. Sie ist Eigentum der britischen Reederei Cunard Line und wird ab September 1907 im Liniendienst Liverpool – New York eingesetzt. Zusammen mit dem Schwesterschiff Mauretania gehört sie zu den schnellsten und größten Passagierschiffen ihrer Zeit.

 

Das Schiff benötigt für die Atlantiküberquerung 4½ Tage und erhält im Oktober 1907 das berühmte Blaue Band, die unter den Reedern der ganzen Welt begehrte Auszeichnung für die schnellste Atlantiküberquerung. Das Blaue Band wurde seit November 1897 von deutschen Schiffen gehalten, zuletzt 1903 auf der Fahrt nach Westen von der Deutschland und 1904 auf der Fahrt nach Osten von der Kaiser Wilhelm II.

 

Am 7. Mai 1915 wird das Schiff, das neben 1258 Passagieren und 701 Besatzungsmitgliedern noch 1248 Kisten mit 3-Zoll-Granaten, 4927 Kisten mit Gewehrpatronen sowie 2000 Kisten mit Munition für Handfeuerwaffen (insgesamt etwa 10,5 Tonnen Sprengstoff) geladen hatte, vor der Südküste Irlands durch einen Torpedo des deutschen U-Boots U 20 versenkt. 1198 Personen sterben, die höchste Zahl der Opfer auf See im Ersten Weltkrieg bei einem Ereignis. Die Lusitania war nach dem 1916 gesunkenen britischen Hospitalschiff Her Majesty Hospital Ship Britannic das zweitgrößte im Ersten Weltkrieg versenkte Schiff.

 

Auf der Rückfahrt an Bord der "George Washington" am 17. November 1910 werden unsere Reisenden von einem berühmten Zeitgenossen begleitet. Er ist Komponist, 51 Jahre alt und auf dem Weg in die USA, wo er am 10. Dezember 1910 sein glanzvolles Debüt an der Metropolitan Opera in New York City geben wird. Es ist Giacomo Puccini, begleitet von seinem Sohn Antonio. Sein Debüt besteht aus der Oper La fanciualla del West, dirigiert von Arturo Toscanini, die männliche Hauptrolle singt Enrico Caruso.

 

Unter den Angestellten der Huntingtons sind die 43jährige Jeanne Riefer, der gleichaltrige schottische Angus McGillivray sowie zwei weitere Frauen, Paulina Trogon, 38, aus Frankreich und Albertine Riffman, 28, aus Amerika. Kontaktperson für Johanna ist diesmal ihr Bruder Johann Riefer in St. Wendel – und das liegt, wie wir alle wissen - im Elsaß J.

 

Etwa in diese Zeit dürfte auch das zweite Foto fallen, daß ich von Hermann Strässer erhalten habe. Es zeigt eine schon nicht mehr so ganz junge, sehr elegant gekleidete Dame. Auf ihrem ernsten Gesicht scheint ein kleines Lächeln durch.

 

Jetzt ist es – glaube ich – an der Zeit, etwas über Angus McGillivray zu erzählen. Leider kann ich Ihnen von ihm kein Foto zeigen.

 

Wieder war es Frau Kessler aus Sulzbach, die hierzu eine Geschichte parat hatte. Mit dem Butler Angus McGillivray, der seit 1892 in Diensten der Familie Huntington stand und ähnlich wie Johann Riefer unterschiedliche Alter in unterschiedlichen Dokumenten aufweist – scheint in der „Familie“ zu liegen, soll Johanna eine Liebschaft gehabt haben. Es wurde gar von Heirat gesprochen, doch hatte Angus im Sinn, seine Ehefrau solle auf seinem Gut in Schottland wohnen; aber das war nicht in Johannas Sinn.

 

Frau Kessler hat eine Schmuckdose, die von Johanna stammt und in Amerika angefertigt wurde. Im Innenfutter findet sich eine kleine Karte mit Weihnachtswünschen von Angus an Johanna von 1921.

 

Und weiter gehen die Reisen. Im Jahr 1911 finden wir sie erst auf der Rückfahrt wieder, am 10. Oktober wieder einmal auf der „Kronprinzessin Cecilie“.

 

Diesmal heißt es bei der Angabe der Bezugsperson in Europa: „Name und die vollständige Anschrift eines Verwandten oder Freundes, von dem aus der Reisende die Reise angetreten hat“. Ob der Besuch tatsächlich stattgefunden hat, läßt sich leider nicht mehr feststellen. Die Adresse lautet: C. Riefer, Dresden, Ammonstraße 21. Leider habe ich kein Adressbuch von Dresden aus dieser Zeit gefunden, aber ich vermute, daß es sich wiederum um Karl Michael Riefer handelt – bis zu seiner Hochzeit im übernächsten Jahr hat er ja noch ein bißchen Zeit.

 

Für das Jahr 1912 habe ich wieder eine kleine Legende. Danach soll Johanna – nach der vorhandenen Liste immer noch 45 Jahre alt - vor der Reise mit der Titanic davon geträumt haben, daß durch ein Bullauge Wasser hereinströmen würde; Arabella Huntington habe darauf die Reise mit dem Schiff abgesagt, weil sie sehr abergläubig war. Was dabei nicht paßt, ist der Umstand, daß die Titanic auf dem Weg nach Amerika sank, während die Huntingtons zu dem Zeitpunkt eher auf dem Weg nach Europa waren. Ihre Rückreise findet wieder im September statt – auf der „George Washington“ treffen sie am 22. September, also schon relativ früh, wieder in New York ein.

 

Das Jahr 1913 hat es in sich. Arabella Huntington, die von allen nur „Belle“ genannt wird – was ja auch durchaus paßte – heiratet Henry Edward Huntington in Paris. Obwohl beide etwa gleichaltrig sind, ist er de jure ihr Neffe. Denn sein Vater war ein Bruder von Belles zweitem Ehemann Collis Porter Huntington.

 

Die zukünftigen Eheleute waren getrennt von einander im Frühjahr 1913 nach Europa gereist und hatten ihre Verwandten in den Staaten von ihren Absichten völlig in Unkenntnis gelassen, wohl wissend um den Ärger, den eine zu frühe Mitteilung auslösen würde. Nur seiner Schwester Carrie hatte sich Edward in einem Brief anvertraut. „Ich kann dir nicht sagen, wie glücklich ich bin“, schrieb er ihr: „und ich hoffe, die Ehe wird alles ersetzen, was ich verloren habe, und ich werde ein zuhause haben, wie ich es nie zuvor hatte. Belle ist so gut und nett zu mir, und ich weiß, sie wird mich sehr glücklich machen. Gestern hat sie sich eine heftige Erkältung eingefangen. Mit überaus großer Liebe, dein Bruder.“

 

Am Tag der Hochzeit schickte er dann noch ein Telegramm: „Habe heute geheiratet – Belle schickt Grüße – Edward.“ Seine Eltern erfuhren die Nachricht – wie der Rest von Amerika auch – aus der Tageszeitung. Nach der vorgeschriebenen Ziviltrauung im Büro des Bürgermeisters von Paris, fand die kirchliche Zeremonie in der kleinen Amerikanischen Kirche in der Rue du Berri statt. Nach der Trauung feierte man im Hotel „Bristol“ und verbrachte die Flitterwochen auf einer Autoreise durch Südfrankreich und die Schweiz.

 

In Amerika hatten sich alle großen Zeitungen auf das Ereignis gestürzt. Für uns interessant ist eine Darstellung der verwandtschaftlichen Beziehungen, die durch eine solche Heirat entstanden:

 

Er wird zu:

=> seinem eigenen Onkel

=> einem Neffen seiner Frau

=> einem Schwager seiner Schwiegermutter

=> einem Großonkel seiner eigenen Kinder

=> Stief-Großvater seiner eigenen Kinder

 

Sie ist:

=> die Tante ihres Ehemanns.

=> Cousine ihrer adoptierten Tochter

=> die Schwiegertochter ihrer Schwägerin

=> Stieftochter ihrer eigenen Großnichten

=> und falls sie Kinder hat, wird sie deren Tante sein.

 

Der Streß muß extrem gewesen sein, denn als Johanna Riefer mit den Frischvermählten im Oktober auf der George Washington wieder nach New York City zurückkehrt, ist sie um Jahre gealtert. 1912 noch 45 Jahre alt, wird ihr Alter jetzt mit 49 angegeben.

 

 

Im Januar 1914 ziehen die Huntingtons mit ihrem Gefolge in Edwards Anwesen in San Marino, California, um. Aber bereits nach drei Monaten in der Ruhe und relativen Abgeschiedenheit fahren sie wieder zurück nach New York City, um von dort nach Europa zu reisen. In New York gibt es krankheitshalber noch eine kleine Verzögerung, dann reist man auf der "George Washington" im klassischen Stil – eine Suite und fünf Extra-Räume für die Begleitung – nach Paris.

 

Hier hat Henry bereits im Jahr zuvor das Chateau Beauregard nahe Versailles für mehrere Jahre gemietet. Notwendige Reparaturen sind seitdem durchgeführt worden, wie z.B. neue Vorhänge, die gesamte Ausmalung aller Räume, neue Fußböden, ein neues Dach, neue Badezimmer etc. Die Kosten von annähernd 100.000 Dollar werden von Henry anstandslos bezahlt. Neue Diener werden eingestellt, die sich um das Haus zu kümmern hatten, dreizehn drinnen und neunzehn draußen. Alles ist soweit in Ordnung gebracht, als sie vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht werden. Zuerst die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo, dann das ausbrechende Chaos im Juli und schließlich die deutsche Kriegserklärung gegen Frankreich, auf dessen Seite sich sofort Russland als Bündnispartner schlug.

 

Kurz darauf kommen schlimme Nachrichten aus Nürnberg. Henrys Sohn aus erster Ehe, Archer Huntington, und dessen Ehefrau Helen sind in Nürnberg festgesetzt und sehr rauh behandelt worden, weil man Archer für einen russischen Großherzog gehalten und in seinem Auto viele Reisekarten gefunden hat. Doch es geht glimpflich aus, am 23. August kommen die beiden wohlbehalten in Amsterdam an. Als der Krieg näher rückt, wird es für Henry und Arabella auf Chateau Beauregard immer unsicherer. Sie verlassen Frankreich und fahren am 17. September nach London und von dort am 25. September an Bord der Adriatic zurück nach New York. Johanna bleibt noch gut zwei Monate länger in Europa.

 

Das Chateau Beauregard wird im Zweiten Weltkrieg anfangs von der Organisation Todt benutzt, später wird es Teil eines nahegelegenen Gefängnisses und gegen Kriegsende gar ein russisches Kriegsgefangenenlager. Nach dem Krieg liegt es in Ruinen, die letzten Reste – bis auf einen Teil des Eingangsbereichs – wurden 1956 beseitigt.

 

Überrascht war ich, als ich Johannas letzten Wohnort las. Sie wohnt in Angers in der Katholischen Universität, etwa 130 km westlich von Paris.

 

Die Katholische Universität des Westens (frz. Université Catholique de l'Ouest, kurz UCO) wurde 1373 gegründet und kann seit ihrer Reformation im Jahr 1875 auf eine lange Tradition zurückblicken. Jedes Jahr gibt es hier 12.000 Studenten.

 

Erst 1875 mit dem Gesetz zur Schaffung von Privatuniversitäten und der Auflage mindestens drei Fakultäten zu führen, erhielt sie ihre Lehrerlaubnis zurück. Daraufhin entschieden die französischen Bischöfe, in Frankreich fünf Katholische Universitäten zu errichten, und man nahm den Lehrbetrieb an der bereits bestehenden Universität in Angers wieder auf. Die Universität wurde nun, da sie für den westlichen Teil Frankreichs zuständig war, umbenannt zur „Facultés Catholique de l' Ouest“. In den darauf folgenden Jahren entstanden die Fakultäten für Rechtswissenschaften (1875), für Literatur (1876), für Naturwissenschaften (1877) und für Theologie (1879). Im Jahr 1947 wurden die ersten ausländischen Studenten zugelassen.

 

Als ich diesen Eintrag las, habe ich gleich einen Brief an die UCO losgeschickt und nachgefragt, aber nie eine Antwort erhalten. Also habe ich einen Franzosen engagiert, ein paar Euro bezahlt und von ihm erfahren, daß Johanna Riefer definitiv nicht auf der UCO eingeschrieben war. Wenn ich mir den sozialen Hintergrund der Huntingtons betrachte, könnte ich mir vorstellen, daß sie die Universität finanziell unterstützt haben. Aber das ist nur eine Spekulation.

 

Johanna, deren Alter mit 51 Jahren angegeben wird, fährt im November 1914 auf der „Rochambeau“ von LeHavre nach New York City zurück. Ihrer Nationalität nach soll sie "Französin" gewesen sein. Diese Rolle dürfte sie angesichts ihrer langen Jahre in Paris relativ einfach bewältigt haben. Daß sie eigentlich noch die deutsche Staatsbürgerschaft hatte – nun, es wär ihr sicher nicht bekommen, hätte sie das zugegeben.

 

Die Reise im Jahre 1914 war die letzte während des gesamten Ersten Weltkrieges. Bekräftigt wurde dies wohl auch durch die Versenkung der Lusitania am 7. Mai 1915, von der wir schon gehört haben.

 

Auch für Johanna hatte der Krieg einschneidende Folgen. Aus anderen Fällen weiß ich, daß deutsche Einwanderer gerade im Ersten Weltkrieg mit Argusaugen beobachtet und teilweise unter Spionageverdacht oder auch vorsichtshalber interniert wurden. Nicht zufällig kommt mir da der Umstand vor, daß Johanna im Jahre 1917 ihren Antrag auf Einbürgerung stellte.

 

Für Arabella muß der Erste Weltkrieg ein Gefühl des Eingesperrtseins auf dem amerikanischen Kontinent hervorgerufen haben. Sie altert in den drei Jahren sichtlich. Hinzu kommt rabenschwarzes Pech. Ein Unfall mit dem Fahrrad in ihrer Jugend hat ihr Augenlicht beinträchtigt, jetzt im Alter kommen weitere Unfälle hinzu. Ein weiterer Sturz, bei dem sie sich den Kopf anschlägt. Ein unvorsichtiger Chauffeur, der die Tür zuschlägt, während sie noch die Hand dazwischen hat. Es summiert sich.

 

Ebenfalls in die Zeit des Ersten Weltkrieges fällt der Bau einer kleinen Kapelle auf dem St. Wendeler Friedhof. Gewidmet ist sie der Familie Riefer – schlecht zu erkenne, das große "R" sieht wie ein "K" aus – und errichtet von einem Bildhauer aus Alsfassen namens Nikolaus Strube (1896-1917).

 

Auftraggeber ist Johanna Riefer. Gedacht ist die Kapelle – so sagen die Überlieferungen – um ihren Eltern eine angemessene Ruhestätte zu geben. Der Bau muß um 1914 durchgeführt worden sein, denn Nikolaus Strube ist 1917 im Alter von 21 Jahren im Ersten Weltkrieg gefallen.

 

Auf diesem Plan aus dem Jahre 1990 kann man die Umrisse der Kapellenparzelle gut erkennen. Rechts daneben steht ein alter Stein, der die Familienbegräbnisstätte Peter Lerner und Wilhelm Strässer kennzeichnet. Sie wurde 1897 eingerichtet.

 

Unter der Kapelle und auch unter dem Grundstück davor soll es eine große Gruft gegeben haben, in die man durch die Kapelle einsteigen konnte. Dort wurden die Särge ihrer Eltern abgestellt. Und das kommt mir etwas seltsam vor. Ihre Mutter war zu dem Zeitpunkt schon fast 50 Jahre, ihr Vater etwas mehr als 20 Jahre tot. Da dürfte nicht mehr viel zum Beerdigen in der Gruft gewesen sein.

 

Jahre später, als Johanna sich die Gruft anschaut, stellt sich heraus, daß Grundwasser eingedrungen ist und die Reste der elterlichen Särge in der Gruft herumschwimmen. Diese wird daraufhin verfüllt. Heute zeugt nichts mehr davon, und kaum jemand weiß, welche herrliche und vor allem teure Anlage das ganze einmal gewesen ist.

 

Im Frühjahr 1920 werden die jährlichen Reisen nach England und Frankreich wieder aufgenommen. Im gewohnten Rhythmus. Also im Frühjahr nach Europa und im Oktober wieder nach hause.

 

Am 23. Oktober kehren sie an Bord der Mauretania, dem Schwesterschiff der Lusitania, nach Amerika zurück. Johanna, jetzt 56 amerikanische Jahre alt, ist immer noch Deutsche, will auf unbestimmte Zeit in Amerika bleiben, aber dann wieder nach Deutschland zurückkehren. Nein, im Gefängnis war sie noch nie; polygam ist sie auch nicht und Anarchistin schon gar nicht. Ihre nächste Verwandte zuhause ist ihre Schwester Mrs. B(arbara) Schmidt, St. Wendel, Germany.

 

Die Reise im Jahr 1921 wird die letzte sein, die Arabella nach Europa unternimmt. Für Johanna bedeutet sie eine Neuerung. Ihre Einbürgerung ist durch – sie hat ihren Verfassungseid, den "Oath of Allegiance", geleistet und ist jetzt Bürgerin der Vereinigten Staaten von Amerika.

 

Das bedeutet aber für sie auch, daß sie sich einen Reisepaß zulegen muß, um ihre zukünftigen Reisen nach Europa durchführen zu können. Den Antrag dazu stellt sie am 23. Juni 1921; er wird ohne Verzögerung am 27. Juni bewilligt.  Ein sehr interessantes Dokument.

 

"Ich, Johanna Riefer, eine eingebürgerte und loyale Bürgerin der Vereinigten Staaten, beantrage hiermit beim Staatsministerium in Washington einen Reisepaß.

 

Ich schwöre feierlich, daß ich in Saint Wendel am 15. Oct 1863 geboren wurde, daß ich in die Vereinigten Staaten etwa im November 1894 ausgewandert bin und ununterbrochen seit 27 Jahren in den Vereinigten Staaten lebe, von 1894 bis 1921 in New York City. Daß ich als Bürgerin der Vereinigten Staaten vor dem U.S. Gerichtshof des Südlichen Bezirks von New York City am 15. Februar 1921 eingebürgert wurde, so wie es das beigefügte Einbürgerungszertifikat beweist; daß ich die gleiche Person bin, wie im Zertifikat angegeben; daß ich nach meiner Einbürgerung außerhalb der Vereinigten Staaten an folgenden Orten wohnte (keine Angaben); daß ich in den Vereinigten Staaten wohne, mein dauernder Wohnsitz in New York, 2 East 57th Straße, Bundesstaat New York, wo ich dem Beruf der Gesellschafterin einer Dame nachgehe; daß ich zeitweilig das Land verlassen will und binnen sechs Monaten wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehren werde, um dort zu wohnen und die Pflichten der Staatsbürgerschaft dort auszuüben; und daß es mein Wunsch ist, einen Reisepaß zum Zwecke des Besuches der nachgenannten Länder zu den nachgenannten Zwecken zu erhalten."

 

Als Länder sind England (durchgestrichen und durch BI ersetzt), Frankreich und Germany (auch dieses gestrichen) angegeben, Reisezweck ist "travel", also das Reisen an sich.

 

"Ich beabsichte, die Vereinigten Staaten über den Hafen von New York an Bord der Aquitania am 5. Juni 1921 zu verlassen."

 

Und dann folgt erneut der "Oath of Allegiance", der Verfassungseid.

 

"Ferner schwöre ich feierlich, daß ich die Verfassung der Vereinigten Staaten gegen alle Feinde, ob sie aus dem Ausland kommen oder innere Feinde sind, unterstützen und verteidigen werde; daß ich derselben wahre Treue und Gehorsam entgegenbringe; und daß ich diese Verpflichtung freiwillig eingehe, ohne Einschränkung noch Ausflüchte.

                          So war mir Gott helfe."

 

Als sie am 21. Oktober auf der Aquitania zurückfahren, gibt Johanna als Wohnort "San Gabriel, CA" an.

 

Lassen Sie uns doch einfach mal diese Reise in Gedanken mitmachen. Wir beginnen in Frankreich an der Nordküste der Normandie im Hafen von Cherbourg. Von dort hüpfen wir über den Atlantik zur Ostküste der USA und fahren in den Hafen von New York City, New York, ein. Bevor wir die Südspitze der Stadt – das ist der Stadtteil Manhattan, dort, wo die richtig großen Wolkenkratzer stehen und früher das World Trade Center stand – erreichen, passieren wir Liberty Island, dort steht die Freiheitsstatue. Und etwas weiter oberhalb liegt die sog. "Insel der Tränen", Ellis Island, die erste Station aller Schiffe in dieser Zeit.

 

Die Huntingtons und ihr Gefolge sind über all die Jahre immer hier durchgekommen, doch im Gegensatz zum gemeinen Volk werden sie hier nicht gewartet haben müssen.

 

Die Reise von Europa nach Amerika dauerte im Schnitt eine gute Woche. Mindestens genauso lange werden die Huntingtons gebraucht haben, um von ihrem Stadthaus in New York ("ganz oben rechts") zu ihrem Anwesen in San Marino in Californien ("unten links") zu reisen.

 

Am bequemsten ging das an Bord eines der vielen Züge, die seit nunmehr 50 Jahren das Land in alle Richtungen durchquerten. Schön, wenn einem dann die meisten Eisenbahnlinien gehören..

 

Nach einigen Tagen in der Eisenbahn quer durch Nordamerika erreichen wir San Marino in Californien. Damals noch weit von der Stadt gelegen, gehört es heute zum Großraum Los Angeles. Hier liegt die Ranch San Marino, und hier wohnt die Familie Huntington. Schon zu ihren Lebzeiten wird daraus die Huntington Library mit ihren berühmten botanischen Gärten.

 

Arabella Huntington stirbt am 16. September 1924 an den Folgen eines Herzinfarkts und wird in einem Mausoleum auf ihrem Anwesen in San Marino beigesetzt.

 

Rückkehr nach Deutschland

 

Damit ist auch für ihre beiden treuen Angestellten und Reisebegleiter Angus McGillivray und Johanna Riefer, die in ihren Diensten und durch ihre Dienste älter und alt geworden waren, das Ende ihrer Zeit in Amerika absehbar geworden.

 

Der Butler, den der 30 Jahre lang anhaltende Streß psychisch sehr mitgenommen hat, kehrt schon am 1. November 1924 nach Schottland zurück und läßt sich bei seiner Schwägerin in Struy Beauley, Inverness Shire in Schottland, 20 km westlich vom Loch Ness, nieder.

 

Johannas Rückreise beginnt im April 1925. Einen ausgezeichneten Überblick über ihre Reisen ab diesem Zeitpunkt gibt ihre Erfassungskarte, die sich im Archiv des Ordnungsamtes in St. Wendel befindet und die mir bei meinen Ermittlungen eine überaus wertvolle Hilfe gewesen ist.

 

Am 23. April 1925 kommt sie zum ersten Mal wieder für längere Zeit nach Europa. Eigentlich ist das ihre normale Reisezeit, aber diesmal führt sie ihre Reise nicht nach Paris, sondern ins heimische St. Wendel. Sie bleibt bis in den Spätherbst und reist am 25. Oktober 1925 mit der "Columbus" wieder nach Amerika. Sie wohnt jetzt wieder in New in der 57th Straße.

 

In dieser Zeit entsteht die Legende von der reichen Tante aus Amerika. Jedem ist klar, daß die beiden großen Schrankkoffer, die so groß sind, daß sie zuhause nicht durch eine normale Tür passen und deshalb durch die Scheune hereingebracht werden, voller Geld sein müssen. Was soll den sonst da drin sein? Kleider? Unmöglich. So viele Kleider kann ein normaler Mensch doch nicht besitzen, wann soll er oder sie das denn alles tragen.

 

Gugg doch mòh uus aan, mier hann so was aanedd.

 

Arme, reiche Johanna. Was muß das für ein Schock gewesen sein, aus der High Society zurück nach St. Wendel gekommen zu sein. Geht’s überhaupt noch schlimmer?

 

In dieser Zeit dürfte schließlich auch das vierte und letzte Foto von Johanna Riefer entstanden sein. Wieder ist sie ein Stück älter geworden, das weiße Kleid ist einem schwarzen gewichen. Aber ich glaube, das Lachen hat sie noch nicht verlernt.

 

Leider sind die nun kommenden 20 Jahre bis zu ihrem Tod diejenigen, von denen ich zwar weiß, wo sie war, aber nicht, was sie dort gemacht hat.

 

Im Februar 1926 kommt sie wieder nach St. Wendel und bleibt ziemlich genau acht Monate. Dann zieht sie nach Wiesbaden um, wo sie in der Paulinenstraße 11 ein Hotel gekauft haben soll, in dem sie selber wohnt. Das Haus Paulinenstraße 11, die ehemalige "Villa Fortuna", gibt es heute noch, nur weiß niemand dort etwas von Johanna Riefer. Erbaut wurde sie Ende des 19ten Jahrhunderts als Hotel am Kurpark. Im Krieg war das Haus Sitz des Inspektors der Sicherheitspolizei und SS.

 

1927 ist sie zwei Monate lang in St. Wendel, 1928 gar nur einen einzigen. Im Frühjahr fährt sie zum letzten Mal nach Amerika (so meldet uns die Karte aus dem Ordnungsamt – aber ich finde sie nicht auf den Schiffslisten). Nach ihrer Rückkehr beantragt sie die deutsche Staatsangehörigkeit, die ihr durch Akt der Regierung in Trier vom 26.04.1929 (Nr. 7A3 StA R 249 IV) zuerkannt wird. Leider kann ich Ihnen den betreffenden Akt nicht zeigen, da er in Trier während der Bombenangriffe des 2. Weltkrieges zerstört wurde. Ebenso wenig lassen sich Details über ihren Aufenthalt in Wiesbaden ermitteln, da die Meldekartendatei des Einwohnermeldeamtes im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde.

 

Nach einmonatigem Aufenthalt im Oktober 1928 in St. Wendel kehrt sie wieder nach Wiesbaden zurück. Doch irgendetwas – und seien es nur ihre Verwandten, zu denen sie immer noch ein inniges Verhältnis hat, mit denen sie sich aber – meinen Zeugenaussagen nach – immer wieder verkracht – irgendetwas zieht sie immer wieder nach St. Wendel.

 

Im März 1929 wohnt sie im Schwesternwohnheim des St. Wendeler Marienkrankenhaus. Der Überlieferung nach hat sie einen Anbau an das Marienkrankenhaus finanziell sehr großzügig unterstützt, wenn nicht ganz bezahlt. Deshalb erhielt sie von den Betreibern des Krankenhauses, den Franziskanerinnen aus Waldbreitbach, ein lebenslanges Wohnrecht in einem Zimmer dieses Hauses. Auf meine Anfragen diesbezüglich im Archiv der Waldbreitbachschwestern teilte man mir mit, weder von der Unterstützung noch von diesem Wohnrecht Kenntnis zu haben. Auch in den Notariatsakten der 1920er und 1930er in St. Wendel habe ich dazu nichts gefunden.

 

Außerdem soll sie Teile der ersten St. Annenkirche finanziert haben, wie z.B. einer der Glocken, das Barbarafenster, einen Teil des Altares sowie die Antoniusstatue, die heute noch in der Kirche steht. Leider läßt sich nichts davon nachweisen. Sehr schade.

 

Auch im Sommer 1930 wohnt sie im Marienkrankenhaus und zwar fast zwei Jahre lang. Im Juli 1932 reist sie nach Bad Reichenhall in Kur und kehrt von dort nach Wiesbaden zurück. Vom März 1933 bis 1935 ist sie ebenfalls wieder im Marienkrankenhaus und kehrt danach – bis auf kürzere Besuche – St. Wendel endgültig den Rücken.

 

Frau Kessler aus Sulzbach hat in Frankfurt Technisches Zeichnen studiert und während dieser Zeit ihre Tante Johanna oft besucht. Sie erinnert sich an ein großes Arbeitszimmer, das auf eine weite Terasse hinausführte. Wenn sie ein Stück Kuchen gegessen hatte, ging ihre Tante auf die Terasse und warf die Krümel den zahlreichen Vögeln hin.

 

Anfang der 1940er diagnostiziert Johannas Arzt Magenkrebs. Johanna ist jetzt mehr als 85 Jahre alt. Ob sie sich operieren läßt, weiß ich nicht. Jedenfalls wechselt sie von ihrem Haus in der Paulinenstraße in ein Wiesbadener Sanatorium in einem alten Stadthaus, der "Villa Constanze" in der Sonnenberger Straße 37.

 

 

Johanna stirbt am 15. August 1943 in Wiesbaden. Die Leiche wird nach St. Wendel überführt und vier Tage später in St. Wendel begraben. Über die Aufbahrung gibt es auch noch eine kleine Anekdote: der Sarg, den der Schreiner Eduard Vogt anfertigen läßt, ist so groß, daß er im Hause Jacob auf dem Hügel in Alsfassen nicht durch die Tür hineinpaßt.

 

Deshalb macht man ein letztes Mal von dem alten Wohnrecht Gebrauch und stellt ihn in der Kapelle des Schwesternwohnheimes des Marienkrankenhauses aus.

 

Im Endeffekt habe ich viele Details herausgefunden, aber wenig über sie erfahren.

 

Sie war intelligent und im wahrsten Sinne des Wortes "welterfahren". Über 20 Jahre im Dienste von Arabella Huntington – das hat sie sicherlich geprägt.

 

Ein bißchen drückt sich das in dem aus, was sie der Welt hinterlassen hat. Momentan sind uns vier Testamente dem Wortlaut nach bekannt, von mindestens einem weiteren – dem von 1909 – wissen wir.

 

Der letzte Wille von 1923 – verfaßt in New York City und bei ihrem Aufenthalt im Oktober 1925 dem Notar übergeben – enthält 13 Posten, von denen jeder wiederum etliche Details beinhaltet. Sie sind eine genealogische Quelle erster Güte, bestechen aber auch durch ihre klaren Anweisungen. So erteilt sie z.B. ihrem Testamentsvollstrecker (das ihr Neffe Felix Riefer, ein Rechtsanwalt in Trier) den Auftrag, auf dem Kirchhofe eine Gruft mit passendem Monument zu errichten und Seelen Messen für sie lesen zu lassen. Das Geld soll aus dem Guthaben genommen werden, welches sie zur Zeit ihres Todes in St. Wendel habe und sollte dieses Guthaben in St. Wendel für diesen Zweck nicht genügend sein, so beautragt sie ihn, hierdurch von dem französischen Gelde, welches sie besitzt, genügend für den Zweck zurückzuhalten, und den Rest in sieben Teile zu teilen und zu verteilen.

 

Zehntens: Ich vermache hiermit 300 Dollar an alte alleinstehende arme Leute in Alsfassen. Diese 300 amerikanische Dollars von 1931 haben – wenn man sie auf damaliges und heutiges Einkommen umrechnet – einen Gegenwert von 9.700 Dollar, das sind etwa 6.500 Euro.

 

Den späteren Testamenten merkt man dann schon an, daß sie wieder eine Zeitlang bei ihren Verwandten, vor allem: mit ihren Verwandten, gelebt hat. Der Ton wird schärfer, und manch einer, der vorher bedacht wurde oder durch seine Beziehung zu einem Bedachten profitiert hätte, wird jetzt explizit ausgeschlossen:

 

1931: "Falls Willi Marx bei dem Erbfall noch minderjährig sein sollte, soll der Inhaber der elterlichen Gewalt die Verfügung über den Anfall nicht haben, sondern es muß ein Pfleger bestellt werden."

 

1938: "An dem von mir meiner Nichte Berta Kleer und deren Kindern anfallenden Vermögen soll der Ehemann Kleer keine Rechte haben, also von der Verwaltung und Nutznießung ausgeschlossen sein."

 

Das sind klare Worte, meine liebe Cousine.

Historische Forschungen · Roland Geiger · Alsfassener Straße 17 · 66606 St. Wendel · Telefon: 0 68 51 / 31 66
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