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Geschichte(n) -> 1769 Der Prinz von Palästina

Der Prinz von Palästina

Den Wachen am Tor der Stadt St. Wendel muß die Kinnlade heruntergefallen sein, als am Morgen des 10ten Juli 1769 ein Mann auf einem großen Pferd um Einlaß bat.

Er sah aber auch wirklich abenteuerlich aus. Über einer weiten, hm ... einer sehr weiten Hose trug er ein weites blaues Hemd, das unter dem langen, knöchellangen weißen Mantel fast nicht zu sehen war. Den Übergang von Hose und Hemd zierte ein breiter rötlicher Gürtel. Nein, Moment, das war kein Gürtel, das war ein breites Stoffband, eine Art Schärpe, die den Bauch umspannte und sich beidseits unter dem Mantel verlor. Auf dem Kopf thronte weder ein Hut noch eine Kappe oder gar ein Helm, sondern da saß eine Art schulterlanges weißes Tuch, das oben mit einem schwarzen Band eingefaßt war, ähnlich einem Kopftuch, wie es die alten Weiber in der Kirche trugen.

Das markante Gesicht unter dieser Haube ... nein, das war nicht der Staub der Straße, und Schlamm konnte es auch nicht sein, denn es hatte seit Tagen nicht geregnet, und seine Kleider waren nicht schmutzig. Aber die Haut im Gesicht war braun und zwar durchgehend. Es war nicht die bleiche Haut, wie die Wache sie trug, die im Sommer in der Sonne rot wurde und dann bräunlich und im Winter wieder ganz bleich. Das war ein Braunton, der jeden Zentimeter seines Gesichts bedeckte.

Und ... schau Dir mal die Hände an, die Handrücken sind ebenfalls braun, nur die Handflächen sind heller. Unter der markanten Nase saß ein langer schwarzer Schnurrbart, der nach beiden Seiten über die Mundwinkel herabhing. So ein Gesicht hatten sie noch nie gesehen. Es strahlte Selbstsicherheit aus, eine gewisse Arroganz und eine Ahnung möglicher Grausamkeit. Und wirkte dennoch nicht unsympathisch, vor allem jetzt, wo der Eigentümer des Gesichts die Verblüffung der Wachen bemerkte und seinen Mund zu einem Grinsen verzog.

Auf die Frage, wer er und was sein Begehr sei, nahm er den Kopf nach oben und verkündete mit klarer Stimme in gutem Deutsch, dem ein Hauch von Akzent beigemischt war, den die Wachen aber unmöglich zuordnen konnten, er sei der arabische Prinz von Palästina, und er begehre Einlaß in die Stadt. Und zog aus seinem Mantel ein sorgfältig zusammengelegtes Stück Papier hervor, daß er der Wache aushändigte. Der Wachhabende schaute auf das Papier, faltete es bedächtig auseinander, dabei darauf achtend, daß er mit seinen zugegebenermaßen nicht ganz sauberen Händen keine Flecken auf dem Schriftstück hinterließ, und betrachtete angestrengt die Zeichen, die das Pergament bedeckten.

Sie sagten ihm überhaupt nichts, denn er konnte nicht lesen. Und keiner seiner Wachleute konnte das. Er konnte mit Waffen umgehen, besaß Autorität gegenüber seinen Untergebenen und hatte ein gutes Gedächtnis, mit dem er die Befehle seiner Vorgesetzten gut aufnehmen und behalten konnte. Seinen Namen konnte er nicht schreiben, aber immerhin den ersten Buchstaben nachmalen, und zum Lesenlernen hatte er nie Zeit gehabt, denn sein Vater hatte ihn immer zuhause in der Werkstatt und auf dem Feld gebraucht, da blieb für diesen Unsinn keine Zeit.

Aber es war nicht das erste Mal in seinem Leben, daß er beschriebenes Papier in Händen hielt. Also tat er so, als studiere er das Schreiben sorgfältig, faltete es zusammen und gab es dem Fremden wieder zurück.

Blieben noch die Waffen, die der Fremde trug. Mit geschultem Blick hatten die Wachen natürlich den Zierrat bemerkt, mit dem sich dieser Mann behängt hatte. Unter dem Mantel ein breiter brauner Gürtel, mit schwarzen Bändern verziert, der schräg über seine Leib führte und keinem ersichtlichen Zweck diente. Ein dünnerer Ledergürtel führte von der rechten Schulter zur linken Hüfte, dort hing eine Art Scheide für das Schwert, nur war es nicht ein Schwert, das dort hing, und die Scheide war viel breiter, als man es gewohnt war. Und viel kürzer. Zwei ... ich nenne sie mal „Schwerter“ staken darin, aber sie waren unmöglich kurz, vielleicht unterarmslang (sehen konnte man sie nicht, aber etwas längeres hätte in diese kurze Scheide nicht reingepaßt). Sie hatten gebogene Griffe mit dicken ... Knöpfen am Ende. Nein, das waren keine Schwerter, eher lange Messer. Als der Mann vom Pferde abstieg, sahen die Wachen sein Schwert. Es hing fast unter der Hüfte in einer Scheide ... und war ... krumm. Also nicht wirklich krumm, aber doch gebogen und lief vorne spitz zu. Zum Hauen und zum Stechen. Oder so. Es wäre bestimmt interessant, es mal in Aktion zu sehen. Bevorzugt nicht gegen einen selber. Und dann hing da noch vorn unter der Schärpe eine Art metallene Platte, etwas unterhalb des Schritts. Aber die war nicht starr befestigt, die hing dort frei. Wie unpraktisch - wenn er laufen würde, mußte sie automatisch nach vorn und hinten schwingen und ihn dort treffen, wo es bei einem Mann am meisten weh tut.

Insgesamt bot er eine imposante Erscheinung. Und irgendetwas hatte er an sich, irgendetwas in seiner Haltung war da, das den Eindruck erweckte, mit dem legt man sich besser nicht an. Und so verzichtete der Wachhabende auch darauf, ihn aufzufordern, seine Waffen abzulegen.

Er gab das Papier zurück, hieß seine Männer, weiterhin auf der Wacht zu sein, und führte den Fremden in die Stadt hinein und die Straße hinauf zum Rathaus.

So oder so ähnlich mag das gewesen sein, als am 10ten Juli 1769 der arabische Prinz von Palästina St. Wendel besuchte.

Leider hat sich der Besuch nur in einer kurzen Notiz in den St. Wendeler Kirchenrechnungen niedergeschlagen, wo ich beim Stöbern drüber gestolpert bin.

Dort steht in der Ruprik der Almosen ganz lapidar:

„d 10 July 1769 dem arabischen Prinzen 1 fl 12 alb“

Im Ordner mit den Belegen, die seit etwa 1750 ebenfalls aufbewahrt werden, finden wir die Quittung, die der St. Wendeler Pfarrer Braun ausstellte, um die entstandenen Kosten seinem Kirchenrechner gegenüber ausweisen zu können:

Beleg N. 27

wird dem Arabischen PrinZen de Palastein

ohntweith jerusalem

für seinen behuff [= für seine Verwendung)

ex fabrica Ecclesiae (aus der Kirchenfabrik) gestallet 2 f [Gulden] Rheinisch.

St. Wendel den 10 July 1769

Unterschrift des Pfarrers: Braun pp

Prince de Palestine“

Ist Ihnen der Unterschied in den Währungen aufgefallen? Der Beleg zeigt 2 rheinische Gulden, während die Rechnung selbst nur 1 Gulden 12 alb aufweist. Die Rechnung ist in Moselgulden verfaßt, der wohl etwas mehr wert war als der in St. Wendel sonst gebräuchliche rheinische Gulden. Als wenn wir hier in DM bezahlen, aber die Steuererklärung in Euro verfaßt sein müßte.

Sie mögen ahnen, was es mit dem Prinzen auf sich hat. Aber lassen Sie uns ein bißchen weiter ausholen und seine Herkunft genauer betrachten. Aus Palästina stammte er nicht, auch wenn er sich so nannte.

Er war definitiv ein Christ, doch seine Heimat lag im Libanon. Er war Maronit.

Der folgende Text stammt größtenteils aus wikipedia; ich habe ihn etwas bearbeitet:

Die Syrisch-Maronitische Kirche von Antiochien, deren Anhänger kurz Maroniten genannt werden, ist eine mit Rom unierte, christliche Kirche, die den römischen Papst als Oberhaupt anerkennt. Die Maroniten sind eine der größten und ältesten Religionsgemeinschaften im Libanon.

Sie sehen sich durch den Bischofssitz von Antiochien in apostolischer Nachfolge“, womit die kontinuierliche Weitergabe des Sendungsauftrags der Apostel und deren Nachfolger bis in die Gegenwart gemeint ist.

Ihr Name geht auf den heiligen Maron zurück, der als Mönch am unteren Orontes (heute Syrien) lebte. Die Bezeichnung Mar bedeutet auf syrisch „Herr°. In der gesamten syrischen Tradition wird die Bezeichnung auch an Heilige vergeben. Und so wurde aus „Herr vom Orontes° „Mar Orontes° und schließlich „Maron°.

Nach Zerstörung des Klosters des Heiligen durch syrische Muslime flüchteten sie im 10. Jahrhundert in den Libanon, wo sich das maronitische Christentum auch unter der dortigen Bevölkerung ausbreitete. Die Berge des Libanon zwischen Tripolis und Beirut und die davorliegenden Ortschaften an der Mittelmeerküste stellen bis heute das einzige größere zusammenhängende Gebiet in der arabischen Welt dar, in der sich eine fast ausschließlich christliche Bevölkerung halten konnte.

Im 12. Jahrhundert stellten sich die Maroniten auf die Seite und unter den Schutz der Kreuzritter. Aus dieser Begegnung stammt ihre Bindung an die römisch-katholische Kirche.

Diese Unterstützung nahmen ihnen die Mameluken nach dem Abzug der Kreuzritter übel: Maroniten, aber auch Drusen und Schiiten erlebten eine Zeit militärischer Verfolgung. Dennoch gelang es den Maroniten, ihre Verbindung zur katholischen Kirche aufrechtzuerhalten und auszubauen. Im Jahr 1445 bekräftigten sie auf dem Konzil von Florenz ihren Anschluss und gelten seit dem offiziell als „mit Rom unierte Ostkirche°.

Sie sind die einzige Kirche ihres Zweiges, die sich ganz dem Papst unterstellte.

Lassen Sie mich aus einem Buch vortragen, das vor fast 250 Jahren von Carsten Niebuhr verfaßt wurde, einem deutschen Mathematiker, Kartograf und Forschungsreisenden in dänischen Diensten Geboren 1733 studierte er nach der Schule drei Jahre lang Mathematik in Göttingen, bevor er 1760 in dänische Dienste trat. 1761 wurde er von König Frederik V. von Dänemark als Kartograf einer Expedition berufen, die im gleichen Jahr als Arabische Reise mit der Schiffspassage von Kopenhagen nach Konstantinopel begann. Sie dauerte sieben Jahre. Neben Niebuhr nahmen vier weitere Gelehrte an der Expedition teil, die aber einer nach dem anderen im Laufe der Jahre der Malaria zum Opfer fielen. Die Malaria war damals in Europa völlig unbekannt und damit auch nicht  behandelbar.

Um Konflikte mit den Einheimischen zu vermeiden, legte Niebuhr die ortsübliche Landestracht an. Er fertigte die erste verlässliche Kartenskizze des Roten Meeres an, die für die britische Post den Ausschlag für die Entscheidung gab, die Post nach Indien über Suez statt wie bisher um Afrika herum zu befördern.

Niebuhr kehrte 1767 auf dem Landweg über den Irak, die Türkei und den Balkan nach Kopenhagen zurück und veröffentlichte die gesammelten Daten und Unterlagen der Expedition, wofür er zahlreiche Auszeichnungen erhielt.

In den Jahren 1774 bis 1778 veröffentlichte er in Kopenhagen sein zweibändiges Opus „Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern,“ aus dem wir jetzt hören werden. Allerdings muß ich gestehen, daß ich den Text ab und an etwas modernisiert und gekürzt habe.

„Die Anzahl der Christen ist in Syrien sehr groß, vornehmlich auf dem Berge Libanon. Die Maroniten sind wohl auch die zahlreichsten. Sie erkennen den Papst als ihr geistiges Oberhaupt an und versichern, das sie jederzeit eifrige Anhänger der römischen Kirche gewesen sind.

Sie wählen ihren Patriarchen selbst, lassen ihn aber vom Papst in seinem Amt bestätigen, und dann erhält er zugleich den Titel Patriarch von Antiochia.

Es scheint unterdessen, dass sie bis 1600 wenig Verbindung mit ihren europäischen Glaubensgenossen gehabt haben. Um diese Zeit schickte der Papst einen Abgesandten nach dem Berg Libanon, um sich nach den Glaubenspunkten der Maroniten zu erkundigen, und diesem versicherten sie in einer öffentlichen Versammlung, sie würden zur Kirche stehen und sich niemals von ihr trennen. Seither also wird kein Katholik die Maroniten als Ketzer ansehen.

Durch die Jesuiten, Franziskaner und Kapuziner, die unter ihnen wohnen, haben sie eine stärkere Verbindung mit den Europäern als andere morgenländische Nationen. Allein - sie bekümmern sich ebenso wenig um Künste und Wissenschaften wie ihre Nachbarn, die Drusen, Araber und Türken. Kein reicher Maronit lässt seinen Sohn in Europa erziehen, weil er nur Sitten zurückbringen würde, die ihm nachher in seinem Vaterland mehr schaden als nutzen. Nicht einmal die Armen wollen sich dieses Vorteils bedienen, aus Furcht, daß ihre Kinder von den europäischen Sitten angesteckt werden.

Im Gebiet des Paschas zu Tripolis findet man drei Familien, die von den Christen als adelig angesehen werden.

Davon ist die Familie Khasin jetzt (1775) die reichste. Der erste dieser Familie, der auf dem Libanon berühmt geworden ist, nannte sich Abu Nader. Er war viele Jahre Wesir bei einem Emir gewesen und hatte dabei viele Reichtümer und Ländereien, ja ganze Dörfer, erworben. Sein Sohn, Scheich Abu Nosil, vermehrte selbige noch mehr.

Es war dieser Scheich, Abu Nosil, der den europäischen Mönchen zuerst erlaubte, auf dem Berge Libanon Klöster zu gründen; ja, er selbst schenkte ihnen Häuser dazu. Dies war genug, den maronitischen Scheich auch in Europa bekannt zu machen.

Die Mönche empfahlen ihn zu Rom und Paris als einen großen, tapferen und tugendhaften Prinzen und als einen Beschützer der katholischen Religion mitten unter den Ungläubigen. Der Papst machte ihn und seine Söhne zu Rittern; der König von Frankreich schickte ihnen einen kleinen Orden und ernannte Abu Nosil zu seinem Konsul in Beirut. Und weil nicht nur er sich selbst, sondern auch die Mönche ihn in ihren Briefen einen Prinzen der Maroniten genannt hatten, so gaben der Papst und der König von Frankreich ihm in ihren Antwortschreiben eben diesen hohen Titel.

Wären die europäischen Mönche nicht auf dem Berg Libanon geblieben, so hätte man in Europa vermutlich auch nichts weiter von maronitischen Prinzen gehört. So aber erinnern sie uns heute (1775) noch oft daran. Sie schicken die Söhne ihrer armen Wohltäter - oder solche die durch innerliche Unruhen oder durch die Räubereien anderer Stämme arm geworden sind - unter dem Namen „Prinzen vom Berge Libanon“, ja wohl gar „Prinzen von Palästina“ nach Europa.

Die Mönche geben dem jungen Mann ein Empfehlungsschreiben für ihre Vorgesetzten. Weil er ein Katholik ist, so wird davor gesorgt, daß er in Rom ein Empfehlungsschreiben an den Kaiser erhält. In Wien bekommt er freie Wohnung und monatlich einen bestimmten Betrag zu seinem Unterhalt.

Das dortige Postamt gibt ihm eine Ordre, vermöge welcher er nicht nur in den kaiserlichen Erblanden, sondern durch das ganze Römische Reich freie Beförderung genießt: und von der Kanzlei erhält er einen Pass, den diese Leute ein Empfehlungsschreiben an alle Könige und Fürsten zu nennen pflegen.

Darauf bettelt dann der Prinz überall unter dem Vorwand, daß die Türken, Araber, kurz, die Ungläubigen ihn seiner Länder beraubt haben und seine Gemahlin, Prinzen und Prinzessinnen in die Gefangenschaft geführt sind.

Jedem, mit dem er spricht, nennt er die Namen der Städte, die er auf ihren Reisen besucht [und von denen er Geschenke erhalten hat];

die Münzsorten, welche in jedem Lande gebräuchlich sind;
die Almosen, die er erhalten hat;
wo im Wirtshaus für ihn bezahlt worden ist;
und was er seinersseits an Trinkgeld oder zu seinem Unterhalt hat bezahlen müssen.

Die meisten reisen wieder zurück, sobald sie so viel zusammen haben, daß sie einen Garten mit Maulbeer- oder Olivenbäumen und einige Ländereien kaufen können.

Sie erzählen ihren Landsleuten, wie viel Ehre sie von den europäischen Königen und Fürsten genossen haben,
und lachen darüber, daß man sie oft sogar zu fürstlichen Tafeln eingeladen hat.

Es findet sich schnell einer ihrer Freunde, der auch eine Reise nach der Christenheit nicht verachtet, wenn er dabei ein paar 1000 Reichstaler verdienen kann.

Dieser leiht sich das Tagebuch der Reiseroute und die Rechnung von der Einnahme und Ausgabe eines zurückgekommenen Olivenprinzen (so pflegt man sie in ihrem Vaterland scherzweise zu nennen), lässt sich vom Patriarchen und den europäischen Mönchen (vielleicht für bare Bezahlung oder gegen Versprechungen eines Geschenks bei seiner Rückkunft) ein Empfehlungs-schreiben nach Rom geben; kauft einen schönen Säbel und ein kostbares Messer, mietet einen Bedienten, der schon eine solche Reise gemacht hat, wählt dann all die Länder und Städte in Europa aus, wo seine Vorgänger mehr Geschenke erhalten haben als Ausgaben gehabt haben.

Den ersten maronitischen Prinzen, die nach Europa kamen, war dieses Handwerks sehr einträglich.

Die großen Herren konnten und wollten die Sache nicht genau untersuchen;

sie selbst oder die Hofdamen waren neugierig, einen arabischen Prinzen, einen Prinzen vom Berg Libanon, einen Prinzen von Palästina, zu sehen.

Er erhielt nicht nur Audienz, sondern wurde wohl gar zur Tafel eingeladen: und wenn man sich soweit mit ihm eingelassen hatte, so musste man ihm auch ein ansehnliches Geschenk geben.

Nachdem aber mittlerweile ihrer so viele, ja einige gar mehr als einmal nach Europa gekommen sind, so verdienen sie jetzt nicht mehr so viel.“

Niebuhr schreibt, er habe verschiedene dieser Olivenprinzen in Europa gekannt, die sich beklagten, daß die Könige und Fürsten nicht mehr so freigiebig wären als vorher; besonders darüber, daß man ihnen nicht mehr erlauben will, in den Provinzen herum zu reisen.

Weil sie früher überall freie Beförderung erhielten,
so reisten sie wohl von Dorf zu Dorf,
ließen sich von den Beamten bewirten,
verlangten gleichsam einen Kopfschatz von den Bauern,
und diese zahlten anfänglich gern,
teils aus Mitleid für einen christlichen, von den Ungläubigen verjagten Prinzen,
teils glaubten sie auch, sie könnten ebenso gut einige Kreuzer anwenden,
um einen arabischen Prinzen in seiner morgenländischen Kleidung (die diese Leute wieder die Gewohnheit der Morgenländer oft mit Gold oder Silber besetzen lassen) betrachten zu können, so wie man sich sonst auf einem Jahrmarkt fremde Tiere anschaut.

Aber als ihrer so viele kamen, wurden Beamte und Bauern des Spiels überdrüssig.

Die meisten europäischen Fürsten erlaubten ihnen jetzt nicht mehr, Umwege zu nehmen, sondern ließen ihnen ein Geschenk an Geld zu stellen; etwa auch ihre Rechnung im Gasthof bezahlen und dann gleich vorspannen, damit sie gleich wieder verschwanden.

Damals war ein geflügeltes Wort:

Es reist wohl heute selten einer so geschwindt
als ein maronitischer Prinz.

Es soll auch vorgekommen sein, daß einige Prinzen zuerst als Bedienter herumgereist sind uns und noch einmal eine solche Reise als Prinzen unternommen haben.

Noch im Herbst 1777 kam einer nach Kopenhagen, der sich ein Prinz von Palästina nannte, und von allen die ich gekannt habe, sein Handwerk am besten gelernt hatte. Er redete außer seine Muttersprache, das Arabische, nicht nur italienisch und französisch, sondern auch ziemlich gut Deutsch und etwas Englisch. Allein sein Vaterland, den Berg Libanon, kannte er nur wenig.

Ich vermute, er war ein Sohn von einem anderen so genannten Prinzen, von dem hörte, er sei mit seinem Sohne in Europa herumgereist und in Deutschland gestorben. War das der Fall, so ist unser Prinz von Palästina wohl 20 Jahre in Europa gewesen: und dann kann man sich nicht darüber wundern, daß er so viele europäische Sprachen redet. Er schien auch überhaupt schon so gewohnt zu sein, nach europäischer Manier zu leben, daß er wohl nicht mehr große Lust hat, wieder nach Syrien zurückzuweisen. Er wird also wohl noch so lange in Europa herumwandern, wie die großen und reichen Herren ihm Reisegeld geben wollen. Aber er wird das Handwerk auch wahrscheinlich so verderben, daß seine Nachfolger nur wenig Nutzen von einer Reise nach Europa haben werden.

Niebuhr nennt drei zeitgenössische Bücher, die sich mit den Prinzen beschäftigen und im großen und ganzen bestätigen, was wir bisher hörten:

Eins hat ein ehemaliger Buchhändler namens Jonas Korten 1743 verfaßt. Es trägt den etwas sperrigen Titel: „Reise nach dem weiland Gelobten Nun aber seit siebenzehn hundert Jahren unter dem Fluche liegenden Lande [das ist Palästina] : Wie auch nach Egypten, dem Berg Libanon, Syrien und Mesopotamien; Von ihm selbst aufrichtig beschrieben“. Ich liebe diese Zungenbrecher

Jonas Korte fragte einen Pater auf dem Berge Libanon, was es mit den Prinzen vom Berge Libanon auf sich hätte, die öfters in Europa herumreisen. Der Pater lachte, und der Mönch, der dabei stand, lachte noch mehr und wies in das Tal hinab auf einen Bauern, der mit einer Lanze auf der Schulter vorbeiritt.

Lachend sagte er: „Solche Prinzen sind es: denn man nennt einen jeden Araber scherz - oder spottweise einen Prinzen, der so reich ist, daß er ein Pferd halten kann und eine Lanze auf der Achsel trägt."

Soweit Carsten Niebuhr.

Wer da genau in St. Wendel erschienen ist, werden wir wohl nie erfahren. Aber er gehört wohl schon zu Niebuhrs zweiter oder dritter Prinzen-Generation. Nachdem man die den großen Höfe Europas abgeschöpft hatte, ist man auf die Provinzen ausgewichen, dorthin, wo die Kunde von den Prinzen aus dem Heiligen Land noch nicht vorgedrungen war.

Ich habe in Scottis Sammlung kurfürstlicher trierischer Erlasse nachgeschaut, aber nichts über die Olivenprinzen gefunden. Gleichwohl noch fünf Jahre vor dem Erscheinen des Prinzen in St. Wendel der Trierer Kurfürst auf Ehrenbreitstein einen Erlaß herausgegeben hat, die Bettler betreffend. Und es ist interessant, was für Arten von Bettlern es gab.

„Die die öffentliche Sicherheit gefährdenden ausländischen, im Lande umherziehenden Wannenmacher, Kesselflicker, Steinengeschirre und sogenannte Kurzewaare feilbietenden Händler, Rosenkranzträger, Pack= und Betteljuden, Murmelthier= und Laterna-Magica-Träger, ferner auch die fremden, ohne landesherrliche Patente im Lande umherirrenden Collektanten, wozu besonders die unter dem Namen italienischer Geistlichen vagirenden Bettler gehören, dürfen ferner nicht mehr geduldet werden und sollen, wo sie betroffen werden, durch die Amtsschützen von Ort zu Ort über die Landesgrenze transportirt.“

Die Prinzen sind nicht darunter. Sie besaßen zwar keine landesherrlichen Patente, aber doch Passierscheine der Obrigkeiten.

Der Historiker Claus Heinrich Bill nennt in einem Artikel über die „Olivenprinzen im Deutschland der Frühen Neuzeit“ die verschiedenen Bezeichnungen, unter denen sie aufgetreten sind:

"Prinz von Monte Libano,
"Prinz vom Berge Libanon",
"Prinz aus Arabien",
"Prinz von Palästina",
"Fürst aus Fenizien" oder auch nur
"Edler der maronitischen Nation"

Bill zählt sie zur vielfältigen Kategorie der Orientbetrüger, die eine Art „Finanzierungstourismus“ betrieben.

Doch es gab schon Warnungen gegen das Auftreten der Prinzen. So zum Beispiel in einem Wochenmagazin von 1778.

 „Aus der dänischen Kopenhagener Zeitung, ist in die deutsche Zeitungen die Nachricht gekommen, daß ein Prinz aus Palästina Namens Jusuph Abassy von Kopenhagen nach Deutschland gereiset sey.

Ein solcher war 1736 in Deutschland; ihm hat der Pascha von Saida das viele Geld, welches er aus Europa nach seinem Vaterlande zurückbrachte, abgenommen und ihm das Urteil gesprochen: er sey ein Bauer und solle ein solcher bis an seinen Tod bleiben.

Um das Jahr 1768 war abermals einer in Deutschland, der sich Jusuph Abassy nannte.

Diese Nachricht wird denjenigen nicht unnützlich seyn, welche die Ehre haben, von dem jetzt unter dem Namen eines Prinzen reisenden Abassy besucht zu werden; denn ob sie sich gleich durch dieselbe nicht abhalten lassen dürften, ihm Reisegeld zu schenken: so werden sie doch nicht glauben, daß sie ihre Gaben einem Prinzen verleihen, der ihr Patron seyn werde, wenn sie einmal nach dem Berge Libanon reisen sollten.“

Ob diese Warnung jemals in St. Wendel angekommen ist, mag bezweifelt werden. Dem Prinzen von Palästina, der im Juli 1769 nach St. Wendel gekommen ist, scheint es hier recht gut gefallen zu haben, denn er kam ein gutes Jahr später wieder zurück.

Max Müller schreibt ganz treffend über ihn: „Unter diesen Wanderarmen treffen wir manchen interessanten Gesellen, der damals die Heerstraße dahinging.“ Wie z.B. den Prinzen von Palästina. Der interessante Fremdling erschien ein Jahr später wiederum hier. Man war so entzückt von ihm, daß die Stadt sogar seine Zehrkosten beim Wirt Hallauer beglich.“

1769 war es der Pfarrer gewesen, der ihm 1 fl 12 alb als Wegzehrung mitgab - das machte etwas die Hälfte des Gesamtalmosens der Pfarrei in diesem Jahr aus.

Die Kellerey - das ist die Vermögensverwaltung des Kurfürsten, nicht die der Stadt - war ein Jahr später wesentlich freizügiger. Sie bezahlte „einem arabischen Prinzen aus Palestina unter Anweisung vom 17ten Xbre 1770 den beysteuer und freye Zehrung bey hr. Hallauer“ mit der stolzen Summe von 16 fl. 32 xer.

Nun - geschadet hat es ihnen nicht; die Stadt hat überlebt, und es geht ihr fast so gut wie nie zuvor. Aber der Pfarrer Braun hatte wohl seine Lektion gelernt.

Ja, das dachte ich bis zu dem Zeitpunkt, als ich im Pfarrarchiv vorsichtshalber auch in der Rechnung von 1769-70 nachschaute.

Tatsächlich fand sich dort kein arabischer Prinz, nein, aber ein türkischer.

Beleg N.29. d 19ten Xbre 1770. [zwei Tage nach der Kellereyrechnung] Einem Türckischen Printzen zahlt 2 fl rheinisch = 3 Moselgulden

Der Historiker Tobias Mörike aus Erfurt vertritt die These, daß die Ansicht, die Prinzen seien mehr oder minder simple Betrüger gewesen, ein gutes Stück zu kurz greift. Er ist der Meinung, dass sie vor dem Zeitalter der Entdeckungen zur Wissensproduktion beitrugen. Sie übersetzten und lehrten Arabisch und erklärten Manuskripte und Sammlungen.

Und erzählten Geschichten aus fernen Landen und Ländern.

Und wenn ich mal eine Zeitmaschine in die Hände kriege, um nachzuschauen, was im alten St. Wendel los war, dann werde ich sicher auch ins Jahr 1770 reisen, um mir anzuhören, was der türkische Prinz so alles zu erzählen hatte. In einem der Gasthäuser um den Dom in den melancholischen Tagen kurz vor Weihnachten.

Mörike sagt, daß neben den Libanesen auch griechische Mönche, Armenier, ehemalige Sklaven und Konvertiten (ehemalige Juden, Protestanten), aber auch Katholiken als Bettler durch deutsche Länder reisten.

Das wollte ich genauer wissen, und so habe ich in unseren Kirchenrechnungen nachgeschaut, wem der Pfarrer so alles Almosen verteilt hat. Dafür gibt es eine eigene Ruprik in der Kirchenrechnung. Und da tauchen wirklich interessante Gestalten auf:

1751 zum Beispiel werden kleine Beträge im Albus-Bereich ausgegeben
an einen Offizier - 12 albus
einen vorbeiziehenden Leutnant 9 albus,
Zwey Augustiner aus Östrich kriegen 12,

aber ein Offizier, der von den Türken gefangengenommen wurde und wieder freigekommen und jetzt vermutlich mittellos ist, erhält 2 Gulden 6 alb.

1753 gehen
an einen adligen Passanten 18 alb,
einen armen Geistlichen 9 alb,
noch einen Geistlichen 6 alb
und dann einen armen Kranken noch mal 18 alb.

Nach welchem Maß hier gemessen wurde, ist mir schleierhaft.
1754 erhält ein armer Adeliger nur mehr 6 alb.

Sehr oft kommen auch Spenden zum Aufbau oder Erhalt von Gotteshäusern vor.

Eine Catholische Kirch zu Baaden baaden bekommt 9 alb,
eine Kirch im Bischtumb wormbs 18.
Ein Altar in der Kirche von Baumholder erhält 12 alb
und zwei Nonnen, die eine Kirche bauen wollen, 6 alb.

Aber was den guten Pastor dann 1757 geritten haben mag, das bleibt für immer sein Geheimnis.

Da spendet er nämlich 4 albus 6 2/5 denar für die Erbauung einer lutherischen Kirche in Birkenfeld. Und niemand denkt sich etwas dabei. Der Rechnungsprüfer, der sonst jede kleinste Unregelmäßigkeit mit langen Tiraden kritisiert, winkt die Spende für die nicht rechtgläubige Kirche einfach durch.

Tobias Mörike schreibt, daß die "Prinzen" bis etwa zum Siebenjährigen Krieg kamen, weil danach Gesetze zur Ausweisung erlassen und Niebuhrs Bericht in vielen Zeitungen gedruckt wurde. In St. Wendel - nun ja, in der Provinz sind wir immer ein bißchen später dran ... aber: Der arabische Prinz von Palästina taucht nach dem Dezember 1770 nicht mehr in St. Wendel auf - weder als arabischer noch in seiner Reinkarnation als türkischer.

Die Historikerin Ingeborg Titz-Matuszak berichtet 1988 in ihrer Doktorarbeit mit dem Titel „Mobilität der Armut“ über das Almosenwesen im 17. und 18. Jahrhundert im südniedersächsischen Raum.

Sie berichtet von den ersten Orientprinzen, die ihr Forschungsgebiet ab 1732 besuchten.

jm Jahre 1748 erschien eine besonders schillernde Gestalt, der angebliche türkische Prinz Carl Alexander alli Bassa Fatime de Suilla. Am 22. Oktober traf er in Münden ein, wo ihm aus den Kassen des Siechenhauses, von St. Blasien und aus der Kämmereikasse jeweils 1 Rthlr. 18 Groschen „behuf seiner Reise nach Hannover“ gereicht wurden. Vier Tage später hielt er sich in Göttingen auf; hier wurden ihm sogar 10 Rthlr. geschenkt, „weilen er sich zum Christlichen Glauben bekehret habe“. Er bewegte sich weiter in nördliche Richtung — am 11. November bezahlte ihm die Einbecker Kämmerei das Reisegeld in Höhe von 5 Rthlr. — und kam auch tatsächlich in Hannover an, wo er als Sohn eines türkischen Prinzen registriert wurde. Dann wird es fast vier Jahre still um ihn, bis er am 5. September 1752 als Jüdischer Freiherr Carl Alexander Vatima de Villa in Duderstadt wieder auftauchte, was die Stadt 5 Rthlr. 8 Groschen kostete. 10 Tage später stellt er sich in Osterode als türkischer Prinz Carl Alexander Fatime de Suilla alli Bassa vor, um dann aus dem südniedersächsischen Raum endgültig zu verschwinden.

Schließlich waren nun auch die Möglichkeiten, ein lukratives Reisegeschenk zu erhalten, erschöpft, so daß er sich andere Territorien suchen mußte. Er reiste kreuz und quer durch Franken und behauptete in evangelischen Orten, ein guter Lutheraner zu sein, und bei katholischen Herrschaften, Geld für eine Pilgerfahrt nach Rom zu benötigen. Dieser offensichtliche Widerspruch sowie die Tatsache, daß sich der Prinz nicht zielstrebig in Richtung Italien entfernte, sondern den Ämtern weiterhin erhebliche Kosten verursachte, machte die zuständigen Beamten skeptisch. Schließlich erwirkte der Amtsrichter Johann Michael Gengler von Wachenroth bei der Bamberger Hofkammer, daß der Prinz das Hochstift auf dem kürzesten Weg zu verlassen habe. Das tat er auch und tauchte erst 1759 im Raum Würzburg und Bamberg wieder auf.

Wo er sich in den 7 Jahren dazwischen rumgetrieben hat?

Tja, wäre es schön, wenn ich ihn in unseren Kirchenrechnungen gefunden hätte, was meinen Sie? Ein echter falscher türkischer Prinz, frisch konvertiert vom jüdischen oder evangelischen Irrglauben, auf dem Weg nach Rom auch die Stadt des hl. Wendelin besuchend? Würde Ihnen das gefallen? Ja?

Nun, er war hier. Irgendwann 1755, als man „auf Befehl des Herrn Pastoren 6 Gulden ausgezahlt hat an den Mohrenprinzen Carl Alexanter von fobina des willa“.

Nachwort
Im ersten Jahrhundert nach Christus die Römer
im siebten der hl. Wendelin
ab dem 14ten die Trierer
zwischendurch ein paar mal die Franzosen und anderes Volk,
auch wenn wir auf die gern hätten verzichten können,
im 19ten die Coburger - gut, daß sie nicht lange blieben -
und die Herzogin Luise - schade, daß sie nicht länger blieb -
50 Jahre vorher die arabischen Prinzen
und vor ein paar Jahren die Phantastischen Vier.
Und da sag mir nochmal einer,
in St. Wendel sei gar nichts los.



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